{"id":117893,"date":"2024-07-12T13:00:13","date_gmt":"2024-07-12T11:00:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=117893"},"modified":"2024-07-12T17:49:58","modified_gmt":"2024-07-12T15:49:58","slug":"interview-mit-david-vine-die-usa-sind-das-maechtigste-imperium-der-weltgeschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=117893","title":{"rendered":"Interview mit David Vine: \u201eDie USA sind das m\u00e4chtigste Imperium der Weltgeschichte\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"https:\/\/www.davidvine.net\/\">David Vine<\/a><\/strong> ist Professor f&uuml;r politische Anthropologie an der American University in Washington\/DC und Experte f&uuml;r US-Milit&auml;rbasen und die Geschichte des US-Imperiums. Sein faktenreiches Buch &bdquo;The United States of War&ldquo; ist ein absolutes Muss f&uuml;r jeden, der sich f&uuml;r den US-Imperialismus und moderne Geschichte interessiert. Es belegt die herausragende globale Bedeutung des US-Imperiums, seit es das britische Empire abl&ouml;ste. Es ist ein schockierendes, verst&ouml;rendes Buch. Sein zweites Buch &bdquo;Base Nation&ldquo; analysiert das riesige Netz von US-Milit&auml;rst&uuml;tzpunkten auf der ganzen Welt, die f&uuml;r die &ouml;rtliche Bev&ouml;lkerung oft eine Katastrophe darstellen.<strong> <\/strong>In diesem Interview spricht er &uuml;ber sein Meisterst&uuml;ck &bdquo;The United States of War&ldquo;, die Entwicklung des US-Imperialismus vom Unabh&auml;ngigkeitskrieg bis zum Kalten Krieg und dem V&ouml;lkermord in Gaza, die neuen Gro&szlig;macht-Spannungen mit China und Russland, die Gefahren eines Atomkriegs und die Notwendigkeit einer globalen Friedensbewegung. Das Gespr&auml;ch f&uuml;hrte <strong>Michael Holmes<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<div class=\"external-2click\" data-provider=\"Youtube\" data-provider-slug=\"youtube\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Videos werden Daten an Youtube &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von Youtube zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><iframe loading=\"lazy\" width=\"560\" height=\"315\" src=\"\" frameborder=\"0\" allowfullscreen class=\"external-2click-target \" data-src=\"https:\/\/www.youtube-nocookie.com\/embed\/jw5sQddApos?cc_load_policy=1\"><\/iframe><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"youtube\">Inhalte von Youtube nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><\/p><p><strong>Michael Holmes: In Ihrem Buch &bdquo;The United States of War&ldquo; schreiben Sie viel &uuml;ber die Bedeutung des St&uuml;tzpunktsystems, das mit dem Unabh&auml;ngigkeitskrieg gegen Gro&szlig;britannien begann, sich dann &uuml;ber das gesamte US-Territorium und im Laufe der Zeit &uuml;ber den gesamten Globus ausdehnte und im Zweiten Weltkrieg sowie im Kalten Krieg und bis heute seinen H&ouml;hepunkt fand, was die Vereinigten Staaten &ndash; ich denke, man kann es mit Fug und Recht sagen &ndash; zum gr&ouml;&szlig;ten Imperium der Geschichte machte. Das Buch enth&auml;lt 28 erstaunliche Karten, die haupts&auml;chlich US-Milit&auml;rst&uuml;tzpunkte und Kriege auf der ganzen Welt zeigen. Sie zeigen, dass die Vereinigten Staaten in den letzten zwei Jahrhunderten &uuml;berall auf der Welt pr&auml;sent waren. Die USA haben in jeder Weltregion und in den meisten L&auml;ndern immensen Schaden angerichtet &ndash; wahrscheinlich in allen L&auml;ndern, in manchen mehr, in manchen weniger. David, w&uuml;rden Sie uns bitte ein paar grundlegende Zahlen &uuml;ber die Gr&ouml;&szlig;e und Struktur des heutigen US-Imperiums nennen?