{"id":117850,"date":"2024-07-10T14:20:30","date_gmt":"2024-07-10T12:20:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=117850"},"modified":"2024-07-11T01:15:50","modified_gmt":"2024-07-10T23:15:50","slug":"stimmen-aus-ungarn-orbans-friedensmission-und-das-westliche-hysterie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=117850","title":{"rendered":"Stimmen aus Ungarn: Orb\u00e1ns Friedensmission und die westliche Hysterie"},"content":{"rendered":"<p>Die westliche Elite beobachtet die diplomatischen Aktivit&auml;ten des ungarischen Ministerpr&auml;sidenten Viktor Orb&aacute;n mit Nervosit&auml;t und Misstrauen. Unmittelbar nach der &Uuml;bernahme der EU-Ratspr&auml;sidentschaft besuchte Orb&aacute;n zun&auml;chst Kiew und dann Moskau. Im Mittelpunkt seiner Gespr&auml;che stand die Friedenskonsolidierung. Kann Ungarn ein Vermittler zwischen den beiden Seiten sein? Welche Chance hat Orb&aacute;n, den Krieg zu stoppen? Der ungarische Politikjournalist <strong>G&aacute;bor Stier<\/strong> &auml;u&szlig;erte sich dazu in einem Interview mit dem aserbaidschanischen Portal <em>News.az<\/em>. Aus dem Ungarischen &uuml;bersetzte <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Der ungarische Ministerpr&auml;sident Viktor Orb&aacute;n reiste &uuml;berraschend zun&auml;chst nach Kiew und dann nach Moskau, wo er Gespr&auml;che mit dem ukrainischen Pr&auml;sidenten Wolodymyr Selenskyj und dem russischen Pr&auml;sidenten Wladimir Putin f&uuml;hrte. Neben den bilateralen Beziehungen er&ouml;rterten Orb&aacute;n und Selenskyj auch eine friedliche L&ouml;sung des Konflikts in der Ukraine. Was ist die wichtigste Botschaft des Besuchs des ungarischen Premierministers in Kiew angesichts seiner fr&uuml;heren &Auml;u&szlig;erungen zur milit&auml;rischen Unterst&uuml;tzung der Ukraine durch die EU?<\/strong><\/p><p>Vielleicht hat niemand in Europa so oft wie Viktor Orb&aacute;n und Papst Franziskus gesagt, dass Waffen keinen Frieden bringen und dass das Blutvergie&szlig;en aufh&ouml;ren muss. Es ist daher nicht verwunderlich, dass der ungarische Ministerpr&auml;sident auch versucht, seine rotierende EU-Ratspr&auml;sidentschaft zu nutzen, um den Frieden zu f&ouml;rdern, obwohl der amtierende Ratspr&auml;sident kein Mandat dazu hat. Orb&aacute;n verhandelt nicht im Namen der Europ&auml;ischen Union, sondern in seinem und Ungarns Namen. Tatsache ist jedoch, dass er versucht, diese Position zu nutzen.<\/p><p>Bei seiner ersten Reise nach Kiew unmittelbar nach &Uuml;bernahme der EU-Ratspr&auml;sidentschaft forderte Orb&aacute;n Wolodymyr Selenskyj auf, einen Waffenstillstand in Erw&auml;gung zu ziehen, die K&auml;mpfe entlang der derzeitigen Frontlinien einzustellen und dann Friedensverhandlungen aufzunehmen. Dies w&uuml;rde den Friedensprozess beschleunigen. Anschlie&szlig;end reiste er nach Moskau, wo er Wladimir Putin denselben Vorschlag unterbreitete. Es wurden auch bilaterale Themen er&ouml;rtert, doch stand die Friedenskonsolidierung im Mittelpunkt der Gespr&auml;che Orb&aacute;ns in Moskau. Orb&aacute;n war neugierig auf die russische Position, w&auml;hrend Putin neugierig auf die europ&auml;ische Position war. Wie in Kiew machte der ungarische Ministerpr&auml;sident auch in Moskau deutlich, dass Ungarn diesen Krieg satthabe, weil Europa darunter leide. Orb&aacute;n war sich bewusst, dass nur die Gro&szlig;m&auml;chte eine reale Chance haben, Frieden zu schlie&szlig;en, und dass die beiden gegnerischen Seiten den Vorschlag nicht akzeptieren w&uuml;rden. Aber er wollte einsch&auml;tzen, wie weit sie bei der Kompromissfindung gehen k&ouml;nnten. <\/p><p>Diese beiden Treffen werden nat&uuml;rlich auch das Image von Orb&aacute;n st&auml;rken. Auch wenn viele in der Europ&auml;ischen Union diese diplomatischen Aktivit&auml;ten, insbesondere die Reise nach Moskau, nicht guthei&szlig;en. Der ungarische Ministerpr&auml;sident hat jedoch schon mehr als einmal bewiesen, dass er sich nicht scheut, seinen eigenen Weg zu gehen und an den Begrenzungen zu r&uuml;tteln. Nat&uuml;rlich unter Ber&uuml;cksichtigung des ungarischen Handlungsspielraums. Und wenn er das Gef&uuml;hl hat, dass er an eine Mauer st&ouml;&szlig;t, geht er Kompromisse ein. So wie mit der NATO, als er k&uuml;rzlich zustimmte, kein Veto gegen Entscheidungen zur Ukraine einzulegen. Im Gegenzug erhielt er die Garantie, dass Ungarn sich aus Operationen au&szlig;erhalb der NATO heraushalten w&uuml;rde. Aber Ungarn war auch auf dem Friedensgipfel in der Schweiz auf Au&szlig;enministerebene vertreten, hat die Abschlusserkl&auml;rung unterzeichnet, und letztendlich ging es bei dem Blitzbesuch in Kiew darum, den Druck des Westens auf Budapest zu verringern.