{"id":118170,"date":"2024-07-16T08:00:49","date_gmt":"2024-07-16T06:00:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=118170"},"modified":"2024-07-16T11:04:35","modified_gmt":"2024-07-16T09:04:35","slug":"entzauberung-von-einem-ohne-zauber-thorsten-teichert-ueber-den-einstigen-weggefaehrten-olaf-scholz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=118170","title":{"rendered":"Entzauberung von einem ohne Zauber &#8211; Torsten Teichert \u00fcber den einstigen Weggef\u00e4hrten Olaf Scholz"},"content":{"rendered":"<p>Von Hermann Hesse stammt: &bdquo;Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne&ldquo;. F&uuml;r diese For-ever-young-Faszination giert der greisenhafte Imperialismus st&auml;ndig nach &bdquo;Neuanf&auml;ngen&ldquo; &ndash; wie der Teufel nach der armen Seele. Dazu inszeniert er sich unter Zauber-Fl&ouml;ckchen als B&auml;umchen-wechsel-dich. Mit Themen, Parteinamen Parlamenten und Gesichtern. Wozu er sich in den Siebzigern beim 68er Reservoir von Jungen Liberalen und Jungsozialisten bediente. Sp&auml;ter bei gr&uuml;nen Terroristen (wie Joschka Fischer). F&uuml;r seine Tapetenwechsel w&uuml;rde der Imperialismus auch schnell und ohne Skrupel auf AfD- und BSW-Kader zur&uuml;ckgreifen, soweit dort nur genug Charakterlosigkeit und Koalitionsbereitschaft f&uuml;r die bew&auml;hrten Kriegs- und Renditetreiber in CDU, SPD und FDP eingeschliffen werden k&ouml;nnen. Wozu das System ja seinen &bdquo;nachrichtendienstlich-medialen Komplex&ldquo; unterh&auml;lt (auch gelegentlich &bdquo;tiefer Staat&ldquo; genannt). Eine Buchbesprechung von <strong>Diether Dehm<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nInsofern schreibt der Autor &uuml;ber den Kanzler als eigentlich einem &bdquo;Ausnahmetalent&ldquo;. Einem, der keinen Neuanfang je k&uuml;ndete und dem darum auch nie Zauber innewohnte. Als Hamburger Genosse beobachtete Teichert, n&auml;mlich von der Spitze der Handelskammer, als Chef der Filmf&ouml;rderung und als Leiter des B&uuml;rgermeisterb&uuml;ros von Dohnanyi, die gemeine SPD-Diagonalkarriere des Olaf Scholz &bdquo;von links unten nach rechts oben&ldquo;. Vom Juso-Hochkrabbler zum Steuerverk&uuml;rz-Manager, vom &bdquo;Hardcore-Leninisten&ldquo; (mit schweren Marx-Wissensl&uuml;cken) bis zum Regierungschef (mit Cum-Ex-Erinnerungsl&ouml;chern) &ndash; bis tief in den Abtritt der SPD.<\/p><p>Von Tony Blair &uuml;ber Gerhard Schr&ouml;der spannt Teichert den parteigeschichtlichen Bogen bei der strategischen Entsorgung der Arbeiterbewegung als radikaldemokratischer Hauptst&uuml;tze innerhalb moderner Klassengesellschaften (sogar bis hin zur nahezu gesamten europ&auml;ischen Linken heute). Statt marktradikaler Essays lieferte Scholz zum sozialdemokratischen Niedergang eher Schweigen und Grinsen. Deren Funktion Teichert jetzt mit k&ouml;stlichem Spott verarbeitet.<\/p><p>Handfest geht das Buch im Kapitel &bdquo;Hamburg, seine Perle. Pannen und Skandale in der selbstzufriedenen Stadt&ldquo; zur Sache. Die exquisite Fingerfood-Gastronomie der Hansemetropole d&uuml;rfte, wenn man Teichert folgt, eine der Brutst&auml;tten f&uuml;r jene elit&auml;re Wokeness gewesen sein, die Sahra Wagenknecht sp&auml;ter in ihrem Buch &bdquo;Die Selbstgerechten&ldquo; kulinarisch karikiert hat. <\/p><p>In Hamburg konvertierte Scholz vom Friedensaktivisten des &bdquo;Krefelder Appells&ldquo; zum Macher des 100-Milliarden-Sonderverm&ouml;gens der Bundeswehr, vom NATO-Gegner zum Anf&uuml;hrer der aktuellen Weltkriegs-Koalition von Ampel bis Merz. Gescheiterte Sozialwohnprojekte, eingefrorene Grundschulzeiten, aufbl&uuml;hende anachronistische Gymnasien sowie Bauruinen pflastern seinen Weg nach oben. Und nat&uuml;rlich auch, von Teichert haarklein nachgezeichnet: der als &bdquo;Kurzer Olaf&ldquo; im Volksmund verulkte Elbtower. Ausgerechnet der &ouml;sterreichische Milliardenbetr&uuml;ger Rene Benko &bdquo;sollte nun dieses dauerhafte Denkmal f&uuml;r Olaf Scholz an den Hamburger Elbbr&uuml;cken bauen. Was nur treibt Scholz zu solchen Typen?&ldquo; (Teichert).