<\/strong><\/p><p><strong>David Vine<\/strong>: Ich denke, wir k&ouml;nnen es als das m&auml;chtigste Imperium der Geschichte bezeichnen. Die Auswirkungen des US-Imperiums &ndash; wie auch die anderer Imperien vor ihm &ndash; waren f&uuml;r Millionen von Menschen katastrophal, verh&auml;ngnisvoll und entsetzlich. Das ist nicht die Sichtweise, mit der ich aufgewachsen bin. Wie die meisten Amerikaner habe ich an die Mythologie der Vereinigten Staaten als eine Kraft des Guten geglaubt, die Demokratie und Freiheit in der ganzen Welt verbreiten, eine nationalistische Geschichte, die die Vereinigten Staaten feierte und die lange Geschichte von Angriffskriegen v&ouml;llig &uuml;bersah und ausl&ouml;schte, die kleinen Gruppen von Eliten zugutekamen, aber nicht der gro&szlig;en Mehrheit der Menschen in den Vereinigten Staaten und auf der ganzen Welt. Das US-Imperium wuchs aus der Macht und erbte die Macht der europ&auml;ischen Imperien Gro&szlig;britannien, Spanien und Frankreich. Die USA beginnen als eine kleine Ansammlung britischer Kolonien, die zu einer Weltmacht heranwachsen, die L&auml;ndereien in ganz Nordamerika kolonisiert und erobert und dabei Millionen von amerikanischen Ureinwohnern verdr&auml;ngt und ermordet und dann beginnt, Inseln in der Karibik und im Pazifik zu erobern.<\/p><div class=\"imagewarp\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/240710-David-Vine-Interview-Karte1_us_wars_and_combat_1776-2020_alt2.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/240710-David-Vine-Interview-Karte1_us_wars_and_combat_1776-2020_alt2_t.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Im 20. und 21. Jahrhundert sind die USA zu einer etwas anderen Art von Imperium geworden, das sich nat&uuml;rlich in hohem Ma&szlig;e auf seine milit&auml;rische Macht st&uuml;tzt &ndash; wie wir im v&ouml;lkerm&ouml;rderischen Krieg in Gaza sehen &ndash;, aber auch auf seine wirtschaftliche und politische Macht. Seit dem Zweiten Weltkrieg hat sich das US-Imperium durch zwei wichtige Merkmale definiert. Das eine ist die beispiellose Ansammlung von Milit&auml;rst&uuml;tzpunkten au&szlig;erhalb des US-Territoriums auf dem Boden anderer V&ouml;lker. Gegenw&auml;rtig gibt es zwischen 750 und 800 US-Milit&auml;rst&uuml;tzpunkte in rund 80 fremden L&auml;ndern und Kolonien.<\/p><div class=\"imagewarp\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/240710-David-Vine-Interview-Karte2.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/240710-David-Vine-Interview-Karte2_t.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Das sind mehr Milit&auml;rbasen im Ausland als in jedem anderen Reich der Weltgeschichte. Verschiedene St&uuml;tzpunkte in verschiedenen L&auml;ndern hatten unterschiedliche Auswirkungen. Das andere Merkmal im Herzen des US-Imperiums ist der milit&auml;risch-industrielle Komplex, der dazu dient, die USA seit dem Zweiten Weltkrieg in einem ewigen Kreislauf endloser Kriege gefangen zu halten, in denen Millionen und Abermillionen von Menschen get&ouml;tet wurden. Allein in den letzten 22 Jahren &ndash; seit die Bush-Regierung ihren sogenannten Krieg gegen den Terror begonnen hat &ndash; haben die brutalsten, blutigsten und schrecklichsten Kriege in Afghanistan, Pakistan, Irak, Syrien und Jemen sch&auml;tzungsweise 4,5 Millionen Menschen get&ouml;tet. Wir m&uuml;ssen dieses System des Massenmordens &auml;ndern.