{"id":1178,"date":"2006-04-03T16:30:55","date_gmt":"2006-04-03T14:30:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1178"},"modified":"2016-02-14T16:13:31","modified_gmt":"2016-02-14T15:13:31","slug":"michel-rocard-hilflose-reflexe-einer-von-der-angst-beherrschten-gesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1178","title":{"rendered":"Michel Rocard, Hilflose Reflexe einer von der Angst beherrschten Gesellschaft"},"content":{"rendered":"<p>Zusammenfassende &Uuml;bertragung der Hauptpunkte eines in der Pariser Tageszeitung Le Monde vom 30.3.2006 erschienen Artikels von Michel Rocard, ehemaliger franz&ouml;sischer Premierminister unter Mitterand und PS-Europaabgeordneter; Originaltitel &bdquo;Mauvais r&eacute;flexes d&rsquo;une soci&eacute;t&eacute; qui a peur&ldquo;, von Gerhard Kilper.<br>\n<!--more--><br>\nFrankreich bietet zurzeit das Bild einer Gesellschaft, in der die Politik in einem verzweifelten Aktionismus immer neue Baustellen anf&auml;ngt, stehen l&auml;sst oder gleich wieder in den Sand setzt. So die &uuml;bereilt von der Regierung Villepin in Gang gesetzte Fusion zwischen den Energieriesen GdF und Suez, das Gezerre um die Stahlriesen Mittal und Arcelor, die zu einer gesellschaftlichen Revolte angewachsene Zur&uuml;ckweisung des Einstiegsarbeitsvertrags CPE oder die einhellige Ablehnung der Bolkestein-Direktive durch Regierung und Bev&ouml;lkerung. <\/p><p>Alle diese Abwehr-Aktivit&auml;ten richten sich gegen Projekte, die als drohende Gefahr und Unsicherheit angesehen werden und die man deshalb vehement zur&uuml;ckweist &ndash; wir leben heute in einer umfassend von Angst erfassten und dominierten Gesellschaft. Letzter Zufluchtspunkt der, in unserer Wahrnehmung &bdquo;von au&szlig;en&ldquo; bedrohten Sicherheit ist die Nation geworden &ndash; im eigenen Haus kennt man sich aus und da will man sich auch gut und verl&auml;sslich einrichten. Nur so l&auml;sst sich das pl&ouml;tzliche Wiederaufleben unseres &ouml;konomischen Nationalismus beim &Uuml;bernahmepoker um die Stahl- und Energieriesen erkl&auml;ren. <\/p><p>Aus &ouml;konomischer Sicht &ndash; von den Grundlagen der Marktwirtschaft her also &ndash; halte ich das den Wettbewerb einschr&auml;nkende Zusammengehen der beiden Stahlkonzerne f&uuml;r wenig sinnvoll. Und was das Zusammengehen des privatwirtschaftlich agierenden Suez mit unserem Staatsunternehmen Gaz de France unserem &bdquo;nationalen Interesse&ldquo; bringen soll, wei&szlig; ich auch nicht. Gegen&uuml;ber den extremen US-amerikanischen, chinesischen, indischen oder japanischen Nationalismen halte ich zwar ein europ&auml;isches Dagegenhalten nicht f&uuml;r ungesund, aber dann m&uuml;sste es innerhalb der EU im Bereich der Wirtschaft ein ausgepr&auml;gtes Europabewusstsein geben, was zumindest bei uns in Frankreich nicht der Fall ist.<\/p><p>&Auml;hnlich sehe ich die tieferen Ursachen des aktuellen Aufbegehrens gegen die drohende Verarmung von nachwachsender Generation und Arbeitnehmern im weltweiten Wandel des Kapitalismus der letzten 30 Jahren: dem massiv- aggressiven Auftreten von Aktion&auml;rs-pressure-groupes als Fonds, in den offen ge&auml;u&szlig;erten, ma&szlig;losen Kapital-Verzinsungszielen, die keinen Bezug mehr zur Realit&auml;t haben, sowie im weltweit verbreiteten Druck der Konzerne auf ihre Zulieferer. Die geben diesen Druck brutal an ihre Arbeitnehmer weiter, die sich einer Lohndr&uuml;ckerei gegen&uuml;bersehen, die an die schlimmsten Zeiten des 19. Jahrhunderts erinnert und die sie zum Erhalt ihrer Arbeitspl&auml;tze wohl oder &uuml;bel akzeptieren m&uuml;ssen. V&ouml;llig neu aber ist die Schamlosigkeit und Unverfrorenheit, mit der sich jetzt das Kapital anschickt, auch den &Ouml;ffentlichen Dienst und die sozialen Sicherungssysteme in Europa anzugreifen, mit dem Ziel diese zu zerschlagen.<\/p><p>In der Strategie dieses neuen Aktion&auml;rs-Kapitalismus verkommt Arbeit zu einer beliebigen Ware, deren Kosten es immer weiter zu dr&uuml;cken gilt. Die sozialen Sicherungssysteme der Arbeitnehmer werden nur noch als &auml;rgerliches Hindernis f&uuml;r weitere Steigerungen der Profitraten angesehen, diese neue Kapitalismus-Realit&auml;t kennt keinen partnerschaftlichen Kapitalismus mehr! Das zurzeit weltweit in Gang befindliche, perverse Spiel des entfesselten Kapitalismus muss politisch gestoppt werden, was aber nicht mehr mit nationalen Alleing&auml;ngen zu schaffen ist. Nationale Alleing&auml;nge k&ouml;nnen sich weder Frankreich noch andere Industrienationen erlauben, da sie nach wirtschaftlicher Logik dazu f&uuml;hren m&uuml;ssen, dass der Export allein agierender Staaten sp&uuml;rbar zur&uuml;ckgehen wird, dass internationale Finanzm&auml;rkte feindlich gegen die Volkswirtschaften dieser L&auml;nder spekulieren und dass am Ende deren Wachstum und Besch&auml;ftigung einbrechen werden.