{"id":118779,"date":"2024-07-27T15:00:18","date_gmt":"2024-07-27T13:00:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=118779"},"modified":"2024-07-26T19:30:54","modified_gmt":"2024-07-26T17:30:54","slug":"interview-zur-praesidentschaftswahl-in-venezuela-die-groesste-ungewissheit-liegt-im-tag-danach","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=118779","title":{"rendered":"Interview zur Pr\u00e4sidentschaftswahl in Venezuela: \u201eDie gr\u00f6\u00dfte Ungewissheit liegt im Tag danach\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Interview mit dem venezolanischen Soziologen Ociel Al&iacute; L&oacute;pez &uuml;ber wahrscheinliche Szenarien bei den Pr&auml;sidentschaftswahlen am 28. Juli und ihre Ursachen. In Venezuela bewerben sich zehn Kandidaten um die Pr&auml;sidentschaft. Doch der eigentliche Wettstreit wird zwischen dem derzeitigen Pr&auml;sidenten Nicol&aacute;s Maduro, der nach 25 Jahren chavistischer Regierung eine dritte Amtszeit anstrebt, und Edmundo Gonz&aacute;lez stattfinden, der als Einheitskandidat eines gro&szlig;en Teils der Opposition, der Plataforma Unitaria, antritt. Das Interview f&uuml;hrte <strong>Cecilia P&eacute;rez Otero<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<em>Die erste Option dieses Oppositionsb&uuml;ndnisses war die Kandidatur von Mar&iacute;a Corina Machado, die jedoch nicht f&uuml;r ein &ouml;ffentliches Amt antreten darf. Gonz&aacute;lez ist somit der erste Kandidat, der seit 2013 von den gro&szlig;en Oppositionsparteien nominiert wurde. Bei der Pr&auml;sidentschaftswahl 2018 riefen sie zum Boykott auf.<\/em><\/p><p><em>Die Regierung k&uuml;ndigte an, dass mehr als 600 Wahlbeobachter anwesend sein werden und dass auch ein Expertengremium der Vereinten Nationen den Wahlprozess &uuml;berpr&uuml;fen wird, der nach Verhandlungen zwischen der Regierung und der Opposition vereinbart wurde.<\/em><\/p><p><em>Die Ergebnisse sind ungewiss. Mehrere Umfragen weisen einen klaren Vorsprung f&uuml;r Gonz&aacute;lez auf, andere f&uuml;r Maduro, der f&uuml;r das B&uuml;ndnis Gran Polo Patri&oacute;tico Sim&oacute;n Bol&iacute;var kandidiert.<\/em><\/p><p><em>Die gr&ouml;&szlig;te Ungewissheit liegt jedoch im Tag nach den Wahlen, in der Haltung, die die unterlegene Seite einnehmen wird, sagt der venezolanische Soziologe Ociel Al&iacute; L&oacute;pez, Dozent an der Fakult&auml;t f&uuml;r Kommunikationswissenschaften an der Zentraluniversit&auml;t von Venezuela.<\/em><\/p><p><em>In seinem neuesten Buch &bdquo;Wahlen in Venezuela 2024: Was wird passieren? Wahrscheinliche Szenarien und ihre Ursachen&rdquo; analysiert L&oacute;pez den Weg bis zur Abstimmung am morgigen 28. Juli. <\/em><\/p><p><strong>Cecilia P&eacute;rez Otero: Ihr Buch konzentriert sich zwar auf die Wahlen am Sonntag, bringt aber auch andere Vorg&auml;nge auf den neuesten Stand, die au&szlig;erhalb Venezuelas nicht so bekannt sind.<\/strong><\/p><p><strong>Ociel Al&iacute; L&oacute;pez:<\/strong> Ich versuche darin, die Situation den Menschen zu erkl&auml;ren, die sich in den letzten Jahren sehr um Venezuela gesorgt, es aber in den letzten Monaten ein wenig vergessen, es beiseite geschoben haben. F&uuml;r mich ist Venezuela immer noch ein Raum zum Nachdenken, zur Analyse und zur Strategieentwicklung, den die Linke in Lateinamerika gut kennen sollte.<\/p><p>In den letzten Monaten, vielleicht auch schon seit einigen Jahren, ist Venezuela fast vollst&auml;ndig aus den Nachrichten und Informationsportalen verschwunden. Das ist etwas, was vor drei oder vier Jahren nicht der Fall war, als wir, sobald es eine Konfliktsituation gab, weltweit in den Nachrichten waren.