<\/p><div class=\"imagewarp\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/240710-David-Vine-Interview-Karte3_human_damage_and_financial_costs_of_us_post_911_wars.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/240710-David-Vine-Interview-Karte3_human_damage_and_financial_costs_of_us_post_911_wars_t.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><strong>Viele Menschen sind schockiert &uuml;ber die westliche Unterst&uuml;tzung f&uuml;r das Gemetzel in Gaza. Die USA und Deutschland unterst&uuml;tzen das, was man mittlerweile wohl mit viel Recht einen V&ouml;lkermord nennen kann. Aber wenn ich Ihr Buch lese, ist das weniger &uuml;berraschend, denn Ihr Buch ist voll von Gr&auml;ueltaten wie dieser. Wie viele der 800 St&uuml;tzpunkte befinden sich in Diktaturen?<\/strong><\/p><p>Die Rechtfertigung f&uuml;r diese St&uuml;tzpunkte war lange Zeit, dass sie die Demokratie verbreiten. Nichts k&ouml;nnte weiter von der Wahrheit entfernt sein. Gegenw&auml;rtig wird etwa die H&auml;lfte der L&auml;nder, die US-Milit&auml;rst&uuml;tzpunkte beherbergen, von undemokratischen Regimen gef&uuml;hrt. Die US-St&uuml;tzpunkte tragen also dazu bei, undemokratische Regime zu st&uuml;tzen und damit die Ausbreitung der Demokratie zu verhindern.<\/p><p><strong>Wie sieht das im Vergleich zu China oder Russland aus? Sind die ausl&auml;ndischen Milit&auml;rbasen Chinas &uuml;berhaupt damit vergleichbar?<\/strong><\/p><p>Nicht einmal ann&auml;hernd. China und Russland sind eine Art von Imperien, doch im Vergleich zum US-Imperium verblasst ihre derzeitige Macht. Ihre Milit&auml;rbudgets machen nur einen Bruchteil des US-Milit&auml;rbudgets aus. Das chinesische ist deutlich gr&ouml;&szlig;er als das russische, das etwa ein Zehntel des US-Budgets betr&auml;gt. China gibt etwa ein Drittel bis die H&auml;lfte dessen aus, was die US-Steuerzahler f&uuml;r Milit&auml;r und Krieg ausgeben. Dieser Unterschied ist noch ausgepr&auml;gter, wenn es um ausl&auml;ndische Milit&auml;rst&uuml;tzpunkte geht. China hat nur eine sehr kleine Handvoll ausl&auml;ndischer Milit&auml;rst&uuml;tzpunkte. Es hat einen St&uuml;tzpunkt in Dschibuti, wo auch die USA zwei St&uuml;tzpunkte haben. Es hat eine Handvoll Basen auf k&uuml;nstlichen Inseln im S&uuml;dchinesischen Meer. Es gibt Anzeichen daf&uuml;r, dass sie einen St&uuml;tzpunkt in Kambodscha haben. Aber es gibt kein Netz chinesischer St&uuml;tzpunkte, das den gesamten Globus umspannt. <\/p><p>Russland verf&uuml;gt &uuml;ber eine etwas gr&ouml;&szlig;ere Anzahl von St&uuml;tzpunkten &ndash; fast ausschlie&szlig;lich in ehemaligen Sowjetrepubliken und Syrien. Gro&szlig;britannien und Frankreich haben noch mehr St&uuml;tzpunkte, aber auch bei ihnen handelt es sich um Dutzende, nicht um Hunderte. Zeitweise gab es sogar noch mehr US-Milit&auml;rst&uuml;tzpunkte im Ausland. Auf dem H&ouml;hepunkt der US-Kriege im Irak und in Afghanistan waren es &uuml;ber 2.000. Sie waren schon immer die Infrastruktur des Krieges. Mein Buch zeigt, dass US-Milit&auml;rst&uuml;tzpunkte seit den fr&uuml;hesten Tagen der USA diese Funktion erf&uuml;llen. Es waren Armeeforts auf dem Land der amerikanischen Ureinwohner, die die Eroberung und Kolonisierung im 18. und 19. Jahrhundert vorantrieben. Im 20. und 21. Jahrhundert haben die US-Basen eine &auml;hnliche Rolle gespielt.