<\/p><p><strong>Welche Auswirkungen wird die Diskussion &uuml;ber die Rechte der ungarischsprachigen Minderheit in der Ukraine auf die bilateralen Beziehungen zwischen Ungarn und der Ukraine haben?<\/strong><\/p><p>Die ungarisch-ukrainischen Beziehungen haben sich nicht wegen des Krieges verschlechtert, sondern schon viel fr&uuml;her, n&auml;mlich wegen des 2017 verabschiedeten Bildungsgesetzes und sp&auml;ter wegen des Sprachengesetzes, das die Rechte der Minderheiten eklatant verletzt hat. Die Beziehungen zwischen den beiden L&auml;ndern werden sich erst dann normalisieren, wenn Kiew die Minderheitenrechte wieder auf den Stand von vor 2015 bringt. W&auml;hrend der EU-Beitrittsverhandlungen hat Kiew garantiert, dass es die 11 Punkte der Forderungen der ungarischen Regierung zu diesem Thema erf&uuml;llen wird. Aber da Kiew bisher nur Versprechungen gemacht hat, bin ich skeptisch. <\/p><p>Entt&auml;uschend ist aber auch, dass es in Transkarpatien kaum noch Ungarn geben wird, bis die Ukraine eventuell die Minderheitenrechte regelt. Der Krieg hat die ethnischen Verh&auml;ltnisse in der Region durch die Fl&uuml;chtlinge aus dem Landesinneren grundlegend ver&auml;ndert, und es sind noch mehr Ungarn geflohen. Doch Kiew ist froh dar&uuml;ber. Minderheiten passen nicht in den Nationalstaat. Trotz alledem wurden die wirtschaftlichen Beziehungen aufrechterhalten und ausgebaut, Ungarn setzte sich weiterhin f&uuml;r die territoriale Integrit&auml;t der Ukraine ein, unterst&uuml;tzte deren EU-Beitrittsbestrebungen und leistete humanit&auml;re Hilfe. Gleichzeitig hat Budapest die Minderheitenpolitik Kiews scharf kritisiert und die politische Zusammenarbeit der Ukraine mit der EU und der NATO blockiert, obwohl es die Zusammenarbeit auf technischer Ebene nicht eingeschr&auml;nkt hat.<\/p><p><strong>Welche konkreten Schritte unternimmt Ungarn im Europ&auml;ischen Rat, um einen Waffenstillstand und Friedensgespr&auml;che in der Ukraine zu f&ouml;rdern?<\/strong><\/p><p>Wie Orb&aacute;n sagte, ist der Frieden im Moment das Wichtigste f&uuml;r Europa, daher sieht der ungarische Ratsvorsitz die n&auml;chsten sechs Monate als eine Art Friedensmission. Aber es ist klar, dass die M&ouml;glichkeiten des Landes, das den Ratsvorsitz innehat, begrenzt sind. Es kann die Tagesordnung beeinflussen, aber es ist nicht einmal die Europ&auml;ische Union, die &uuml;ber Krieg und Frieden entscheidet. Alles, was Ungarn tun kann, ist, Schritte wie diesen zu unternehmen, um das Bewusstsein f&uuml;r die Bedeutung des Friedens zu sch&auml;rfen, eine Bestandsaufnahme der Positionen vorzunehmen und Vorschl&auml;ge zu machen, um eine klarere Situation zu schaffen, denn jeder muss eine gewisse Haltung dazu haben. <\/p><p>Ungarn wird keinen Frieden bringen, dazu braucht es die Gro&szlig;m&auml;chte, und angesichts der Reaktionen im Westen und in Kiew ist es nicht einmal sicher, dass sie es als Vermittler akzeptieren werden, aber eine entschlossene und konsequente Haltung kann viele in den westlichen Gesellschaften zum Nachdenken bringen, und das wird sich auch auf die politischen Eliten auswirken. Dar&uuml;ber hinaus bildet sich im Europ&auml;ischen Parlament auf ungarische Initiative hin eine souver&auml;nistische Fraktion unter dem Namen &bdquo;Patriots for Europe&ldquo; (Patrioten f&uuml;r Europa), die in der Frage des Krieges ebenfalls eine gem&auml;&szlig;igtere Haltung einnimmt als der derzeitige Mainstream. Die Stimmen f&uuml;r Frieden in Europa k&ouml;nnten also in Zukunft lauter werden.<\/p><p><strong>Welche grundlegenden Widerspr&uuml;che sehen Sie zwischen der Position Russlands und der der westlichen L&auml;nder in der Frage der Friedensgespr&auml;che in der Ukraine?