{"id":119065,"date":"2024-08-02T10:00:13","date_gmt":"2024-08-02T08:00:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=119065"},"modified":"2025-08-05T11:27:50","modified_gmt":"2025-08-05T09:27:50","slug":"huete-dich-vor-allem-autoritaeren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=119065","title":{"rendered":"\u201eH\u00fcte dich vor allem Autorit\u00e4ren!\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Ein Interview mit <strong>Andrew Lowenthal<\/strong>, dem Gr&uuml;nder und Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer von <a href=\"https:\/\/liber-net.org\/\"><em>liber-net<\/em><\/a>. Lowenthal ist ein australischer Aktivist deutsch-j&uuml;discher Herkunft und Experte f&uuml;r B&uuml;rgerrechte im digitalen Raum. Wir sprachen mit ihm &uuml;ber seinen Werdegang, seine Arbeit und die aktuelle Situation rund um Zensur und Meinungsfreiheit in Deutschland und Europa. Das Interview f&uuml;hrte <strong>Maike Gosch<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9668\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-119065-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240802_Huete_dich_vor_allem_Autoritaeren_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240802_Huete_dich_vor_allem_Autoritaeren_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240802_Huete_dich_vor_allem_Autoritaeren_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240802_Huete_dich_vor_allem_Autoritaeren_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=119065-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240802_Huete_dich_vor_allem_Autoritaeren_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"240802_Huete_dich_vor_allem_Autoritaeren_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Maike Gosch:<strong> Lieber Andrew Lowenthal, k&ouml;nnten Sie uns zum Einstieg ein wenig &uuml;ber sich erz&auml;hlen und dar&uuml;ber, wie Sie dazu gekommen sind, sich mit den Themen Meinungsfreiheit und Zensur zu besch&auml;ftigen?<\/strong><\/p><p>Andrew Lowenthal: Ich wurde in Australien geboren und bin dort gr&ouml;&szlig;tenteils aufgewachsen. Ich habe ein Studium der Medienwissenschaften abgeschlossen und hab dann in meinen sp&auml;ten Teenagerjahren und fr&uuml;hen Zwanzigern angefangen, mich sehr f&uuml;r linke Aktivismusformen zu interessieren &ndash; vor allem f&uuml;r den vernetzten, libert&auml;ren Aktivismus, der in den sp&auml;ten Neunzigern aufkam. Dazu geh&ouml;rte die Arbeit an Themen wie Fl&uuml;chtlingspolitik, Anti-Atomkraft, indigene Umweltfragen, und ich war Teil der &bdquo;Anti-Globalisierungs-Bewegung&ldquo;.<\/p><p>Im Jahr 2000 half ich dabei, eine gro&szlig;e Protestaktion in Melbourne gegen das Weltwirtschaftsforum zu organisieren. Es war eine Koalition aus linken Gruppen. Mein Hauptfokus lag jedoch darauf, im fr&uuml;hen 21. Jahrhundert neu entstandene internetbasierte Medien wie <em>Indymedia <\/em>zu entwickeln.<\/p><p>Dann musste ich irgendwann einen Job finden. Also entschied ich mich, mir selbst einen Job zu schaffen, und gr&uuml;ndete eine NGO namens <a href=\"https:\/\/engagemedia.org\/\"><em>EngageMedia<\/em><\/a>, die es auch heute nach fast 20 Jahren noch gibt und die sich mit digitaler Meinungsfreiheit und Menschenrechten besch&auml;ftigt. <em>EngageMedia<\/em> ist im asiatisch-pazifischen Raum aktiv, insbesondere in Indonesien, den Philippinen, Thailand, Myanmar, Singapur und Malaysia sowie in Teilen Ost- und S&uuml;dasiens. Ich wei&szlig;, dass sie gerade eine Veranstaltung in Taiwan rund um digitale Meinungsfreiheit organisieren. <\/p><p>Wir starteten als Projekt zur Schaffung einer Online-Videoplattform namens <a href=\"https:\/\/cinemata.org\/\"><em>Cinemata<\/em><\/a> f&uuml;r Dokumentarfilme &uuml;ber Menschenrechte und soziale und Umweltprobleme im asiatisch-pazifischen Raum. Nach f&uuml;nf oder sechs Jahren fokussierten wir uns mehr auf die digitalen Aspekte der Meinungsfreiheit und auf digitale Sicherheit. Vor etwa eineinhalb Jahren &uuml;bergab ich die Leitung an einen neuen Direktor. Danach gr&uuml;ndete ich die NGO <em>liber-net<\/em>, die sich auf digitale B&uuml;rgerrechte und digitalen Autoritarismus im Westen konzentriert, rund um Themen wie Zensur, Meinungsfreiheit und &Uuml;berwachung, sowie auf die zunehmenden digitalen Zugangsschranken, die durch Technologien entstehen, etwa w&auml;hrend Covid mit den Impfp&auml;ssen und nun vermehrt im Zusammenhang mit digitalen IDs und programmierbarer W&auml;hrung &ndash; im Wesentlichen auf Systeme der digitalen sozialen Kontrolle.