{"id":117956,"date":"2024-07-13T14:00:24","date_gmt":"2024-07-13T12:00:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=117956"},"modified":"2024-07-23T11:03:45","modified_gmt":"2024-07-23T09:03:45","slug":"auf-der-suche-nach-neuen-ideen-vom-ego-kapitalismus-zur-katholischen-soziallehre","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=117956","title":{"rendered":"Auf der Suche nach neuen Ideen \u2013 Vom \u201eEgo-Kapitalismus\u201c zur katholischen Soziallehre"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Die herrschenden Ideen einer Zeit waren stets nur die Ideen der herrschenden Klasse&ldquo;, schrieb Karl Marx im &bdquo;Kommunistischen Manifest&ldquo;. Und auch der britische Star&ouml;konom John Maynard Keynes wusste um die Macht der Ideen. Im Schlusswort seines Hauptwerks &bdquo;General Theory&ldquo; erkl&auml;rte er: &bdquo;Die Gedanken der &Ouml;konomen und Staatsphilosophen sind, sowohl wenn sie im Recht als auch wenn sie im Unrecht sind, einflussreicher als gemeinhin angenommen wird. Die Welt wird in der Tat nicht durch viel anderes regiert.&ldquo; Ganz in der Tradition der Geistesgr&ouml;&szlig;en seines Fachs stehend, besch&auml;ftigt sich auch der &Ouml;konom <strong>Patrick Kaczmarczyk<\/strong> in seinem neuen Buch <a href=\"https:\/\/westendverlag.de\/Raus-aus-dem-Ego-Kapitalismus\/1630\">&bdquo;Raus aus dem Ego-Kapitalismus&ldquo;<\/a> mit den Ideen, die die Welt beherrschen. Eine Rezension von <strong>Thomas Trares<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n&bdquo;Tats&auml;chlich bestimmt kaum etwas unseren wirtschaftspolitischen Kurs so entscheidend wie unsere Vorstellungen &uuml;ber die Welt&ldquo;, schreibt Kaczmarczyk. (S. 15) Wie der Titel bereits erahnen l&auml;sst, ger&auml;t sein Buch letztendlich zu einer Abrechnung mit dem Neoliberalismus und der ihn tragenden wissenschaftlichen Denkschule, der Neoklassik &ndash; also mit jenen Ideen, die in den vergangenen 40 Jahren den wirtschaftspolitischen Diskurs gepr&auml;gt haben.<\/p><p><strong>Der &bdquo;Ego-Kapitalismus&ldquo; als Ideologie<\/strong><\/p><p>Statt von Neoliberalismus spricht Kaczmarczyk auch gern von &bdquo;Ego-Kapitalismus&ldquo;, ein Begriff, der bei einer Unterredung mit dem Influencer Wolfgang M. Schmitt entstanden ist und der namensgebend f&uuml;r sein neues Buch werden sollte. Was genau darunter zu verstehen ist, erkl&auml;rt Kaczmarczyk wie folgt: &bdquo;Die dem Ego-Kapitalismus zugrunde liegende Ideologie geht davon aus, dass in einer Volkswirtschaft alle Akteure unabh&auml;ngig voneinander agieren und jeder f&uuml;r sein Schicksal selbst verantwortlich ist. Arbeitslosigkeit und Armut werden zum Problem der Faulheit beziehungsweise der eigenen geringen Produktivit&auml;t. &Uuml;berm&auml;&szlig;iger Reichtum hingegen wird zum Ergebnis von Genialit&auml;t und Unternehmergeist. Das wirtschaftlich erfolgreiche Land wird f&uuml;r seine Reformen gelobt, das krisengesch&uuml;ttelte f&uuml;r Korruption und fehlende &sbquo;Strukturreformen&lsquo; kritisiert.&ldquo; (S. 15)<\/p><p>Kaczmarczyk selbst ist Entwicklungs&ouml;konom und derzeit als wirtschaftspolitischer Referent und Berater t&auml;tig, unter anderem f&uuml;r die Vereinten Nationen in Genf wie auch f&uuml;r das SPD-Wirtschaftsforum in Berlin. 