<\/p><p>Ich weise darauf hin, weil es genau jetzt, wo Wahlen stattfinden, einen Prozess der Stabilit&auml;t gibt, von dem wir nicht wissen, wie lange er andauern wird. In diesem Prozess hat die Opposition etwas erreicht, von dem sie immer gesagt hat, dass sie es nicht erreichen kann, n&auml;mlich einen Kandidaten, der im Konsens gew&auml;hlt wurde. An diesen Pr&auml;sidentschaftswahlen nehmen alle politischen Sektoren teil. Das ist etwas, das es seit 2013, also schon seit elf Jahren nicht mehr gegeben hat.<\/p><p>Dies hat mit einem allgemeinen Prozess der Regularisierung zu tun, der in allen Bereichen stattgefunden hat. Dies schlie&szlig;t den Dialog mit der Opposition, mit den USA ein, in einer Zeit, in der Washington seine rechte Hand nicht mehr benutzt, um zu versuchen, in Venezuela zu intervenieren.<\/p><p><strong>Sie haben gesagt, dass die Opposition bei diesen Wahlen zum ersten Mal einen gemeinsamen Kandidaten aufstellt. Aber gleichzeitig musste sie den Ausschluss einiger Parteien oder Kandidaten, wie Mar&iacute;a Corina Machado, hinnehmen. Inwieweit wirkt sich das auf diese Wahlen aus?<\/strong><\/p><p>Das hat nat&uuml;rlich eine Auswirkung. Festzuhalten ist, dass die Opposition bei den letzten Pr&auml;sidentschaftswahlen 2018 ihre Strategie der Wahlenthaltung verfolgte, um Maduro zu entmachten und sich auf das vorzubereiten, was 2019 kommen sollte, n&auml;mlich die sogenannte &Uuml;bergangsregierung von Juan Guaid&oacute;. Das war eine etwas bizarre, abenteuerliche Aktion, aber mit Ergebnissen, die nur in den internationalen Medien eine Rolle spielten. Nach mehreren Entwicklungen dieser Art hat die Regierung mit dem Ausschluss von Kandidaten und Parteien reagiert, und zwar nicht nur aus der Opposition, sondern auch aus dem Chavismus, wie im Fall der Kommunistischen Partei. So, wie die Opposition hart gegen die Regierung vorgegangen ist, so ist auch die Regierung hart mit ihr umgegangen.<\/p><p>Inmitten dieses rauen, aufreibenden Kampfes sind wir B&uuml;rger diejenigen, die in gewisser Weise keine Konflikte mehr wollen. Und ein Problem der Kandidatur von Edmundo Gonz&aacute;lez besteht darin, dass es nicht zu neuen Zusammenst&ouml;&szlig;en, zur Radikalisierung, kommt, die zu Gewalt f&uuml;hrt. Die Regierung k&auml;mpft mit harten Bandagen. Aber ich betone, dass sie eine Oppositionskandidatur zugelassen hat, und heute k&ouml;nnte diese Kandidatur die Wahlen gewinnen. Wir sprechen von einem klaren Prozess, in dem Wettbewerb herrscht.<\/p><p>Was die Tatsache betrifft, dass es Exzesse gibt, so ist vielleicht einer der st&auml;rksten, dass der Regierungskandidat direkt vom Finanzministerium in Washington und vom US-Au&szlig;enministerium sanktioniert wird. Da sieht man schon, dass es so etwas wie Disqualifizierungen auf beiden Seiten gibt. Es gibt einen sehr harten institutionellen Kampf, der an die Grenzen der Demokratie f&uuml;hrt.<\/p><p>Aber jetzt zeichnet sich ab, dass ein Wahlausgang bevorsteht, der das Ergebnis einer der Parteien legitimieren wird. Hoffen wir, dass dies der Fall sein wird. Besorgniserregender als der 28. ist der 29. &ndash; was passieren wird, wenn das Ergebnis bekannt ist.<\/p><p>Was die Kandidatur von Mar&iacute;a Corina anbelangt, so besteht das Hauptproblem f&uuml;r sie darin, ob die Zustimmung f&uuml;r sie und ihre Mobilisierung f&uuml;r einen weitgehend unbekannten Kandidaten wirklich wirksam ist, das hei&szlig;t, ob die Stimmen der gesellschaftlichen Unzufriedenheit auf die Kandidatur von Edmundo Gonz&aacute;lez &uuml;bertragen werden k&ouml;nnen. Diese &Uuml;bertragung erfolgt nicht automatisch. Es ist also zweifelhaft, ob die Opposition in der Lage ist, alle Stimmen, die sie gesammelt hat, auf sich zu ziehen.