{"id":11860,"date":"2012-01-12T08:38:50","date_gmt":"2012-01-12T07:38:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11860"},"modified":"2015-01-18T11:06:05","modified_gmt":"2015-01-18T10:06:05","slug":"michel-rocard-pierre-larrouturou-warum-sollen-staaten-600-mal-mehr-als-banken-zahlen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11860","title":{"rendered":"Michel Rocard \/ Pierre Larrouturou, \u201eWarum sollen Staaten 600-mal mehr als Banken zahlen?\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Kann es sein, dass Privatbanken, die sich &uuml;blicherweise zu 1% bei Zentralbanken refinanzieren, in Krisenzeiten in den Genuss eines Zinssatzes von 0,01% kommen, w&auml;hrend in der gleichen Krise einige Staaten gezwungen werden, 600 bis 800 mal h&ouml;here Zinss&auml;tze zu zahlen?<br>\nInhalte eines in der Pariser Tageszeitung Le Monde vom 3.1.2012 (S.20) erschienen Artikels &uuml;bertragen von <strong>Gerhard Kilper<\/strong><br>\n<!--more--><\/p><p>Originaltitel: &bdquo;Pourquoi faut-il que les Etats payent 600 fois plus que les banques?&ldquo;<br>\nOriginalquelle: <a href=\"http:\/\/www.lemonde.fr\/idees\/article\/2012\/01\/02\/pourquoi-faut-il-que-les-etats-payent-600-fois-plus-que-les-banques_1624815_3232.html\">Le Monde<\/a><\/p><p>Autoren: Michel Rocard, &Ouml;konom, 1988-1991 unter Mitterand franz&ouml;sischer Ministerpr&auml;sident, Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats des sozialdemokratisch orientierten, franz&ouml;sischen Think-thanks Terra Nova<br>\nPierre Latourrurou, &Ouml;konom, ehemaliges PS-Mitglied, sitzt im politischen Beraterstab der frz. Gr&uuml;nen (Europe-Ecologie), Autor des Buches &bdquo;Pour &eacute;viter le krach ultime&ldquo; (Ma&szlig;nahmen zur Vermeidung des allerletzten Crashs).<\/p><p><strong>Warum sollen Staaten 600-mal mehr als Banken zahlen?<\/strong><\/p><p>Das sind unglaubliche Zahlen. Man wusste zwar schon, dass George W. Bush und Henry Paulson Ende 2008 zur Rettung amerikanischer Banken 700 Milliarden Dollar (540 Milliarden Euro) auf den Tisch legten. Doch jetzt gab ein amerikanischer Richter Journalisten des Hauses Bloomberg Recht, die von der amerikanischen Zentralbank Fed die Offenlegung aller an das amerikanische Bankensystem gew&auml;hrten Hilfen verlangten. Nach eingehender Durchsicht von rund 20 000 Seiten unterschiedlicher Dokumente enth&uuml;llte Bloomberg, dass die amerikanische Zentralbank heimlich Kredite von &uuml;ber 1.200 Milliarden Dollar an Not leidende Banken zum unglaublichen Zinssatz von 0,01% gew&auml;hrt hatte.<\/p><p>Zur gleichen Zeit leiden in zahlreichen L&auml;ndern die Menschen unter den ihnen von ihren Regierungen auferlegten Spar- und K&uuml;rzungsprogrammen (Austerit&auml;tsma&szlig;nahmen). Die Finanzm&auml;rkte waren nicht mehr bereit gewesen, diesen L&auml;ndern Kredite von auch nur einigen Milliarden zu Zinss&auml;tzen unter 6, 7 oder 9% zu gew&auml;hren! <\/p><p>Erstickt unter solchen Zinss&auml;tzen waren die Regierungen &bdquo;gezwungen&ldquo;, Renten, Familiensozialleistungen oder Beamtengeh&auml;lter einzufrieren und Investitionen zu k&uuml;rzen. Unmittelbare Folge dieser Ma&szlig;nahmen ist steigende Arbeitslosigkeit und sie werden uns bald eine schwere Rezession bringen.<\/p><p>Kann es sein, dass Privatbanken, die sich &uuml;blicherweise zu 1% bei Zentralbanken refinanzieren, in Krisenzeiten in den Genuss eines Zinssatzes von 0,01% kommen, w&auml;hrend in der gleichen Krise einige Staaten gezwungen werden, 600- bis 800-mal h&ouml;here Zinss&auml;tze zu zahlen?<\/p><p>Der ehemalige amerikanische Pr&auml;sident Franklin D. Roosevelt stellte die Behauptung auf <\/p><blockquote><p>&bdquo;Vom organisierten Geld regiert zu werden ist genauso schlimm wie vom organisierten Verbrechen regiert zu werden.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Er hatte Recht. Wir erleben zurzeit eine Krise des deregulierten Kapitalismus, die f&uuml;r unsere Zivilisation selbstm&ouml;rderisch sein kann. Wie St&eacute;phane Hessel und Edgar Morin in ihrem Buch &bdquo;Der Weg der Hoffnung&ldquo; (Le chemin de l&rsquo;esp&eacute;rance, Verlag Fayard 2011) schreiben, unsere Gesellschaften haben die Wahl:  Metamorphose oder Untergang?