{"id":11824,"date":"2012-01-10T08:56:00","date_gmt":"2012-01-10T07:56:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11824"},"modified":"2015-01-18T10:56:36","modified_gmt":"2015-01-18T09:56:36","slug":"buchbesprechung-aufstieg-und-krise-der-spd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11824","title":{"rendered":"Buchbesprechung: Aufstieg und Krise der SPD"},"content":{"rendered":"<p>Die gut lesbare politologisch-soziologische Dissertation von Max Reinhardt &ndash; betreut von dem Politologen und Sozialstrukturforscher Michael Vester &ndash; analysiert in ihrem ersten Teil die Entwicklungen der Str&ouml;mungen und Richtungsk&auml;mpfe in der SPD nach 1945 aus (partei-)linker Perspektive. In einem zweiten Teil wird versucht, anhand der Biografien von dreizehn interviewten SPD-Spitzenpolitikern der Nachkriegsgeschichte herauszuarbeiten, welches politische Spektrum innerhalb der Sozialdemokratie diese &bdquo;verk&ouml;rperten&ldquo; und damit gleichzeitig f&uuml;r die unterschiedlichen W&auml;hlermilieus repr&auml;sentierten.<br>\nWer an der Geschichte und der Entwicklung etwa der &bdquo;Seeheimer&ldquo;, der &bdquo;Netzwerker&ldquo;, der &bdquo;Schr&ouml;der-Gruppe&ldquo; oder aber der verschiedenen linken Gruppierungen in der SPD interessiert ist, der kann aus dem ersten Teil gro&szlig;en Gewinn ziehen. Wer es spannend findet, warum etwa bei Hans-Jochen Vogel die Klarssichth&uuml;lle zum habituellen Attribut werden konnte oder warum und wie die &bdquo;sozialen Aufsteiger&ldquo; um Gerhard Schr&ouml;der mit ihrem individualistischen Karrieredenken in der SPD die Hegemonie erlangten, obwohl sie in der Partei keineswegs die Mehrheit hatten, f&uuml;r den ist der zweite Teil anregend. Von <strong>Wolfgang Lieb<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie zentrale Fragestellung der &uuml;ber 600 Seiten umfassenden Arbeit ist, ob sich die parteifl&uuml;gel- und milieu&uuml;bergreifende Repr&auml;sentationsf&auml;higkeit der SPD und ihrer Spitzenpolitiker\/innen gewandelt hat. Die Hypothese Reinhardts ist, dass die W&auml;hler- und Mitgliederverluste der SPD nach ihrem Regierungsantritt im Jahre 1998 das Ergebnis eines Wandels der Partei in Folge von lang andauernden innerparteilichen Machtk&auml;mpfen und oftmals autorit&auml;r gef&uuml;hrten Abgrenzungshandlungen ist. Der Autor fragt danach, ob die SPD ihren Charakter als Volkspartei verloren hat, der in ihrer vielf&auml;ltigen B&uuml;ndnisf&auml;higkeit zwischen politischen und gesellschaftlichen Gruppen und damit in ihrer milieu&uuml;bergreifenden Integrations- und Repr&auml;sentationsf&auml;higkeit bestanden hatte. (S. 33)<\/p><p>Die Heterogenit&auml;t der SPD und ihre milieu&uuml;bergreifende W&auml;hlerbasis seien bei den Bundestagswahlen 1969, 1972 und 1998 entscheidend f&uuml;r ihre Wahlsiege gewesen.<br>\nDie Parteifl&uuml;gel (oder &bdquo;Faktionen&ldquo;, wie Reinhardt das nennt, weil es eben nicht lediglich zwei Fl&uuml;gel waren) seien sich in diesen erfolgreichen Zeiten auf Augenh&ouml;he gegen&uuml;bergestanden und gezwungen gewesen, Kompromisse unter den unterschiedlichen Fl&uuml;geln auszuhandeln. (S. 54) Letztlich sei es ein Kampf um eine sozial- und wirtschaftspolitische Wende von einer sozialdemokratisch-keynesianischen zu einer sozialdemokratisch gef&auml;rbten wirtschaftliberalen Sozial- und Wirtschaftspolitik gewesen.