{"id":118,"date":"2005-07-06T15:17:00","date_gmt":"2005-07-06T14:17:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=118"},"modified":"2016-03-13T08:01:02","modified_gmt":"2016-03-13T07:01:02","slug":"neoliberales-modell-usa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=118","title":{"rendered":"Neoliberales Modell USA?"},"content":{"rendered":"<p>Von Joachim Jahnke.<br>\n<!--more--><br>\nNeben Gro&szlig;britannien, das Tony Blair als Beispiel f&uuml;r Europa verkauft, preisen die Neoliberalen in Deutschland vor allem die USA als Vorbild f&uuml;r ein erstrebenswertes Wirtschaftssystem an. In der Tat breitet sich dieses System immer st&auml;rker um den Globus herum aus, wobei ihm in j&uuml;ngerer Zeit besonders mehrere EU-Beitrittsl&auml;nder zugewachsen sind und damit das neoliberale Element in der EU weiter st&auml;rken. Die Entwicklung dieses Modells in den USA verlief ziemlich natlos &uuml;ber die Monetaristen mit Milton Friedman von der sogenannten Chicago School, der den staatlichen Einflu&szlig; dezimieren wollte und sich f&uuml;r einen &bdquo;laissez-faire Kapitalismus&rdquo; einsetzte, die verschiedenen Angebotstheoretiker, Reagonomics, Clintons &bdquo;New Democrats&rdquo; bis zu den heute tonangebenden rechtskonservativen Bush-Republikanern, die sich das Ziel einer weltweiten Verbreitung ihres neoliberalen Konzepts gesetzt haben. Dabei stammen die keine Sozialbindung kennenden amerikanischen Eigentumsvorstellungen noch aus der Siedlerzeit und haben sich neuerdings mit dem religi&ouml;sen Fundamentalismus vermengt.<\/p><p>Wie bei Gro&szlig;britannien bewundern die deutschen Anh&auml;nger das geringe Niveau an Arbeitslosigkeit &ndash; meist jedoch ohne die vielen Schattenseiten der wirtschaftlichen und sozialen Verh&auml;ltnisse zu hinterfragen. Hierzu einige kritische Schlaglichter:<\/p><p><strong>I. Wachsende Ungleichheit und private sowie &ouml;ffentliche Verschuldung<\/strong><\/p><p>Die USA haben die bei weitem gr&ouml;&szlig;te Ungleichheit in der Einkommensverteilung unter allen hochentwickelten Industriel&auml;ndern. Der Vergleich zu Deutschland f&auml;llt sehr deutlich aus: in den USA ist der Unterschied zwischen dem Anteil am Gesamteinkommen der 10 % Spitzeneinkommen und dem der 10 % untersten Einkommen mehr als doppelt so gro&szlig; (Abb. 12009). Das obere F&uuml;nftel monopolisiert etwa die H&auml;lfte aller Einkommen (Abb. 12010). Da kann es nicht &uuml;berraschen, wenn die Federal Reserve in &ldquo;Recent Changes in U. S. Family Finances&rdquo; auch ein ungleiches Anwachsen der Verm&ouml;gen feststellt, n&auml;mlich in der Gruppe der 10 % Spitzeneinkommen zwischen 1992 und 2001 um mehr als 90 %. Das eine Prozent der Familien an der Spitze besa&szlig; bereits 30 % aller Verm&ouml;genswerte, die obersten 10 % sogar 65 % (Wert f&uuml;r Deutschland: 47 %). Der Trend zu immer mehr Ungleicheit d&uuml;rfte sich in den letzten Jahren fortgesetzt haben, zumal sich die Aktienm&auml;rkte inzwischen wieder erholt haben. Symptomatisch daf&uuml;r ist der Anstieg der Zahl der Million&auml;re in 2004 um 10 %. Dagegen galten bei 36 Millionen Armen im Jahr 2003 18 % aller Kinder als arm.