<\/p><p><strong>Das US-Imperium hat seinen Charakter stark ver&auml;ndert. Es ist sogar noch komplizierter als das Britische Empire. Am Anfang war es ein siedlerkolonialistisches Landimperium, was es Russland und China &auml;hnlicher machte als den britischen und franz&ouml;sischen Imperien. Sie beschreiben die Grausamkeit dieser Entwicklung sehr gut. Gro&szlig;e Teile der USA sind gestohlen, das meiste davon von den amerikanischen Ureinwohnern, aber auch von Mexiko &ndash; die Vereinigten Staaten haben die H&auml;lfte des Landes gestohlen. Meine Partnerin ist Mexikanerin, die Mexikaner sind immer noch w&uuml;tend dar&uuml;ber. Sie fragen sich, ob sich die USA jemals daf&uuml;r entschuldigen werden. Jeder in Mexiko wei&szlig; das, aber niemand in den USA wei&szlig; es.<\/strong><\/p><p><strong>Die USA waren also zun&auml;chst ein Landimperium, das mit brutalen ethnischen S&auml;uberungen und in vielen F&auml;llen mit V&ouml;lkermord expandierte &ndash; wie in Kalifornien. Das ist eine schockierende Lekt&uuml;re. Dann schildern Sie, wie die USA Ende des 19. Jahrhunderts zur Weltmacht wurden. K&ouml;nnten Sie die globale Expansion der USA zwischen dem Spanisch-Amerikanischen Krieg und dem Zweiten Weltkrieg ein wenig beschreiben?<\/strong><\/p><p>In der ersten H&auml;lfte des 20. Jahrhunderts h&ouml;ren die USA auf, neue L&auml;nder formal zu erobern. Stattdessen beginnen sie, andere L&auml;nder mit einer Vielzahl von anderen Mitteln zu kontrollieren. Vor allem in Lateinamerika gibt es eine lange Reihe von Invasionen, Kriegen und Besetzungen, die bis ins 19. Jahrhundert zur&uuml;ckreichen. Aber im 20. Jahrhundert haben wir lange Besetzungen von L&auml;ndern wie Honduras und Haiti und mehrfache Invasionen von L&auml;ndern wie Mexiko erlebt. Ich spreche zu Ihnen aus Kalifornien, das sowohl von Mexiko als auch von den amerikanischen Ureinwohnern gestohlen wurde. Basen, Besetzungen und Interventionen werden in dieser Zeit zum Markenzeichen des amerikanischen Imperiums.<\/p><p><strong>F&uuml;r Lateinamerika sind die USA besonders wichtig, weil die Region in den 1820er-Jahren von Spanien unabh&auml;ngig wurde. Aber &ndash; wie Sie in Ihrem Buch zeigen &ndash; die USA haben Lateinamerika semi-kolonialisiert. Sie haben all diese Zahlen, die schwer zu merken sind: wie oft die USA in Nicaragua, der Dominikanischen Republik und Panama einmarschiert sind. Sie waren in jedem lateinamerikanischen Land, besetzten es, organisierten Putsche und all das. K&ouml;nnen Sie mehr &uuml;ber den Schaden sagen, den die USA in den letzten 200 Jahren in Lateinamerika angerichtet haben?<\/strong><\/p><p>Er war tiefgreifend. In der Tat haben die USA die meisten L&auml;nder Lateinamerikas &uuml;berfallen oder besetzt. Sie haben oft milit&auml;rische Gewalt eingesetzt, um Unternehmensinteressen durchzusetzen. Der Blutzoll in Lateinamerika war entsetzlich und reicht bis ins 19. Jahrhundert zur&uuml;ck, in j&uuml;ngerer Zeit aber auch in Mittelamerika. Die US-Regierungen unterst&uuml;tzten die rechtsgerichteten Diktaturen und ihre Kriege in Guatemala und El Salvador sowie die rechtsgerichteten Contra-Revolution&auml;re, die in Nicaragua k&auml;mpften. Diese Kriege in Mittelamerika kosteten Hunderttausende von Menschen das Leben. In Guatemala gab es einen von den USA unterst&uuml;tzten V&ouml;lkermord.