<\/p><p>Die wirtschaftsliberale Wende sei schon zum Ende der Regierungszeit von Helmut Schmidt eingeleitet worden und mit dem R&uuml;cktritt Oskar Lafontaines sei die SPD-Rechte zur deutlich dominierenden Kraft geworden. Die Rechte habe sich mit dem Druckmittel der Regierungsloyalit&auml;t und der Behauptung einer politischen Alternativlosigkeit gegen die SPD-Linke durchgesetzt. Die Agenda 2010 habe schlie&szlig;lich nicht nur zu einer Glaubw&uuml;rdigkeits- und Repr&auml;sentationskrise der SPD gef&uuml;hrt, sondern durch den erheblichen Mitgliederverlust auch die Partei in ihrer Zusammensetzung ver&auml;ndert. (S. 39) Die Krise der SPD sei letztlich eine Krise ihrer politischen Repr&auml;sentation. (S. 40) Mit dem Verlust ihrer Glaubw&uuml;rdigkeit als &bdquo;Partei der sozialen Gerechtigkeit&ldquo; habe sie ihre Integrationskraft verloren. Die Parteif&uuml;hrung habe darauf gesetzt die (Neue) Mitte zu suchen, statt umgekehrt (wie unter Willy Brandt) danach zu fragen, wo die W&auml;hler ihre Mitte finden k&ouml;nnen. <\/p><p>Der Wandel der SPD habe auch einen Wandel des Parteiensystems nach sich gezogen: Die Gr&uuml;nen h&auml;tten in den 1970er Jahren von der &bdquo;Pfadabweichung&ldquo; vom Willy Brandtschen Reformismus und von der von ihm propagierten &bdquo;Arbeitnehmergesellschaft&ldquo; sowie vom beginnenden Sozialstaatsabbau der sozialliberalen Koalition und von der Helmut Schmidtschen R&uuml;stungspolitik profitiert, DIE LINKE wiederum von der Agenda-Politik Gerhard Schr&ouml;ders. <\/p><p>Der Autor zeichnet die Geschichte der Fl&uuml;gel-(Faktionen)-K&auml;mpfe nach 1945 nach. Nach dem Krieg habe die SPD das linke W&auml;hlerspektrum repr&auml;sentiert und sich 1959 mit dem &bdquo;Godesberger Programm&ldquo; organisatorisch und programmatisch f&uuml;r B&uuml;ndnisse mit gesellschaftlichen Gruppen &uuml;ber die bisherige Stammw&auml;hlermilieus hinaus ge&ouml;ffnet.<br>\nSchon damals dominierte die SPD-Rechte in der Bundestagsfraktion, aus der heraus sich schon 1957 die &bdquo;Kanalarbeiterriege&ldquo; organisierte. Die &bdquo;Kanaler&ldquo; standen f&uuml;r Treue zum Godesberger Programm und sp&auml;ter f&uuml;r unbedingte Loyalit&auml;t zur Regierung und gegen eine &bdquo;Re-Ideologisierung&ldquo; der SPD.<\/p><p>Die Partei-Linke der 1950er Jahre war wenig organisiert. Sie versammelte sich hinter den sozialen Reformern wie den IG Metaller Otto Brenner oder dem &bdquo;R&auml;te-Sozialisten&ldquo; Peter von Oertzen. Dar&uuml;ber hinaus gab es noch entschiedene Sozialisten z.B. um den Politikwissenschaftler Wolfgang Abendroth oder der Gruppe der Trotzkisten um die Zeitschrift &bdquo;Sozialistische Politik (SoPo)&ldquo; &ndash; um nur einige der linken Kreise und Gruppierungen zu nennen. <\/p><p>In den 1960er Jahren k&auml;mpften die Parteifl&uuml;gel &bdquo;zwischen partizipatorischer Integration und autorit&auml;rer Ausgrenzung&ldquo; der (vor allem der studentischen) Partei-Linken (SDS, SHB, Sozialistischer Bund). Mit der &bdquo;partizipatorischen Wende&ldquo; der SPD-Nachwuchsverb&auml;nde (insbesondere der JUSOS), erm&ouml;glicht vor allem durch die Integrationsfigur Willy Brandts, erreichte die SPD 1976 ihren Mitgliederh&ouml;chststand von &uuml;ber einer Million Mitglieder. <\/p><p>Den gr&ouml;&szlig;ten Einfluss erlangte die SPD-Linke in den 1980er Jahren, in denen sie bis zu 60 Prozent