{"id":118536,"date":"2024-07-23T09:00:40","date_gmt":"2024-07-23T07:00:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=118536"},"modified":"2024-07-25T09:48:55","modified_gmt":"2024-07-25T07:48:55","slug":"general-a-d-harald-kujat-nato-koennte-aehnlichen-fehler-begehen-wie-die-usa-in-vietnam-interview-teil-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=118536","title":{"rendered":"General a. D. Harald Kujat: \u201eNATO k\u00f6nnte \u00e4hnlichen Fehler begehen wie die USA in Vietnam\u201c \u2013 Interview Teil 1"},"content":{"rendered":"<p>Vor den Folgen einer weiteren Eskalation im Ukraine-Krieg warnt der ehemalige Bundeswehr-Generalinspekteur und fr&uuml;here Vorsitzende des NATO-Milit&auml;rausschusses <strong>Harald Kujat<\/strong> seit L&auml;ngerem. Im ersten Teil des Interviews &auml;u&szlig;ert er sich zur Lage in der Ukraine ebenso wie den neuen NATO-Beschl&uuml;ssen, den russischen Verhandlungsangeboten und der &bdquo;Friedensmission&ldquo; von Ungarns Premier Viktor Orb&aacute;n. Mit dem General a. D. sprach <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>NachDenkSeiten: Sie warnen davor, dass der Krieg in der Ukraine zur &bdquo;Ur-Katastrophe des 21. Jahrhunderts&ldquo; werden k&ouml;nnte. Warum?<\/strong><\/p><p><strong>Harald Kujat:<\/strong> Der Erste Weltkrieg wurde von George F. Kennan als Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts bezeichnet, weil er bereits den Keim des Zweiten Weltkriegs und damit des Kalten Krieges in sich getragen habe. Gerade hat die NATO ihr 75-j&auml;hriges Bestehen gefeiert. In diesen Jahren hat sie einen entscheidenden Beitrag zur Unabh&auml;ngigkeit, Freiheit und Sicherheit ihrer Mitgliedstaaten geleistet. Aber seit zweieinhalb Jahren ist wieder Krieg in Europa, und es hat den Anschein, als h&auml;tten die europ&auml;ischen Politiker nichts aus der Geschichte gelernt, denn aus dem Ukraine-Krieg k&ouml;nnte ein gesamteurop&auml;ischer Krieg entstehen.<\/p><p>Auch ein gro&szlig;er Krieg zwischen den Weltm&auml;chten USA und China scheint nicht mehr ausgeschlossen zu sein. Das 21. Jahrhundert ist gepr&auml;gt vom Aufstieg Chinas als wirtschaftliche und milit&auml;rische Weltmacht und von der Rivalit&auml;t der gro&szlig;en M&auml;chte, den Vereinigten Staaten, Russland und China. Der Ukraine-Krieg hat Klarheit geschaffen, dass China der einzige Konkurrent der Vereinigten Staaten ist, der zunehmend &uuml;ber das wirtschaftliche, diplomatische, milit&auml;rische und technologische Potenzial verf&uuml;gt, die f&uuml;hrende Macht der Welt zu werden.<\/p><p>Deshalb verfolgen die Vereinigten Staaten das Ziel, Russland, den zweiten geopolitischen Rivalen, politisch, wirtschaftlich und milit&auml;risch so weit zu schw&auml;chen, dass sie sich auf die Auseinandersetzung mit China konzentrieren k&ouml;nnen. Ein Blick in den US-amerikanischen Verteidigungshaushalt zeigt bereits die Ausrichtung auf eine Auseinandersetzung mit China. Um ihr strategisches Ziel zu erreichen, brauchen die Vereinigten Staaten einen engen Schulterschluss mit den europ&auml;ischen NATO-Verb&uuml;ndeten. Die europ&auml;ischen NATO-Staaten sollen gemeinsam mit Australien, Japan, Neuseeland und S&uuml;dkorea ein indopazifisches Netzwerk von Partnern und Alliierten bilden und mit der gleichen Geschlossenheit wie in der Auseinandersetzung mit Russland in den Konflikt mit China eingebunden werden.