{"id":118418,"date":"2024-07-21T13:00:58","date_gmt":"2024-07-21T11:00:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=118418"},"modified":"2024-07-20T01:18:42","modified_gmt":"2024-07-19T23:18:42","slug":"mexiko-und-die-vierte-transformation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=118418","title":{"rendered":"Mexiko und die vierte Transformation"},"content":{"rendered":"<p>Ein Gespr&auml;ch mit dem bekannten Schriftsteller <strong>Paco Ignacio Taibo II<\/strong> &uuml;ber das politische Experiment der mexikanischen Linksregierung, das &bdquo;Vierte Transformation&rdquo; genannt wird. Das Interview f&uuml;hrten <strong>Marco Teruggi<\/strong> und <strong>Mario Santucho<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<em>Paco Taibo ist ein Vertreter der &bdquo;Vierten Transformation (4T)&rdquo;, des von der mexikanischen Linken nach ihrer Macht&uuml;bernahme vor sechs Jahren vorangetriebenen Ver&auml;nderungsprozesses. Er hat sich seit dem letzten Jahrhundert mit dem Parteivorsitzenden Andr&eacute;s Manuel L&oacute;pez Obrador (Amlo) verbunden und geh&ouml;rt zu einer Generation, die im Fabeljahr 68 in die Politik hineingeboren wurde. Er hat also die Grausamkeit der Macht gesehen.<\/em><\/p><p><em>Aber Paco ist auch und vor allem ein uners&auml;ttlicher Schriftsteller. Er ver&ouml;ffentlicht B&uuml;cher in dem Tempo, in dem er Zigaretten raucht, eines nach dem anderen, ohne Unterlass. Die Noir-Romane &uuml;ber&nbsp;<a href=\"https:\/\/es.wikipedia.org\/wiki\/H%C3%A9ctor_Belascoar%C3%A1n_Shayne\">H&eacute;ctor Belascoar&aacute;n<\/a>&nbsp;sind sein pers&ouml;nliches Markenzeichen, und die Biografien von politischen Schl&uuml;sselfiguren wie&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.planetadelibros.com.mx\/libro-ernesto-guevara-tambien-conocido-como-el-che\/256034\">Che Guevara<\/a>&nbsp;und&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.planetadelibros.us\/libro-pancho-villa\/388943\">Pancho Villa<\/a>&nbsp;waren wahre publizistische Kassenschlager.<\/em><\/p><p><em>Damit nicht genug, war Taibo schon immer ein konsequenter Kulturaktivist &ndash; ein obsessiver F&ouml;rderer der Lekt&uuml;re f&uuml;r das einfache Volk. Deshalb ist die Arbeit an der Spitze der Generaldirektion des&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.fondodeculturaeconomica.com\/\">Fondo de Cultura Econ&oacute;mica<\/a>&nbsp;(FCE), des geschichtstr&auml;chtigen &ouml;ffentlichen Verlags, der bald sein 90-j&auml;hriges Bestehen feiert, f&uuml;r ihn, wie den Himmel im Sturm einzunehmen. Er empf&auml;ngt uns direkt vor der T&uuml;r des Verlagsgeb&auml;udes im Zentrum von Mexiko-Stadt an kleinen, auf dem B&uuml;rgersteig aufgestellten Tischchen.<\/em><\/p><p><em>Um ruhig zu beginnen, haben wir ihn gebeten, eine Bilanz der ersten sechs Jahre der Regierung der Partei Morena zu ziehen:<\/em><\/p><p>&bdquo;Man verlangt immer mehr, als das Leben einem geben kann, und der Durchbruch des 4T im Jahr 2018 war gef&uuml;llt mit Illusionen. Wir brauchten Zeit, um zu entdecken, dass wir einen sehr verrotteten, sehr ineffizienten Apparat erbten, voller Regeln, Blockaden, Systeme. Und dass es die eine Sache war, in der Bundesregierung zu sitzen, und eine ganz andere, auch die Macht zu haben. Die Hindernisse waren &uuml;berall, sie sind auf &auml;tzende Art und Weise aufgetaucht. Am schlimmsten waren Teile der Justiz, die weiterhin zum Verkauf stehen.