der Mitglieder des SPD-Vorstandes stellte. Doch die St&auml;rke der Linken war gleichzeitig ihre Schw&auml;che, n&auml;mlich ihre Heterogenit&auml;t und ihre unterschiedlichen theoretischen Positionen. (S. 100) <\/p><p>Was vielfach &uuml;bersehen wird: Mit dem Fall der Mauer und mit der Fusion mit der Ost-SPD verlor die SPD-Linke an Einfluss in der Gesamtpartei, weil sie in der aus dem Umfeld der evangelischen Kirche entstammenden Oppositions- und B&uuml;rgerrechtsbewegungen damaligen (Ost-)SDP nur auf wenig Unterst&uuml;tzer z&auml;hlen konnte. Zudem f&uuml;hlte sich die SPD-Rechte durch den Zusammenbruch der DDR &bdquo;moralisch gest&auml;rkt&ldquo;. (S. 108) &bdquo;Die SPD-Linke hatte ihre Diskursf&auml;higkeit&hellip;nach dem Beitritt der DDR zur BRD eingeb&uuml;&szlig;t&ldquo;, ja sie sei geradezu &bdquo;semantisch enteignet&ldquo; worden. (S. 109) Das sei einer der wichtigsten Gr&uuml;nde gewesen, warum die &bdquo;neoliberale Modernisierung&ldquo; der SPD auf relativ wenig und kaum organisierten Widerstand stie&szlig;. &bdquo;Der Zusammenbruch des Kommunismus wurde von zahlreichen konservativen, liberalen und sozialdemokratischen Politikern und Wissenschaftlern als ein Sieg der <em>Sozialen Marktwirtschaft<\/em> und des Westens interpretiert.&ldquo; (S. 105).<\/p><p>Schon Anfang der 1990er Jahre habe der &bdquo;Angriff&ldquo; auf das relativ linke &bdquo;Berliner Programm&ldquo; aus dem Jahre 1989 &ndash; ausgehend vom Landesvorstand der NRW-SPD &ndash; begonnen. (S.111) Schon der Parteivorsitzende Bj&ouml;rn Engholm und verst&auml;rkt der 1993 durch Mitgliederentscheid zum Nachfolger bestimmte Rudolf Scharping sprachen vom &bdquo;Ende der Umverteilung und der Konjunkturpolitik&ldquo;. (S. 112) Zwar habe der Sturz Scharpings durch Oskar Lafontaine auf dem Mannheimer Parteitag 1995 gezeigt, dass linke Politik in der SPD durchaus mehrheitsf&auml;hig war, doch auch unter Lafontaines Vorsitz blieb die SPD auf dem Kurs der Steuererleichterungen f&uuml;r Unternehmen, der Flexibilisierung des Arbeitsmarkts und der Reduzierung der Anspr&uuml;che an den Staat. (S. 113) &bdquo;Die Schw&auml;che der Linken zeigte aber die Tatsache, dass Lafontaine ihr Repr&auml;sentant geworden war, obwohl er im Grund nicht zur SPD-Linken z&auml;hlte, sondern in den 1980er Jahren selbst die wirtschaftspolitische Wende eingefordert hatte.&ldquo; (S. 116)<\/p><p>Schr&ouml;ders Wende &bdquo;von Keynes zu Blair&ldquo; sei vor allem durch die Gr&uuml;ndung des &bdquo;Netzwerks Berlin&ldquo; (&bdquo;bestehend aus jungen, sich in ihrem Lebensstil als modern verstehenden liberal-konservativen Sozialdemokraten&ldquo; S. 119) gest&uuml;tzt worden.<\/p><p>&bdquo;Die Netzwerker verstehen sich als &bdquo;Post-Enkel&ldquo; in der SPD. Die Seeheimer sind ihnen &bdquo;zu kanzlertreu, zu wenig an grunds&auml;tzlichen Diskussionen interessiert und kulturell fremd&ldquo;, w&auml;hrend die SPD-Linke f&uuml;r sie zu &acute;eingefahren, starr-hierarchisch und im Denken der achtziger Jahre verhaftet` ist.