<\/p><p><strong>K&ouml;nnen Sie &uuml;ber den Kalten Krieg sprechen? Ich glaube, niemand ist v&ouml;llig naiv, was den Kalten Krieg angeht. Die meisten Menschen wissen, dass die USA in Vietnam und in Chile 1973 einige schlimme Dinge getan haben. Aber im Gro&szlig;en und Ganzen waren die USA und ihre NATO-Verb&uuml;ndeten die Guten, und dann gab es noch die b&ouml;se Sowjetunion. Ich bin froh, dass ich in Westdeutschland und nicht in der DDR aufgewachsen bin, auch wenn ich jetzt in Ostdeutschland lebe und es mir hier gef&auml;llt. Aber da geht es um das innere System. Ich glaube, dass die Au&szlig;enpolitik der USA auch nicht besser war als die der Sowjetunion. Tats&auml;chlich hat der Westen oft die schlimmere der beiden Seiten unterst&uuml;tzt.<\/strong><\/p><p>Es ist ein sehr kompliziertes Bild. Aber ich w&uuml;rde mit dem Begriff &bdquo;Kalter Krieg&ldquo; beginnen. Er hatte nichts Kaltes an sich. Millionen und Abermillionen starben in den Kriegen, die sowohl von den USA und dem NATO-B&uuml;ndnis als auch von der Sowjetunion unterst&uuml;tzt wurden. F&uuml;r die Menschen in Vietnam, Kambodscha, Laos oder Indonesien, wo vielleicht eine Million Menschen starben, was auch als von den USA unterst&uuml;tzter V&ouml;lkermord bezeichnet wurde, war &uuml;berhaupt nichts an diesen Kriegen kalt. Die NATO unterst&uuml;tzte sogar Diktaturen im eigenen B&uuml;ndnis &ndash; in Portugal und Spanien. Die von der portugiesischen Diktatur in Afrika gef&uuml;hrten Kolonialkriege kosteten ebenfalls Hunderttausende von Menschen das Leben. Der Wettstreit zwischen den USA und der Sowjetunion hat das Leben auf der Erde nicht durch einen Atomkrieg ausgel&ouml;scht, aber er hinterlie&szlig; an Orten wie Vietnam nuklear&auml;hnliche Verw&uuml;stungen.<\/p><p><strong>Ich bin froh, dass Sie die Unterst&uuml;tzung der NATO f&uuml;r die &auml;u&szlig;erst brutalen Kriege Portugals in Angola und Mosambik erw&auml;hnt haben. Das ist ein untersch&auml;tztes Thema. Sie pr&auml;sentieren in Ihrem Buch eine Karte, auf der alle US-St&uuml;tzpunkte verzeichnet sind, die China, Russland und den Iran umgeben. Das ist sehr interessant zu sehen, denn diese L&auml;nder sind &uuml;berall von gro&szlig;en Milit&auml;rbasen umgeben und &uuml;berall von kleineren. Dann gibt es eine andere Karte, die fiktiv ist, sie zeigt nichts in der Realit&auml;t. Diese Karte imaginiert, wie es w&auml;re, wenn China, Russland und der Iran die gleiche Anzahl von Milit&auml;rbasen um die USA herum bes&auml;&szlig;en &ndash; in Kanada, Mexiko, Kuba und ganz Lateinamerika. Sie stellen die Frage: Wie w&uuml;rden sich die Amerikaner f&uuml;hlen? Das ist eigentlich eine rhetorische Frage, denn es ist ganz klar, dass sie es &uuml;berhaupt nicht m&ouml;gen w&uuml;rden.<\/strong><\/p><p><strong>Der Politikwissenschaftler John Mearsheimer weist oft darauf hin, dass man die USA aus russischer oder chinesischer Sicht als ein sehr aggressives Imperium betrachten w&uuml;rde, das an die eigenen Grenzen herankriecht, ihre B&uuml;rger bedroht. Und sie h&auml;tten wirklich das Gef&uuml;hl, etwas tun zu m&uuml;ssen. Das ist keine Rechtfertigung f&uuml;r das Verhalten von Russland, China oder Iran. Sie alle haben sich furchtbarer Verbrechen schuldig gemacht, vor allem Russland in der Ukraine. Ich war in der Ukraine und will das nicht verharmlosen, aber