<\/p><p>Dennoch kann man nicht umhin zu sagen und anzuerkennen, dass das Management dieser Regierung in einigen Bereichen sehr positiv war. Die Sozialausgaben, die mit H&auml;nden und F&uuml;&szlig;en verteidigt wurden, haben dazu gef&uuml;hrt, dass die Gelder der &ouml;ffentlichen Verwaltung in erheblichem Umfang in andere Bereiche flie&szlig;en. Man spricht von Tausenden von Stipendien f&uuml;r junge Menschen. Wenn man genauer hinschaut, was dahintersteckt, stellt man fest, dass die Schulabbrecherquote um 30 Prozent gesunken ist.<\/p><p>Und die einzige Antwort auf die Frage, warum dies so ist, ist, dass diese Stipendien es den jungen Menschen erm&ouml;glichten, &uuml;ber Geld f&uuml;r den Transport und das t&auml;gliche Essen zu verf&uuml;gen. Dadurch konnten sie ihre Sekundar- oder Hochschulbildung weiterf&uuml;hren und mussten diese nicht aus finanziellen Gr&uuml;nden abbrechen.<\/p><p>Was die gro&szlig;en Infrastrukturen anbelangt, so halten wir sie alle f&uuml;r &auml;u&szlig;erst ehrgeizig: den Transoce&aacute;nico, den Tren Maya, die neuen Raffinerien, das Staudamm-Netz. Aber zusammen mit allen Mexikanern fragen wir uns auch, wann sie ihre Arbeit aufnehmen werden. Wann werden die Raffinerien Benzin liefern, wann wird der Maya-Zug Produkte aus den Gemeinden und nicht nur Touristen bringen, wann wird der gewerblich-industrielle Entwicklungspol im S&uuml;dosten die konfliktreiche Situation in Panama entspannen?<\/p><p>Auf der anderen Seite gibt es eine grundlegende, brutale Ver&auml;nderung im Bewusstsein der Bev&ouml;lkerung, unten, verwurzelt in der Gesellschaft. Andr&eacute;s hat sich allen Widrigkeiten zum Trotz im direkten Diskurs behauptet, und zwar durch vielf&auml;ltige Angebote wie Besuche an vielen Orten, Morgenmatineen, diese Form des direkten Dialogs mit dem Volk. Und er stellt ein weltweit einzigartiges Ph&auml;nomen dar, denn jedes Regierungsprojekt hat historisch gesehen einen Abnutzungsanteil: Man regiert f&uuml;nf Jahre lang und verliert 20 Prozent Zustimmung oder 30.<\/p><p>Hier h&auml;lt sich Andr&eacute;s bei seinen 60 Prozentpunkten, zur &Uuml;berraschung, zum &Auml;rger der Rechten, die nicht verstehen kann, wie um alles in der Welt er diese gesellschaftliche Beliebtheit aufrechterhalten kann. Aber er hat sich auch konsequent der Wiederwahl verweigert: &lsquo;Nein, ich gehe nach Hause&rsquo;.<\/p><p>Und der Sieg in den Vorwahlen von Claudia [Sheinbaum], die f&uuml;r meinen Geschmack dem linken Fl&uuml;gel der 4T angeh&ouml;rt, &ouml;ffnet eine T&uuml;r der Kontinuit&auml;t, die sich sofort dem Problem der b&uuml;rokratischen Vereinfachung der Verwaltung stellen muss, und zwar so, dass es von den Worten zu den Taten geht. Man beginnt, die tiefe Logik der PRI- und PAN-Regierungen an der Macht zu entdecken, die Anzahl der Schritte oder Vermittlungen, die man f&uuml;r jedes Verfahren im Staatsapparat durchlaufen musste. Denn wenn alles schwierig ist, ist die Korruption das &Ouml;l des Systems. Kurz gesagt, ich w&uuml;rde sagen, dass wir im Gro&szlig;en und Ganzen die Schlacht gewonnen haben und die Wahlen gewinnen werden.