<\/p><p>Im strategischen Konzept der NATO wird China als systemische Herausforderung f&uuml;r die euro-atlantische Sicherheit bezeichnet. Auf dem Jubil&auml;umsgipfel der NATO in Washington vom 9. bis 11. Juli gingen die Staats- und Regierungschefs der Allianz einen Schritt weiter. Sie erkl&auml;rten, China sei durch seine grenzenlose Partnerschaft und umfangreiche Unterst&uuml;tzung der russischen Verteidigungsindustrie zu einem entscheidenden Faktor f&uuml;r den Krieg Russlands gegen die Ukraine geworden. Dadurch sei die Bedrohung, die Russland f&uuml;r seine Nachbarn und die euro-atlantische Sicherheit darstellt, erh&ouml;ht worden.<\/p><p>Der Indopazifik sei f&uuml;r die NATO wichtig, weil die Entwicklungen in dieser Region direkte Auswirkungen auf die euro-atlantische Sicherheit h&auml;tten. Die NATO geht damit auf einen Konfrontationskurs zu China. Wir Europ&auml;er m&uuml;ssen uns entscheiden, ob wir uns an einer k&uuml;nftigen milit&auml;rischen Auseinandersetzung zwischen China und den Vereinigten Staaten beteiligen oder die F&auml;higkeit zur politischen, wirtschaftlichen und milit&auml;rischen Selbstbehauptung st&auml;rken und zu einem unabh&auml;ngigen Faktor internationaler Stabilit&auml;t mit der F&auml;higkeit zur Konfliktverh&uuml;tung und Konflikteind&auml;mmung werden wollen.<\/p><p><strong>Wie sch&auml;tzen Sie die aktuelle Lage im Ukraine-Krieg ein? Einige Experten sahen zum Jahresbeginn ein nahes Ende des Krieges. Das scheint aber bisher nicht erkennbar. Dagegen wird der Krieg anscheinend mit Hilfe neuer westlicher Waffenlieferungen weiter verl&auml;ngert. Wie sehen Sie das?<\/strong><\/p><p>Nach dem Scheitern der mit gro&szlig;en Erwartungen verbundenen ukrainischen Offensive 2023 ist die milit&auml;rische Lage der Ukraine sehr kritisch geworden und wird jeden Tag schwieriger. Die ukrainischen Streitkr&auml;fte haben die F&auml;higkeit zu einer offensiven Landkriegf&uuml;hrung weitgehend verloren. Sie sind deshalb auf Anraten der USA in die strategische Defensive gegangen, um die hohen personellen Verluste zu reduzieren und das noch von ihnen kontrollierte Territorium zu halten. Dadurch konnten sie bisher das Vorr&uuml;cken der russischen Streitkr&auml;fte verlangsamen.<\/p><p>Allerdings ist die Ukraine gegenw&auml;rtig in drei f&uuml;r eine erfolgreiche Verteidigung wichtigen Bereichen &auml;u&szlig;erst verwundbar: in der Luftverteidigung, wegen des Mangels an Artilleriemunition und insbesondere aufgrund des gro&szlig;en Defizits an ausgebildeten Soldaten. Das ist besonders kritisch, weil die ukrainischen Verteidigungslinien an der 1.300 Kilometer langen Front &uuml;berdehnt sind. Zudem sind die ukrainischen Soldaten ersch&ouml;pft und zunehmend demoralisiert. Die Kriegsm&uuml;digkeit der ukrainischen Bev&ouml;lkerung w&auml;chst; sie will Frieden und verlangt eine diplomatische L&ouml;sung.