{"id":117962,"date":"2024-07-14T12:00:11","date_gmt":"2024-07-14T10:00:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=117962"},"modified":"2024-07-23T11:04:37","modified_gmt":"2024-07-23T09:04:37","slug":"sachbuch-frieden-sichern-versuch-einer-anleitung-zum-pazifistischen-denken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=117962","title":{"rendered":"Sachbuch \u201eFrieden? Sichern!\u201c \u2013 Versuch einer Anleitung zum pazifistischen Denken"},"content":{"rendered":"<p>In Deutschland ist neuerdings von &bdquo;Kriegst&uuml;chtigkeit&ldquo; und &bdquo;Wehrf&auml;higkeit&ldquo; die Rede. Im Trash-TV laufen Serien, die sich um den Alltag bei der Bundeswehr drehen. In den Nachrichtenprogrammen des &ouml;ffentlich-rechtlichen Fernsehens werden Jugendliche interviewt, die mit ernster Miene beteuern, dass sie ihr Land auf jeden Fall mit der Waffe verteidigen w&uuml;rden. Der Krieg ist en vogue, zumindest dem &ouml;ffentlichen Narrativ nach. Wer sich f&uuml;r Frieden ausspricht oder gegen Waffenlieferungen, gilt hingegen als Lumpenpazifist. Pazifistisches Denken scheint veraltet sein. Dieses Gef&uuml;hl hat auch der &Ouml;konom und Soziologe <strong>Heinz Klippert<\/strong>, der ein Buch vorgelegt hat, mit dem er es wieder st&auml;rken m&ouml;chte. <a href=\"https:\/\/westendverlag.de\/Frieden-Sichern\/2072\">&bdquo;Frieden? Sichern!&ldquo;<\/a> hei&szlig;t es und kommt als &bdquo;Anleitung zur Belebung pazifistischen Denkens&ldquo; daher. Eine Rezension von <strong>Eugen Zentner<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<em>Schauen Sie sich bitte dazu auch die beiden Teile (<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=111664\">Teil 1<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=111781\">Teil 2<\/a>) des Gespr&auml;chs zwischen Heinz Klippert und dem NachDenkSeiten-Herausgeber Albrecht M&uuml;ller an.<\/em><\/p><p>Bis Klippert diesen Leitfaden pr&auml;sentiert, sind knapp 200 Seiten zu lesen. Der Autor liefert zun&auml;chst einen geschichtlichen Abriss, um zu zeigen, wie sich nach dem Zweiten Weltkrieg pazifistisches Denken zun&auml;chst ausbreitete und schlie&szlig;lich durch Kriegstreiberei ersetzt wurde. Er skizziert die Verdienste Gandhis oder die Entspannungspolitik Willy Brandts, er erinnert an das Credo der in den 1960er-Jahren entstandenen Friedensbewegung, er zitiert aus der UN-Charta und kritisiert die Vereinten Nationen daf&uuml;r, dass sie Anspruch und Wirklichkeit nur selten &uuml;berzeugend zusammenbringen. Als Kontext zu der gegenw&auml;rtigen Stimmung ist dieser erste Teil durchaus lesenswert. Allerdings zeigen sich schon hier Schw&auml;chen, die sich durch das ganze Buch ziehen.<\/p><p>Nicht nur, dass Klippert durchgehend in allen verf&uuml;gbaren Formen gendert und beinahe in jedem Satz zahlreiche Substantive aneinanderreiht, er &uuml;bernimmt auch das Mainstream-Wording. So spricht er unter anderem von &bdquo;Russlands Krim-Annexion&ldquo;. Das ist die westliche Sicht, in der unterschlagen wird, dass sich die Bev&ouml;lkerung auf der Insel damals per <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=44539\">Referendum<\/a> f&uuml;r einen Beitritt zur Russischen F&ouml;deration aussprach. Das Buch schwankt zwischen Machtkritik und &Uuml;bernahme offizieller Narrative. Es prangert die Propaganda aus den R&ouml;hren staatlicher Apparate und Leitmedien an, gibt aber zugleich zu erkennen, dass dessen Autor ihr teils selbst aufgesessen ist. Das verdeutlichen Passagen wie diese: &bdquo;Einzig die heraufziehende Klima- und Umweltkatastrophe sorgt in den letzten Jahren wieder f&uuml;r ernsthafte Demonstrationen und andere Formen des zivilen Ungehorsams. Eine neue Friedensbewegung ist daraus allerdings nicht erwachsen.