<\/p><p><strong>Was den Tag nach den Wahlen und die Zweifel an der Anerkennung der Ergebnisse durch den Verlierer betrifft, kann man sagen, dass diese Wahlen sauber sein werden? Werden sie das Votum der Bev&ouml;lkerung widerspiegeln?<\/strong><\/p><p>Was die Respektierung des Ergebnisses betrifft, so scheint es bereits jetzt so, dass es dem Verlierer schwerfallen wird, das Ergebnis zu respektieren. Sicherlich. Bei allem, was auf dem Spiel steht. Es gibt einige Akteure wie Mar&iacute;a Corina, die noch nie ein Wahlergebnis respektiert haben, selbst wenn es sehr deutlich zu Gunsten von Ch&aacute;vez ausgefallen ist. Wir kennen also mehr oder weniger den Ton. Andererseits ist es auch f&uuml;r Pr&auml;sident Maduro sehr schwierig, ein Wahlergebnis zu respektieren, w&auml;hrend er auf einer Liste der von den USA sanktionierten und per Haftbefehl gesuchten Personen steht.<\/p><p>Die Frage ist also nicht nur, ob die Wahlen sauber sind, sondern auch, ob sie nach dem derzeitigen Schema ablaufen werden, das hei&szlig;t, dass es Kandidaten aus allen Bereichen gibt und dass alle Bereiche teilnehmen. Je n&auml;her der Tag r&uuml;ckt, desto mehr scheint das Szenario zu sein, dass die Wahlen so ablaufen wie bislang geplant, ohne neue Ausschl&uuml;sse, weder f&uuml;r die Parteien auf dem Stimmzettel noch f&uuml;r die Kandidaten, und dass der Verlierer den Gewinner an diesem Tag respektiert und mittr&auml;gt. Ob dies der Fall sein wird oder nicht, kann im Moment niemand beantworten.<\/p><p><strong>Was w&uuml;rde fehlen, um die Achtung der Ergebnisse zu gew&auml;hrleisten, nach den Vereinbarungen, die Regierung und Opposition geschlossen haben?<\/strong><\/p><p>Generell denke ich, dass der entscheidende Schritt von Washington ausgehen muss, und ich glaube, dass viele Akteure, darunter auch einige sehr antichavistische, mehr oder weniger rechtsradikale, seit einigen Tagen &uuml;ber die Bedeutung des Zusammenlebens und dar&uuml;ber sprechen, dass es einen Politikwechsel in Bezug auf die Sanktionen geben soll. Denn mit dem Sanktionssystem, das so massiv ist und das sich gegen f&uuml;hrende Regierungsvertreter richtet, ist es nat&uuml;rlich sehr schwierig, einen Prozess des Regierungswechsels einzuleiten. Damit der Wahlprozess reibungslos abl&auml;uft, muss Washington einen Schritt in puncto Sanktionen machen.<\/p><p><strong>In Ihrem Buch bezeichnen Sie Mar&iacute;a Corina Machado als ultrarechts. Aufgrund welcher Charakteristika geh&ouml;rt sie in diese Kategorie?<\/strong><\/p><p>Wenn wir den Begriff der Ultrarechten oder radikalen Rechten verwenden, beziehen wir uns auf die Welle der radikalen Rechten in anderen lateinamerikanischen L&auml;ndern. Machado geh&ouml;rt nicht zu den traditionellen konservativen Sektoren, sondern f&uuml;hrt eher einen Diskurs des Bruchs. Beim Staatsstreich [gegen Hugo Ch&aacute;vez] im Jahr 2002 geh&ouml;rte sie zu den Unterzeichnern [des sogenannten Carmona-Dekrets, das von etwa 400 Personen des &ouml;ffentlichen Lebens unterst&uuml;tzt wurde und mit dem eine De-facto-Regierung eingesetzt wurde, die zwei Tage lang andauerte]. Sie hat Szenarien der Gewalt gef&ouml;rdert.<\/p><p>Deshalb unterscheidet sie sich von der gem&auml;&szlig;igten Rechten, die zwar die Regierung Maduro nicht anerkennt, aber einen friedlicheren Ausweg will, der nicht die von ihr offen vorgetragenen Aufrufe zur ausl&auml;ndischen Intervention beinhaltet. Sie hat Briefe unterzeichnet, in denen sie die israelische Regierung auffordert, in Venezuela zu intervenieren.