<\/p><p>Werden wir warten, bis es zu sp&auml;t ist, endlich die Augen auf zu machen? Werden wir warten, bis es zu sp&auml;t ist, die Schwere der Krise zu begreifen oder werden wir vor dem Auseinanderbrechen unserer Gesellschaften gemeinsam eine Metamorphose schaffen? Hier ist nicht der Platz, die 10 oder 15 konkreten Reformen genauer zu beschreiben, die einen grundlegenden Wandel erm&ouml;glichen k&ouml;nnten. Wir wollen nur zeigen, dass ein solcher m&ouml;glich ist und dass Paul Krugman mit seiner Meinung (hoffentlich G.K.) Unrecht hat, Europa schlie&szlig;e sich in eine &ldquo;Spirale des Todes&ldquo; ein. <\/p><p>Wie k&ouml;nnte man unseren &ouml;ffentlichen Finanzen etwas Luft verschaffen? Welche Handlungsm&ouml;glichkeiten verbleiben, ohne dass bestehende Vertr&auml;ge ge&auml;ndert werden m&uuml;ssen? An einer solchen &Auml;nderung m&uuml;sste monatelang gearbeitet werden und ge&auml;nderte Vertr&auml;ge k&ouml;nnten nicht in Kraft gesetzt werden, solange Europa von seinen B&uuml;rgern immer mehr gehasst wird.<\/p><p>Angela Merkel hat Recht mit ihrer Aussage, man m&uuml;sse die Flucht nach vorne antreten. Aber: der Gro&szlig;teil der Gelder, die sich unsere Staaten auf den Finanzm&auml;rkten besorgen, bedient Altschulden. Im Jahr 2012 werden sich die von Frankreich an den Finanzm&auml;rkten aufgenommenen Kredite auf ca. 400 Milliarden Euro belaufen. 100 Milliarden davon sind f&uuml;r unser aktuelles Haushaltsdefizit (bei Streichung der Steuersenkungen der letzten 10 Jahre w&auml;re dies heute quasi null) und 300 Milliarden sind f&uuml;r unsere Altschulden. Diese Altschulden werden zur Tilgung anfallen, die jedoch nur durch Aufnahme neuer Kredite in gleicher H&ouml;he m&ouml;glich ist.<\/p><p>Die Zahlung enorm hoher Zinss&auml;tze f&uuml;r Schulden, die 5 oder 10 Jahre lang akkumuliert wurden, kann nicht der Entwicklung des Verantwortungsbewusstseins der Regierungen dienen. Die enorm hohen Zinss&auml;tze ersticken nur unsere Volkswirtschaften zugunsten der Profite einiger Privatbanken. Unter dem Vorwand von Risiken werden von Privatbanken Hochzins-Kredite an Eurozonen-Staaten vergeben, obwohl die Banken genau wissen, dass wahrscheinlich kein reales Risiko besteht, da zur Garantie staatlicher Zahlungsf&auml;higkeit der europ&auml;ische Finanzstabilit&auml;tsfonds FESF eingerichtet wurde &hellip;<\/p><p>Das Anlegen von zweierlei Ma&szlig;en und Gewichten muss jetzt ein Ende haben. Angeregt durch die Praxis der amerikanischen Zentralbank schlagen wir zur Rettung des europ&auml;ischen Finanzsystems vor, dass die Altschulden der Eurozonen-Staaten mit einem 0%-Zinssatz refinanziert werden.<\/p><p>Zur Umsetzung dieses Vorschlags brauchen die europ&auml;ischen Vertr&auml;ge nicht ge&auml;ndert zu werden. Zwar kann nach den EU-Vertr&auml;gen die EZB nicht direkt Kredite an Staaten vergeben, doch die EZB kann nach Artikel 21.3 der Satzung des &bdquo;Systems europ&auml;ischer Zentralbanken&ldquo; ohne Beschr&auml;nkung Kredite an &ouml;ffentliche Kreditinstitutionen und nach Artikel 23 dieser Satzung auch an internationale Organisationen vergeben.<br>\nDas hei&szlig;t praktisch: die EZB kann Kredite an die Europ&auml;ische Investitionsbank oder an &ouml;ffentliche Depositenkassen zu einem Zinssatz von 0,01% gew&auml;hren. Diese wiederum k&ouml;nnten Kredite an Staaten zur Tilgung ihrer Altschulden zu einem Zinssatz von 0,02% geben.<\/p><p>Es gibt kein Hindernis f&uuml;r die Etablierung solcher Finanzierungsregelungen schon ab dem Januar 2012! Man kann nicht genug betonen: der italienische Haushalt hat einen grunds&auml;tzlichen &Uuml;berschuss. Das italienische Budget w&auml;re daher im Gleichgewicht, wenn nicht immer h&ouml;here Zinsen bezahlt werden m&uuml;ssten. Soll man Italien in die Rezession und in eine politische Krise hinein treiben oder ist man bereit, das Ende der bisherigen Profitmargen der Privatbanken zu akzeptieren? F&uuml;r den, der Gemeinwohl orientiert politisch denkt und handelt, m&uuml;sste die Antwort klar sein.<\/p><p>Die europ&auml;ischen Vertr&auml;ge weisen der EZB die W&auml;chterrolle &uuml;ber die Preisstabilit&auml;t zu.  