{"id":118956,"date":"2024-07-31T09:00:55","date_gmt":"2024-07-31T07:00:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=118956"},"modified":"2024-07-31T09:26:42","modified_gmt":"2024-07-31T07:26:42","slug":"zum-besonders-schuetzenswerten-weltkulturerbe-erklaert-das-st-hilarion-kloster-in-gaza","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=118956","title":{"rendered":"Zum besonders sch\u00fctzenswerten Weltkulturerbe erkl\u00e4rt: das St. Hilarion Kloster in Gaza"},"content":{"rendered":"<p>Am 26. Juli kam es in den Abendnachrichten und am n&auml;chsten Morgen in allen Medien: Das Weltkulturerbekomitee der UNESCO (Organisation f&uuml;r Bildung, Wissenschaft und Kommunikation) hat auf seiner Sitzung in Neu-Delhi beschlossen, das St. Hilarion Kloster in Gaza unter besonderen Schutz zu stellen. Das ber&uuml;hmte Kloster wird nicht nur in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen, sondern auch in die Liste des gef&auml;hrdeten Welterbes. Ein Artikel von <strong>S&ouml;hnke Hundt<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie 195 Vertragsstaaten des Weltkulturerbekomitees verpflichten sich, &bdquo;vors&auml;tzliche Ma&szlig;nahmen zu vermeiden, die dieser nunmehr in die Liste des Weltkulturerbes eingetragenen St&auml;tte direkt oder indirekt Schaden zuf&uuml;gen k&ouml;nnten, und zu ihrem Schutz beizutragen. Die Aufnahme in die Liste des gef&auml;hrdeten Welterbes &ouml;ffnet automatisch die T&uuml;r f&uuml;r verst&auml;rkte internationale Mechanismen technischer und finanzieller Hilfe, um den Schutz des Gutes zu gew&auml;hrleisten und, falls n&ouml;tig, seine Sanierung zu erleichtern.&ldquo; So die <a href=\"https:\/\/www.un.org\/unispal\/document\/unesco-26jul24\/\">Mitteilung auf der Webseite der UNO<\/a>.<\/p><p>Das Kloster des Heiligen Hilarion in Tell Umm Amer aus dem 4. Jahrhundert n.Chr. ist eine der &auml;ltesten christlichen St&auml;tten im Nahen Osten, wurde von dem Heiligen Hilarion gegr&uuml;ndet und war die Heimat der ersten Klostergemeinschaft im Heiligen Land. Es liegt an der Kreuzung der wichtigsten Handels- und Austauschrouten zwischen Asien und Afrika und war &uuml;ber Jahrhunderte ein Zentrum f&uuml;r religi&ouml;sen, kulturellen und wirtschaftlichen Austausch.<\/p><p>Die Frage ist nat&uuml;rlich, inwieweit Israel diesen Verpflichtungen nachzukommen gewillt ist. Israel ist zwar 2017 aus der UNESCO ausgetreten, ist aber noch immer Mitglied der Welterbekonvention. Damit ergibt sich die paradoxe Situation, dass ein Staat, der in seinem Vernichtungskrieg gegen die Pal&auml;stinenser in Gaza unz&auml;hlige St&auml;tten des Kulturerbes schon zerst&ouml;rt hat, sich verpflichtet, das neu in die Liste aufgenommene Weltkulturerbe &bdquo;St. Hilarion Kloster&ldquo; besonders zu sch&uuml;tzen.<\/p><p>Die bisher in diesem Gaza-Krieg stattgefundenen Zerst&ouml;rungen von Kulturg&uuml;tern sind nur als barbarisch zu bezeichnen. Sie &uuml;bersteigen eigentlich jedes Vorstellungsverm&ouml;gen.<\/p><ul>\n<li>Vgl. hierzu den sehr informativen <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/world\/2024\/feb\/04\/everything-beautiful-has-been-destroyed-palestinians-mourn-a-city-in-tatters\">&Uuml;berblick mit vielen Abbildungen im britischen <em>Guardian<\/em><\/a> vom 04.02.2024<\/li>\n<li>Den UNESCO-Bericht: <a href=\"https:\/\/www.unesco.org\/en\/gaza\/assessment\">Gaza Strip: Damage assessment<\/a> vom 11.06.2024<\/li>\n<li><em>S&uuml;ddeutsche Zeitung<\/em> vom 25.04.2024 <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/projekte\/artikel\/kultur\/gaza-hamas-israel-kultur-e876639\/\">&bdquo;Kulturzerst&ouml;rung. Es war einmal in Gaza&ldquo;<\/a><\/li>\n<li>und vor allem: die Klage S&uuml;dafrikas vor dem IGH gegen den Staat Israel. Im M&auml;rz 2024 herausgegeben von Abraham Melzer. Das Buch dokumentiert auf 476 Seiten die Anklageschrift mit allen Pl&auml;doyers und Gutachten des Prozesses. Mit einer Einleitung von Norman Paech.