<\/strong><\/p><p>Der wichtigste ist meines Erachtens der gegenseitige Mangel an Vertrauen, der sich nicht nur auf die konkreten Fragen auswirkt, sondern auch die Verhandlungen selbst behindert. Was die Unterschiede zwischen den Positionen angeht, so sehe ich in territorialen Fragen bereits die M&ouml;glichkeit eines Kompromisses auf allen direkt oder indirekt beteiligten Seiten, aber die Neutralit&auml;t und Entmilitarisierung der Ukraine ist ein viel schwierigeres Thema. <\/p><p>Dar&uuml;ber hinaus scheint es, dass Kiew f&uuml;r die territorialen Verluste zumindest durch die EU-Mitgliedschaft entsch&auml;digt werden muss. Diese sp&uuml;rbare Verwischung der Grenzen zwischen EU und NATO macht die Lage noch komplizierter. Mehr noch: Die Aufnahme von Verhandlungen wird auch dadurch verz&ouml;gert, dass die beiden Parteien zu Recht glauben, in der Zwischenzeit ihren Zielen n&auml;herkommen und so ihre Verhandlungsposition verbessern zu m&uuml;ssen.<\/p><p><strong>Welche gemeinsamen Punkte und m&ouml;glichen Kompromisse k&ouml;nnten Sie vorschlagen, um die Friedensverhandlungen in der Ukraine erfolgreich voranzubringen?<\/strong><\/p><p>Kiew sollte an den Verhandlungstisch gezwungen werden, um einen totalen wirtschaftlichen, milit&auml;rischen und demografischen Zusammenbruch zu vermeiden. Russland wird durch die Verl&auml;ngerung des Krieges letztlich geschw&auml;cht, und auch der &bdquo;Globale S&uuml;den&ldquo; ist eher an einem Frieden interessiert. Der Westen k&ouml;nnte durch den dramatischen Verlust der Wettbewerbsf&auml;higkeit Europas und die zunehmend besorgniserregenden Sicherheitsherausforderungen zu Verhandlungen getrieben werden, aber auch durch die Tatsache, dass der Krieg die spektakul&auml;re Selbstformierung und St&auml;rkung des so genannten Nicht-Westens beschleunigt hat, was eine wachsende strategische Herausforderung darstellt. <\/p><p>Die Ukraine muss die territorialen Verluste akzeptieren. Russland muss akzeptieren, dass es keinen Erdrutschsieg erringen wird. Und der Westen muss sich mit der Tatsache abfinden, dass er Russland nicht in die Knie zwingen und vollst&auml;ndig schw&auml;chen kann. Vor allem aber k&ouml;nnen Sicherheitsgarantien, die Stabilit&auml;t des Friedens, nur gew&auml;hrleistet werden, wenn sich der Westen und Russland unter Beteiligung der Vereinigten Staaten auf ein neues europ&auml;isches Sicherheitssystem einigen k&ouml;nnen.<\/p><p><em>Zuerst ist das Interview <a href=\"https:\/\/news.az\/news\/-orban-s-visit-to-kyiv-and-moscow-a-desire-for-peace-amid-tensions-in-the-eu\">hier erschienen<\/a>.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Shutterstock \/ paparazzza<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=116856\">Stimmen aus Ungarn: Die EU-Eliten sind im Kriegsfieber &ndash; doch wer soll eigentlich Europa verteidigen?<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=116336\">Stimmen aus Ungarn: &bdquo;Schweizer Friedensgipfel&ldquo; als Trostpflaster f&uuml;r Selenskyj<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=113723\">Stimmen aus Ungarn: Was ist das wahre Ziel der NATO?<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=111328\">Stimmen aus Ungarn: Propagandisierende Propagandisten<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/9202a4138df64a0da7e6173801acd4de\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die westliche Elite beobachtet die diplomatischen Aktivit&auml;ten des ungarischen Ministerpr&auml;sidenten Viktor Orb&aacute;n mit Nervosit&auml;t und Misstrauen. 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Der ungarische<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=117850\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":117851,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[170],"tags":[3240,3024,1867,670,915,259,2620,260,668,2376],"class_list":["post-117850","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-friedenspolitik","tag-diplomatische-verhandlungen","tag-ethnische-minderheiten","tag-eu-mitgliedschaft","tag-orban-viktor","tag-putin-wladimir","tag-russland","tag-selenskyj-wolodymyr","tag-ukraine","tag-ungarn","tag-waffenstillstandsabkommen"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/shutterstock_2484484113.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/117850","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=117850"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/117850\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":117865,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/117850\/revisions\/117865"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/117851"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=117850"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=117850"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=117850"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}