<\/p><p>Die russischen Streitkr&auml;fte haben die Initiative &uuml;bernommen und an mehreren Angriffsschwerpunkten ukrainisches Gebiet erobert. Seit dem 10. Mai haben die Russen im Raum Charkiw gr&ouml;&szlig;ere Gel&auml;ndegewinne erzielt. Das Ziel war zun&auml;chst offenbar, die ukrainischen Streitkr&auml;fte im Raum Charkiw zur&uuml;ckzudr&auml;ngen, um den Abstand zur russischen Grenze zu vergr&ouml;&szlig;ern und den Beschuss der grenznahen russischen Stadt Belgorod zu unterbinden. Die Zivilbev&ouml;lkerung von Belgorod ist mehrfach angegriffen worden, auch mit US-amerikanischen Streubomben.<\/p><p>Das taktisch geschickte russische Vorgehen bei der Eroberung von Awdijiwka und der chaotische R&uuml;ckzug der ukrainischen Streitkr&auml;fte k&ouml;nnten exemplarisch f&uuml;r den weiteren Verlauf der Kampfhandlungen sein. Russland beabsichtigt jedoch offenbar nicht, einen gro&szlig;en Durchbruch zu erzielen, sondern zeigt, dass es in der Lage ist, an mehreren Angriffsschwerpunkten der Front unaufhaltsam vorzur&uuml;cken und seine Gel&auml;ndegewinne auszubauen.<\/p><p>Die westlichen Waffenlieferungen st&auml;rken die ukrainische F&auml;higkeit zur Verteidigung f&uuml;r eine begrenzte Zeit. Wie lange die Verteidigung ohne weitere gro&szlig;e Gebietsverluste fortgesetzt werden kann, h&auml;ngt davon ab, ob die USA die Unterst&uuml;tzung w&auml;hrend des US-amerikanischen Pr&auml;sidentschaftswahlkampfs im erforderlichen Umfang aufrechterhalten. Waffen k&ouml;nnen jedoch die Defizite der wichtigsten Ressource, des Personals, nicht ausgleichen. Entscheidend ist deshalb, ob die Ukraine die erforderliche Zahl an Soldaten mobilisieren kann und mit welcher Intensit&auml;t die russischen Streitkr&auml;fte die Kampfhandlungen fortsetzen.<\/p><p><strong>Nun wird debattiert und angek&uuml;ndigt, westliche Soldaten als Ausbilder und Berater direkt zu den ukrainischen Einheiten an die Front zu schicken. Der ungarische Ministerpr&auml;sident Victor Orb&aacute;n sagte k&uuml;rzlich in einem Interview, dass die westlichen Einheiten bereits da sind. Die NATO will die Koordination der Waffenlieferungen und Ausbildung der ukrainischen Truppen &uuml;bernehmen. Wie sehen Sie das?<\/strong><\/p><p>Dass sich westliche milit&auml;rische Berater in der Ukraine aufhalten, d&uuml;rfte allgemein bekannt sein. Weniger bekannt ist die Tatsache, dass sich seit Dezember letzten Jahres der US-amerikanische General Antonio Aguto mit einem Beraterteam in Kiew aufh&auml;lt, um der milit&auml;rischen F&uuml;hrung der Ukraine &bdquo;&uuml;ber die Schulter zu schauen&ldquo;. Aguto ist der Chef der in Wiesbaden stationierten &bdquo;Security Assistance Group Ukraine&ldquo; der US-Armee, die Waffenlieferungen und die Ausbildung ukrainischer Soldaten koordiniert, die ukrainischen Streitkr&auml;fte bei der Operationsplanung unterst&uuml;tzt und sie mit Informationen versorgt. Sollten regul&auml;re Kampftruppen aus NATO-Staaten Seite an Seite mit den ukrainischen Streitkr&auml;ften im Einsatz sein, lie&szlig;e sich das kaum geheimhalten. Wenn sich jedoch eine milit&auml;rische Niederlage der Ukraine abzeichnet, wird es sicherlich Forderungen geben, den westlichen Waffen westliche Soldaten folgen zu lassen.