{"id":117989,"date":"2024-07-12T12:00:40","date_gmt":"2024-07-12T10:00:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=117989"},"modified":"2024-07-12T12:36:47","modified_gmt":"2024-07-12T10:36:47","slug":"verkuendigung-das-evangelium-des-schreckens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=117989","title":{"rendered":"Verk\u00fcndigung: Das Evangelium des Schreckens"},"content":{"rendered":"<p>Wahre Erz&auml;hlung einer Religionsstiftung, aus ehrlicher Binnenschau berichtet von ihrem selbst erkrankten Propheten, das tiefste Geheimnis zur Erhebung der Elenden verratend. Zugeeignet den guten Deutschen, diesen treuesten Gl&auml;ubigen jeglichen Glaubens. Aufgezeichnet in der Hauptstadt der Verk&uuml;ndigung im Jahre 18 der Energiewende, im neunten Jahr der Geschlechter- und Vielfaltsverhauptstromung, im vierten Jahre des normalen Ausnahmezustands. Eine <strong>Satire <\/strong>von <strong>Michael Andrick<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9587\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-117989-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240712_Das_Evangelium_des_Schreckens_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240712_Das_Evangelium_des_Schreckens_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240712_Das_Evangelium_des_Schreckens_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240712_Das_Evangelium_des_Schreckens_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=117989-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240712_Das_Evangelium_des_Schreckens_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"240712_Das_Evangelium_des_Schreckens_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Mir schwante, als ich mich eines flauen Morgens in der Welt umsah und ihr Leid sah und meines Mitleidens leid war, es w&auml;re f&uuml;r euch alle doch am allerbesten, ihr w&uuml;rdet mich nicht nur h&ouml;ren, sondern mir auch einfach gehorchen. Und so beschloss ich also, eine Religion zu begr&uuml;nden &ndash; eine neue Frohe Botschaft, um nicht nur euch, sondern auch mich selbst endg&uuml;ltig froh zu machen.<\/p><p>Der Gehorsam, nach dem ich aus Mitleid an diesem Morgen verlangte, war nicht ein &bdquo;Na gut&hellip;&ldquo;- Gehorsam, kein kleiner Gehorsam, wie meine Kinder ihn mir erweisen, bis meine Frau dann doch &bdquo;Ja&ldquo; sagt; kein h&ouml;flicher Scheingehorsam wie der meiner Freunde, wenn sie sich meine Ratschl&auml;ge zwar anh&ouml;ren und &bdquo;Jaja, danke&ldquo; murmeln, aber dann doch weiter teilerleuchtet, zwar nun informiert, aber doch nicht reformiert durch ihr Leben stolpern. <\/p><p>Nein, ich meine, es w&auml;re f&uuml;r euch alle am allerbesten, ihr w&uuml;rdet mir so richtig gehorchen &ndash; also in der Form, dass ihr, sobald ihr etwas aus meinem Munde vernehmt, in eine Art sch&uuml;chterne Habachtstellung verfallt, nerv&ouml;s um euch blickt, den Kopf etwas einzieht, um schuldbewusste Furcht vor Nackenschl&auml;gen anzudeuten, und entschlossen das ausf&uuml;hrt, was ich euch zu Geh&ouml;r bringe. <\/p><p>&Uuml;berhaupt, H&ouml;ren, das Geh&ouml;r, hier liegt das ganze Problem mit der Umsetzung meines Plans, aus eurem H&ouml;ren Gehorsam zu machen und endlich zu herrschen, wie es sich f&uuml;r einen Philosophen, nun ja, geh&ouml;rt: Gehorchen kommt ja von Geh&ouml;r, und das Geh&ouml;r des Gehorsamen muss ein feines sein. Sonst kann es die eingehenden Befehle missverstehen, oder sein Inhaber k&ouml;nnte sie sogar, weil er vielleicht die Einsicht in die Notwendigkeit nicht hat oder sie einfach nicht leiden mag, die geh&ouml;rten Anweisungen durch das ersetzen, was er lieber geh&ouml;rt haben m&ouml;chte&hellip; <\/p><p>Was kann ich also sagen, um bei einem m&ouml;glicherweise widerspenstigen, fahrigen und eigenwilligen Geh&ouml;r durchzudringen und nicht nur H&ouml;ren, sondern Gehorsam zu erreichen? Dies ist keine Kleinigkeit, es handelt sich um ein R&auml;tsel ersten Ranges, ja vielleicht um das &auml;lteste und das eigentliche Problem der Politik: Sagen kann man viel, wie aber effektiv befehlen? <\/p><p>Ich wei&szlig; wie. Und gegen lachhaftes Entgelt plane ich, das demn&auml;chst in einer erweiterten Freiberuflichkeit als Prophet auch zahlenden Kunden mitzuteilen &ndash; was mich in einem Land, wo man das Gutsein auch ohne G&uuml;te liebt und den Gehorsam des Guten der guten Sache jederzeit vorzieht, sehr bald zum, wenn ich so sagen darf, gehorchtesten Guru der ehemaligen Republik machen wird, die damit H&ouml;rerkreis um H&ouml;rerkreis anwachsend zu einer Gemeinschaft neuen Glaubens, meines neuen Glaubens werden muss. <\/p><p>Das Geheimnis der anstehenden Verk&uuml;ndigung des neuen Glaubens l&uuml;fte ich euch gern und gelassen, denn ihr werdet es nicht verstehen k&ouml;nnen; es ist zu einfach f&uuml;r euch: Wer will, dass ihm alle gehorchen, der braucht etwas Drastisches, etwas Kategorisches, etwas Unheimliches, etwas &Uuml;berw&auml;ltigendes, in dessen Namen sich dann dies und jenes, ja eigentlich alles einsch&uuml;chternd befehlen l&auml;sst. Die neue Verk&uuml;ndigung muss immer die eines Schreckens sein.