<\/p><p>Es gibt eine Reihe von Elementen, die sie zu einer Rechten machen, die nicht institutionell und klassisch, sondern radikal ist. Und in der Wirtschaft steht sie den Postulaten von Jair Bolsonaro, den Postulaten von Javier Milei nahe. Ich denke, sie geh&ouml;rt zu dieser Welle, zu dieser Rechten.<\/p><p><strong>Eine Rechte, die Privatisierungen anstrebt, wie in diesem Fall die von PDVSA, oder die Abschaffung von Regulierungen in der Wirtschaft?<\/strong><\/p><p>In seiner extremsten Form. Mar&iacute;a Corina Machado stammt aus einer der reichsten Familien Venezuelas. So etwas hat es in den letzten 100 Jahren nicht gegeben, weil die Oligarchien in Venezuela nicht in die Politik eingestiegen sind oder aus der Politik vertrieben wurden, anders als zum Beispiel in Kolumbien, wo die meisten Pr&auml;sidenten aus oligarchischen Kreisen stammen. In Venezuela ist das nicht geschehen.<\/p><p>Erstmals in den letzten Jahren, mit der Anti-Ch&aacute;vez-Opposition, haben die Eliten begonnen, sich an der Politik zu beteiligen, und Mar&iacute;a Corina ist im Moment ihr gr&ouml;&szlig;ter Vertreter. Sie hat immer ein sehr hartes, sehr radikales Profil vertreten. Wir sprechen hier nicht von einem rationalen rechten Diskurs im lateinamerikanischen Kontext, sondern er entfernt sich von einem typischen lateinamerikanischen Konservatismus. Er beginnt, radikaler und auch populistischer zu werden.<\/p><p><strong>Und Edmundo Gonz&aacute;lez?<\/strong><\/p><p>Man k&ouml;nnte annehmen, dass Edmundo Gonz&aacute;lez von einer eher klassischen Rechten kommt, von den politischen Parteien, die eine viel rationalere Rechte ist, viel pragmatischer und gem&auml;&szlig;igter, und die in den letzten Jahren gut verstanden hat, was der Chavismus als soziale Bewegung bedeutet. Das ist grundlegend f&uuml;r ein gegenseitiges Verst&auml;ndnis, denn Mar&iacute;a Corina geh&ouml;rt zu den Sektoren, die den Chavismus seit seinen Anf&auml;ngen auf entschiedene Weise kriminalisiert haben. Ihr Diskurs ist offen elit&auml;r, und dies erschwert ihr die Kommunikation zus&auml;tzlich.<\/p><p>Im Fall von Edmundo wird angenommen, dass er von der anderen Rechten der Parteien kommt, aber die Anf&uuml;hrerin, die wirklich auf der Stra&szlig;e ist und die Massen bewegt, ist Mar&iacute;a Corina. Deshalb h&auml;ngt er sehr von ihr ab, wenn es um das Wahlergebnis und die Best&auml;tigung seiner Stimmen geht, um wirksam zu sein. Denn das Problem seiner Kandidatur ist, dass er die Stimmen der bestehenden gesellschaftlichen Unzufriedenheit auf sich ziehen muss, aus denen Mar&iacute;a Corina Kapital geschlagen hat, und nat&uuml;rlich n&auml;hert er sich ihren politischen Positionen an.<\/p><p><strong>Wie w&uuml;rden Sie die Regierungspartei ideologisch charakterisieren?<\/strong><\/p><p>Ich denke, dass es sich um einen ganz anderen Prozess handelt als zu der Zeit, als Ch&aacute;vez regierte. Es ist ein viel pragmatischerer Prozess. Die ideologische Frage ist nicht so ausgepr&auml;gt, die Rhetorik ist nicht so ausgepr&auml;gt, sondern es gibt neue Diskurse, die diesen Chavismus in der Regierung durchdringen. Seine Hauptschwierigkeit ist die Entstehung einer neuen politischen Klasse, die auch wirtschaftlich ist, und es wird sich nun zeigen, ob dieses neue System vom Chavismus unterst&uuml;tzt werden kann oder ob der Chavismus selbst so starke Kritik hat, dass er den aktuellen Diskurs in einer Wahlsituation aufgeben kann.