<\/p><p><img decoding=\"async\" class=\"img_border\" src=\"upload\/bilder\/laender_050706_12009.gif\" alt=\"Einkommensverteilung (Verh&auml;ltnis der Einkommen der Spitzenverdiener zu dem der Niedrigstverdienenden\" title=\"\"><\/p><p><img decoding=\"async\" class=\"img_border\" src=\"upload\/bilder\/laender_050706_12010.gif\" alt=\"Einkommensverteilung in USA\" title=\"\"><\/p><p>Seit Jahren w&auml;chst die private und &ouml;ffentlichen Verschuldung steil an &ndash; Reflex eines Landes, das weit &uuml;ber seine Verh&auml;ltnisse lebt (siehe Abb. 0301). Die private Verschuldung baut auf dem von einer enormen Hauspreisblase abgeleiteten angeblichen Reichtum auf (siehe hier). Der Immobilienboom ist der gr&ouml;&szlig;te in der amerikanischen Geschichte, aber wie lange h&auml;lt er an und wann platzt die Blase? Wenn sich der bisherige Trend von 2005 fortsetzt, wird die &ouml;ffentliche und private Verschuldung der USA Ende 2005 auf Jahresbasis umgerechnet den astronomischen Betrag von etwa 26.000 Milliarden US$ erreichen; das ergibt etwa 186.000 US$ f&uuml;r jeden Besch&auml;ftigten in den USA. Die &ouml;ffentliche Verschuldung lag Ende Mai 2005 mit 7.778 Milliarden US$ um mehr als 8 % h&ouml;her als ein Jahr vorher (d.h. weit &uuml;ber dem nach dem EU-Stabilit&auml;tspakt fuer die Europartner erlaubten Wert). Die Lage des amerikanischen Haushalts hat sich dabei von einer &Uuml;berschu&szlig;position noch im Jahre 2001 in ein gewaltiges Defizit von &uuml;ber 400 Milliarden Dollar in 2004 gewandelt, das in 2005 weiter auf etwa 425 Milliarden Dollar anwachsen soll (siehe Abb. 03001).<\/p><p><img decoding=\"async\" class=\"img_border\" src=\"upload\/bilder\/laender_050706_0301.gif\" alt=\"Private und &ouml;ffentliche Verschuldung der USA\" title=\"\"><\/p><p><img decoding=\"async\" class=\"img_border\" src=\"upload\/bilder\/laender_050706_03001.gif\" alt=\"Haushaltssaldo der USA\" title=\"\"><\/p><p>Das amerikanische Handelsdefizit ist bereits in die j&auml;hrliche Gr&ouml;&szlig;enordnung von &uuml;ber 700 Milliarden Dollar explodiert, und der negative Trend hat sich bisher trotz Dollarabwertung nur wenig abgeschw&auml;cht (siehe Abb. 0302). Das Leistungsbilanzdefizit insgesamt bewegt sich auf 6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu (siehe Abb. 1208). Um dieses enorme Defizit zu finanzieren, sind die USA zum gr&ouml;&szlig;ten Kapitalimportland der Welt geworden.<\/p><p><img decoding=\"async\" class=\"img_border\" src=\"upload\/bilder\/laender_050706_0302.gif\" alt=\"US Handelsbilanz (Monatsdurchschnitte)\" title=\"\"><\/p><p><img decoding=\"async\" class=\"img_border\" src=\"upload\/bilder\/laender_050706_1208.gif\" alt=\"Leistungsbilanzen 2000 - 2004 in Prozent BSP US Dollar\" title=\"\"><\/p><p><strong>II. Krise der Sozialsysteme<\/strong><\/p><p>45 Millionen Menschen oder fast 16 Prozent haben keinerlei Krankenversicherung &ndash; ein Anstieg um acht Millionen Menschen im wesentlichen aus der Amtszeit Pr&auml;sident Clintons. Die staatliche Altersversorgung deckt nur etwa die H&auml;lfte der Alterseinkommen. Wie in Gro&szlig;britannien sind weitgehend private Pensionssysteme der Unternehmen an die Stelle staatlicher Vorsorge getreten. Die haben dann zwei Drittel des Kapitals in Aktien investiert. Im Durchschnitt basieren die Systeme auf der Annahme eines boomenden Aktienmarktes mit j&auml;hrlichen Ertr&auml;gen auf das angesammelte Verm&ouml;gen von fast neun Prozent, w&auml;hrend tats&auml;chlich in den vergangenen Jahren nur wenig mehr als ein Prozent erzielt wurde. Der Staat betreibt zus&auml;tzlich eine teilweise staatliche R&uuml;ckversicherung dieser privaten Systeme, um wenigstens Mindestzahlungen zu sichern; sie steht allerdings in keinem Verh&auml;ltnis zu der wachsenden Unterdeckung der privaten Pensionssysteme. Da andererseits nur wenig mehr als die H&auml;lfte der Amerikaner Ersparnisse f&uuml;r die Rentenzeit ansammelt, braut sich hier ein enormes Problem zusammen.