<\/li>\n<\/ul><p>In der Anklageschrift der Republik S&uuml;dafrika vor dem Internationalen Gerichtshof werden die Zerst&ouml;rungen aufgelistet. Besch&auml;digt oder zerst&ouml;rt wurden:<\/p><ul>\n<li>das Zentralarchiv der Stadt Gaza mit tausenden von historischen Dokumenten<\/li>\n<li>das Zentrum f&uuml;r Manuskripte und antike Dokumente<\/li>\n<li>das orthodoxe Kulturzentrum<\/li>\n<li>das Al-Quarara-Kulturmuseum<\/li>\n<li>das Rafah-Museum<\/li>\n<li>das sogenannte neue Museum mit hunderten von kulturellen und arch&auml;ologischen Artefakten<\/li>\n<li>acht arch&auml;ologische Ausgrabungsst&auml;tten<\/li>\n<li>die wichtigste Bibliothek<\/li>\n<li>Alle vier Universit&auml;ten wurden angegriffen.<\/li>\n<li>Alle Schulen wurden angegriffen.<\/li>\n<li>Insgesamt wurden sch&auml;tzungsweise 318 muslimische und christliche religi&ouml;se St&auml;tten angegriffen.<\/li>\n<\/ul><p>Diese Aufz&auml;hlung ist nat&uuml;rlich nicht vollst&auml;ndig. Die Zerst&ouml;rungen dauern an.<\/p><p><strong>Hamdan Taha<\/strong>, der ehemalige Generaldirektor der pal&auml;stinensischen Antikenbeh&ouml;rde und zuletzt stellvertretender Minister f&uuml;r Tourismus und Altert&uuml;mer in Gaza, war auf der Jahrestagung der Deutsch-Pal&auml;stinensischen Gesellschaft (DPG) am 15. Juni 2024 in H&ouml;xter direkt aus Gaza per Zoom zugeschaltet. Sein Bericht war ersch&uuml;tternd. Auf der Grundlage von Zeugenaussagen, Berichten vor Ort und von Satellitenaufnahmen stellte er fest: &bdquo;Nach den vorliegenden Informationen wurden mehr als 100 arch&auml;ologische St&auml;tten und alle historischen St&auml;dte, Moscheen, Kirchen und religi&ouml;sen Gedenkst&auml;tten, Museen und Bibliotheken, Handschriftenzentren, Kultur- und Kunstzentren, Universit&auml;ten und akademischen Einrichtungen besch&auml;digt.&ldquo; Der Bericht ist <a href=\"https:\/\/dpg-netz.de\/palaestina-journal\/\">ver&ouml;ffentlicht im Pal&auml;stina Journal<\/a> (Ausgabe 21, Juni 2024).<\/p><p>Die Frage ist, ob diese Zerst&ouml;rungen zuf&auml;llige Kriegsereignisse, sozusagen Kollateralsch&auml;den, sind oder ob sie systematisch erfolgten und erfolgen. Das Urteil von Hamdan Taha ist eindeutig: &bdquo;Die aktuellen Bilder der arch&auml;ologischen St&auml;tten und historischen Geb&auml;ude im Gazastreifen lassen auf die systematische Zerst&ouml;rung eines kulturellen Erbes schlie&szlig;en, das sich &uuml;ber einen Zeitraum von etwa f&uuml;nftausend Jahren gebildet hat und heute nur ein Haufen Schutt ist.&ldquo; Die Anklageschrift der Republik S&uuml;dafrika best&auml;tigt diesen Befund: &bdquo;Das kulturelle Erbe wurde systematisch zerst&ouml;rt und ausgel&ouml;scht, mit dem Ziel, die physische und geistig\/spirituelle Welt des pal&auml;stinensischen Volkes unter dem Vorwand der Selbstverteidigung zu zerst&ouml;ren.&ldquo;<\/p><p><strong>Mounir Anastas<\/strong>, der Botschafter Pal&auml;stinas bei der UNESCO, begr&uuml;&szlig;te enthusiastisch die Entscheidungen des Weltkulturerbekomitees in Neu-Delhi: &bdquo;Sie sind eine Botschaft der Hoffnung f&uuml;r unsere Menschen in Gaza, die vor Bomben fliehen und kein Dach &uuml;ber dem Kopf, kein Wasser und keine Nahrung haben. Dennoch sind sie entschlossen, ihr Erbe zu sch&uuml;tzen, da dieses Erbe Teil des Ged&auml;chtnisses und der Geschichte unseres Volkes ist. Und dies ist auch eine weitere starke Botschaft der internationalen Gemeinschaft an unsere Leute in Gaza, dass die internationale Gemeinschaft euch nicht vergessen hat.&ldquo; (Vgl. <a href=\"https:\/\/www.arabnews.com\/node\/2557176\/world\">Arabnews vom 26.07.2024<\/a>)<\/p><p>Trotz der verst&auml;ndlichen Genugtuung und Freude der Pal&auml;stinenser &uuml;ber diese Entscheidung bleibt ein tiefes Unbehagen. Von den Zerst&ouml;rungen und dem notwendigen Schutz vor diesen Zerst&ouml;rungen ist immer nur in einer merkw&uuml;rdig passiven Sprache die Rede. So hei&szlig;t es in der Entscheidung des Welterbekomitees: Das St. Hilarion Kloster in Gaza ist &bdquo;unter besonderen Schutz zu stellen&ldquo;. Und: &bdquo;Mit dieser Entscheidung wird sowohl der Wert der St&auml;tte als auch die Notwendigkeit anerkannt, sie vor Gefahren zu sch&uuml;tzen.