&ldquo;<\/p><p>Das h&ouml;rt sich ein wenig an, als schreibt Klippert im Hysteriemodus der Leitmedien, die auch nur die Fridays-for-Future-Aktionen als einzige &bdquo;ernsthafte&ldquo; Demonstrationen sehen bzw. sehen wollen. Objektiv betrachtet waren die Proteste gegen die Corona-Ma&szlig;nahmen um einiges ernsthafter und gr&ouml;&szlig;er. Und es gab auch schon nicht wenige Friedensdemonstrationen, die wohl gr&ouml;&szlig;te im Februar 2023, als Sahra Wagenknecht in Berlin mehrere Tausend Menschen mobilisierte. Wer nicht teilnahm, waren jene Fridays-for-Future-Aktivisten. Sie waren die Gegendemonstranten, eben weil sie sich an offiziellen Regierungsnarrativen rund um die &bdquo;Klima- und Umweltkatastrophe&ldquo; oder &bdquo;Russlands Krim-Annexion&ldquo; orientieren &ndash; so wie Klippert, der deswegen auch nicht sehen kann, dass abseits der medialen Hofberichterstattung &uuml;ber die Fridays-for-Future-Demonstrationen sich sehr wohl eine Friedensbewegung herausgebildet hat. In der Hauptstadt vergeht kaum ein Monat, ohne dass eine Friedensdemonstration stattfindet. Es gibt Schweigem&auml;rsche, Friedensfeste, Friedenskonzerte und Ausstellungen wie <a href=\"https:\/\/transition-news.org\/make-art-not-war-das-kunstlerkollektiv-iaff-sendet-eine-friedensbotschaft\">&bdquo;Make Art not War&ldquo;<\/a>.<\/p><p>Eine andere Schw&auml;che des Buches zeigt sich vor allem im zweiten Kapitel, wo Klippert die Quellen menschlicher Destruktivit&auml;t und Feindseligkeiten zu benennen versucht, dabei aber den Blick f&uuml;r das Wesentliche verliert. Er stellt humanethologische, individualpsychologische und behavioristische Erkl&auml;rungsans&auml;tze vor, rekurriert auf Konrad Lorenz, Sigmund Freud und Erich Fromm. In einem wissenschaftlichen Stil fasst er lediglich die theoretischen Modelle zusammen, ohne eine befriedigende Antwort darauf zu liefern, was nun wirklich die Quellen menschlicher Feindseligkeit sind. Schon &uuml;berzeugender klingen seine Erkl&auml;rungen, wenn er soziologische Faktoren heranzieht. Klippert geht in diesem Zusammenhang auf den gesteigerten Inszenierungsdrang in den sozialen Medien ein, auf die wettbewerbsgepr&auml;gte Arbeitswelt, auf den Verlust sozialer Kompetenzen oder auf die verrohten Umgangsformen in Talkshows oder Parlamenten. All das tr&auml;gt tats&auml;chlich dazu bei, dass pazifistisches Denken zunehmend verk&uuml;mmert.<\/p><p>Allerdings irritiert Klippert dann wieder mit Passagen, in denen er ausgerechnet Politiker wie Bundeskanzler Olaf Scholz als Autorit&auml;ten heranzieht. Dieser habe die skizzierte Fehlentwicklung in seiner Regierungserkl&auml;rung vom 16. Dezember 2021 &bdquo;mit klaren Worten&ldquo; moniert, hei&szlig;t es: &bdquo;Darin ermahnte er alle Politiker- und Bundesb&uuml;rger:innen, dass unsere Gesellschaft mehr Respekt brauche.&ldquo; Gerade den Sonntagsredner Scholz f&uuml;r einen Beleg der gegenw&auml;rtigen Fehlentwicklung heranzuziehen, ist so naiv wie ersch&uuml;tternd. Was dieser verlautbart, hat absolut keine Relevanz, weil es sich &uuml;berwiegend um nichtssagende und oftmals heuchlerische Floskeln handelt. Scholz, der zu mehr Respekt aufruft, war es doch, der zusammen mit anderen Politik-Protagonisten Ma&szlig;nahmenkritiker und Ungeimpfte nicht nur diffamierte, sondern auch vom &ouml;ffentlichen Leben ausgrenzte. Er scheut sich auch nicht, politische Gegner scharf anzugreifen, ohne dem eigenen Aufruf zu mehr Respekt zu folgen.