<\/p><p><strong>III. Entindustrialisierung und Arbeitszeitausbeutung<\/strong><\/p><p>Der Anteil von Industriearbeit liegt nach st&auml;ndigem R&uuml;ckgang nur noch bei knapp 11 % (Abb. 12011). An die Stelle hochqualifizierter Industriebesch&auml;ftigung ist viel st&auml;rker noch als in Deutschland und Frankreich eine Berufsstruktur getreten, die von &ndash; oft niedrig bezahlten &ndash; Dienstleistungsjobs und Teilzeitarbeit mit h&auml;ufigem Berufswechsel (&ldquo;hire and fire&rdquo;) bestimmt ist. Die amerikanische Wirtschaftsleistung beruht vor allem auf einem sehr hohen Niveau von Wochen-, Jahres- und Lebensarbeitszeit. Die durchschnittliche Jahresarbeitszeit &uuml;bersteigt die deutsche oder franz&ouml;sische um mehr als 1\/3 oder 452 Stunden (Abb. 12012).<\/p><p><img decoding=\"async\" class=\"img_border\" src=\"upload\/bilder\/laender_050706_12011.gif\" alt=\"Anteil der Industrie an der Besch&auml;ftigung\" title=\"\"><\/p><p><img decoding=\"async\" class=\"img_border\" src=\"upload\/bilder\/laender_050706_12012.gif\" alt=\"Arbeitsstunden pro Jahr der Besch&auml;ftigten\" title=\"\"><\/p><p><strong>IV. &Ouml;ffentliche Infrakstuktur<\/strong><\/p><p>Die &ouml;ffentliche Infrastruktur ist vor allem im Gesundheitswesen und bei normalen, nicht-privilegierten Schulen, erheblich schlechter als in Deutschland oder Frankreich. Das gilt vor allem f&uuml;r die Ausstattung mit Krankenhausbetten und &Auml;rzten (Abb. 12013).<\/p><p><img decoding=\"async\" class=\"img_border\" src=\"upload\/bilder\/laender_050706_12013.gif\" alt=\"Krankenhausbetten und &Auml;rzte pro 100.000 Einwohner\" title=\"\"><\/p><p><strong>V. Kriminalit&auml;t<\/strong><\/p><p>Die sozialen Diskrepanzen haben zum Entstehen einer Unterklasse und in der Folge eines Justizsystems beigetragen, das sich nicht zuletzt in einer unter westlichen Industriel&auml;ndern einmalig hohen Gef&auml;ngnisbev&ouml;lkerung dokumentiert, die im Vergleich zu Deutschland per 100.000 Einwohner achtmal h&ouml;her liegt.<\/p><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.jjahnke.net\" title=\"Externer Link zu www.jjahnke.net\">www.jjahnke.net<\/a><br>\nDies ist eines der Schwerpunktthemen auf der Webseite von Joachim Jahnke zum Buch &ldquo;Deutschland global: Mit falschen Rezepten in die Globalisierung&rdquo;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Joachim Jahnke.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,149,132,174],"tags":[499,1803,288,325,291],"class_list":["post-118","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-gesundheitspolitik","category-ungleichheit-armut-reichtum","category-usa","tag-handelsbilanz","tag-jahnke-joachim","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-staatsschulden","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/118","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=118"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/118\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32051,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/118\/revisions\/32051"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=118"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=118"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=118"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}