&ldquo; (S. 120f.) Die &bdquo;Netzwerker&ldquo; pflegten einen &bdquo;mitf&uuml;hlenden Sozialtechnokratismus&ldquo;, unterst&uuml;tzten aber gleichzeitig &bdquo;schmerzhafte Reformen&ldquo;, in dem Glauben, damit in der Globalisierung bestehen und dem demografischen Wandel begegnen zu k&ouml;nnen. Dieser Niedersachsen-Block, zu dem etwa Sigmar Gabriel, Hubertus Heil oder Thomas Oppermann geh&ouml;rten, habe sich von der Perspektive der SPD als Volkspartei weitgehend verabschiedet. Die Sozialdemokratie sei im Verlauf der 1990er Jahren im Wesentlichen zu einer &bdquo;Netzwerkerpartei&ldquo; geworden, die ihren Anspruch als Volkspartei zu Gunsten einer &bdquo;Partei der Neuen Mitte&ldquo; aufgab. Die SPD habe zwar in Wahlk&auml;mpfen noch sozialpolitisch zu mobilisieren versucht, aber als Regierungspartei zunehmend eine wirtschaftsliberale Politik vertreten. (S. 150) <\/p><p>Die SPD repr&auml;sentierte auf ihrem H&ouml;hepunkt als Volkspartei traditionelle und sich modernisierende, partizipatorische eingestellte Arbeitnehmer wie auch einen Teil der Bildungs- und Dienstleistungselite bis hin zu konservativ eingestellten, aber sich modernisierenden Arbeitnehmern und Dienstleistern. (S.537) Auf Grund der Wende zur sozialdemokratisch gef&auml;rbten Angebotspolitik und dem Bekenntnis zu einer Modernisierung zugunsten der Wirtschaft und zu den sog. &bdquo;Leistungstr&auml;gern&ldquo; f&uuml;hlten sich die traditionellen und die modernisierten solidarischen Arbeitnehmermilieus als entscheidende W&auml;hlerbasis auf der Ebene der SPD-Spitzenpolitiker nicht mehr ausreichend vertreten. (S. 511)<\/p><p>&bdquo;Die Entscheidungen weniger Spitzenpolitiker in Abstimmung mit ausgew&auml;hlten Experten entsprechen dieser Vorstellung einer Netzwerkpartei und f&uuml;hrten dazu, dass die Willensbildung der Mitglieder sowie der unteren und mittleren Funktion&auml;re insbesondere in der Diskussion &uuml;ber den Sozialstaat durch elit&auml;re Netzwerkentscheidungen ersetzt und Entscheidungen im Sinne der Regierung notfalls  mit Druck durchgesetzt wurden.&ldquo; (S. 151) Es habe sich ein &bdquo;marktorientiertes F&uuml;hrungsprinzip&ldquo; installiert, das die &bdquo;individualisierten&ldquo; W&auml;hler &uuml;ber eine personalisierte und mediengest&uuml;tzte Politik und Politikdarstellung zu erreichen hoffte.<\/p><p>Wahlk&auml;mpfe funktionierten &ndash; so Reinhardt &ndash;  allerdings nicht nach &ouml;konomischen Prinzipien, nach denen der W&auml;hler Kunde ist und der Kandidat gewinnt, der medial am st&auml;rksten ist. &bdquo;Steinmeier und M&uuml;ntefering sind f&uuml;r das &ouml;konomische Denken in Wahlfragen die typischen Repr&auml;sentanten. Beide verk&ouml;rpern wie schon Gerhard Schr&ouml;der das Bild der SPD als &bdquo;Allerweltspartei&ldquo;. (S. 151)<\/p><p>Die Agenda 2010 mit dem Leitbildwechsel von der Teilhabe- zur Leistungsgerechtigkeit habe die SPD vollends gespalten. (S. 551)<\/p><p>Reinhardt beschreibt die Rolle und die Verantwortung der SPD (und der Gr&uuml;nen) und vor allem Peer Steinbr&uuml;cks bei der Deregulierung der Finanzm&auml;rkte und deren lange gehegten Irrglauben, dass die Finanzkrise Deutschland &uuml;berhaupt ernsthaft betreffen k&ouml;nnte und er zeichnet den Schwenk des damaligen Finanzministers gegen&uuml;ber Konjunkturprogrammen nach. &Uuml;berhaupt liest sich das Buch in seinem mittleren Teil wie ein Abriss der j&uuml;ngeren Zeitgeschichte. Der Autor verweist dabei auch auf ein viel zu wenig beachtetes Motiv f&uuml;r das Lieb&auml;ugeln der rechten SPD-Spitze mit einer Ampel-Koalition (also mit Gr&uuml;nen und der FDP) und f&uuml;r die Ausgrenzung der Partei DIE LINKE. Damit habe die SPD-Rechte weiterhin die SPD-Linke geschw&auml;cht, w&auml;hrend