{"id":11871,"date":"2012-01-12T10:12:44","date_gmt":"2012-01-12T09:12:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11871"},"modified":"2015-01-18T11:08:10","modified_gmt":"2015-01-18T10:08:10","slug":"merkozy-und-die-finanztransaktionssteuer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11871","title":{"rendered":"Merkozy und die Finanztransaktionssteuer"},"content":{"rendered":"<p>Glaubt man den politischen Berichterstattern, steht Kontinentaleuropa kurz vor der Einf&uuml;hrung einer Finanztransaktionssteuer. Es ist jedoch zu fr&uuml;h, die Sektkorken knallen zu lassen. Es gibt wohl nur wenige regulatorische Instrumente, die sich so leicht durch handwerkliche Fehler im Gesetzestext sabotieren lassen, wie es bei der Finanztransaktionssteuer der Fall ist. Sarkozy will im April wiedergew&auml;hlt werden und Merkel steht nun in der Bringschuld, behauptet sie doch seit l&auml;ngerem, die Finanztransaktionssteuer (FTS) einf&uuml;hren zu wollen. Die starke Finanzlobby lehnt die FTS jedoch nach wie vor grunds&auml;tzlich ab. Das sind nicht unbedingt die Rahmenbedingungen, von denen man eine ernsthafte und l&uuml;ckenlose Umsetzung der FTS erwarten kann. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nEs gibt keine allgemeing&uuml;ltige Definition, was die FTS im Detail eigentlich sein soll. Streng genommenen ist der Begriff somit eine H&uuml;lle, in die man ganz unterschiedliche Inhalte packen kann. Die ber&uuml;hmte Tobin-Tax verhalf einst der globalisierungskritischen NGO attac zu ihrem Namen &ndash; Association pour une taxe Tobin pour l&rsquo;aide aux citoyens (auf Deutsch: &bdquo;Vereinigung f&uuml;r eine Tobin-Steuer zum Nutzen der B&uuml;rger&ldquo;). Anders als attac dies damals wie heute vorsah, ging es dem &Ouml;konomen James Tobin jedoch nicht um eine Umverteilung zugunsten der Allgemeinheit, sondern darum, W&auml;hrungswechselkurse zu stabilisieren und vor der Manipulation durch Spekulanten zu sch&uuml;tzen. Der Wechselkurs eines W&auml;hrungspaars bildet sich durch Angebot und Nachfrage und es macht dabei keinen Unterschied, ob der Markteilnehmer aus der Realwirtschaft stammt, oder ein Spekulant ist, der mit zahlreichen kleinen Ordern den Kurs manipulieren will. Tobin schlug daher bereits im Jahr 1972 vor, weltweit einen einheitlichen Steuersatz von 0,05% bis 1,0% auf s&auml;mtliche Devisentransaktionen zu erheben. Dieser geringe Steuersatz stellt f&uuml;r die Realwirtschaft kein nennenswertes Problem dar, zumal die Steuer ganz einfach an den Endkunden weitergegeben w&uuml;rde, den Spekulanten, die oft minimale Kursdifferenzen ausnutzen, verdirbt ein solcher Steuersatz jedoch ganz gewaltig das Gesch&auml;ft. Tobins Idee ist auch heute noch aktuell und eine Tobin-Tax, die im herk&ouml;mmlichen Sinne keine FTS, sondern ausschlie&szlig;lich eine Besteuerung von Devisentransaktionen ist, w&auml;re auch heute noch ein gutes Instrument, um Spekulanten am Devisenmarkt das Leben ein wenig schwerer zu machen und W&auml;hrungswechselkurse st&auml;rker an der Realwirtschaft zu orientieren. <\/p><p>Es ist jedoch keinesfalls sicher, dass Devisentransaktionen &uuml;berhaupt von der FTS erfasst werden, die Angela Merkel und Nicolas Sarkozy momentan verhandeln. Sollten Devisentransaktionen enthalten sein, so ist &ndash; nach aktuellen Informationen &ndash; angedacht, sie jedoch nur mit 0,01% versteuert werden &ndash; also nur ein F&uuml;nftel vom Minimalsatz der Tobin-Tax. Dies w&uuml;rde jedoch bereits ausreichen, um den Hochfrequenzhandel, bei dem minimale Kursspr&uuml;nge im <a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/finanzen\/boerse-maerkte\/boerse-inside\/an-der-boerse-geht-es-um-nanosekunden\/3432762.html\">Nanosekundentakt<\/a> durch automatisierte computergest&uuml;tzte Handelssysteme zur Spekulation genutzt werden, an den europ&auml;ischen B&ouml;rsen unattraktiver zu machen. <\/p><p><strong>Was soll besteuert werden?