{"id":118293,"date":"2024-07-18T09:00:41","date_gmt":"2024-07-18T07:00:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=118293"},"modified":"2026-01-27T11:45:21","modified_gmt":"2026-01-27T10:45:21","slug":"wenn-die-kinder-dieser-grossmaeuler-an-die-front-muessten-waere-der-krieg-morgen-vorbei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=118293","title":{"rendered":"\u201eWenn die Kinder dieser Gro\u00dfm\u00e4uler an die Front m\u00fcssten, w\u00e4re der Krieg morgen vorbei\u201c"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Die Presse wird nach innen zum sch&auml;rfsten Zensurorgan und nach au&szlig;en zum zentralen Kriegstreiber&ldquo;, sagt der Journalist <strong>Patrik Baab<\/strong> im NachDenkSeiten-Interview. In seinem gerade erschienenen Buch &bdquo;Propaganda-Presse &ndash; Wie uns Medien und Lohnschreiber in Kriege treiben&ldquo; nimmt Baab, der Jahrzehnte beim &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunk war, kein Blatt vor den Mund. Baab liefert eine schonungslose Abrechnung mit einer Presse, die selbst in den Propagandakrieg getreten sei. Im Hinblick auf den Krieg in der Ukraine stellten Medien ihren &bdquo;vollst&auml;ndigen moralischen Bankrott&ldquo; unter Beweis, sagt Baab im Interview. Der Autor warnt: Die B&uuml;rger &bdquo;m&uuml;ssen den Kriegstreibern entgegentreten: Mit dem Stimmzettel und friedlich, auf der Stra&szlig;e. Sonst werden sie in den Kriegen sterben, die sie nicht verhindern wollten.&ldquo; Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5333\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-118293-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240718_Wenn_die_Kinder_dieser_Grossmaeuler_an_die_Front_muessten_waere_der_Krieg_morgen_vorbei_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240718_Wenn_die_Kinder_dieser_Grossmaeuler_an_die_Front_muessten_waere_der_Krieg_morgen_vorbei_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240718_Wenn_die_Kinder_dieser_Grossmaeuler_an_die_Front_muessten_waere_der_Krieg_morgen_vorbei_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240718_Wenn_die_Kinder_dieser_Grossmaeuler_an_die_Front_muessten_waere_der_Krieg_morgen_vorbei_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=118293-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240718_Wenn_die_Kinder_dieser_Grossmaeuler_an_die_Front_muessten_waere_der_Krieg_morgen_vorbei_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"240718_Wenn_die_Kinder_dieser_Grossmaeuler_an_die_Front_muessten_waere_der_Krieg_morgen_vorbei_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Marcus Kl&ouml;ckner: &bdquo;Wenn die Presse ihre Arbeit gemacht h&auml;tte, w&auml;re es wahrscheinlich zum Krieg in der Ukraine nicht gekommen.&ldquo; Mit dieser Aussage leiten Sie Ihr neues Buch ein. Die Aussage ist sehr weitreichend. Was f&uuml;hrt Sie dazu?<\/strong><\/p><p><strong>Patrik Baab:<\/strong> Die 2023 verstorbene Reporter-Legende John Pilger hat mich dazu gef&uuml;hrt. Er erw&auml;hnte diesen Satz in einem seiner letzten Artikel mit Blick auf den zweiten Irak-Krieg. Ich habe die Formulierung auf den Krieg in der Ukraine angewandt, denn die Rolle der Medien ist vergleichbar. Kriege beginnen mit L&uuml;gen. Die Aufgabe von Journalisten w&auml;re es, diese L&uuml;gen aufzudecken. Genau dies tun sie aber nicht. Die alten Medien, sowohl die Konzernpresse als auch die &ouml;ffentlich-rechtlichen Medien, unterwerfen sich fast vollst&auml;ndig der Propaganda der NATO. Damit erfahren die Medien einen Strukturwandel von einem Informationsinstrument zu einem Kriegstreiber- und Zensurinstrument. Sie ersetzen Informationsgebung durch die Mobilisierung und Kapitalisierung von Ressentiments. Sie machen Hass zu Geld. Der Philosoph Joseph Vogl sieht darin &bdquo;das Ferment neuer Kriege&ldquo;.