&rdquo;<\/p><p><strong>Der Pr&auml;sident sagt in seinem k&uuml;rzlich erschienenen Buch &lsquo;<a href=\"https:\/\/www.planetadelibros.com.mx\/libro-gracias\/391762\">Gracias<\/a>&lsquo;, dass das Ziel darin bestehe, ein post-neoliberales Land aufzubauen. Sind in dieser sechsj&auml;hrigen Amtszeit Fortschritte erzielt worden, haben wir die H&auml;lfte des Weges geschafft, sind die wichtigsten Grundlagen gelegt worden?<\/strong><\/p><p>Ich hatte eine Kristallkugel, aber ich habe sie neulich zum Bowling benutzt. Nerven Sie mich nicht mit den Prognosen. Als wir vor sechs Jahren den Staat &uuml;bernahmen, hatte ich keine Ahnung, wie schlimm die t&auml;gliche Unterdr&uuml;ckung durch diesen Apparat war. Wir hatten keine Ahnung, wo das Geld aus der Korruption war, denn dieses ging in erster Linie in den &ouml;ffentlichen Bau: Man baute eine Stra&szlig;e und statt acht kostet sie 14, aber dieses Geld war nicht da. Es war verborgen. Oder, wie sich deutlich gezeigt hat, es verbarg sich in den nicht gezahlten Steuern der Oligarchie.<\/p><p>Es ist uns gelungen, einen Teil dieser Millionen Pesos im &ouml;ffentlichen Bau zu retten, aber das Geld, das durch Korruption entgangen ist, ist nun weg. Und diese Oligarchie hat sich, w&auml;hrend die Parteien sich zerst&ouml;rten, in die Medien zur&uuml;ckgezogen: Hunderte von Zeitungen, Tausende von Radiosendern und Dutzende von Fernsehger&auml;ten. Die konservativsten Sektoren dieser Gesellschaft halten sich so den R&uuml;cken frei.<\/p><p><strong>Weckt Claudias Regierung Erwartungen?<\/strong><\/p><p>Erstens wird der Sieg klar sein. Dann m&uuml;ssen wir eine Politik der Vereinfachung der Verwaltung umsetzen, die es erm&ouml;glicht, dass die Projekte viel st&auml;rker an die Bev&ouml;lkerung herangetragen werden. Das wird spannend, denn es stellt einen vor sehr komplizierte Herausforderungen. Zum Beispiel ist das Ungleichgewicht zwischen &ouml;ffentlicher und privater Kommunikation m&ouml;rderisch. 90 Prozent der Kommunikationsmedien sind privat. Das ist eine der Priorit&auml;ten. Es ist unbedingt notwendig, qualitativ hochwertige, vom privaten Sektor und seinen Mafias unabh&auml;ngige Fernseh- und Rundfunkangebote wiederaufzubauen und bereitzustellen.<\/p><p><strong>Hat der Mentalit&auml;tswandel in der Bev&ouml;lkerung mit Amlo als Galionsfigur zu tun, oder gibt es einen eher strategischen Ansatz?<\/strong><\/p><p>Die Figur von Andr&eacute;s ist ein Fakt, aber das 4T-Ph&auml;nomen ist auch ein anderer Fakt. Claudia wird wahrscheinlich ein Land erben, das leichter zu regieren ist als das, das Andr&eacute;s geerbt hat. Denn auf staatlicher Ebene hat man bereits herausgefunden, wer die Feinde sind.