<\/strong><\/p><p>Neben Devisentransaktionen, die bei der verhandelten FTS nur eine Option sind, sollen Transaktionen von Aktien, Anleihen und Derivaten durch die FTS erfasst werden. Der Handel mit Aktien und Anleihen soll auf Basis einer EU-Vorlage mit 0,1%, der Derivatehandel mit 0,01% besteuert werden. Auch hier liegen die Steuers&auml;tze vergleichsweise niedrig. In Gro&szlig;britannien werden Aktienk&auml;ufe &uuml;ber die Stempelsteuer in Form der &bdquo;stamp duty reserve tax&ldquo; mit 0,5% bis 1,5% besteuert, in der Schweiz betr&auml;gt die &bdquo;Eidgen&ouml;ssische Umsatzabgabe&ldquo; zwischen 0,15% und 0,3%. Es ist vor allem bemerkenswert, dass die EU bei ihrer FTS offensichtlich weit unterhalb der britischen Steuers&auml;tze bleiben will. Dies passt vor allem nicht zu den verbalen Angriffen gegen&uuml;ber den Briten, die immer wieder als Blockierer dargestellt werden. Vollkommen von der Hand zu weisen sind die Blockadevorw&uuml;rfe dennoch nicht, da Gro&szlig;britannien sich in der Tat mit H&auml;nden und F&uuml;&szlig;en gegen eine Ausweitung der Besteuerungsgrundlage auf den Anleihen-, den Derivate- und den Devisenmarkt stemmt. Die Briten sind bei der Diskussion rund um die FTS ein ganz besonderer Fall. In Gro&szlig;britannien tr&auml;gt der Finanzsektor rund <a href=\"http:\/\/www.auswaertiges-amt.de\/sid_CCE13656AE65F062FBB2BCB5FAE29062\/DE\/Aussenpolitik\/Laender\/Laenderinfos\/Grossbritannien\/Wirtschaft_node.html#doc347470bodyText4\">10 Prozent<\/a> zur gesamten Wertsch&ouml;pfung der britischen Volkswirtschaft bei und die City of London steht zweifelsohne in direkter Konkurrenz zu New York, Hong Kong und diversen Offshore-Finanzpl&auml;tzen. In der britischen Politik ist die Verteidigung des Finanzplatzes London ungef&auml;hr so selbstverst&auml;ndlich, wie die Verteidigung der Automobilbranche in Deutschland. Selbst die Opposition im Westminster-Palast denkt nicht im Traum daran, den Finanzsektor durch eine einseitige Besteuerung gegen&uuml;ber der au&szlig;ereurop&auml;ischen Konkurrenz zu schw&auml;chen. Daher versteckt sich die britische Regierung in Sachen FTS auch hinter der Forderung, dass sie nur dann &uuml;ber die Einf&uuml;hrung einer FTS nachdenkt, wenn diese weltweit umgesetzt wird. Nat&uuml;rlich wei&szlig; man genau, dass dies nie der Fall sein wird. Es ist eine Sache, die USA unter Umst&auml;nden mit ins Boot zu holen &ndash; Hong Kong, Singapur und die Offshore-Finanzpl&auml;tze werden ein solches Gesetz jedoch nie aus freiem Willen verabschieden, und es ist momentan auch undenkbar, dass man sie (z.B. &uuml;ber die WTO) dazu zwingen k&ouml;nnte. <\/p><p><strong>National, regional oder global?<\/strong><\/p><p>Da eine globale Besteuerung nicht umsetzbar scheint, gibt es zu einer regionalen FTS wohl keine Alternative. Die gr&ouml;&szlig;te Schw&auml;che der FTS ist es jedoch, dass sie nur dann wirklich greift, wenn sie m&ouml;glichst viele Finanzpl&auml;tze erfasst. Der Handel von Aktien und Anleihen ist meist auf bestimmte Handelspl&auml;tze festgelegt. Es sind jedoch nur die Aktien von kleinen Unternehmen, die ausschlie&szlig;lich auf den nationalen M&auml;rkten gehandelt werden. Wer beispielsweise eine Aktie des deutschen Unternehmens Heidelberger Druckmaschinen AG erwerben will, wird dies zwar in den allermeisten F&auml;llen &uuml;ber eine