<\/p><p><strong>Im Geb&auml;ude des <em>Spiegels<\/em> in Hamburg findet sich ein Spruch von Rudolf Augstein an der Wand. &bdquo;Sagen, was ist.&ldquo; Augstein pr&auml;gte diesen Spruch. Viele Journalisten kennen ihn, denn was darin zum Ausdruck kommt, sollte eigentlich handlungsleitend f&uuml;r Journalisten sein. Auf die Welt, auf Ereignisse, auf Informationen blicken. Sie folgerichtig erfassen und dann in der Berichterstattung nach bestem Wissen und Gewissen &bdquo;sagen, was ist&ldquo;. Was ist f&uuml;r den heutigen Journalismus handlungsleitend? Gilt der Spruch noch? Oder ist aus &bdquo;sagen, was ist&ldquo; ein &bdquo;sagen, was sein soll&ldquo; geworden?<\/strong><\/p><p>&bdquo;Sagen, was ist&ldquo; &ndash; diesem Anspruch werden die Medien nicht gerecht. In meinem Volontariat habe ich einmal gelernt, dass Journalisten eine Sorgfaltspflicht haben. Diese Sorgfaltspflicht zeigt sich in der souver&auml;nen Anwendung handwerklicher Kriterien. Zun&auml;chst sind Journalisten gehalten, &bdquo;ausgewogen&ldquo; zu berichten. Das bedeutet, alle wesentlichen Aspekte eines Themas darzustellen. Dies geschieht in der Ukraine-Berichterstattung nicht: Nicht ber&uuml;cksichtigt wird die NATO-Osterweiterung bis an die russischen Grenzen. Nicht ber&uuml;cksichtigt werden die v&ouml;lkerrechtswidrigen Angriffskriege des Westens: Serbien 1999, Afghanistan 2001, Irak 2003, Libyen und Syrien 2011 &ndash; sie haben das V&ouml;lkerrecht durch das Faustrecht ersetzt, Moskau hat nachgezogen. Nicht ber&uuml;cksichtigt wird der Putsch auf dem Maidan 2014 mit Unterst&uuml;tzung des Westens, der ein ultranationalistisches und rechtsextremistisches Regime ans Ruder brachte; nicht ber&uuml;cksichtigt wird der darauffolgende B&uuml;rgerkrieg im Donbass seit 2014 mit mehr als 14.000 Toten, vor allem unter der russischst&auml;mmigen Bev&ouml;lkerung. Nicht erw&auml;hnt wird, dass die Gebiete &ouml;stlich des Donbass urspr&uuml;nglich russisch waren und erst 1922 der Sowjetrepublik Ukraine zugeordnet wurden. So l&ouml;st &bdquo;strategisches Framing&ldquo; zugunsten der NATO eine ausgewogene Berichterstattung ab: L&uuml;gen durch Weglassen. Damit treiben die selbst ernannten Qualit&auml;tsmedien die Bev&ouml;lkerung in neue Kriege.<\/p><p><strong>Es scheint an den Grundlagen zu fehlen.<\/strong><\/p><p>Journalisten sind gehalten, die sieben W-Fragen zu beantworten: Wer? Wo? Was? Wann? Wie? Warum? Woher die Meldung? Vor allem &bdquo;Was&ldquo;, &bdquo;Wie&ldquo; und &bdquo;Warum&ldquo; blenden sie aber oft aus.<\/p><p><strong>Haben Sie Beispiele?<\/strong><\/p><p>Die ukrainische Sommeroffensive 2023 endete in einem Blutbad; unsere Leitmedien pr&auml;sentierten &uuml;berwiegend Jubelmeldungen. Die Ursachen des Krieges wurden von der russischen Regierung mehrfach benannt: Osterweiterung der NATO, die Verhinderung eines NATO-Beitritts der Ukraine, der Schutz der russischst&auml;mmigen Menschen im Donbass und die &bdquo;Entnazifizierung&ldquo; der Ukraine. Unabh&auml;ngig davon, ob man diese Position teilt, muss dar&uuml;ber informiert werden. Aber wichtige Informationen werden unterschlagen. Das reicht bis zu offenen L&uuml;gen: Dass es in Istanbul im Fr&uuml;hjahr 2022 weit gediehene Friedensgespr&auml;che gab und der Westen ein Abkommen torpediert hat, wurde von den selbsternannten Qualit&auml;tsmedien zwei Jahre lang schlicht abgestritten.