<\/p><p>Aber es ist harte Arbeit, wenn man mittel- und langfristige Politiken vorschl&auml;gt. Wenn Andr&eacute;s zum Beispiel sagt, dass der einzige Weg, den Drogenhandel zu bek&auml;mpfen, darin besteht, dass die Jugendlichen aufh&ouml;ren, den Gangster mit der Goldkette um den Hals zu bewundern, und stattdessen den Sinn f&uuml;r ihr Leben in Bildung, Gesundheit, Sport und Kultur zu finden. Verdammt noch mal, da schl&auml;gt man etwas sehr Langfristiges vor.<\/p><p>Es ist ein kulturelles Problem in einer Gesellschaft, die von den privaten Medien aus den Erfolg derjenigen beklatscht, die mit einer Goldkette herumlaufen.<\/p><p><strong>Richtig ist auch, dass das Versprechen des nationalen staatlichen Projekts bez&uuml;glich einer Inklusion und eines sozialen Aufstiegs f&uuml;r die Mehrheit der Bev&ouml;lkerung nicht gilt.<\/strong><\/p><p>Ich wei&szlig; nicht. Wenn man sich so wie ich in den Tiefen dieser Gesellschaft bewegt, denn die Arbeit, die der Fondo de Cultura leistet, ist absolut bodenst&auml;ndig, wir ber&uuml;hren die Gesellschaft &uuml;berall, wir sprechen mit den Leuten, Buchmessen, Leseclubs, wir sind sehr weit in der sozialen Basis verstreut. Das Erste, was man dann entdeckt, ist, dass der gro&szlig;e Erfolg der 4T darin besteht, dass die Sozialprogramme Perspektiven f&uuml;r den sozialen Aufstieg geschaffen haben.<\/p><p>Diese erworbenen sozialen Rechte wirken als Zusatzeinnahmen, die dem kleinen Unternehmen die Expansion, das Wachsen erm&ouml;glichen. Es wirkt unten, und muss noch weiterwirken. Diejenigen, die das&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.gob.mx\/bienestar\/acciones-y-programas\/programa-sembrando-vida\">Leben<\/a>&nbsp;in den Seegebieten&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.gob.mx\/bienestar\/acciones-y-programas\/programa-sembrando-vida\">pflanzen<\/a>, sollten anfangen, Genossenschaften zu gr&uuml;nden, um den von ihnen erzeugten Fisch zu vermarkten. Der erste Teil ist bereits erreicht: In diesen Gemeinden ist die Proteinnahrung betr&auml;chtlich gewachsen, aber jetzt brauchen wir &bdquo;diejenigen jenseits davon&rdquo;.<\/p><p><strong>B&uuml;cher f&uuml;r das Volk<\/strong><\/p><p><em>Paco Taibo hat den FCE komplett umgekrempelt. Er transformierte ihn in einen Volksverlag, gab ihm eine Kommunikationskraft, die er vorher nicht hatte, und stattete ihn mit einem utopischen Horizont aus, der darin besteht, eine soziale Basisbewegung zu werden. Zu den Erfolgen, die ihn begeistern, geh&ouml;rt das Wachstum der Anzahl der Niederlassungen im Ausland, insbesondere in Argentinien. Und er denkt nicht daran, damit aufzuh&ouml;ren, wie sein Freund El Peje. Seine Ernennung wurde bereits um f&uuml;nf weitere Jahre verl&auml;ngert, sodass er den Fonds als Achtzigj&auml;hriger verlassen wird.<\/em><\/p><p><strong>K&ouml;nnen Sie uns etwas &uuml;ber Ihre Arbeit im Fondo de Cultura Econ&oacute;mica erz&auml;hlen?<\/strong><\/p><p>Wir sind von drei Zielen ausgegangen: Erstens, den Preis von B&uuml;chern zu senken, da sich die Menschen sie sonst nicht leisten k&ouml;nnten. Also haben wir Sammlungen wie&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.fondodeculturaeconomica.com\/BuscarAvanzado?coleccion_f=COLECCI%C3%93N+POPULAR\">Popular<\/a>&nbsp;und&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.fondodeculturaeconomica.com\/BuscarAvanzado?coleccion_f=VIENTOS+DEL+PUEBLO\">Vientos del Pueblo<\/a>.