<\/p><p>Hier liegt auch der Kern der Sache. Gesellschaftliche Spannungen und Kriege sind politisch gewollt, eben weil es sich um ein gro&szlig;es Gesch&auml;ft handelt. Erinnert sei an Scholz&lsquo; Auftritt beim Spatenstich f&uuml;r eine neue Munitionsfabrik des R&uuml;stungskonzerns Rheinmetall. Dieser erh&auml;lt jetzt &uuml;ppige Summen aus der Steuergeldkasse und kann seine Profite steigern. Begr&uuml;ndet wird dies mit dem Krieg in der Ukraine, den auch die Bundesregierung am Laufen h&auml;lt, indem sie Kiew fortw&auml;hrend neue Waffen liefert. Und wer sind die Haupteigner von R&uuml;stungskonzernen wie Rheinmetall? Institutionelle Anleger, allen voran Verm&ouml;gensverwalter wie BlackRock und Vanguard. Diese halten auch die meisten Anteile an Medienkonzernen und PR-Agenturen, mit denen die Kriegsstimmung gesch&uuml;rt wird. Wenn man also nach den Quellen menschlicher Feindseligkeit sucht, sind sie eher hier zu finden.<\/p><p>Die Kriegsprofiteure vom Schlage BlackRock und Vanguard d&uuml;rften sich ins F&auml;ustchen lachen, wenn ihnen ein solcher Leitfaden f&uuml;r pazifistisches Denken pr&auml;sentiert wird, wie ihn Klippert in seinem Hauptteil vorstellt. Dort r&auml;t er zur Empathie, zum Perspektivenwechsel, &bdquo;anderen aufmerksam zuzuh&ouml;ren&ldquo;, &bdquo;andere Sichtweisen zu akzeptieren, verst&auml;ndnissuchend nachzufragen&ldquo;, &bdquo;Vorurteile abbauen&ldquo;. Das klingt nicht nur banal, sondern auch wie ein schn&ouml;des Ratgeberbuch im Ramschsegment. Mit bahnbrechenden Erkenntnissen kann das Buch jedenfalls nicht aufwarten, daf&uuml;r mit sehr viel Idealismus. &bdquo;Reflektierter Pazifismus&ldquo;, schreibt Klippert, &bdquo;verlangt (&hellip;) m&ouml;glichst tiefgreifende Reflexions- und Kl&auml;rungsprozesse in Sachen Kriegsvermeidung, Entspannungspolitik, Diplomatie, Interessenausgleich und internationale V&ouml;lkerverst&auml;ndigung. Von daher muss es Lehrende, Lernende und Lernsituationen geben, die eine derartige Reflexions- und Kl&auml;rungsarbeit erm&ouml;glichen beziehungsweise sicherstellen.&ldquo;<\/p><p>Dieser Impetus ist zwar l&ouml;blich, macht den Brei aber nicht fett. Da hilft es auch nicht, Lehrern einen Leitfaden f&uuml;r den Schulunterricht zu geben, wie es der Autor tut. Diese m&uuml;ssen sich an Lehrpl&auml;ne halten, die wiederum von staatlicher Propaganda und offiziellen Narrativen durchtr&auml;nkt sind. Schulen geh&ouml;ren nicht erst seit Louis Althusser zu den ideologischen Staatsapparaten, genauso wie die Universit&auml;ten, wo bereits jene Lehrer indoktriniert worden sind, auf die Klippert abzielt. Zun&auml;chst m&uuml;sste man also sie zum pazifistischen Denken anleiten. Um dieses schlie&szlig;lich auch allgemein zu etablieren, bedarf es eines Eingriffs an der Wurzel &ndash; also am System. Dem Krieg muss die kommerzielle Grundlage entzogen werden. Dann w&uuml;rde er seinen Reiz ganz schnell verlieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Deutschland ist neuerdings von &bdquo;Kriegst&uuml;chtigkeit&ldquo; und &bdquo;Wehrf&auml;higkeit&ldquo; die Rede. Im Trash-TV laufen Serien, die sich um den Alltag bei der Bundeswehr drehen. In den Nachrichtenprogrammen des &ouml;ffentlich-rechtlichen Fernsehens werden Jugendliche interviewt, die mit ernster Miene beteuern, dass sie ihr Land auf jeden Fall mit der Waffe verteidigen w&uuml;rden. 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