2022 bereits erschien sein Erstlingswerk &bdquo;Kampf der Nationen&ldquo;. Darin stellte er der neoliberalen Wettbewerbsideologie des &bdquo;H&ouml;her, Schneller, Weiter&ldquo; einen Politikansatz gegen&uuml;ber, der auf den Ideen des &ouml;sterreichischen &Ouml;konomen Joseph Schumpeter fu&szlig;t und auf einen aktiven, unternehmerisch agierenden Staat setzt. &Auml;hnlich verf&auml;hrt Kaczmarczyk auch in seinem neuen Buch. In diesem h&auml;lt er dem &bdquo;Ego-Kapitalismus&ldquo; die Positionen der katholischen Soziallehre entgegen, zu deren wirtschaftspolitischen Grundpfeilern die Bek&auml;mpfung von Armut, die Orientierung am Gemeinwohl wie auch eine konsequente Vollbesch&auml;ftigungspolitik geh&ouml;ren.<\/p><p><strong>Soziale und &ouml;kologische Krise<\/strong><\/p><p>Zun&auml;chst jedoch arbeitet sich Kaczmarczyk ausf&uuml;hrlich am &bdquo;Ego-Kapitalismus&ldquo; ab. Dazu w&auml;lzt er jede Menge Daten: Statistiken &uuml;ber Pro-Kopf-Einkommen, Armut und Ungleichheit, aber auch &uuml;ber die CO2-Konzentration in der Atmosph&auml;re, und das nicht nur f&uuml;r Deutschland, sondern auch f&uuml;r die USA, China und die Welt insgesamt. Das Ergebnis: Der &bdquo;Ego-Kapitalismus&ldquo; hat die Welt in eine soziale und &ouml;kologische Krise gest&uuml;rzt. Die Erfolge, die im Globalen S&uuml;den in puncto Armutsbek&auml;mpfung nach 40 Jahren Globalisierung erzielt wurden, gehen fast allein auf China zur&uuml;ck, also auf ein Land, das gerade nicht auf Kapitalismus setzt. Und selbst im reichen Deutschland ist die Bilanz ern&uuml;chternd, die Ungleichheit extrem. &bdquo;Zwei Familien besitzen mehr als 41,5 Millionen Menschen&ldquo;, betont Kaczmarczyk. (S. 52)<\/p><p>Wesentliche Bestandteile des neoliberalen Paradigmas sind &bdquo;der Glaube an die Segnungen des heiligen, weil allwissenden und allm&auml;chtigen Marktes&ldquo;, das Prinzip Eigenverantwortung und die &bdquo;Individualisierung politischer, &ouml;konomischer und sozialer Probleme&ldquo;. Produktion, Einkommen und Besch&auml;ftigung sind sozusagen ein &bdquo;nat&uuml;rliches Ergebnis&ldquo;, das unmittelbar dem individuellen Optimierungskalk&uuml;l entspringt. Das Sinnbild neoliberaler Politik ist die Agenda 2010 mit ihrem Prinzip des &bdquo;Forderns und F&ouml;rderns&ldquo; &ndash; &bdquo;ein Euphemismus f&uuml;r einen Ansatz mit der Peitsche, der Arbeitslose mit &ouml;konomischer Gewalt in Arbeit zwingen soll&ldquo;, wie Kaczmarczyk bemerkt. (S. 82)<\/p><p><strong>Die Mechanik des Nutzens und des Eigeninteresses<\/strong><\/p><p>Entstanden ist die Neoklassik im sp&auml;ten 19. Jahrhundert in Anlehnung an die klassische Mechanik, die damals das Denken in der Physik bestimmte. Der &Ouml;konom William Jevons sprach seinerzeit auch von der &bdquo;Mechanik des Nutzens und des Eigeninteresses&ldquo;. Damals glaubte man, die Mechanik w&auml;re auf dem Weg zu einer einzigen, allumfassenden Theorie. &bdquo;Eine solche Welt der allgemein g&uuml;ltigen &sbquo;Gesetze&lsquo;, die sich im Idealfall mit einer einzigen Formel beschreiben k&ouml;nnte, wollte man in der &Ouml;konomie ebenfalls haben&ldquo;, schreibt Kaczmarczyk. (S. 96) Der Mensch wurde als &bdquo;Vergn&uuml;gungsmaschine&ldquo; konzipiert, die Neoklassik als &bdquo;harte und wertneutrale Wissenschaft&ldquo;, deren Gesetze ebenso wenig hinterfragt werden d&uuml;rfen wie das Gesetz der Schwerkraft.