<\/p><p>Dies ist eines der Dinge, die ausgewertet werden, denn die wirtschaftlichen Ver&auml;nderungen haben sicherlich ein&nbsp;<em>Premium-Venezuela<\/em>&nbsp;hervorgebracht, eine aufsteigende soziale Klasse, und dies wird in einem Prozess, der als revolution&auml;r bezeichnet wurde, sicherlich einige Auswirkungen auf seine Basis haben.<\/p><p><strong>W&uuml;rden Sie sagen, dass es sich um eine zentristische, linke oder populistische Regierung handelt? Wie w&uuml;rden Sie sie charakterisieren?<\/strong><\/p><p>Vor allem w&uuml;rde ich sie als pragmatisch einstufen. Die Sache ist die, dass sie durch den Frontalzusammensto&szlig; mit Washington automatisch als progressiv, links usw. wahrgenommen wird und sich in dieses B&uuml;ndnissystem einordnet.<\/p><p>In wirtschaftlicher Hinsicht hat sich der Staat hier wirklich sehr stark zur&uuml;ckgezogen. Man k&ouml;nnte von einer Regierung sprechen, die, wenn sie sich f&uuml;r bestimmte Prozesse entschieden h&auml;tte, eine sehr neoliberale Regierung gewesen ist. Der Punkt ist, dass es keine Regierungsentscheidung war, sondern dass es de facto passiert ist. Es gab eine De-facto-Dollarisierung, es gab eine De-facto-Liberalisierung, weil die Kontrollen irgendwann nicht mehr aufrechterhalten werden konnten, und es gab einen Zusammenbruch des Wohlfahrtsstaates, der von niemandem beschlossen wurde, sondern mit dem Einbruch der &Ouml;leinnahmen eintrat. Und der Staat vers&auml;umte es auch, einige seiner wichtigsten Standbeine aufrechtzuerhalten, wie etwa das Bildungs- und Gesundheitswesen, die ebenfalls aus dem Ruder liefen. In Bezug auf die Ergebnisse ist es also eine sehr neoliberale Regierung, auch wenn sie eine linke, antiimperialistische Ideologie vertritt. Aber im Grunde w&uuml;rde ich sie als pragmatisch bezeichnen.<\/p><p><strong>In Ihrem Buch erw&auml;hnen Sie, dass es seit 2017 eine wirtschaftliche Verbesserung im Land gibt. Worin bestand dieser Prozess, und wo steht die &Ouml;lindustrie?<\/strong><\/p><p>Die Wirtschaftsproblematik ist der Schl&uuml;ssel zum Verst&auml;ndnis der Transformation in Venezuela und zur Betrachtung alternativer oder progressiver Experimente in Lateinamerika.<\/p><p>Zun&auml;chst gab es einen Prozess, der mit der internen Krise im Land zu tun hatte, noch vor den Sanktionen und auch mit den Sanktionen als solchen. Dann gab es eine Lockerung der Sanktionen, die es der &Ouml;lindustrie erm&ouml;glichte, sich ein wenig zu erholen. Aber bevor das geschah, waren die Zahlen bereits positiv. 2023 war Venezuela eines der wirtschaftlich am schnellsten wachsenden L&auml;nder in der Region.<\/p><p>Dies war auf mehrere Faktoren zur&uuml;ckzuf&uuml;hren, sowohl auf die &Uuml;berweisungen [Remesas], die es vorher in diesem Land nicht gab, als auch auf die verschiedenen Gesch&auml;fte, die sich entwickelten. F&uuml;r den revolution&auml;ren Prozess, den es bis dahin gegeben hatte, geschah dies alles im Rahmen einer ziemlich radikalen Liberalisierung der Wirtschaft.<\/p><p>Es gab eine Reihe von Faktoren, die die Wirtschaft belebten. Als der Preis f&uuml;r ein Barrel &Ouml;l mehr oder weniger reguliert wurde und Venezuela begann, zu produzieren und seine Produkte zu internationalen Preisen zu verkaufen, was vorher aufgrund der Sanktionen nicht m&ouml;glich war, kam es zu einer wirtschaftlichen Verbesserung, die eine Stabilisierung der W&auml;hrung erm&ouml;glichte. Dadurch konnte die Hyperinflation zur&uuml;ckgedr&auml;ngt werden. Die Inflation ist zwar immer noch hoch, aber nicht mehr so extrem wie zuvor, und das Land verf&uuml;gte &uuml;ber neue Einnahmen, die sogar jenseits des &Ouml;lgesch&auml;fts lagen.