<\/p><p>Wegweisende L&ouml;sungen versprechen langfristig &ndash; europa- und weltweit &ndash; nur zu internationalem Recht erhobene Regularien, die mit wirksamen Kontrollma&szlig;nahmen auch durchgesetzt werden k&ouml;nnen. Fiskal-Paradiese m&uuml;ssen im Rahmen des neuen Rechts abgeschafft oder weitgehend eingeschr&auml;nkt werden, &Uuml;bernahmen von Gro&szlig;unternehmen erheblich erschwert und den Belegschaften bzw. den Gewerkschaften sollten echte Mitbestimmungsrechte auch in wichtigen Unternehmens-Angelegenheiten einger&auml;umt werden. <\/p><p>Schlie&szlig;lich sollten in der EU als Sofortma&szlig;nahmen destruktiv-feindliche Spekulationen bzw. Finanztransaktionen umgehend verboten und die Wachstumsschw&auml;che durch ein umfangreiches, ganz bewusst zeitlich beschr&auml;nktes EU-Kreditprogramm wirksam bek&auml;mpft werden. Eine solche Verschuldung kann sich die EU als hoch entwickelter und eigenst&auml;ndiger Wirtschaftsraum leisten, da sie gegen&uuml;ber dem Rest der Welt nicht &ndash; wie etwa die USA- verschuldet ist. <\/p><p>Wirkliche L&ouml;sungen unserer gesellschaftlichen Krise kann es in unserer globalisierten Welt heute nur noch im gr&ouml;&szlig;eren Rahmen geben und wir m&uuml;ssen als Europ&auml;er &uuml;berlegen, wie wir dabei die St&auml;rken der Wirtschafts- und Finanzkraft unserer EU nutzbar machen k&ouml;nnen, die wir ja zumindest potentiell besitzen.<\/p><p>Damit kehre ich zum gescheiterten Projekt einer EU-Verfassung zur&uuml;ck. Durch ihre Ablehnung des alten EU-Verfassungsentwurfs haben franz&ouml;sische und holl&auml;ndische W&auml;hler &ndash; die deutschen W&auml;hler wurden ja nicht gefragt &ndash; gezeigt, dass sie ein wirtschaftlich-gesellschaftliches &bdquo;weiter so&ldquo; der Politik nicht wollen. Das zeigen auch W&auml;hlerumfragen in Italien und Schweden und das europaweite Aufkommen einer neuen Europa-Feindschaft. Wenn wir aber dem aktuellen Kapitalismus die Z&auml;hne ziehen wollen, geht das nicht ohne eine EU-Verfassung. <\/p><p>Zu einem solchen politischen Weg des Wandels &ndash; &uuml;ber eine soziale EU-Verfassung und eine wirklich besch&auml;ftigungsorientierte, neue EU-Wirtschafts- und Finanzpolitik &ndash; gibt es aus meiner Sicht keine strategische Alternative. Auch angesichts der weltwirtschaftlichen Gefahren, die amerikanische Zahlungsbilanz- und Verschuldungsprobleme f&uuml;r uns in sich bergen, ist ein R&uuml;ckfall in den nationalen Protektionismus nicht nur ineffizient, sondern langfristig auch keine reale Perspektive zur Bek&auml;mpfung der um sich greifenden Angst und Unsicherheit der Europ&auml;er.<\/p><p>Ich sehe daher den politischen Kampf in der EU zur Erhaltung und Weiterentwicklung von Arbeitnehmerrechten, Sozialstaatlichkeit und f&uuml;r eine neue Besch&auml;ftigungspolitik eng verbunden mit dem Kampf f&uuml;r eine EU-Verfassung. Der oben skizzierte Weg ist aus meiner Sicht die einzig erfolgreiche politische Langzeit-Strategie und sollte umgehend mit vereinten Kr&auml;ften in der EU in Angriff genommen werden!<\/p><p><em>Anmerkung WL: Die Frage ist allerdings, wo sich die politische Mehrheit f&uuml;r eine solche Europ&auml;ische Verfassung finden und organisieren k&ouml;nnten?<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zusammenfassende &Uuml;bertragung der Hauptpunkte eines in der Pariser Tageszeitung Le Monde vom 30.3.2006 erschienen Artikels von Michel Rocard, ehemaliger franz&ouml;sischer Premierminister unter Mitterand und PS-Europaabgeordneter; Originaltitel &bdquo;Mauvais r&eacute;flexes d&rsquo;une soci&eacute;t&eacute; qui a peur&ldquo;, von Gerhard Kilper.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[131,180,20],"tags":[1043],"class_list":["post-1178","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-oekonomie","category-europaeische-vertraege","category-landerberichte","tag-frankreich"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1178","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1178"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1178\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":31219,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1178\/revisions\/31219"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1178"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1178"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1178"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}