deutsche B&ouml;rse tun &ndash; man kann diese Aktie jedoch auch au&szlig;erb&ouml;rslich in New York <a href=\"http:\/\/www.finanzen.net\/aktien\/Heidelberger_Druckmaschinen-Aktie@stBoerse_NASO\">erwerben<\/a>. <\/p><p>Dieses Problem lie&szlig;e sich vordergr&uuml;ndig mit dem sogenannten &bdquo;Ans&auml;ssigkeitsprinzip&ldquo; l&ouml;sen, das auch der Vorschlag der EU-Kommission vorsieht. Demnach m&uuml;sste ein deutscher Staatsb&uuml;rger auch dann die FTS zahlen, wenn er ein Papier in London oder New York erwirbt. Gerade beim au&szlig;erb&ouml;rslichen Handel (OTC) gibt es jedoch ein Regulierungsdefizit. Man k&ouml;nnte solche Transaktionen zwar bei einem konkreten Verdacht theoretisch &uuml;ber das <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/SWIFT\">SWIFT-System<\/a> nachvollziehen &ndash; dies m&uuml;sste jedoch in der Gesetzgebung explizit ber&uuml;cksichtigt werden. Wie der Staat beim regulierten oder gar unregulierten Handel an weniger auskunftsfreudigen Finanzpl&auml;tzen wie Hong Kong an die notwendigen Daten kommen will, ist eine weitere offene Frage. <\/p><p>Dies sind jedoch nicht die einzigen L&uuml;cken des &bdquo;Ans&auml;ssigkeitsprinzips&ldquo;. Man kann zwar die Nationalit&auml;t einer Person zweifelsfrei feststellen, wie sieht es aber mit Finanzinstituten aus? Welche Nationalit&auml;t haben beispielsweise die &bdquo;Taunus Corporation&ldquo;, die &bdquo;Deutsche Bank Trust Company Americas&ldquo; und die &bdquo;Deutsche Bank Securities Inc.&ldquo;? Die genannten Institute geh&ouml;ren alle direkt zum gro&szlig;en Reich der Deutsche Bank AG, sie sind jedoch US-Unternehmen mit Sitz in New York. Die Investmentsparte der Deutschen Bank hat ihren Sitz im Londoner Finanzdistrikt, selbstverst&auml;ndlich sind die Deutschbanker auch mit rechtlich eigenst&auml;ndigen T&ouml;chtern in den Steueroasen Cayman Islands, Kanalinseln und Mauritius <a href=\"http:\/\/www.dboffshore.com\/\">vertreten<\/a>. Wie deutsch ist die Deutsche Bank? Es h&auml;ngt von der konkreten Ausgestaltung der FTS-Gesetze ab, welche Schlupfl&ouml;cher ein international operierender Finanzkonzern hat. Es ist zwar ohne weiteres m&ouml;glich, Lieschen M&uuml;llers Wertpapierdepot bei der heimischen Sparkasse l&uuml;ckenlos zu erfassen, einen multinationalen Bankgiganten wie die Deutsche Bank l&uuml;ckenlos zu erfassen, ist jedoch keinesfalls so einfach, und mit dem &bdquo;Ans&auml;ssigkeitsprinzip&ldquo; allein ist es nicht getan. Es ist daher auch zweifelhaft, ob eine FTS &uuml;berhaupt ohne begleitende Finanzmarktregulierungen greift, die vor allem auch den Kapitalverkehr zu Offshore-Finanzpl&auml;tzen l&uuml;ckenlos erfassen m&uuml;sste. Hochfrequenzhandel gibt es nicht nur in Frankfurt oder London, sondern auch in New York, Hong Kong oder Singapur. Wenn die Deutsche Bank weiterhin Euro und Dollar in Hochfrequenz handeln will, so kann sie dies auch &uuml;ber ihre Offshore-T&ouml;chter in Hong Kong tun, und es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass diese Transaktionen von einer kontinentaleurop&auml;ischen FTS &uuml;berhaupt erfasst werden (k&ouml;nnen).