<\/p><p><strong>Was war Ihre pers&ouml;nliche Motivation, an Themen wie Zensur und digitalen B&uuml;rgerrechten zu arbeiten?<\/strong><\/p><p>Es gibt mehrere Gr&uuml;nde &ndash; die Erfahrungen meiner Gro&szlig;eltern als j&uuml;dische Fl&uuml;chtlinge aus Nazi-Deutschland spielen dabei sicher eine gro&szlig;e Rolle. Es wurde mir dadurch eine sehr antiautorit&auml;re Haltung mitgegeben. Nicht auf eine hippiehafte Art, sondern eher im Sinne von: &bdquo;H&uuml;te dich vor allem Autorit&auml;ren!&ldquo; und dem Verst&auml;ndnis, dass die gr&ouml;&szlig;te Bedrohung f&uuml;r Menschenrechte und Freiheit der Staat ist oder sein kann. Das bedeutet f&uuml;r mich, sehr aufmerksam zu werden, wenn Menschen marginalisiert werden, und auch auf andere Warnzeichen zu h&ouml;ren, &bdquo;damit sie nicht eines Tages auch dich holen&ldquo;. Diese Haltung f&uuml;hrte mich zu linkem Aktivismus, der sich sehr f&uuml;r Menschenrechte und Gerechtigkeit einsetzte. Dann erkannte ich, dass ich meinen Beitrag im Bereich der Medien leisten und die M&ouml;glichkeiten des Internets nutzen wollte, um mich f&uuml;r Meinungsfreiheit und unabh&auml;ngige Medien einzusetzen.<\/p><p><strong>Sie haben ja auch an den Twitter-Files mitgearbeitet. Was war da Ihre Rolle? <\/strong><\/p><p><em>(Anm. MG: Eine Einf&uuml;hrung in die Twitter-Files <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=117818\">finden Sie hier<\/a>.)<\/em><\/p><p>Matt Taibbi, ein US-amerikanischer Journalist, der als erster Journalist Zugang zu den Twitter-Files erhielt, suchte jemanden, der ihm hilft zu verstehen, wer all die NGOs, akademischen Institutionen, Stiftungen und Regierungsstellen sind, die er in den Twitter-Files sah und die scheinbar h&auml;ufig mit Twitter-Mitarbeitern kommunizierten. Durch meine Arbeit in einer NGO in diesem Bereich kannte ich viele der Netzwerke, Institutionen und Personen, die er dort sah. Also nahm er mich ins Team, um die Dateien zu durchforsten, auf die er Zugriff hatte. Gemeinsam mit ihm und einem gr&ouml;&szlig;eren Team kartierten wir das Netzwerk, das als <em>Censorship Industrial Complex<\/em> (Zensur-Industriekomplex) bekannt wurde (<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=117938\">mehr dazu hier<\/a>). Ich leitete dieses Projekt, und daraus ergab sich die weiterf&uuml;hrende Forschung in diesem Bereich.<\/p><p><strong>K&ouml;nnten Sie unseren Lesern ein wenig &uuml;ber die <\/strong><em><strong>Westminster-Erkl&auml;rung<\/strong><\/em><strong> erz&auml;hlen, an der Sie ebenfalls beteiligt waren? <\/strong><em>(Anm. MG: Die <a href=\"https:\/\/westminsterdeclaration.org\/\">Westminster Erkl&auml;rung<\/a> ist eine von 173 prominenten Vertretern aus Wissenschaft, Kultur und Medien unterschriebene Erkl&auml;rung, die f&uuml;r den st&auml;rkeren Schutz des Menschenrechts auf freie Meinungs&auml;u&szlig;erung pl&auml;diert.)<\/em><\/p><p>In vielerlei Hinsicht baute die Westminster-Erkl&auml;rung auf den Twitter-Files auf. Sie wurde von Michael Shellenberger, einem der Twitter-Files-Journalisten, initiiert, um nicht nur zu kritisieren, sondern eine positive Erkl&auml;rung zu formulieren von dem, was wir uns w&uuml;nschen w&uuml;rden. Ich habe mit Michael Shellenberger zusammen ein Treffen von Journalisten und Aktivisten f&uuml;r Meinungsfreiheit organisiert, das im Juni 2023 in London stattfand. Es war ein &bdquo;Big-Tent-Meeting&ldquo;, an dem sowohl Menschen von links und rechts als auch politisch Heimatlose teilnahmen. Alle waren besorgt &uuml;ber die wachsende Einschr&auml;nkung der Meinungsfreiheit, und das Ergebnis