<\/p><p>Diese Diskussion ist bereits von Frankreichs Pr&auml;sident Emmanuel Macron angesto&szlig;en worden. Macron hat wiederholt die Entsendung franz&ouml;sischer Landstreitkr&auml;fte in die Ukraine thematisiert. Er erhielt daf&uuml;r von einigen NATO-Staaten Zustimmung. Macron hat die Begr&uuml;ndung f&uuml;r das Eingreifen westlicher Truppen mehrfach variiert. Zuletzt sagte er: &bdquo;Wenn die Russen die Frontlinie durchbrechen sollten, wenn es eine ukrainische Bitte gibt &ndash; was bis heute nicht der Fall ist &ndash;, dann sollten wir uns die Frage berechtigterweise stellen.&ldquo;<\/p><p>Inzwischen gibt es die Bitte der Ukraine, 150.000 Rekruten in unmittelbarer N&auml;he der Front auszubilden. Ich bin sicher, dass die ukrainische Regierung sich der Konsequenzen sehr bewusst ist, anders als einige NATO-Staaten, die offenbar dazu bereit sind. Angesichts des gro&szlig;en Risikos, dem die NATO-Ausbilder ausgesetzt w&auml;ren, m&uuml;ssten Schutzma&szlig;nahmen ergriffen werden &ndash; beispielsweise durch bodengest&uuml;tzte Luftverteidigung. Dadurch w&uuml;rde eine bisher eingehaltene rote Linie &uuml;berschritten, denn die Soldaten k&ouml;nnten direkt in Kampfhandlungen mit Russland verwickelt werden.<\/p><p>Bisher lehnten die USA es kategorisch ab, US-Kampftruppen in die Ukraine zu verlegen, und forderten die Verb&uuml;ndeten auf, dies auch nicht zu tun. Aber der US-amerikanische Vorsitzende der &bdquo;Joint Chiefs of Staff&ldquo;, General Charles Q. Brown, erkl&auml;rte, der Einsatz von NATO-Ausbildern sei unvermeidlich: &bdquo;Mit der Zeit werden wir dort ankommen.&ldquo; Nicht nur der Bundeskanzler, auch der italienische und der ungarische Au&szlig;enminister haben eine milit&auml;rische Beteiligung ihrer Streitkr&auml;fte am Ukraine-Krieg ausgeschlossen. Innerhalb der Allianz w&auml;chst zudem die Zahl der Staaten, die nicht mit dem bisherigen Kurs einverstanden sind.<\/p><p>Ob sich deren Position durchsetzt, erscheint angesichts der aktuellen Entwicklung zweifelhaft. Es sieht eher danach aus, als k&ouml;nnte die NATO &auml;hnliche Fehler begehen wie die USA, die zum Vietnamkrieg f&uuml;hrten: Beginnend mit einem Beraterteam im Einsatzland, dem Ausbilder folgen, die in Kampfhandlungen verwickelt werden und Verluste erleiden, was den Anlass gibt, mit gr&ouml;&szlig;eren Kampftruppen-Verb&auml;nden in den Krieg einzugreifen. Damit w&auml;re eine Zerrei&szlig;probe f&uuml;r die Allianz vorprogrammiert. Sollte es tats&auml;chlich so kommen, w&auml;re die NATO am Ende nicht mehr das, was sie einmal war.<\/p><p><strong>Herr Kujat, wie bewerten Sie die aktuellen Ereignisse wie die neuen Friedensvorschl&auml;ge von Wladimir Putin, die Friedensmission des ungarischen Ministerpr&auml;sidenten Viktor Orb&aacute;n sowie den j&uuml;ngsten NATO-Gipfel in Washington? Bringen diese Ereignisse Bewegung in Richtung Ende des Krieges in der Ukraine?<\/strong><\/p><p>China hatte im Februar des vergangenen Jahres vorgeschlagen, Friedensverhandlungen ausgehend von dem in Istanbul erreichten Ergebnis aufzunehmen. Darauf ist Russlands Pr&auml;sident Wladimir Putin eingegangen, indem er die Vereinbarungen von Minsk und Istanbul als Grundlage f&uuml;r Verhandlungen bezeichnete. Er hat die Ukraine aufgefordert, zuerst das Verbot aufzuheben, mit Russland zu verhandeln, und verlangt, was er als &bdquo;Anerkennung der entstandenen Realit&auml;ten&ldquo; bezeichnet: den vollst&auml;ndigen Abzug der ukrainischen Truppen aus den von Russland annektierten Regionen Donezk, Luhansk, Saporischschja und Cherson innerhalb der ehemaligen Verwaltungsgrenzen. Sobald sich die Ukraine dazu bereit erkl&auml;rt und mit dem Abzug beginnt sowie offiziell notifiziert, dass sie ihre Pl&auml;ne f&uuml;r einen NATO-Beitritt aufgibt, werde Russland die Kampfhandlungen einstellen und sei bereit, mit den Verhandlungen am n&auml;chsten Tag zu beginnen.