diese in einem B&uuml;ndnis mit der Partei DIE LINKE automatisch gest&auml;rkt w&uuml;rde. <\/p><p>Der erste Teil dieser Arbeit &uuml;ber die Str&ouml;mungen und Richtungsk&auml;mpfe bis hinein in die Gegenwart ist zwar manchmal etwas holzschnittartig und aufgrund der Darstellung dieser Entwicklung auf den verschiedenen Politikfeldern oft (notwendigerweise) wiederholend, aber es ist eine spannend zu lesender geschichtlicher Abriss, der nicht nur viele Aspekte der Auseinandersetzungen wieder in Erinnerung ruft, sondern auch aufzeigt, warum die SPD ihre Rolle als Volkspartei verloren hat und dramatische W&auml;hlerverluste nicht nur im Bund sondern auch in den L&auml;ndern hinnehmen musste. <\/p><p>In einem umf&auml;nglichen zweiten Teil versucht Reinhardt den Wandel der politischen Einstellungen anhand von Biografie-Analysen herauszuarbeiten. In Anlehnung an die praxeologischen Theorie des franz&ouml;sischen Soziologen Pierre Bourdieu versucht der Autor in sog. &bdquo;habitushermeneutischen Analysen&ldquo; herauszuarbeiten, wie die Lebens- und vor allem die Auf- und Abstiegserfahrungen von 13 SPD-Spitzenpolitikern einerseits die SPD pr&auml;gten und sich &uuml;ber diese Personen andererseits soziale Milieus durch die Sozialdemokratie repr&auml;sentiert f&uuml;hlen konnten. In standardisierten (meist autorisierten) Interviews der Repr&auml;sentanten unterschiedlicher &bdquo;Faktionen&ldquo; versucht Reinhardt deren soziale Herkunft und ihr soziales Umfeld auf die von ihnen repr&auml;sentierten politischen Haltungen zu beziehen. Er interviewt dabei die &bdquo;Seeheimer&ldquo; Anke Fuchs, den IG-Chemie-Gewerkschafter Hermann Rappe und Hans-Jochen Vogel. Unter den SPD-Linken befragt er den eher kommunitaristischen Hans Koschnick und den (r&auml;te-) sozialistischen Reformlinken und Repr&auml;sentant des &bdquo;Frankfurter Kreises&ldquo;, Peter von Oertzen. Dar&uuml;ber hinaus sprach Reinhardt mit der bildungs- und frauenpolitisch engagierten ehemaligen SPD-Schatzmeisterin Inge Wettig-Danielmeier, mit dem fr&uuml;heren DGB-Vorsitzenden Ernst Breit und mit den dem heutigen &bdquo;Schr&ouml;der-Netzwerk&ldquo; zugeh&ouml;rigen, noch politisch aktiven Frank-Walter Steinmeier, Brigitte Zypris, Thomas Oppermann, Olaf Scholz und Sigmar Gabriel, sowie mit der &bdquo;sozialkatholisch&ldquo; und als links geltenden heutigen SPD-Generalsekret&auml;rin Andrea Nahles. <\/p><p>Die ausf&uuml;hrlichen Interviews liefern hochinteressante Einblicke in das sozusagen personale Innenleben der SPD der letzten 40 Jahre und sind deshalb f&uuml;r alle, die die SPD n&auml;her kennen (oder n&auml;her kennenlernen wollen) spannend zu lesen. Neben vielen anderen Aspekten ist bemerkenswert, dass z.B. dem &bdquo;Schr&ouml;der-Netzwerk&ldquo; durchg&auml;ngig sog. soziale Aufsteiger angeh&ouml;ren, die &ndash; weil sie es selbst (genauer eigentlich: mit Hilfe der SPD) geschafft haben, nach oben zu kommen &ndash; etwa auf dem Feld der Bildungspolitik die politische Position der &bdquo;Chancengerechtigkeit&ldquo; (jeder soll seine Chance haben) aber nicht mehr der &bdquo;Chancengleichheit&ldquo; (also die Schaffung von tats&auml;chlichen Voraussetzungen f&uuml;r mehr Chancengerechtigkeit) einnehmen. <\/p><p>Ich gestehe, dass mich der Versuch einer relationalen Einordnung der sozialen Herkunft, des Habitus und von politischen