diese Karte ist eine sehr interessante Idee. Glauben Sie, wir k&ouml;nnten dazu beitragen, die Spannungen zwischen den USA und Russland, China, Iran, Venezuela und anderen L&auml;ndern zu beenden oder zu deeskalieren, indem wir versuchen, die Menschen dazu zu bringen, sich in die Lage der Menschen auf der anderen Seite zu versetzen? Wenn Sie ein normaler russischer oder chinesischer B&uuml;rger w&auml;ren, h&auml;tten Sie dann keine Angst vor der NATO? W&auml;ren Sie nicht emp&ouml;rt &uuml;ber all die Drohungen gegen Ihr Land? W&uuml;rden Sie sich nicht durch die Arroganz, mit der &uuml;ber ihr Land gesprochen wird, beleidigt f&uuml;hlen?<\/strong><\/p><p>Wir m&uuml;ssen die wachsenden Spannungen zwischen den USA und ihren Verb&uuml;ndeten und sowohl Russland als auch China deeskalieren. Denn dies ist wirklich der gef&auml;hrlichste Moment meines Lebens f&uuml;r den Globus angesichts der Gefahr eines direkten milit&auml;rischen Zusammensto&szlig;es zwischen den USA und ihren Verb&uuml;ndeten und Russland oder China, der leicht eskalieren und in einen Atomkrieg ausarten k&ouml;nnte, der zum Tod von Milliarden von Menschen f&uuml;hren, wenn nicht sogar die menschliche Existenz auf der Erde bedrohen k&ouml;nnte. Die Amerikaner k&ouml;nnen sich im Allgemeinen nicht einmal einen einzigen russischen oder chinesischen Milit&auml;rst&uuml;tzpunkt in der N&auml;he unserer Grenzen vorstellen. Die Karte f&ouml;rdert das Einf&uuml;hlungsverm&ouml;gen. Sie ermutigt die Amerikaner, die Welt aus der Perspektive der anderen zu sehen. Alle Karten sind auf <a href=\"https:\/\/www.davidvine.net\/\">meiner Website<\/a> kostenlos erh&auml;ltlich.<\/p><div class=\"imagewarp\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/240710-David-Vine-Interview-Karte10+11.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/240710-David-Vine-Interview-Karte10+11_t.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><strong>Hat das US-Imperium auch Gutes getan? Es ist schon so alt und so gro&szlig;, dass es wirklich seltsam w&auml;re, wenn es nichts Gutes getan h&auml;tte! F&uuml;r Deutschland, Japan und Italien hat es sicherlich Gutes getan, aber es ist schwer, andere Beispiele f&uuml;r gerechte Kriege zu finden als den Zweiten Weltkrieg, in dem 80 Prozent der K&auml;mpfe von den Sowjets gef&uuml;hrt wurden. Und die US-amerikanischen Bombenangriffe des Zweiten Weltkriegs w&uuml;rden ohne den Vergleich mit dem Holocaust noch deutlicher als schreckliche Verbrechen angesehen werden.<\/strong><\/p><p>Ich verdanke meine Existenz auf der Erde den USA. Meine Gro&szlig;eltern m&uuml;tterlicherseits flohen als Juden kurz vor dem Zweiten Weltkrieg aus Deutschland. Sie h&auml;tten den Krieg vielleicht nicht &uuml;berlebt, wenn die USA sie nicht aufgenommen h&auml;tten. Es ist ein kompliziertes Bild. Die USA haben als Land sicherlich auf vielf&auml;ltige Weise einen positiven Beitrag f&uuml;r die Menschen in der Welt geleistet, aber das Imperium hat auch massiven Tod und Zerst&ouml;rung verursacht. Die USA besitzen ein gewisses Ma&szlig; an Demokratie, aber sie haben undemokratische Herrschaft rund um die Welt unterst&uuml;tzt. Ich versuche, die Amerikaner zu einer Au&szlig;enpolitik zu ermutigen, die sich auf die besten amerikanischen Traditionen st&uuml;tzt &ndash; Demokratie, Respekt f&uuml;r andere, Zusammenarbeit. Ich ermutige die Amerikaner auch, dem deutschen