<\/p><p>US-Pr&auml;sident Joseph Biden hat immer wieder betont, dass nur die ukrainische Regierung entscheidet, ob, wann und unter welchen Bedingungen sie verhandelt. Putins Vorschlag wurde von den westlichen Unterst&uuml;tzerstaaten der Ukraine abgelehnt. Einer der ersten war der NATO-Generalsekret&auml;r Jens Stoltenberg, der sagte, &bdquo;dies ist kein Friedensvorschlag. Dies ist ein Vorschlag f&uuml;r mehr Aggression, mehr Besatzung.&ldquo; Damit erweckt er den fatalen Eindruck, dass er auf Putins Ank&uuml;ndigung als Betroffener reagiert, so als sei die NATO bereits direkt an diesem Krieg beteiligt.<\/p><p>Dass der ungarische Ministerpr&auml;sident Viktor Orb&aacute;n sowohl mit Wolodymyr Selenskyj als auch mit Putin und Xi Jinping M&ouml;glichkeiten er&ouml;rtert, den Krieg mit einem Waffenstillstand und einem Verhandlungsfrieden zu beenden, zeigt, dass er einen Weg aus der Sackgasse sucht, in die sich die Europ&auml;er durch ihr unrealistisches und strategieloses Agieren man&ouml;vriert haben.<\/p><p>Anstatt sein Bem&uuml;hen um europ&auml;ische Handlungsf&auml;higkeit zu unterst&uuml;tzen, wurde Orb&aacute;n kritisiert, er habe kein Mandat beziehungsweise seine Gespr&auml;che seien nicht abgestimmt gewesen. Es entstand sogar eine &ouml;ffentliche Er&ouml;rterung dar&uuml;ber, ob und wie man Orb&aacute;n die EU-Ratspr&auml;sidentschaft entziehen k&ouml;nne &ndash; ein bemerkenswertes Verhalten, wenn man bedenkt, dass die Europ&auml;ische Union 2012 den Friedensnobelpreis erhalten hat, weil sie &bdquo;aus einem Kontinent des Krieges einen Kontinent des Friedens gemacht&ldquo; habe.<\/p><p>Zuspruch erhielt Orb&aacute;n dagegen vom slowakischen Ministerpr&auml;sidenten Fico: &bdquo;Ich m&ouml;chte dem ungarischen Ministerpr&auml;sidenten meine Bewunderung daf&uuml;r aussprechen, dass er ohne zu z&ouml;gern nach Kiew und nach Moskau gereist ist. Wenn mein Gesundheitszustand es zugelassen h&auml;tte, w&auml;re ich gerne mitgekommen.&ldquo; Orb&aacute;n schloss seine Friedensmission unmittelbar nach dem NATO-Gipfel mit einem Besuch bei Donald Trump ab und schrieb danach: &bdquo;Wir haben &uuml;ber Wege gesprochen, Frieden zu schlie&szlig;en. Die gute Nachricht des Tages: Er wird es l&ouml;sen.&ldquo; Trump best&auml;tigte dies auf seiner Internetplattform: &bdquo;Danke Viktor. Es muss Frieden geben, und zwar schnell.&ldquo;<\/p><p>Der Schwerpunkt des Washingtoner NATO-Gipfels war erwartungsgem&auml;&szlig; die Ukraine-Politik &ndash; allerdings nicht mit dem Ziel, einen Weg zu einem Ende der Kampfhandlungen und zu einem Verhandlungsfrieden zu finden. Es ging vielmehr um die weitere finanzielle und materielle Unterst&uuml;tzung mit dem erkl&auml;rten Ziel eines milit&auml;rischen Sieges der Ukraine sowie um deren Forderung nach einem NATO-Beitritt.