<\/p><p>Zum Instrumentarium der Zensur und Propaganda z&auml;hlt auch, dass Journalisten wie Armin Coerper vom <em>ZDF<\/em>, Alina Lipp oder ich, die im Kriegsgebiet recherchiert haben, sofort mit Berufsverbot oder beruflichen Nachteilen, Rufsch&auml;digung und Denunziation &uuml;berzogen werden. Damit verhindert die Presse selbst die Realit&auml;tsprobe vor Ort und verletzt den Grundsatz &bdquo;et audiatur altera pars&ldquo;. Das ist Latein und hei&szlig;t: Auch die Gegenseite soll geh&ouml;rt werden &hellip; <\/p><p><strong>Stattdessen &hellip;<\/strong><\/p><p>&hellip; wird, wer als Journalist dieser Handwerksregel folgt, als Putin-Versteher oder Unterst&uuml;tzer eines Angriffskrieges hingestellt. Dies zeigt, wie tief sich die Synkrisis der Medien mit der Propaganda der NATO vollzogen hat: Wer unserer Propaganda nicht folgt, ist die f&uuml;nfte Kolonne des Gegners.<\/p><p>Mit Blick auf die journalistische Ethik k&ouml;nnte man sagen: In diesem Krieg zeigt sich der vollst&auml;ndige moralische Bankrott der Medien. &Uuml;ber die Toten, die Verst&uuml;mmelten, die Traumatisierten wird kaum berichtet. Ich habe 1999 im Kosovo im Krankenhaus von Prizren zwei Jugendliche gesehen, zw&ouml;lf und 14 Jahre alt. Sie wollten sich am Fu&szlig; kratzen. Aber sie hatten keinen Fu&szlig; mehr: Sie waren oberschenkelamputiert, weil sie auf eine Mine getreten waren &ndash; Phantomschmerz. Die Menschen in der Ukraine wollen Frieden, aber redaktionelle Schreibtischbewohner reden vor allem &uuml;ber Waffenlieferungen und pl&auml;dieren f&uuml;r eine Verl&auml;ngerung des Krieges. Wer aus der redaktionellen Behaglichkeitszone in der Kaffeetasse r&uuml;hrend andere in den Tod schickt, zeigt, dass er moralisch vollst&auml;ndig verkommen ist. Die Ukrainer werden behandelt wie Kanonenfutter.<\/p><p>Mit ihrem dummen, gef&auml;hrlichen Gerede verletzen diese Lohnschreiber das Friedensgebot des Grundgesetzes, versto&szlig;en gegen Artikel 1 der Verfassung &ndash; &bdquo;Die W&uuml;rde des Menschen ist unantastbar&ldquo; &ndash; und verletzen die Meinungs- und Informationsfreiheit nach Artikel 5 GG. Ich bin &uuml;berzeugt, dass diese Propagandisten im Gewand des Journalismus strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden m&uuml;ssen. Und ich sage ihnen noch etwas: Wenn die Kinder dieser Gro&szlig;m&auml;uler an die Front m&uuml;ssten, w&auml;re der Krieg morgen vorbei.<\/p><p><strong>Bleiben wir beim Ukraine-Krieg. &bdquo;Sagen, was ist&ldquo;. W&uuml;rden Journalisten sich an dieses Motto halten, h&auml;tten sie mit ihren Redaktionen dann den Begriff Stellvertreterkrieg nicht mindestens so oft verwenden m&uuml;ssen wie &bdquo;russischer Angriffskrieg&ldquo;?<\/strong><\/p><p>NATO-Generalsekret&auml;r Jens Stoltenberg erkl&auml;rte am 7. September 2023 vor dem Europ&auml;ischen Parlament, dass ihm Putin vor dem russischen Einmarsch einen Deal vorgeschlagen habe: Wenn die NATO auf eine Aufnahme der Ukraine verzichte, dann verzichte er auf einen Einmarsch. Stoltenberg kommentierte, darauf habe man sich aber nicht eingelassen. Dies zeigt: <\/p><ol>\n<li>Es handelt sich tats&auml;chlich um einen Stellvertreterkrieg.<\/li>\n<li>Der Krieg w&auml;re leicht zu verhindern gewesen, wenn die NATO dies gewollt h&auml;tte.