<\/p><p>Jetzt wissen wir nicht genau, ob wir uns wieder in einer Situation wie fr&uuml;her befinden oder ob wir bereits eine Wirtschaft aufbauen, in der das Erd&ouml;l nicht mehr das wichtigste oder einzige Element ist, wie es fr&uuml;her der Fall war, als die Wirtschaft &uuml;berm&auml;&szlig;ig davon abh&auml;ngig war.<\/p><p><strong>Was sind das f&uuml;r Gesch&auml;fte, die sich entwickelt haben?<\/strong><\/p><p>Es gibt einige zutreffende Analysen, die auf eine &bdquo;bodeguizaci&oacute;n&rdquo; des Landes hinweisen. So nennen sie es, das hei&szlig;t die gro&szlig;en Bodegones, die gro&szlig;en Importeure von Produkten, die es wagen, in den Handelsbereich einzutreten. Es gab einen Prozess, in dem die Ankunft von Produkten den Wettbewerb ankurbelte und die Verwendung des Dollars begann, was paradoxerweise ein Mechanismus war, um die Wirtschaft zu beleben. Es ist interessant, diese Prozesse als Laboratorium zu analysieren, weil sie das Gleichgewicht zwischen den klassischen Wirtschaftsmodellen erkl&auml;ren, von denen eines sehr staatsfreundlich und das andere sehr marktfreundlich ist. Und hier hat es einen sehr unkonventionellen Prozess gegeben.<\/p><p><strong>In Ihrem Buch sprechen Sie auch von einem anderen Prozess, bei dem die Forderungen der Volkssektoren, die zuvor viel st&auml;rker mit der Regierungspartei identifiziert wurden, nun von der Opposition aufgegriffen werden. Wie kam es zu dieser Ver&auml;nderung?<\/strong><\/p><p>Ja, es gab einen Prozess der B&uuml;rokratisierung des Chavismus, was bei allen Bewegungen der Fall ist, die vier oder acht Jahre lang an der Macht sind. Hier sind es fast 25 Jahre. In gewisser Weise dringt die Mobilisierung der Opposition in die soziale Basis ein, in der der Chavismus hegemonial war. Dieser 28. Juli wird ein Test daf&uuml;r sein, wie effektiv eine Reihe von Prozessen sowohl des Chavismus als auch der Opposition gewesen sind, um Wahlerfolge zu erreichen. Wenn der Chavismus die gleiche Anzahl von Stimmen wie in seinen guten alten Tagen erh&auml;lt, w&uuml;rde er die Wahlen erneut gewinnen. Das Problem ist, dass die Basis des Chavismus geschw&auml;cht ist und wir nicht wissen, wie gro&szlig; sie noch ist. Das alles werden wir am 28. Juli wissen.<\/p><p><strong>Ein weiteres Ph&auml;nomen, das in Ihrem Buch auftaucht, ist das der Massenmigration und ihrer Auswirkungen. Sie haben erw&auml;hnt, dass sie sich auf die Wahlen auswirken k&ouml;nnte, vielleicht zu Gunsten der Regierungspartei, da die Menschen, die sich entschieden haben zu bleiben, diejenigen sein k&ouml;nnten, denen es besser geht oder die mehr f&uuml;r die Regierung sind.<\/strong><\/p><p>Ja, das ist sehr interessant, denn am 28. Juli wird auch getestet, wie das W&auml;hlerverzeichnis wirklich aussieht, denn seit der Migrationswelle gab es keine Volksz&auml;hlung mehr, und alle Daten, die wir haben, sind bereits veraltet. Es wird gesch&auml;tzt, dass etwa sieben Millionen Menschen von insgesamt 30 Millionen das Land verlassen haben. Aber es ist nicht wirklich klar, wie sich diese Zahl auf das W&auml;hlerverzeichnis ausgewirkt haben k&ouml;nnte: ob die Leute &auml;lter oder j&uuml;nger sind, aus verschiedenen Regionen kommen oder unterschiedliche politische Richtungen vertreten. Nichts davon wei&szlig; man mit Sicherheit.<\/p><p>Die Tatsache, dass die Menschen im Ausland nicht w&auml;hlen, ist jedoch ein klarer Vorteil f&uuml;r die Regierung. Die Regierung hat diesen Menschen gr&ouml;&szlig;tenteils nicht erlaubt, zu w&auml;hlen. Au&szlig;erdem konnten sie an vielen Orten gar nicht w&auml;hlen, da es dort kein Konsulat gibt, weil die venezolanische Regierung immer noch nicht anerkannt ist, wie in den USA.