Modell zu folgen, welches die schrecklichen Verbrechen des Naziregimes unvollkommen, aber ehrlich aufgearbeitet hat, sich zu entschuldigen und ein gewisses Ma&szlig; an Wiedergutmachung zu leisten. Die USA haben sich der Verantwortung f&uuml;r ihre vergangenen und aktuellen Verbrechen entzogen. Die USA schulden Millionen und Abermillionen von Menschen Wiedergutmachung und Entschuldigungen. Denken wir nur an die Kriege im Nahen und Mittleren Osten in den letzten zwei Jahrzehnten, durch die 38 Millionen Menschen vertrieben wurden.<\/p><p>Wir m&uuml;ssen uns dringend bem&uuml;hen, einen Weg der Zusammenarbeit mit anderen &ndash; einschlie&szlig;lich China und Russland &ndash; einzuschlagen, um die dr&auml;ngendsten, existenziellen Probleme der Welt &ndash; wie globale Erw&auml;rmung, Armut und Krankheit &ndash; anzugehen.<\/p><p><strong>Auf meinen Reisen in den globalen S&uuml;den habe ich mit jungen Menschen im Iran, Irak, El Salvador und anderen L&auml;ndern gesprochen. Sie alle sagten mir in etwa: &sbquo;Schau! Wir lieben die Demokratie, den S&auml;kularismus, amerikanische Filme und Menschen. Wir w&uuml;rden gerne an einer amerikanischen Universit&auml;t studieren.&lsquo; Sie hatten &uuml;berwiegend positive Einstellungen zu den USA, aber wenn man sie nach der amerikanischen Au&szlig;enpolitik und ihrer Geschichte fragt, haben sie die Nase voll davon. Sie sind wirklich w&uuml;tend, und zwar nicht, weil sie Extremisten sind. Viele hassen ihre eigene Regierung. Das ist ein so tragisches Missverst&auml;ndnis zwischen dem Westen und dem globalen S&uuml;den. Die Kommunikation kommt einfach nicht an. Gaza setzt ein Ausrufezeichen hinter dieses Missverst&auml;ndnis! Ich bin wirklich schockiert, dass der Westen &uuml;berhaupt nicht begreift, wie der Rest der Welt ihn sieht.<\/strong><\/p><p>Das ist eine sehr schwierige Herausforderung. Es geht nicht nur um Kommunikation, sondern um soziale Bewegungen, die von unseren Regierungen verlangen, einen anderen Weg einzuschlagen &ndash; nicht den Weg des Krieges und des V&ouml;lkermords, sondern den der globalen Zusammenarbeit. Ich glaube, viele Menschen auf der ganzen Welt haben das verstanden. Sie verstehen, dass die Regierungen der USA, Chinas, Russlands, Irans, Gro&szlig;britanniens und Deutschlands und weit dar&uuml;ber hinaus weitgehend von kleinen Gruppen von Wirtschaftseliten, Politikern und Konzernen gekapert wurden, die die Macht der Regierungen nutzen, um ihre eigenen Interessen auf Kosten der gro&szlig;en Mehrheit der auf der Erde lebenden Menschen durchzusetzen. <\/p><p>Wir brauchen dringend eine globale Bewegung, die eine Investition in menschliches Leben statt in die Mittel der Zerst&ouml;rung fordert und verlangt, dass wir uns gemeinsam den existenziellen Bedrohungen stellen, denen wir ausgesetzt sind &ndash; wie dem Klimawandel und dem Atomkrieg, der nach wie vor &uuml;ber unseren K&ouml;pfen schwebt. Der Atomkrieg ist seit dem Ende des Kalten Krieges im Bewusstsein vieler Menschen weitgehend in den Hintergrund getreten. Die Princeton University hat in einem Bericht gesch&auml;tzt, dass in einem Atomkrieg zwischen den USA und Russland vier bis sechs Milliarden Menschen sterben k&ouml;nnten. Das ist weit mehr als die H&auml;lfte des menschlichen Lebens auf der Erde. China hat ein kleineres Arsenal. Das ist unvorstellbar. Es sollte auch unvorstellbar sein. Aber wir leben t&auml;glich mit dieser Bedrohung, also m&uuml;ssen wir sie uns vorstellen.