<\/p><p>Der Autor ist Unternehmer, betreibt den hochinformativen Podcast &bdquo;Follow the Money&ldquo;. So geht er immer auch den &ouml;konomischen Tatbest&auml;nden auf den Grund. Die von Olaf Scholz 2017 als Erstem B&uuml;rgermeister eingeweihte &bdquo;Elbphilharmonie&ldquo; war 2003 noch mit 77 Millionen Euro taxiert, stieg schlie&szlig;lich auf 866 und dann vermutlich auf eine Milliarde. Die Baustelle hatte Scholz 2011 nur teilweise geerbt. Teichert: &bdquo;Er bezahlte einfach alles &ndash; Schuldenbremse hin oder her &ndash; was Hochtief gefordert hatte. Die Bazooka hatte er immer schon im Gep&auml;ck.&ldquo;<\/p><p>Von Teichert erfahren wir ebenfalls Hintergr&uuml;nde, wie es in Hamburg 2017 zu vermeidbaren Krawallen, blutigen K&ouml;pfen und Br&auml;nden w&auml;hrend des G-20-Gipfels und der Proteste dagegen kommen konnte. Aber auch der Cum-Ex-Skandal kam nicht irgendwie &uuml;ber einen ahnungslosen Scholz, wie es Teichert detailfreudig aufweist. SPD-Finanzminister Steinbr&uuml;ck wollte dieses Gesch&auml;ftsmodell den Banditenbanken nicht verbieten und Scholz h&auml;tte es mit einer einfachen Weisung unterbinden k&ouml;nnen: &bdquo;Christian Olearius (Chef der Warburg-Bank) wollte nicht klein beigeben. Als das Hamburger Finanzamt in den Jahren 2016 und 2017 dar&uuml;ber gr&uuml;belte, ob man von der Warburg-Bank f&uuml;r die zur&uuml;ckliegende Veranlagung der Jahre 2009 und 2010 insgesamt 90 Millionen &euro; zur&uuml;ckfordern sollte, suchte er das Gespr&auml;ch mit B&uuml;rgermeister Olaf Scholz &hellip; Scholz stritt lange alle Kontakte ab, bis dann bei einer Hausdurchsuchung das konfiszierte Tagebuch des Warburgchefs, die Wahrheit scheibchenweise zu Tage f&ouml;rderte.&ldquo;<\/p><blockquote><p>&bdquo;Scholz blieb still, als die SPD sich daran machte, ihre eigene Geschichte in Bezug auf Russland aufzuarbeiten. Er bleibt still, wenn sein Vorg&auml;nger Gerd Schr&ouml;der aufgefordert wird, die Partei zu verlassen. Er l&auml;sst es geschehen, dass Deutschland in einen kalten Wirtschaftskrieg mit China schlittert &ndash; ohne dass China ein Nachbarland &uuml;berfallen h&auml;tte. Er stimmt zu, wenn Deutschland seine Entwicklungshilfe reduziert. Wichtig ist ihm, dass seine demokratischen Freunde in den USA ihm die Richtung ausleuchten. G&uuml;nstig f&uuml;r ihn ist, dass sich das deutsche Polit-Establishment in seinen Rufen nach mehr Waffen und gegen Russland tagein, tagaus &uuml;berbietet. Wer den Mainstream nicht gestalten will, der muss ihm wenigstens folgen. L&auml;ngst hat Olaf Scholz erkannt, dass zwar die Berliner Politik und die zentralen Medien der Republik einer Meinung sind, diese aber bei weitem nicht von allen Deutschen geteilt wird. Scholz l&auml;sst sich gerne Zeit, bevor er Entscheidungen trifft. Darin &auml;hnelt er Angela Merkel.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Es wurde lange Zeit dar&uuml;ber gestritten, ob die &bdquo;Stamokap&ldquo;-Gruppe, zu der sich Olaf Scholz fr&uuml;her ebenso bekannte wie der sp&auml;tere SPD-Generalsekret&auml;r Klaus Uwe Benneter, der SPD-Wirtschaftspolitiker Matthias Machnik, die gro&szlig;artigen verstorbenen Kurt Neumann, Detlev Albers und Herbert Schui und mit der auch die Juso-Mehrheit um Gerhard Schr&ouml;der lange verbandelt war, nun auf einer kommunistischen oder sozialdemokratischen Theorie gr&uuml;ndet. Denn der Begriff des &bdquo;Staatsmonopolistischen Kapitalismus&ldquo; (auch: &bdquo;Stamokap&ldquo;, &bdquo;SMK&ldquo;) ging zur&uuml;ck sowohl auf das Werk des &bdquo;Weimarer&ldquo; SPD-Wirtschaftsministers Rudolf Hilferding &bdquo;Das Finanzkapital&ldquo; als auch auf Lenins Schrift &bdquo;Der Imperialismus &ndash; H&ouml;chststadium des Kapitalismus&ldquo;. Nach beiden Analysen verbinden sich Industriekonzerne mit entsprechenden Banken zu Monopolkapital und erwirken aus dieser strukturell politischen Hegemonie massive &Uuml;bergriffe auf Ressourcen der &ouml;ffentlichen Hand (=&bdquo;staatsmonopolistisch&ldquo;). Was kapitalschw&auml;chere Unternehmensformationen so nicht verm&ouml;gen.