<\/p><p>Waren die alten Propheten noch Propheten durch ihre Autorit&auml;t von Gott, so bin ich euer Prophet durch die Autorit&auml;t des Schreckens, dem ich das Wort f&uuml;hre. Wer will, dass alle ihm gehorchen, der muss den Mitmenschen einen Schrecken in die Seele senken und sich dabei sogleich als sein Kenner, sein B&auml;ndiger, sein &Uuml;berwinder ins grelle Rampenlicht stellen &ndash; denn ein neuer Schrecken macht einen Lichtkegel und schw&auml;rzt alles umher; diese helle Insel im schwarzen Unbehagen ist die Kanzel der Verk&uuml;ndigung eines neuen Glaubens. Hier muss der Prophet auftreten und allein sprechen: &bdquo;Vertraut mir, dem Einzigen, den ihr jetzt noch seht, dem, der einsam vor euch steht.&ldquo;<\/p><p>Man entm&uuml;ndigt sich immer zugunsten des Mundes eines anderen, in diesem Falle zugunsten meines Mundes, der so allein noch sprechen wird, wie es der Schrecken, die Katastrophe, verlangt, d.h. der befehlen wird. Wer n&auml;mlich allein noch sprechen kann, der wird auch allein noch geh&ouml;rt, und der befiehlt. <\/p><p>Nun k&ouml;nntet ihr fragen, wenn ihr es euch trautet, ganz leise, zwischen euren eingezogenen Schultern schr&auml;g aufblickend zu meiner Kanzel im hellen Lichte, wie es denn komme &hellip; also warum es denn jetzt sein m&uuml;sse &hellip; also woher ich denn genau wisse, dass da nun eine Katastrophe kommt. Schlie&szlig;lich m&uuml;sse das ja vielleicht auch jemand anderem auffallen k&ouml;nnen, und das sei ja nun nicht der Fall, man lebe ja noch gerade so wie bisher und zu essen g&auml;be es ja auch noch und Wasser &hellip; und so. <\/p><p>W&uuml;rdet ihr so fragen, so w&uuml;rde ich allerdings einschreiten, nein, einsprechen und die ganze st&auml;hlerne Logik des Schreckens-Evangeliums im hellen Lichte meiner Kanzel offenbaren. Ich spr&auml;che zu euch dann also: <\/p><p>&bdquo;Meine Br&uuml;der! Wo das Ende naht, da ist Not, und damit die Not nicht herrsche, braucht es ein Gebot, und da in der Not weder Zeit noch F&auml;higkeit zu denken ist, kann dieses Gebot nur befohlen und ihm muss dann gehorcht werden. Und fragt ihr mich, meine Br&uuml;der, wer berufen sei, das Gebot der Not euch zu verk&uuml;nden, dass ihr ihm gehorchen und gerettet werden k&ouml;nnt, so sage ich euch: Nur einen kann es geben, der wei&szlig;, was in der Not zu tun ist, und das ist der, der die Not, die dr&auml;uende Katastrophe erkannt hat und sie euch deshalb aus Liebe laut ausruft, um euch zu warnen und euch vor dem Untergang zu retten.<\/p><p>Denn h&auml;ttet ihr die Katastrophe erkannt, die euch droht, so h&auml;tte es meiner nicht bedurft, euch eure Not zu verk&uuml;nden. Und da ich eure Not nun aber erkannt habe und sie euch verk&uuml;nde, so habt ihr mir zu gehorchen, ihr Armen! Amen.&ldquo; <\/p><p>Und so machte ich aus meinen H&ouml;rern Gehorsame, die sich fr&ouml;hlich und dankbar f&uuml;r mich entm&uuml;ndigten und das auch immer noch jeden Tag, bei jeder neuen Predigt des Schreckens-Evangeliums, aufs Neue tun. Ich liebe alle Menschen, aber besonders meine deutschen H&ouml;rer, die Gehorsamen jedes Glaubens, den man ihnen zur Befolgung darbietet, und so auch des meinen.<\/p><p><em><strong>Autoreninfo:<\/strong> Michael Andrick ist promovierter Philosoph und Kolumnist der Berliner Zeitung. Er lebt in Berlin und publiziert u.a. in Freitag, Cicero und Weltwoche. Sein aktuelles Buch &bdquo;Im Moralgef&auml;ngnis&ldquo; wurde ein Spiegel-Bestseller.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wahre Erz&auml;hlung einer Religionsstiftung, aus ehrlicher Binnenschau berichtet von ihrem selbst erkrankten Propheten, das tiefste Geheimnis zur Erhebung der Elenden verratend. Zugeeignet den guten Deutschen, diesen treuesten Gl&auml;ubigen jeglichen Glaubens. Aufgezeichnet in der Hauptstadt der Verk&uuml;ndigung im Jahre 18 der Energiewende, im neunten Jahr der Geschlechter- und Vielfaltsverhauptstromung, im vierten Jahre des normalen Ausnahmezustands. 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