<\/p><p><strong>Und all dies dank einer Mittelaufstockung des Fonds?<\/strong><\/p><p>Nein, wir haben es sogar mit weniger Geld geschafft. Es ist ein Thema der Rationalisierung der Ressourcen und der Schwerpunkt&auml;nderung: billigere B&uuml;cher, niedrigschwelliger Vertrieb, Vertrieb in jeden Winkel des Landes, in dem es potenzielle Leser gibt, Leseclubs und Leser&auml;ume, um die Bewegung der Basisorganisationen zu f&ouml;rdern. Dadurch konnte der Fonds in Bezug auf seine gesellschaftliche Wirkung enorm wachsen. Als ich ankam, war der Fonds eine Einrichtung, die B&uuml;cher herausgab, die man als Wirtschaftsstudent unbedingt lesen musste. Jetzt ist er zu einem Bereich des sozialen Ansehens geworden. Man kennt ihn in Pochutla, in Oaxaca und in den Bergen von Durango, weil wir dort gewesen sind.<\/p><p><strong>Sie setzen sich seit Langem f&uuml;r die Lesef&ouml;rderung an der Basis ein. Ist dieser Kampf gewonnen, oder wird er angesichts der ver&auml;nderten Mentalit&auml;t der heutigen Welt immer schwieriger?<\/strong><\/p><p>Er macht immer mehr Spa&szlig;, wird immer positiver, w&auml;chst immer mehr. Jeden Tag treffen wir Menschen aus verschiedenen Leseclubs, Menschen, von denen ich noch nie in meinem Leben geh&ouml;rt habe, und das, obwohl ich durch das ganze Land gereist bin. Man schafft wirklich soziale Verwurzelung, wir erh&ouml;hen den Anteil der Lesenden in diesem Land. Und Lesen ist Demokratie. Mexikaner, die lesen, sind kl&uuml;ger als Mexikaner, die nicht lesen, daran gibt es keinen Zweifel.<\/p><p><strong>Wie sieht dieser Vorschlag aus, &uuml;ber die Leseclubs eine soziale Bewegung zu schaffen?<\/strong><\/p><p>Als wir ankamen, gab es einen St&uuml;tzpunkt, dies waren die Leses&auml;le. Es gab einen Mediator, dessen Aufgabe die Lesef&ouml;rderung war. Wir haben dem eine Form gegeben, wir haben telefonisch und live mit allen Mediatoren im Land gesprochen und wir haben eine einfachere Mission ins Leben gerufen, n&auml;mlich die Leseclubs: Acht Leute organisieren sich selbst und erhalten drei Tage lang eine Online-Schulung, wie man sich organisiert, wie die B&uuml;cher verschickt werden und zu ihnen kommen, wie man festlegt, welche B&uuml;cher funktionieren k&ouml;nnten und welche nicht, wie man die Lesebed&uuml;rfnisse der eigenen Gemeinschaft erkennt.<\/p><div class=\"imagewrap\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/240721-Mexiko-Transformation-01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p><small>&ldquo;B&uuml;cher f&uuml;r das Volk&rdquo; &ndash; Quelle: <a href=\"https:\/\/revistacrisis.com.ar\/notas\/viaje-al-fondo-de-la-4t\">LIZBETH HERN&Aacute;NDEZ<\/a> &ndash; <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nc-sa\/2.5\/ar\/\">CC BY-NC-SA 2.5 AR<\/a><\/small><\/p><p>Dann erhalten sie einen Grundstock, den der Fonds verschenkt, wir haben schon Millionen von B&uuml;chern verschenkt. Sie taufen den Club auf einen Namen ihrer Wahl und los geht&rsquo;s. Und dann vernetzen wir die Clubs miteinander, sodass das Wissen &uuml;ber die verschieden Formen der Leseclubs gemeinschaftliches Wissen ist: Clubs, die mit Marionetten arbeiten; Clubs, die mit Menschen mit Behinderung arbeiten; Clubs, die mit fr&uuml;hkindlicher Erziehung arbeiten, also mit den Kindern, die in die B&uuml;cher reinbei&szlig;en; es ist ein gro&szlig;es Netzwerk von derzeit 16.000 Clubs.