<\/p><p>Auch, weil diese Theorie ausleuchten hilft, wie h&ouml;chste Renditen mit Aufr&uuml;stung und Kapitalexporten erzielt werden, macht sie heute sogar strategisch nachvollziehbar, wie imperialistischste Monopole (wie &bdquo;Rheinmetall&ldquo; und &bdquo;Lockheed&ldquo;) in logischer Beziehung zu faschistischen, terroristisch-antiproletarischen Kriegsregimes nationalistisch und transnational agieren. Aber eben auch, wie diese von weniger imperialistischen (!) Monopolen gr&uuml;ndlich zu unterscheiden sind. Somit k&ouml;nnen zivilere Konzerne und deren Politiken punktuell &ndash; wie im 2. Weltkrieg &ndash; zu Alliierten der Arbeiterbewegung gegen Faschismus werden. &bdquo;Stamokap&ldquo; liefert darum den modernsten marxistischen Theorie-Ansatz &ndash; verwendbar in und f&uuml;r Arbeitspl&auml;tze, H&ouml;rs&auml;le und selbst Stammtische &ndash; womit &bdquo;Monopole&ldquo; sogar ins &bdquo;Godesberger Programm&ldquo; und &bdquo;Berliner SPD-Programm&ldquo; Eingang fanden; (popul&auml;r genug, um damit auch den Hit &bdquo;Monopoli&ldquo; zu schreiben).<\/p><p>Aus dieser Sicht (aus der ich mit Scholz und vielen anderen einst linken Sozialdemokraten j&auml;hrlich an meinem osthessischen Bauernhof versucht hatte, Marxismus zu studieren) ist die einzige Schw&auml;che dieser so lesenswerten &bdquo;Flugschrift&ldquo;, dass Teichert dort zu oft seine Scholz-Distanz als Distanz zur Theorie des &bdquo;Staatsmonopolistischen Kapitalismus&ldquo; bekundet. Damit er sich mit seinem Hamburger BSW-Team der popularisierbaren SMK-Theorie neu bedienen m&ouml;ge, rufe ich ihm mit John Lennon zu: &bdquo;I hope someday you&rsquo;ll join us\/ And the world will be as one&ldquo;. <\/p><p>Gestritten wird im Buch auch dar&uuml;ber, ob der &bdquo;Stamokap-Hardliner&ldquo; Olaf Scholz die ganze Theorie nur teilweise oder &uuml;berhaupt nicht verstanden hatte, bevor er sie in G&auml;nze fortwarf. Mit Teichert gelingt der Blick hinter des Kanzlers schelmisches Grinsen. Als sei Scholz seit jeher heimlicher Besitzer eines genialen Lebensplans &ndash; Drachen steigen gegen den Wind &ndash; die besonders aufr&uuml;hrerische Theorie nur solange hochzuhalten, bis er sie dann zeitgeistgerecht im Antriebskessel seiner Karriere verfeuern konnte. Abseits von jeglichem Zauber eines Neuanfangs. Was Teichert als besonderen Zynismus bei Scholz ausmacht, ist in Wahrheit nur jene in Parteistrukturen eingenistete Prinzipienlosigkeit, Aufstieg und Niedertracht eines gemeinen Konvertiten.<\/p><p><em>Die Entzauberung eines Kanzlers; &Uuml;ber das Scheitern der Berliner Politik, VSA Hamburg 2024, 108 Seiten, 12.- &euro;;<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Hermann Hesse stammt: &bdquo;Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne&ldquo;. F&uuml;r diese For-ever-young-Faszination giert der greisenhafte Imperialismus st&auml;ndig nach &bdquo;Neuanf&auml;ngen&ldquo; &ndash; wie der Teufel nach der armen Seele. Dazu inszeniert er sich unter Zauber-Fl&ouml;ckchen als B&auml;umchen-wechsel-dich. Mit Themen, Parteinamen Parlamenten und Gesichtern. Wozu er sich in den Siebzigern beim 68er Reservoir von Jungen Liberalen und<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=118170\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":118171,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[198,208],"tags":[909,1973,2155,831],"class_list":["post-118170","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-einzelne-politiker-personen-der-zeitgeschichte","category-rezensionen","tag-kapitalismus","tag-monopolisierung","tag-opportunismus","tag-scholz-olaf"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/240716-Scholz-Rezension.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/118170","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=118170"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/118170\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":118203,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/118170\/revisions\/118203"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/118171"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=118170"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=118170"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=118170"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}