<\/p><p>Dar&uuml;ber hinaus kann die Auswanderung enorme Auswirkungen haben, da sich der gesamte ideologische, kommunikative und parteipolitische Apparat der Opposition im Ausland befindet. So ist es f&uuml;r sie sehr schwierig, zu agieren und zu verstehen, was hier geschieht. Und der Kampf ist ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Die ganze Spannung konzentriert sich also auf diesen unzufriedenen Chavismus, der die Wahl bestimmen kann.<\/p><p><strong>Gibt es Elemente aus dem Ausland, die einen Einfluss auf die Wahlen oder auf das, was danach passiert, haben k&ouml;nnten? Sie erw&auml;hnen zum Beispiel die Aussicht auf einen Wahlsieg von Donald Trump. Welche Einfl&uuml;sse k&ouml;nnten von au&szlig;en kommen?<\/strong><\/p><p>Ich beziehe mich vor allem auf die USA, die am wichtigsten sind. Denn wenn sich der &Ouml;lmarkt stabilisieren w&uuml;rde und hier die Rechte gewinnt, wenn sich zudem die Ultrarechte durchsetzt, und wenn Donald Trump in den USA gewinnt, was immer wahrscheinlicher wird, dann haben wir es mit einem Kurzschluss zu tun, der bevorsteht.<\/p><p>Das ver&auml;ndert das Szenario gewaltig, denn wir wissen nicht, wie die Reaktionen ausfallen w&uuml;rden, inwieweit in dieser Situation Raum f&uuml;r Revanchismus, f&uuml;r Gewalt w&auml;re. Wir sprechen hier von einem Prozess, in dem die Streitkr&auml;fte die Regierung unterst&uuml;tzen, wir sprechen nicht von einer schwachen Regierung, wie es in Lateinamerika oft geschieht &ndash; nehmen wir das Beispiel von Pedro Castillo in Peru. Hier haben wir es mit einer sehr starken Regierung zu tun, und deshalb k&ouml;nnte jeder abrupte, radikale Wechsel, der aus den politischen Bahnen ger&auml;t, sogar zu einem B&uuml;rgerkrieg f&uuml;hren.<\/p><p>Dies ist ein Szenario, von dem wir nat&uuml;rlich hoffen, dass es nicht eintritt. Das wird zunehmend unwahrscheinlicher, aber der 28. n&auml;hert sich, das ist ein Funke. Hoffentlich wird er eine demokratische Initialz&uuml;ndung sein, bei der der Verlierer das Ergebnis akzeptiert und die Rolle der Opposition &uuml;bernimmt.<\/p><p>N&auml;chstes Jahr finden sehr wichtige Wahlen statt, es sind Mega-Wahlen, bei denen vom Parlament bis zu den B&uuml;rgermeistern, Gouverneuren und praktisch allen Institutionen gew&auml;hlt wird. Der Verlierer hat also in den kommenden Jahren der Politik viel zu gewinnen.<\/p><p>&Uuml;bersetzung: <a href=\"https:\/\/amerika21.de\/analyse\/270604\/venezuela-wahlen-2024-was-wird-passieren\">Vilma Guzm&aacute;n, Amerika21<\/a><\/p><p><small>Titelbild: Wahlkampfauftritt des amtierenden Pr&auml;sidenten Nicolas Maduro in Caracas &ndash; Quelle: Shutterstock \/ testing<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=118402\">Venezuela vor den Wahlen: Was die Mainstream-Medien &uuml;ber Mar&iacute;a Corina Machado verschweigen<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=115645\">Venezuela vor den Wahlen<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=111853\">Venezuelas Opposition und die Pr&auml;sidentschaftswahlen<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=110462\">US-Regierung versch&auml;rft Sanktionspolitik gegen Venezuela und mischt sich in den Wahlkampf ein<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/aa47ef6a0433479ab1e5d91690acdeb9\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\" title=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit dem venezolanischen Soziologen Ociel Al&iacute; L&oacute;pez &uuml;ber wahrscheinliche Szenarien bei den Pr&auml;sidentschaftswahlen am 28. 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