<\/p><p><strong>Machen alle, die mitmachen, das freiwillig?<\/strong><\/p><p>Ja, alle. Denn wenn wir anfangen, Geh&auml;lter zu verteilen, pervertieren wir das System. Und wir b&uuml;rokratisieren es.<\/p><p><strong>Nach oben ausspucken<\/strong><\/p><p><em>Vor 13 Jahren haben wir Paco zum ersten Mal&nbsp;<\/em><a href=\"https:\/\/revistacrisis.com.ar\/notas\/chilango-y-picante\"><em>interviewt<\/em><\/a><em>. Damals fragten wir ihn: &bdquo;Wie geht es Mexiko?&rdquo; &bdquo;Es steckt tief in der Schei&szlig;e&rdquo;, antwortete er. Und er blickte mit einem gewissen Neid in den S&uuml;den, wo sich die progressiven Regierungen vermehrten: &bdquo;Mexiko und Kolumbien sind wie die h&auml;sslichen Entlein in diesem Film. Wir Mexikaner haben eine sehr starke Tendenz, uns in uns einzuschlie&szlig;en. Ich wei&szlig; nicht, ob das ein kulturelles Ph&auml;nomen ist, oder etwas Historisches, oder die besondere Geopolitik, in die wir eingebettet sind, oder die Intensit&auml;t, mit der wir leben. Aber es gibt eine Art Autismus in Bezug auf das &uuml;brige Lateinamerika.&rdquo;<\/em><\/p><p><em>Heute hat sich das Blatt gewendet, aber alles scheint darauf hinzudeuten, dass Zapatas Land weiterhin eher nach Norden als nach S&uuml;den blickt. Obwohl Paco klarstellt: &bdquo;Zu Beginn dieser sechsj&auml;hrigen Amtszeit sah Andr&eacute;s sehr wenig in Richtung Lateinamerika, er war besessen davon, die nordamerikanische Pr&auml;senz und den Druck unter Kontrolle zu bringen. Am Ende dieser sechsj&auml;hrigen Amtszeit hat er eine viel mehr lateinamerikanische Perspektive als zuvor, es gab Zusammenst&ouml;&szlig;e und Umarmungen, es gab alles. Ich glaube, das wird sich mit Claudia noch weiterentwickeln.<\/em><\/p><p><em>Das Problem liegt jedoch tiefer: &bdquo;Wir haben noch keine gemeinsame kulturelle Basis gefunden, und das ist einer der Schl&uuml;ssel&rdquo;, sagt Taibo. &bdquo;Denn in Gesellschaften, die durch den Dari&eacute;n Gap getrennt sind und durch den Fakt, dass Argentinier gleiche Worte anders aussprechen als wir, m&uuml;ssen wir Kommunikationsbr&uuml;cken schaffen.<\/em><\/p><p><em>Die gro&szlig;e Br&uuml;cke der 1960er-Jahre wurde zun&auml;chst durch die kubanische Revolution beeinflusst, dann durch eine Kombination aus sehr starken Verlagsunternehmen wie den mexikanischen, argentinischen, kubanischen, dem Fall des Franco-Regimes in Spanien, der Trova, dem Lied, dem Film. Diese gro&szlig;e Welle ist abgeebbt, der Neoliberalismus hat sie geschluckt, und alles wurde wieder zu Markt und Gesch&auml;ft. Und jetzt kommt es langsam zur&uuml;ck. Es ist schwer f&uuml;r uns, ein in Argentinien ver&ouml;ffentlichtes Buch erfolgreich in Mexiko zu vertreiben, weil man dann immer erkl&auml;ren muss, wer das ist und woher das Buch kommt.