<\/p><p><strong>Ich m&ouml;chte positiv enden. Gaza hat viele junge Menschen wachger&uuml;ttelt &ndash; nicht nur in Bezug auf dieses Thema, sondern auch in Bezug darauf, wozu der Westen f&auml;hig ist. Ich hoffe, sie machen nicht denselben Fehler wie viele Linke in der Vergangenheit und haben zu viel Sympathie f&uuml;r die Hamas, China oder Russland. Aber ich denke, die meisten von ihnen verstehen, dass es hier um Frieden geht, um n&ouml;tige Kritik an der eigenen Regierung. Ich glaube, es gibt eine neue Generation, die sich friedliche und normale Beziehungen w&uuml;nscht. Ich glaube nicht einmal, dass das so schwer ist. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging es der Welt oft besser, und ich denke, solange wir miteinander reden, k&ouml;nnen wir dorthin zur&uuml;ckkehren.<\/strong><\/p><p>Ich habe ein sehr d&uuml;steres Bild gezeichnet. Es gibt Gr&uuml;nde, deprimiert zu sein, entmutigt, w&uuml;tend und emp&ouml;rt &uuml;ber die lange Geschichte der US-Kriege und jetzt den V&ouml;lkermord in Gaza. Aber es gibt auch viele Gr&uuml;nde, sehr hoffnungsvoll zu sein. Junge Menschen sind aufgewacht und haben das Kriegssystem in unserer Mitte erkannt. Deshalb fordern sie das Ende von Waffenherstellern und allen Unternehmen, die mit Krieg und menschlichem Leid Gewinne machen. &Uuml;ber alle Generationen hinweg haben die Menschen den Krieg satt, vor allem hier in den USA. Seit den Kriegen im Irak und in Afghanistan haben viele dem Krieg den R&uuml;cken gekehrt. Wir sollten uns daran erinnern, wie viel Geld in dieses Kriegssystem in den USA, in Deutschland und anderswo geflossen ist. Dieses Geld kommt den H&auml;ndlern des Todes zugute, den Kriegsprofiteuren. Jeder Dollar, der f&uuml;r dieses System ausgegeben wird, ist ein Dollar, den wir nicht in eine gr&uuml;ne Infrastruktur investieren, ein Dollar, der nicht f&uuml;r die Pr&auml;vention von Krankheiten ausgegeben wird, ein Dollar, der nicht f&uuml;r die Bildung unserer Kinder ausgegeben wird.<\/p><p><strong>Vielen Dank, David.<\/strong><\/p><p>Ich danke Ihnen, Michael. Ich habe das Gespr&auml;ch sehr genossen.<\/p><p><small>Titelbild: Screenshot vom Video-Interview<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=114093\">Interview mit Nahost-Experte Trita Parsi: Deutschland hat in der Region jede Glaubw&uuml;rdigkeit verloren<\/a>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=110380\">Die Wurzeln des Krieges<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=110278\">Ramon Schack im Gespr&auml;ch: &bdquo;Welche Werte sind es denn, auf denen unsere Politik angeblich basiert?&ldquo;<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=106879\">Interview mit Rashid Khalidi: &bdquo;Alles menschliche Leben ist wertvoll. Das humanit&auml;re Recht gilt f&uuml;r alle.&rdquo;<\/a>\n<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong><a href=\"https:\/\/www.davidvine.net\/\">David Vine<\/a><\/strong> ist Professor f&uuml;r politische Anthropologie an der American University in Washington\/DC und Experte f&uuml;r US-Milit&auml;rbasen und die Geschichte des US-Imperiums. Sein faktenreiches Buch &bdquo;The United States of War&ldquo; ist ein absolutes Muss f&uuml;r jeden, der sich f&uuml;r den US-Imperialismus und moderne Geschichte interessiert. 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