<\/li>\n<li>Die Ukrainer werden verheizt, um Russland zu schw&auml;chen. <\/li>\n<\/ol><p>Der ehemalige mexikanische Pr&auml;sident Lopez Obrador sagte mit Blick auf die Ukraine: &bdquo;Ihr liefert die Leichen, wir liefern die Waffen. Das ist unmoralisch.&ldquo; Es handelt sich auch nicht um einen &bdquo;unprovozierten&ldquo; Angriffskrieg. Vielleicht w&auml;re der Satz von Niccolo Machiavelli hilfreich: &bdquo;Nicht wer als Erster die Waffe ergreift, ist Anstifter des Unheils, sondern wer dazu n&ouml;tigt.&ldquo;<\/p><p><strong>Wo liegt das Problem? Warum sagen weite Teile der Medien nicht, &bdquo;was ist&ldquo;? Auch wenn diese einfache Frage vermutlich nur durch eine sehr lange, komplexe Antwort umfassend beantwortet werden kann: Wo liegen Ursachen?<\/strong><\/p><p>In meinem Buch identifiziere ich f&uuml;nf Ursachen-Bereiche:<\/p><ol>\n<li>In den Redaktionen landen vor allem Spr&ouml;sslinge des gehobenen B&uuml;rgertums, die nicht wissen, was Krieg hei&szlig;t, ja, die sich durch den Krieg Vorteile versprechen. Denn im Krieg steigen die Aktien der R&uuml;stungsunternehmen. Und solche Leute k&ouml;nnen hoffen, den Aktienfonds der Eltern zu erben.<\/li>\n<li>Die redaktionellen Arbeitsbedingungen: Freie Mitarbeiter werden meist nach Zeilen oder Sendeminuten bezahlt. Sie machen, was der leitende Redakteur sagt, damit sie Geld verdienen. Am Ende &uuml;bernehmen sie die Denkweise der Chefetage, damit sie Themen anbieten k&ouml;nnen, die angenommen werden. Genau dies ist vorauseilender Gehorsam.<\/li>\n<li>Die &Uuml;bermacht der Propaganda bei gleichzeitiger Stellenk&uuml;rzung und Leistungsverdichtung. Es f&auml;llt schon auf, dass die Berichterstattung von Leuten bestritten wird, die noch nie in Russland oder der Ukraine waren, nie ein Buch dar&uuml;ber gelesen haben, noch nie in einem Kriegs- oder Krisengebiet waren. Aber diese ungebildeten Redakteure geben den Ton an. Demgegen&uuml;ber hatte das Pentagon schon vor Jahren etwa 27.000 PR-Mitarbeiter unter Vertrag. Dem haben Redaktionen nichts entgegenzusetzen. Oft arbeiten Redaktionen direkt mit NATO-Geheimdiensten zusammen.<\/li>\n<li>Eigentum: Die Konzernmedien sind in Privathand. Es gibt das sogenannte Verleger-Privileg. Der Verleger gibt die redaktionelle Linie vor. Wie der konservative Publizist Paul Sethe einmal schrieb: &bdquo;Pressefreiheit ist die Freiheit von 200 Leuten, ihre Meinung zu verbreiten.&ldquo; Inzwischen sind es in Deutschland deutlich weniger als 200 Leute.<\/li>\n<li>Digitalisierung: Die Nachrichtennutzung geht mehr und mehr &uuml;ber aufs Smartphone, Nachrichten werden nebenbei konsumiert, in der U-Bahn, im Wartezimmer etc. Dadurch verk&uuml;rzen sich die Aufmerksamkeitszeiten. Dies ist einer tiefergehenden, recherchierten Hintergrundinformation abtr&auml;glich. Im Wettbewerb um Klickzahlen setzen dann die Macher auf Personalisierung, Skandalisierung und Denunzierung. Es ist allemal leichter, einen Dissidenten in die Pfanne zu hauen, als den langen Weg in den Ukraine-Krieg zu erkl&auml;ren.<\/li>\n<\/ol><p><strong>Sie sprechen von Macht. Sie sprechen vom &bdquo;eingebettet sein&ldquo; in Herrschaftsstrukturen. Das ist im Grunde genommen keine bahnbrechende, keine neue Erkenntnis. Wenn man an medienkritische Ausf&uuml;hrungen aus den 60er-, 70er-, 80er-Jahren, aber selbst auch davor denkt: Dass Medien und Journalismus auch im Hinblick auf Herrschaftsverh&auml;ltnisse und als ein Machtinstrument der herrschenden Klasse zu betrachten sind, ist seit Langem bekannt. Dieses Wissen scheint heute aber zumindest an mancher Stelle ausgel&ouml;scht. Wenn Sie heute von &bdquo;Herrschaftsmedien&ldquo; sprechen, schauen manche sie schr&auml;g an. Wie erkl&auml;ren Sie sich den Verlust dieses Wissens? Oder vermutlich auch: Die Ignoranz gegen&uuml;ber diesem grundlegenden Wissen?