&rdquo;<\/em><\/p><p><strong>Mit anderen Worten: Die kulturellen Str&ouml;mungen, die seinerzeit den gesamten Kontinent durchzogen, wurden beseitigt.<\/strong><\/p><p>Heute ist der gute Wille vorhanden.<\/p><p><strong>Was die US-Wahlen in diesem Jahr betrifft: Wer sollte im Interesse der 4T gewinnen?<\/strong><\/p><p>Mir ist das total egal, ich habe keinen Einfluss. Obwohl wir versuchen, lateinamerikanische Leser, die in den USA leben, mit unseren B&uuml;chern zu erreichen. Der Plan f&uuml;r das n&auml;chste Jahr ist, 200 Leseclubs in 200 St&auml;dten in den USA zu gr&uuml;nden, und zwar ohne Vorurteile gegen&uuml;ber dem Mexikanismus. Die Idee ist, Leser auf Spanisch zu erreichen, ich habe kein Problem mit Argentiniern in New York und Menschen aus Puebla in Chicago, und ich habe kein Problem mit Kolumbianern in Tennessee.<\/p><p><strong>Ich wei&szlig; nicht, ob Sie den Vorschlag der Ultrarechten f&uuml;r eine&nbsp;<\/strong><a href=\"https:\/\/revistacrisis.com.ar\/notas\/apuntes-sobre-milei-y-el-internacionalismo-reaccionario\"><strong>Iberosph&auml;re<\/strong><\/a><strong>&nbsp;auf der Grundlage der gemeinsamen Sprache gesehen haben, die es Spanien erm&ouml;glichen w&uuml;rde, einen Einflussbereich zur&uuml;ckzugewinnen.<\/strong><\/p><p>Mein Vater sagte mit gro&szlig;er Weisheit: Es gibt einen Ozean, der uns verbindet, und eine Sprache, die uns trennt, und zwar so, dass man in Mexiko zu einem B&uuml;rgersteig &lsquo;banqueta&rsquo; sagt, w&auml;hrend der B&uuml;rgersteig in Spanien &lsquo;acera&rsquo; hei&szlig;t. Und der Aufzug wird zum Fahrstuhl. Ich glaube, dass das spanische imperiale Denken nur dann eine Chance hat, wiederbelebt zu werden, wenn wir bereit sind, es uns zu eigen zu machen. Und in Mexiko ist das unm&ouml;glich. Wenn Hern&aacute;n Cort&eacute;s spazieren geht, verbrennen ihm die F&uuml;&szlig;e , um Cuauht&eacute;moc zu r&auml;chen. Sie haben keine F&auml;higkeit zur historischen Aufarbeitung, der spanische imperiale Ruhm ist in Mexiko f&uuml;r nichts zu gebrauchen. Die Iberosph&auml;re? Lass&rsquo; mich damit blo&szlig; in Ruhe!<\/p><p><strong>Sehen Sie in der heutigen lateinamerikanischen Literatur eine gewisse Vitalit&auml;t?<\/strong><\/p><p>Ich lese, was ich kann, von Zeit zu Zeit findet man interessante Dinge, aber ich f&uuml;hle den Puls nicht. Au&szlig;erdem gibt es ein Generationenproblem: Es f&auml;llt mir schwer, einen jungen Mann in den Zwanzigern in Uruguay zu lesen, der Talent hat. Denn wo zum Teufel finde ich ihn, wie lese ich ihn, wie erreicht er mich, ist er im Einklang mit mir oder ist seine Literatur zu cool, als dass ich mich darauf einlassen k&ouml;nnte? Es gibt zu viele Anhaltspunkte, mit denen ich nicht umgehen kann, es f&auml;llt mir schwer, zwischen einem angesagten Rocks&auml;nger und der Mutter von Elvis Presley zu unterscheiden. Meine kulturellen Parameter sind auf grausame Weise gealtert.<\/p><p><strong>In Ihrem neuesten Buch taucht eine Figur wieder auf, die f&uuml;r Sie ein st&auml;ndiges Thema ist: Rodolfo Walsh.