<\/p><p><strong>Ein Schritt in die richtige Richtung<\/strong><\/p><p>Dennoch ist es falsch, eine regionale FTS per se abzulehnen. Wer viel kriminelle Energie aufwendet, kann auch Waffen oder Heroin vertreiben, dennoch k&auml;me niemand auf die Idee, das Waffenkontroll- oder das Bet&auml;ubungsmittelgesetz au&szlig;er Kraft zu setzen. Eine Umgehung der FTS wird immer m&ouml;glich sein, dennoch kann man getrost davon ausgehen, dass ein Gro&szlig;teil der Finanzmarktakteure von der FTS erfasst werden d&uuml;rfte. Die Voraussetzung ist jedoch, dass ein FTS-Gesetz ohne Hintert&uuml;ren, Ausnahmef&auml;lle und Sollbruchstellen verabschiedet wird. An dieser Stelle ist jedoch berechtigter Zweifel angebracht. Es gab in der j&uuml;ngeren Geschichte kein Finanzmarktgesetz, bei dem die Finanzlobbyisten nicht ganz massiv Einfluss auf seine Ausgestaltung genommen h&auml;tten. Und es gibt leider auch keinen Grund anzunehmen, dass sich daran k&uuml;nftig etwas &auml;ndern k&ouml;nnte. Daher kann man momentan nur fordern, dass die Gesetzgebung zur FTS &ndash; so sie denn &uuml;berhaupt umgesetzt werden sollte &ndash; m&ouml;glichst transparent behandelt wird und auch kritische Experten ein Wort mitzureden haben. Wahrscheinlich ist das jedoch nicht.<\/p><p>Zweifel sind auch an den kursierenden Zahlen angebracht, mit denen der FTS zum Teil phantastische Steuereinnahmen zugeschrieben werden. So schreibt beispielsweise der gesch&auml;tzte Kollege Harald Schumann in einem <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/meinung\/finanzmarktregulierung-chancen-fuer-die-transaktionssteuer-stehen-besser-denn-je\/6049028.html\">Artikel f&uuml;r den Tagesspiegel<\/a> von 300 Milliarden Euro, die eine 0,05%-FTS in die europ&auml;ischen Staatskassen sp&uuml;len w&uuml;rde. Die Grundlagen einer solchen Berechnung sind jedoch nicht sonderlich zielf&uuml;hrend, gehen sie doch davon aus, dass mit einer FTS genauso viele Transaktionen stattfinden wie ohne sie. Davon ist jedoch nicht auszugehen. Dies w&uuml;rde ja auch dem Sinn und Zweck einer FTS widersprechen, die ja nicht eingef&uuml;hrt werden soll, um dem Staatss&auml;ckel m&ouml;glichst hohe Einnahmen zuzuf&uuml;hren, sondern um die Finanzm&auml;rkte zu entschleunigen und besonders spekulative Handelsformen zu verdr&auml;ngen. So soll beispielsweise der Hochfrequenzhandel sogar bei der Deutschen B&ouml;rse bereits fast 40% des Handels ausmachen. Es macht gar keinen Sinn zu berechnen, wie hohe Steuereinnahmen dieser Anteil generieren w&uuml;rde, da er bereits bei der geringsten Besteuerung nicht mehr so lukrativ w&auml;re, und entweder ersatzlos ausfiele oder &ndash; was wahrscheinlicher ist &ndash; sich auf nicht besteuerte Finanzpl&auml;tze verlagern w&uuml;rde. &Auml;hnlich verh&auml;lt es sich mit dem Derivate- und dem Devisenmarkt, die 2010 ein gigantisches Volumen von 708 bzw. 1.007 Billionen US-Dollar hatten. Auch wenn die Einnahmen aus einer FTS somit wesentlich bescheidener ausfallen d&uuml;rften als die Prognosen dies suggerieren, ist die Einf&uuml;hrung dieser Steuer dennoch ein Schritt in die richtige Richtung. Es ist nicht vermittelbar, warum auf beinahe jeden Handelsvorgang Umsatzsteuer erhoben wird, die Finanzm&auml;rkte jedoch von einer Umsatzbesteuerung ausgenommen sind. Und wenn die FTS dazu f&uuml;hrt, dass rein spekulative Handelsformen, wie der Hochfrequenzhandel oder Arbitragegesch&auml;fte, bei denen kleinste Preisunterschiede an verschiedenen Handelspl&auml;tzen genutzt werden, in Zukunft in Europa ausbleiben, hat sie ihren Zweck bereits erf&uuml;llt.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/de326caff7db404c94ff2299ead90ad6\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Glaubt man den politischen Berichterstattern, steht Kontinentaleuropa kurz vor der Einf&uuml;hrung einer Finanztransaktionssteuer. Es ist jedoch zu fr&uuml;h, die Sektkorken knallen zu lassen. Es gibt wohl nur wenige regulatorische Instrumente, die sich so leicht durch handwerkliche Fehler im Gesetzestext sabotieren lassen, wie es bei der Finanztransaktionssteuer der Fall ist. 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