<\/strong><\/p><p>Die Eliten in Politik, Medien, Wissenschaft und Kultur sind in meinen Augen transatlantisch korrumpiert. Es ist den Vereinigten Staaten gelungen, in Europa eine transnationale Elitenbildung zu erreichen. Dies l&auml;uft &uuml;ber US-Stiftungen und transatlantische Organisationen wie German Marshall Fund, Atlantikbr&uuml;cke, National Endowment for Democracy und viele andere. Die Fellows erhalten Einladungen zu Tagungen und zum Austausch von Wissenschaftlern, Forschungsf&ouml;rderung, Stipendien, Studienaufenthalten. Die Geschwindigkeit, wie in allen Gesellschaftsbereichen die Kontakte zu Russland gekappt und Russen unter Druck gesetzt wurden, zeigt: Dies geht nicht auf Befehl, sondern es war ein Konzert des vorauseilenden Gehorsams. Man sieht sich in der Bringschuld, dem gro&szlig;en Bruder einen Gefallen zu tun.<\/p><p>Daneben spielt der Bildungsnotstand eine gro&szlig;e Rolle: In v&ouml;llig unterfinanzierten Schulen werden Lehrer oft von Wissensvermittlern zu Sozialdompteuren. Der Bologna-Prozess und die Dominanz von Drittmittelf&ouml;rderung haben die universit&auml;re Arbeit auf privatwirtschaftlichen Bedarf und Bulimie-Lernen ausgerichtet. In den Gesellschaftswissenschaften haben Multiple-Choice-Klausuren Einzug gehalten. Auf diese Weise werden kritisch-historische Forschungsans&auml;tze zur&uuml;ckgedr&auml;ngt. Es wird ersetzt durch identit&auml;res Denken, das auf Bekenntnisse zu einer bestimmten sozialen Gruppe abhebt und nicht auf Erkenntnisse nach fachlichen Kriterien. Wer aber auf Bekenntnis zur und &Uuml;berlegenheit der eigenen Positionen abhebt, wird die Interessen anderer hintanstellen. Frieden bedeutet aber Interessenausgleich, identit&auml;res Denken f&uuml;hrt in neue Kriege. Ramon Schack spricht vom &bdquo;Zeitalter der Idiotie&ldquo;. Gemeint ist eine Zerst&ouml;rung der Vernunft, die, so f&uuml;rchte ich, auch in den Medien Einzug gehalten hat.<\/p><p><strong>Vor ein paar Tagen kam es zu einer bemerkenswerten Szene in der Sendung &bdquo;Sonntags-Stammtisch&ldquo; des <em>Bayerischen Rundfunks<\/em>. <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=118142\">Folgendes war zu sehen<\/a>: Der CDU-Politiker Armin Laschet sagte: &bdquo;Man darf sagen: Ich will Friedensverhandlungen jetzt!&ldquo; Darauf reagierte die Journalistin und Moderatorin Anja Kohl mit den Worten: &bdquo;Ja, man kann auch sagen, die Erde ist eine Scheibe.&rdquo; Was sind das f&uuml;r Medien, die Leute einladen, die auf diese Weise wie Frau Kohl auf eine Aussage wie die von Herrn Laschet reagieren? Gerade der &ouml;ffentlich-rechtliche Rundfunk sollte doch eigentlich an gewisse Qualit&auml;tsanspr&uuml;che gebunden sein, oder?<\/strong><\/p><p>Man sieht an der zitierten Einlassung: Der &ouml;ffentlich-rechtliche Rundfunk ist, so m&ouml;chte ich es einmal in Anlehnung an Karl Kraus sagen, degeneriert zur Kasernierung der journalistischen Prostitution. Frau Kohl wei&szlig; offensichtlich nicht, was Krieg hei&szlig;t. Ein Praktikum im Kampfgebiet k&ouml;nnte ihren Horizont deutlich erweitern.