<\/p><p>Beides sollte &bdquo;Trump-sicher&ldquo; geregelt werden, deshalb wurde lange &uuml;ber die richtige Wortwahl diskutiert. Schlie&szlig;lich einigte man sich darauf, dass die Mitgliedstaaten die Ukraine auf ihrem irreversiblen Weg zu einer vollen euro-atlantischen Integration, einschlie&szlig;lich der NATO-Mitgliedschaft, unterst&uuml;tzen werden. Allerdings wurde auch betont, die NATO werde dann in der Lage sein, eine Einladung auszusprechen, wenn alle Alliierten zustimmen und alle Bedingungen erf&uuml;llt sind. Nicht alle NATO-Staaten sind bereit, eine Einladung auszusprechen.<\/p><p>Auch US-Pr&auml;sident Biden hat noch am 4. Juni in einem Interview des <em>Time-Magazins<\/em> gesagt, die Ukraine werde nicht Teil der NATO; die USA w&uuml;rden ihre Beziehungen zur Ukraine wie zu anderen Staaten gestalten, denen sie Waffen liefern, damit sie sich verteidigen k&ouml;nnen. Er sei derjenige, der sagte, er sei nicht bereit, die &bdquo;NATO-isierung&ldquo; der Ukraine zu unterst&uuml;tzen.<\/p><p>Zu den beschlossenen Ma&szlig;nahmen geh&ouml;rt die Aufstellung einer NATO-Dienststelle f&uuml;r die Koordinierung der Unterst&uuml;tzung und der Ausbildung ukrainischer Soldaten neben dem weiter bestehenden US-Unterst&uuml;tzungskommando in Wiesbaden. Au&szlig;erdem wurde ein Finanzpaket in H&ouml;he von 40 Milliarden Euro f&uuml;r das n&auml;chste Jahr beschlossen. Angek&uuml;ndigt wurde zudem die Lieferung weiterer Luftverteidigungssysteme und das baldige Eintreffen der ersten F-16-Kampfflugzeuge.<\/p><p>Die NATO hat die historische Chance vertan, sich &auml;hnlich wie 1967 aus Anlass des sogenannten Harmel-Berichts als euro-atlantischer Friedens- und Stabilit&auml;tsanker zu pr&auml;sentieren. Der Harmel-Bericht zur Lage der Allianz in der Zeit der NATO-Strategie der &bdquo;Massiven Vergeltung&ldquo; forderte, dass das B&uuml;ndnis durch eine Politik der milit&auml;rischen Sicherheit und Entspannung zu einem Faktor des dauerhaften Friedens wird.<\/p><p><strong>Ein Ergebnis des NATO-Gipfels war die Vereinbarung zwischen der US-Regierung und der Bundesregierung, wieder &bdquo;Tomahawk&ldquo;-Marschflugk&ouml;rper und andere US-Langstreckenwaffen in Deutschland zu stationieren. Das erinnert an die Situation in den 1980er-Jahren mit dem NATO-Doppelbeschluss und dem daraus folgenden INF-Vertrag, der genau diese Waffen aus Europa verbannte &ndash; und von den USA 2019 gek&uuml;ndigt wurde. F&uuml;hrt eine solche Vereinbarung uns noch n&auml;her an einen gro&szlig;en Krieg in Europa, und warum macht Berlin das mit?<\/strong><\/p><p>Am 10. Juli wurde mit einer kurzen bilateralen Erkl&auml;rung bekannt gegeben, dass die USA 2026 mit der zeitweisen Verlegung konventioneller weitreichender Systeme in Deutschland beginnen werden, die sp&auml;ter dauerhaft stationiert werden sollen. Es handelt sich um eine Entscheidung der USA, SM-6-Raketen, &bdquo;Tomahawk&ldquo;-Marschflugk&ouml;rper und sp&auml;ter Hyperschall-Waffensysteme, die noch in der Entwicklung sind, in Deutschland zu stationieren. Vom Marschflugk&ouml;rper &bdquo;Tomahawk&ldquo; gibt es zahlreiche Varianten mit einer Reichweite bis zu 2.500 Kilometern. Die Reichweite der k&uuml;nftigen Hyperschall-Marschflugk&ouml;rper wird voraussichtlich noch gr&ouml;&szlig;er sein. Mit diesen Waffensystemen wird die sogenannte &bdquo;2nd Multi-Domain Task Force&ldquo; ausger&uuml;stet. Der Verband wird seit 2021 in Wiesbaden aufgestellt und soll 2026 voll einsatzbereit sein; weltweit werden f&uuml;nf Verb&auml;nde dieses Typs disloziert (Anm. Red.: verlagert).