<\/strong><\/p><p>Er ist eine der Lieben meines Lebens, eine Obsession. Wenn ich neben&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Rodolfo_Walsh\">Walsh<\/a>&nbsp;sitze, lache ich ihn aus: Du Spinner, der Weg war nicht nur, Guerillero zu werden, du musstest weiter &lsquo;Esa mujer&rsquo; und &lsquo;Ese hombre&rsquo; schreiben. Man sollte die Literatur nicht vernachl&auml;ssigen, denn es gibt so etwas wie das &lsquo;As&iacute; se templ&oacute; el acero&rsquo;-Syndrom, denn &lsquo;die Partei verlangt von mir, dass ich aufh&ouml;re, Gedichte zu schreiben&rsquo;. Nein. Dicksch&auml;del, die Partei verlangt von Dir, menschlicher denn je zu sein. Meine Beziehung zu Walsh ist eine Beziehung der tiefen Liebe und Zuneigung, der Neugier, des Respekts, die &uuml;ber viele Jahre hinweg entstanden ist, nachdem ich sein gesamtes Werk gelesen und&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=jkdpaQpmUn8\">den Dokumentarfilm<\/a>&nbsp;gemacht habe, der sehr gut geworden ist und voller Emotionen steckt. Aber ich habe diese Debatte mit ihm: der Brief an die Tochter ist sehr sch&ouml;n und gut, aber er hatte eine Geschichte geschrieben, und ich mache mir Sorgen dar&uuml;ber, wo diese Geschichte verdammt nochmal geblieben ist.<\/p><p><strong>Ist das nicht auch ein bisschen wie die Trance, in der Sie sich jetzt befinden, so sehr in die Politik involviert?<\/strong><\/p><p>Nein, denn ich habe gerade ein Buch beendet und schreibe gerade ein weiteres. Das letzte hei&szlig;t&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.planetadelibros.com.mx\/libro-los-alegres-muchachos-de-la-lucha-de-clases\/386198\">Los alegres muchachos de la lucha de clases<\/a>, es ist ein Generationenlied, das besagt, dass ein Linker zu sein nicht nur aufregend ist, dass es nicht nur bedeutet, dass man auf der guten Seite der Gesellschaft, in der man lebt, steht, sondern dass es auch viel Spa&szlig; macht, verdammt.<\/p><p>&Uuml;bersetzung: <a href=\"https:\/\/amerika21.de\/analyse\/270415\/mexiko-vierte-transformation-paco-taibo\">Susanne Schartz-Laux, Amerika21<\/a>.<\/p><p><small>Titelbild: <a href=\"https:\/\/amerika21.de\/analyse\/48951\/paco-taibo-exil\">amerika21<\/a><\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=116368\">Historisches Ergebnis: Claudia Sheinbaum gewinnt Pr&auml;sidentschaftswahlen in Mexiko<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=115046\">David gegen Goliath: Der Waffenschmuggel aus den USA nach Mexiko und die Folgen<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=95143\">Nach Drohung mit Milit&auml;rintervention: Streit zwischen Mexiko und USA eskaliert<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=94260\">Politischer Paukenschlag: Pr&auml;sident von Mexiko verstaatlicht Lithium-Vorkommen<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/0c035e540e6049fc994b623d710640a9\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\" title=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Gespr&auml;ch mit dem bekannten Schriftsteller <strong>Paco Ignacio Taibo II<\/strong> &uuml;ber das politische Experiment der mexikanischen Linksregierung, das &bdquo;Vierte Transformation&rdquo; genannt wird. 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