Einstellungen methodisch nicht sonderlich &uuml;berzeugt. Oft sind mir die biografischen Parallelen zur politischen Haltung zu kurzgriffig, z.B. &bdquo;Gabriel braucht Berater, die seine Arbeit vorstrukturieren, wie es seine Mutter fr&uuml;her getan hatte&ldquo;. (S. 476) Der Charakterzug von &bdquo;Aufsteigern&ldquo; aus kleinb&uuml;rgerlichen Verh&auml;ltnissen, die sich dann so wenden, dass sie zynisch werden und dann &bdquo;politisch&ldquo; sagen, dass jedermann aufsteigen kann, wenn er sich nur gen&uuml;gend krumm legt, ist zwar vielfach anzutreffen und diese Beschreibung trifft vielleicht sogar auf Schr&ouml;der oder Steinmeier zu, aber es gibt eben auch andere, die sich durchgeboxt haben und gerade deshalb nicht nur Durchl&auml;ssigkeit und Chancengerechtigkeit im Bildungssystem fordern, sondern ein aktives F&ouml;rdern von Chancengleichheit.<\/p><p>Mir ist zwar nachvollziehbar, wie sich die Herkunft Hans-Jochen Vogels in seiner Staatsloyalit&auml;t und seiner Ordnungsliebe (Habitus der Klarsichth&uuml;lle) auspr&auml;gen konnte, dass die soziale Herkunft aber keineswegs den Habitus und die politische Einstellung allein vorbestimmt, das beweist sein Bruder Bernhard Vogel, der aus der selben Familie stammend wesentlich jovialer und genie&szlig;erischer auftrat und mit einer weitaus konservativeren politischen Haltung in der CDU politische Karrieren machte. <\/p><p>Dennoch macht das Verstehen der Lebensl&auml;ufe der interviewten Politiker mancher ihrer pers&ouml;nlichen und politischen Haltungen und Entscheidungen nachvollziehbarer. <\/p><p><strong>Bibliografie:<\/strong><br>\n<strong>Max Reinhardt, <a href=\"http:\/\/www.nomos-shop.de\/Reinhardt-Aufstieg-Krise-SPD\/productview.aspx?product=13581\">Aufstieg und Krise der SPD, Fl&uuml;gel und Repr&auml;sentanten einer pluralistischen Volksparte<\/a><\/strong>, Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2011, 628 Seiten; 99 Euro (leider seht teuer)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die gut lesbare politologisch-soziologische Dissertation von Max Reinhardt &ndash; betreut von dem Politologen und Sozialstrukturforscher Michael Vester &ndash; analysiert in ihrem ersten Teil die Entwicklungen der Str&ouml;mungen und Richtungsk&auml;mpfe in der SPD nach 1945 aus (partei-)linker Perspektive. In einem zweiten Teil wird versucht, anhand der Biografien von dreizehn interviewten SPD-Spitzenpolitikern der Nachkriegsgeschichte herauszuarbeiten, welches politische<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11824\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[110,208,145,191],"tags":[359,312],"class_list":["post-11824","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-agenda-2010","category-rezensionen","category-sozialstaat","category-spd","tag-parteistroemungen","tag-reformpolitik"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11824","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=11824"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11824\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":24608,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11824\/revisions\/24608"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=11824"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=11824"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=11824"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}