<\/p><p>Dieses &bdquo;bisher dominierende, technokratische Framing des Ego-Kapitalismus&ldquo; will Kaczmarczyk nun &uuml;berwinden, er will weg vom neoliberalen hin zum progressiven Freiheitsbegriff der christlichen Soziallehre, der durchaus auch klassisch-liberale Positionen wie materielles Wachstum und die Akkumulation von G&uuml;tern umfasst. &bdquo;Die Heilsgeschichte ist keine Vertr&ouml;stung auf eine entfernte Gegenwart. Sie beginnt bereits im Hier und Jetzt und hat auch eine materielle Komponente&ldquo;, schreibt Kaczmarczyk (S. 154 f.).<\/p><p><strong>Die Prinzipien der Soziallehre<\/strong><\/p><p>Gleichwohl geht die Soziallehre noch weit &uuml;ber den neoliberalen Freiheitsbegriff hinaus. Das Recht auf Privateigentum etwa ist dort eng mit dem Prinzip der &bdquo;allgemeinen Bestimmung der G&uuml;ter&ldquo; verkn&uuml;pft. Im deutschen Grundgesetz findet sich dieses Prinzip in Artikel 14: &bdquo;Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen&ldquo;, hei&szlig;t es dort. Ferner l&auml;sst sich aus der &bdquo;unverhandelbaren und unteilbaren W&uuml;rde des Menschen&ldquo;, dem Eckpfeiler der katholischen Soziallehre, der &bdquo;Primat des Menschen im Produktionsprozess&ldquo; oder anders formuliert das Prinzip des Vorrangs der Arbeit vor dem Kapital ableiten. Dieses umfasst nicht nur die Forderungen nach einem Recht auf Arbeit, nach humanen Arbeitsbedingungen und einer angemessenen Entlohnung und Verteilung, sondern auch ein System der sozialen Absicherung mit Vollbesch&auml;ftigung als dem &bdquo;Pflichtziel f&uuml;r jede auf Gerechtigkeit und Gemeinwohl ausgerichtete wirtschaftliche Ordnung&ldquo;. (S. 168)<\/p><p><strong>Fazit:<\/strong><\/p><p>In einer Zeit, in der immer mehr Menschen den beiden gro&szlig;en Amtskirchen den R&uuml;cken kehren, mutet es schon etwas verwegen an, ausgerechnet in der christlichen Soziallehre das Leitbild f&uuml;r die k&uuml;nftige Wirtschaftspolitik zu sehen. Dieses Einwands ist sich Kaczmarczyk auch durchaus bewusst. So stellt er etwa fest, dass &bdquo;es trotz zunehmender S&auml;kularisierung und trotz der Glaubw&uuml;rdigkeitsverluste der Kirche das Christentum ist, das unsere Moralvorstellungen gepr&auml;gt hat und einen hohen Einfluss auf unsere gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Institutionen aus&uuml;bte (und weiterhin aus&uuml;bt)&ldquo;. Und weiter schreibt er: &bdquo;Gerade, weil wir uns dessen heute weniger bewusst sind, lohnt es sich meines Erachtens, unsere Sinne daf&uuml;r zu sch&auml;rfen.&ldquo; (S. 136)<\/p><p>Das kann man durchaus so sehen, und nimmt man nun auch noch die Zeit vor dem Jahr 2020 zum Ma&szlig;stab, dann hat Kaczmarczyk auch durchaus ein sch&ouml;nes Buch mit einem interessanten und wichtigen Inhalt geschrieben. Gleichwohl weist sein Werk aber auch eine markante Leerstelle auf. Denn Kaczmarczyk schreibt und doziert viel &uuml;ber Krisen, vor allem &uuml;ber die soziale und &ouml;kologische, die aktuelle Krise von Rechtsstaat und Demokratie sowie eines sich immer autorit&auml;rer geb&auml;rdenden Staates kommt in seinem Buch jedoch irgendwie gar nicht vor.<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/2f6fb27f3a744a91b564143348081224\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Die herrschenden Ideen einer Zeit waren stets nur die Ideen der herrschenden Klasse&ldquo;, schrieb Karl Marx im &bdquo;Kommunistischen Manifest&ldquo;. Und auch der britische Star&ouml;konom John Maynard Keynes wusste um die Macht der Ideen. 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