&ldquo; (Vgl. die <a href=\"https:\/\/www.un.org\/unispal\/document\/unesco-26jul24\/\">Mitteilung auf der Webseite der UNO<\/a>) Dass das Kulturerbe vor den Bomben und Granaten der israelischen Armee gesch&uuml;tzt werden muss, dass Israel vor dem Internationalen Gerichtshof angeklagt wird, einen systematischen V&ouml;lkermord zu begehen, und dass der &bdquo;cultural genocide&ldquo; ein Teil davon ist &ndash; davon wird in den Beschl&uuml;ssen nicht gesprochen. Dar&uuml;ber schweigt die UNESCO.<\/p><p>Dabei ist die UNESCO nicht immer so zur&uuml;ckhaltend. Es gibt einen Pr&auml;zedenzfall, wo der T&auml;ter deutlich benannt wird. Nach den russischen Luftangriffen auf die ukrainische Stadt Odessa, bei denen auch mehrere Kulturst&auml;tten besch&auml;digt wurden, darunter die 1794 erbaute Verkl&auml;rungskathedrale, ver&ouml;ffentlichte die UNESCO umgehend am 23. Juli 2023 eine sehr scharf formulierte Erkl&auml;rung. Die UNESCO zeige sich zutiefst best&uuml;rzt und verurteile den dreisten Angriff der russischen Streitkr&auml;fte. In einer weiteren Erkl&auml;rung sagte Audrey Azoulay, Generaldirektorin der UNESCO: &bdquo;Ich verurteile diesen Angriff auf die Kultur aufs Sch&auml;rfste und fordere die Russische F&ouml;deration auf, sinnvolle Ma&szlig;nahmen zu ergreifen, um ihren Verpflichtungen nach internationalem Recht nachzukommen, darunter der Haager Konvention zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten von 1954 und der Welterbekonvention von 1972.&ldquo; (Vgl. den <a href=\"https:\/\/www.palestine-studies.org\/en\/node\/1655264\">Bericht in den Palestine Studies vom 28.02.2024<\/a>, dem auch die Zitate entnommen sind.)<\/p><p>Zu Israel nimmt die UNESCO eine &auml;hnlich entschiedene Haltung nicht ein. &bdquo;Das ist kaum &uuml;berraschend; eine solche Heuchelei und Doppelmoral kennzeichnen auch andere internationale Organisationen und westliche Regierungen in Bezug auf den sich entfaltenden V&ouml;lkermordkrieg gegen das pal&auml;stinensische Volk im Gazastreifen. [&hellip;] Tats&auml;chlich ist es dieser kulturelle und historische Reichtum, den das israelische Regime auszul&ouml;schen versucht.&ldquo; So lautet der bittere Befund von Mahmoud Hawari. Er war der ehemalige Direktor des Pal&auml;stinensischen Museums Birzeit und ist Professor f&uuml;r Arch&auml;ologie an den Universit&auml;ten Bethlehem, Birzeit und al-Quds. Die Zitate sind seinem ausf&uuml;hrlichen Bericht &bdquo;Israel Destroys Palestinian Cultural Heritage Sites in Gaza&ldquo;&ldquo; (<a href=\"https:\/\/www.palestine-studies.org\/en\/node\/1655264\">Palestine Studies vom 28.02.2024<\/a>) entnommen.<\/p><p><small>Titelbild: &copy; UNESCO<\/small><\/p><p><em>Der Artikel ist zuerst auf <a href=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=12809\">AK Nahost Bremen<\/a> erschienen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 26. 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Das ber&uuml;hmte Kloster wird nicht nur in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen,<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=118956\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":118957,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[917,171,161],"tags":[3212,302,1557,1416,3491],"class_list":["post-118956","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kultur-und-kulturpolitik","category-militaereinsaetzekriege","category-wertedebatte","tag-doppelte-standards","tag-gaza","tag-israel","tag-unesco","tag-weltkulturerbe"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/240731_titel.jpeg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/118956","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=118956"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/118956\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":118965,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/118956\/revisions\/118965"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/118957"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=118956"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=118956"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=118956"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}