Wie kann es sein, dass die EZB nicht reagiert, wenn sich in einigen L&auml;ndern die (Zinsen als) Preise f&uuml;r Staatspapiere in wenigen Monaten verdoppeln oder verdreifachen? <\/p><p>Die EZB hat auch die Aufgabe, &uuml;ber die Stabilit&auml;t unserer Volkswirtschaften zu wachen.  Wie kann sie dann &uuml;berhaupt nicht reagieren, wenn der (hohe) Preis f&uuml;r die  Staatsschulden daf&uuml;r verantwortlich ist, dass unsere Volkswirtschaften in eine Rezession abzugleiten drohen (nach Einsch&auml;tzung des Gouverneurs der Bank von England in eine schlimmere Rezession als die 1930er Krise)?<\/p><p>Wenn man sich strikt an die europ&auml;ischen Vertr&auml;ge h&auml;lt, kann nichts die EZB daran hindern, mit Nachdruck f&uuml;r die Senkung des Preises staatlicher Schulden aktiv zu werden bzw. wenn die EZB vertragstreu ist, wird sie alle ihr zur Verf&uuml;gung stehenden Hebel zur Senkung des Preises der &ouml;ffentlichen Schuld in Bewegung setzen. Insgesamt macht doch genau die Inflation (dieser Preise) am meisten Sorge!<\/p><p>1989 nach dem Fall der Mauer ben&ouml;tigten Helmut Kohl, Fran&ccedil;ois Mitterand und die anderen Staatschefs nur einen Monat Zeit, um sich auf die Schaffung einer europ&auml;ischen Einheitsw&auml;hrung zu verst&auml;ndigen. Worauf warten unsere Regierenden nach jetzt vier Jahren Krise noch, um unseren &ouml;ffentlichen Finanzen Luft zu verschaffen? <\/p><p>Unser oben vorgeschlagener Mechanismus kann umgehend in die Tat umgesetzt werden. Er kann sowohl zur Senkung der Kosten staatlicher Altschulden, als auch zur Finanzierung fundamentaler europ&auml;ischer Zukunftsinvestitionen &ndash; etwa bei der Energieeinsparung &ndash; heran gezogen werden.<\/p><p>Auch diejenigen haben Recht, die Verhandlungen &uuml;ber einen neuen europ&auml;ischen Vertrag fordern. Ein politisches Europa als handlungsf&auml;hige politische Einheit in der globalisierten Welt k&ouml;nnte von L&auml;ndern gebildet werden, die das ausdr&uuml;cklich wollen. Ein solcher Vertrag m&uuml;sste ein wahrhaft demokratisches Europa begr&uuml;nden &ndash; wie es schon 1994 Wolfgang Sch&auml;uble und Karl Lamers oder auch Joschka Fischer im Jahr 2000 vorschlugen. Begleitend dazu w&auml;re auch ein Vertrag zur Konvergenz im sozialen Bereich und zur Etablierung einer echten Wirtschaftsregierung erforderlich.<\/p><p>Alles oben Dargelegte ist unverzichtbar. Sollte jedoch unser Kontinent in der &bdquo;Spirale des Todes&ldquo; versinken und die europ&auml;ischen B&uuml;rger weiter alles, was aus Br&uuml;ssel kommt, hassen, kann es auch keinen neuen europ&auml;ischen Vertrag geben. <\/p><p>Es ist daher h&ouml;chste Zeit, den Europ&auml;ern ein klares Signal zu geben: Europa befindet sich nicht in den H&auml;nden der Finanzlobby, Europa ist f&uuml;r seine B&uuml;rger da!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kann es sein, dass Privatbanken, die sich &uuml;blicherweise zu 1% bei Zentralbanken refinanzieren, in Krisenzeiten in den Genuss eines Zinssatzes von 0,01% kommen, w&auml;hrend in der gleichen Krise einige Staaten gezwungen werden, 600 bis 800 mal h&ouml;here Zinss&auml;tze zu zahlen?<br \/> Inhalte eines in der Pariser Tageszeitung Le Monde vom 3.1.2012 (S.20) erschienen Artikels &uuml;bertragen von<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11860\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[136],"tags":[423,241,507,325],"class_list":["post-11860","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-banken-boerse-spekulation","tag-austeritaetspolitik","tag-bankenrettung","tag-ezb","tag-staatsschulden"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11860","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=11860"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11860\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":24611,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11860\/revisions\/24611"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=11860"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=11860"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=11860"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}