<\/p><p>Ob damit eine F&auml;higkeitsl&uuml;cke der NATO geschlossen wird oder ob es sich um eine nationale Komponente der US-Strategie handelt, muss sich noch erweisen. Jedenfalls ist eine Abschreckungswirkung eher zweifelhaft, denn Russland verf&uuml;gt &uuml;ber ein breites Spektrum weitreichender, leistungsf&auml;higer Hyperschall-Waffen und damit &uuml;ber die Eskalationsdominanz in diesem F&auml;higkeitssegment.<\/p><p>Der stellvertretende russische Au&szlig;enminister Sergej Rjabkow erkl&auml;rte, dass dieser Schritt von Russland erwartet wurde und bereits &bdquo;kompensierende Gegenma&szlig;nahmen&ldquo; entwickelt werden. Dies sei ein weiterer handfester Beweis f&uuml;r die extrem destabilisierende Politik der USA im Bereich des von ihnen einseitig gek&uuml;ndigten INF-Vertrages. Russland werde sein einseitiges Moratorium bez&uuml;glich der Stationierung von bodengest&uuml;tzten Mittelstrecken- und Kurzstreckenraketen sorgf&auml;ltig &uuml;berdenken, ebenso die potenziellen Ma&szlig;nahmen.<\/p><p>Es ist wichtig zu verstehen, dass Russland den Aufbau eines eurostrategischen Angriffspotenzials der USA in Deutschland ebenso wie zuvor das NATO-Ballistic-Missile-Defence-System mit US-amerikanischen Aegis-Startrampen nicht als Verst&auml;rkung der Verteidigungsf&auml;higkeit der NATO, sondern als eine nationale Ma&szlig;nahme der USA betrachtet, durch die Stationierung in Europa einen geostrategischen Vorteil zu erlangen, um das russisch-amerikanische interkontinentalstrategische Gleichgewicht zum Nachteil Russlands zu ver&auml;ndern. Immerhin haben die beiden Verteidigungsminister telefoniert, um die gef&auml;hrliche Eskalation unter Kontrolle zu halten.<\/p><p><div class=\"external-2click\" data-provider=\"Youtube\" data-provider-slug=\"youtube\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Videos werden Daten an Youtube &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von Youtube zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><iframe loading=\"lazy\" width=\"560\" height=\"315\" src=\"\" title=\"YouTube video player\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen class=\"external-2click-target \" data-src=\"https:\/\/www.youtube-nocookie.com\/embed\/L6dbonhYkDE?si=oKPjEVLr65vlIKV5\"><\/iframe><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"youtube\">Inhalte von Youtube nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><\/p><p><em>Hier k&ouml;nnen Sie den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=118685\">zweiten Teil des Interviews<\/a> nachlesen.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Quelle: Nato, CC BY-SA 4.0  &ndash; <a href=\"http:\/\/www.nato.int\/ims\/graphics\/030506-kujat-b.jpg\">nato.int<\/a><\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=106675\">General a. 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