<\/p><p><strong>Was zeigt Ihre Medienbeobachtung? Haben Sie irgendwo im &Ouml;RR oder anderen Mainstreammedien Stimmen aus der Friedensbewegung zu Wort kommen h&ouml;ren? Wir sehen Leute wie Kiesewetter, Strack-Zimmermann, R&ouml;ttgen. Aber wo sind Stimmen, die einen klaren friedenspolitischen Ansatz vertreten? Sahra Wagenknecht kommt hier und da zu Wort. Ansonsten?<\/strong><\/p><p>Das sogenannte Setting in den Quasselrunden spricht ja schon B&auml;nde: Drei Kriegstreiber d&uuml;rfen mit Unterst&uuml;tzung des Moderators einen Menschen niederschreien, der sich am Friedensgebot des Grundgesetzes orientiert. Bei Markus Lanz darf eine NATO-Propagandistin namens Florence Gaub, die als Expertin eingef&uuml;hrt wird, behaupten, die Russen seien keine Europ&auml;er und h&auml;tten ein anderes Verh&auml;ltnis zum Sterben und zum Tod. Kulturgeschichte hat Frau Gaub offenbar nicht studiert. Sie ist Reserveoffizierin der franz&ouml;sischen Armee. Dies wird dem Zuschauer aber vorenthalten. Lanz schaut zu und h&auml;lt den Mund. Mit Journalismus hat das nichts zu tun.<\/p><p><strong>Warum ist das so?<\/strong><\/p><p>Anders als zu meiner Zeit scheint mir heute im &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunk die Untertanenmentalit&auml;t weit verbreitet zu sein. Dazu kommen deutliche Bildungsl&uuml;cken. Drittens f&uuml;hren Journalisten ihre Vorurteile spazieren, statt zu berichten. Viertens halten sie das Internet f&uuml;r ein Fenster zur Welt. Das Internet ist aber ein Filter, der aussieht wie ein Fenster: Man sieht nur, was andere nach ihren Interessen hochgeladen haben. F&uuml;nftens lehnen sich Journalisten an das herrschende Meinungsklima in der Redaktion an; das erleichtert das Leben. Dieses Meinungsbild wird wiederum orchestriert von leitenden Redakteuren, die in transatlantischen Organisationen sozialisiert wurden oder entsprechende Affinit&auml;ten haben. Wer als F&uuml;hrungskraft im &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunk Karriere machen will, wird sich nicht mit dem herrschenden Parteienkartell anlegen. Denn die Vertreter dieser Parteien sitzen in den Aufsichtsgremien und entscheiden dort &uuml;ber die Vergabe von F&uuml;hrungspositionen.<\/p><p><strong>In Bezug auf den Krieg in der Ukraine sprechen Sie im Zusammenhang mit den gro&szlig;en Medien immer wieder von &bdquo;Blindheit&ldquo;. Sie f&uuml;hren unter anderem eine milit&auml;rische, eine moralisch-ethische, aber auch eine psychologische Blindheit an. Was meinen Sie damit?<\/strong><\/p><p>Aus den bereits genannten Gr&uuml;nden sch&auml;tzen Journalisten aus der Komfortzone ihrer Schreibtische die milit&auml;rische Lage falsch ein: Unter Fachleuten gibt es kein Szenario, in dem die Ukraine diesen Krieg gewinnt. Die moralisch-ethische Blindheit besagt, dass die Opferperspektive weitgehend ausgespart wird. Wenn man das Elend des Krieges ausstrahlen und drucken w&uuml;rde, k&ouml;nnte n&auml;mlich die Heimatfront ins Wanken geraten. Und die psychologische Blindheit f&uuml;hrt dazu, dass die Presse so tut, als sei die Kampfmoral der Ukrainer ungebrochen. All dies ist gelogen. Die Menschen wollen Frieden, im Donbass genauso wie in der Westukraine. Wer Krieg will, das sind immer die, die sich dr&uuml;cken k&ouml;nnen. Dies wird in den deutschen Medien nicht abgebildet. Insgesamt f&uuml;hrt dies dazu, dass eine mediale Filterblase entsteht, die auch das politische Klima pr&auml;gt. Auf der Basis falscher und unzureichender Informationen neigen Politiker dann dazu, Fehlentscheidungen zu treffen. Sie verfallen der gef&auml;hrlichsten Fehleinsch&auml;tzung in einem Krieg, n&auml;mlich den politischen Gegner zu untersch&auml;tzen und seine F&auml;higkeit auszublenden, Deutschland mit einem einzigen Atomschlag vollst&auml;ndig zu vernichten. Getrieben von Propaganda-Medien, werden Politiker zu verantwortungslosen Hasardeuren. In diesem Stadium befinden wir uns.<\/p><p><strong>Was bedeutet die &bdquo;Schieflage&ldquo; im Mediensystem f&uuml;r die Demokratie und unsere Gesellschaft?<\/strong><\/p><p>Die Zerst&ouml;rung des demokratischen Debattenraums und die Ausblendung von Positionen, die am Friedensgebot des Grundgesetzes orientiert sind, hat zwei Folgen: Die Presse wird nach innen zum sch&auml;rfsten Zensurorgan und nach au&szlig;en zum zentralen Kriegstreiber. Durch ihre postfaktische Berichterstattung tragen die Medien erheblich bei zur Zerschlagung der demokratischen Gesellschaftsordnung. Frau Prof. Ulrike Gu&eacute;rot und ich werden namentlich genannt im Jahresbericht von Amnesty International &ndash; als Beispiel f&uuml;r Zensur, Berufsverbot und &ouml;ffentliche Diffamierung. Dies wird weltweit beobachtet. Ich erhalte Post aus den USA, Kanada, dem Vereinigten K&ouml;nigreich, D&auml;nemark, Schweden. Die deutsche Presse interessiert das aber nicht. Gleichzeitig werden Presseorgane wie <em>Compact<\/em> verboten. Hier bin ich gespannt, was das Bundesverfassungsgericht dazu sagen wird. Das alles zeigt, wohin die Reise geht: Die Kriegsfraktion im herrschenden Parteienkartell arbeitet an der Abschaffung der Demokratie, um in einer postdemokratischen Staatsordnung die Macht zu usurpieren. Diese Leute haben abgewirtschaftet. Sie k&ouml;nnen sich nur noch mit St&uuml;tzung des Gro&szlig;en Bruders in Washington und der Unterdr&uuml;ckung abweichender Meinungen halten. Die Kriminalisierung von Dissens ist ein klassisches Zeichen einer Diktatur.<\/p><p><strong>Sehen Sie M&ouml;glichkeiten, wie die Situation &bdquo;aufgebrochen&ldquo; werden kann? Was k&ouml;nnen die B&uuml;rger tun?<\/strong><\/p><p>Die B&uuml;rger sollten dar&uuml;ber nachdenken, von der Propaganda-Presse Abschied zu nehmen: Das Zeitungs-Abo k&uuml;ndigen, den Fernseher ausschalten. Eine st&auml;rkere Nutzung der neuen Medien wie der <em>NachDenkSeiten<\/em> kann helfen, sich einen kritischen Blick auf die Propaganda auch in den Medien zu bewahren. Und die Menschen m&uuml;ssen den Kriegstreibern entgegentreten: Mit dem Stimmzettel und friedlich, auf der Stra&szlig;e. Sonst werden sie in den Kriegen sterben, die sie nicht verhindern wollten.<\/p><p>Lesetipp: Patrik Baab: <em><a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/buecher\/hintergrund-verlag\/propaganda-presse.html\">Propaganda-Presse. Wie uns Medien und Lohnschreiber in Kriege treiben<\/a>. Verlag Hintergrund, 17. Juli 2024, 128 Seiten, 14,80 Euro.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: wellphoto \/ Shutterstock<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/65b19efbf98a4fa9bf3d04ab6ec4bf7b\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Die Presse wird nach innen zum sch&auml;rfsten Zensurorgan und nach au&szlig;en zum zentralen Kriegstreiber&ldquo;, sagt der Journalist <strong>Patrik Baab<\/strong> im NachDenkSeiten-Interview. In seinem gerade erschienenen Buch &bdquo;Propaganda-Presse &ndash; Wie uns Medien und Lohnschreiber in Kriege treiben&ldquo; nimmt Baab, der Jahrzehnte beim &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunk war, kein Blatt vor den Mund. 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