war: Lasst uns eine Erkl&auml;rung ver&ouml;ffentlichen, da es keine gab, die sich spezifisch mit Internetzensur befasst. Es gibt andere Briefe wie den <a href=\"https:\/\/harpers.org\/a-letter-on-justice-and-open-debate\/\"><em>Harpers-Brief<\/em><\/a>, aber dieser war eher ein Aufruf zu zivilisiertem Gespr&auml;ch, w&auml;hrend die <em>Westminster-Erkl&auml;rung<\/em> speziell ein Zeichen gegen das neu entdeckte und durch die Twitter-Files &ouml;ffentlich gemachte System der digitalen Zensur setzen wollte. <\/p><p>Wir wollten das Problem erkl&auml;ren und dann eine positive Beschreibung dessen geben, was wir sehen m&ouml;chten. Es war eine Kritik an der Instrumentalisierung von &bdquo;Bek&auml;mpfung von Desinformation&ldquo; und &bdquo;Bek&auml;mpfung von Hassrede&ldquo; als Mittel zur Rechtfertigung von Zensur. Es wurde von einem sehr breiten Spektrum an Menschen unterzeichnet. Auf der linken Seite hatten wir Personen wie Chris Hedges, Aaron Mat&eacute;, Slavoj &#381;i&#382;ek, Edward Snowden, Oliver Stone, Tim Robbins, Julian Assange, Glenn Greenwald, Yannis Varoufakis und Stella Assange. Auf der rechten Seite Personen wie Steven Pinker, Richard Dawkins, John Cleese, Jordan Peterson und Barry Weiss. Es ist also sehr lager&uuml;bergreifend und speziell darauf ausgelegt, da wir wollten, dass die Aussage ist: &bdquo;Jeder h&auml;lt dieses Ausma&szlig; an Zensur f&uuml;r eine schlechte Idee.&ldquo;<\/p><p><strong>Wie waren die Reaktionen, und was hat die Erkl&auml;rung aus Ihrer Sicht bewirkt?<\/strong><\/p><p>Die Ver&ouml;ffentlichung hat gut funktioniert. Zum Beispiel wurde sie in Deutschland u.a. von der <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/plus248023426\/Westminster-Declaration-Warnung-vor-dem-industriellen-Zensurkomplex.html\"><em>Welt<\/em><\/a>, vom <a href=\"https:\/\/www.cicero.de\/kultur\/westminster-erklarung-einschrankung-meinungsfreiheit\"><em>Cicero<\/em><\/a> und auch hier auf den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=105485\"><em>NachDenkSeiten<\/em><\/a> ver&ouml;ffentlicht. Sie erschien auch in Zeitungen in Frankreich und Spanien, der <em>New York Post<\/em> in den USA sowie in <em>The Times<\/em> und <em>The Telegraph<\/em> in England. Wir erhielten tats&auml;chlich eine gro&szlig;e Medienaufmerksamkeit. Die Reaktionen variierten allerdings je nach Person; einige Menschen reagierten sehr positiv, w&auml;hrend die Medien sie eher ablehnten oder sich nur auf die rechten Unterzeichner konzentrierten und die linken ignorierten, um zu suggerieren, dass sie irgendwie anr&uuml;chig sei und man sich von ihr fernhalten solle.<\/p><p>Ich denke, die Wirkung war gut im Sinne der Sensibilisierung und des Verst&auml;ndnisses der Art und Weise, wie der &bdquo;Kampf gegen Desinformation&ldquo; haupts&auml;chlich zur Unterdr&uuml;ckung der Meinungsfreiheit verwendet wird. Es war eine Art Weckruf. Es gab vor einem Monat ein Folgetreffen in Westminster, ein dreit&auml;giges Event. Davon werden bald viele der Videos der Vortr&auml;ge ver&ouml;ffentlicht. Ich denke, der Haupteffekt war die Bewusstseinsbildung, und viele Menschen nutzen es als eine Art Flagge, die sie schwenken k&ouml;nnen und sagen: &bdquo;So m&ouml;chten wir &uuml;ber Meinungsfreiheit in der Zukunft denken.&ldquo; Es gibt keine Pl&auml;ne, weiter etwas damit zu tun, au&szlig;er die ab jetzt j&auml;hrlich stattfindende Veranstaltung in Westminster.<\/p><p><strong>Oft wird in Deutschland, wenn Menschen vom Censorship-Industrial-Complex h&ouml;ren, gesagt, es sei eine Verschw&ouml;rungstheorie. Was sagen Sie zu dieser Kritik?<\/strong><\/p><p>Es gibt inzwischen eine sehr gro&szlig;e Menge an Beweisen, dass eine massive Anzahl von Organisationen koordiniert t&auml;tig ist, um Inhalte im Internet zu zensieren. Tats&auml;chlich erkennen inzwischen viele liberale und linke Menschen und Organisationen an, dass dies geschieht. Am Anfang der Twitter-Files kam &ouml;fter der Einwand &bdquo;Oh nein, das ist eine Verschw&ouml;rungstheorie. Nichts davon passiert etc.&ldquo;. Jetzt sagen die meisten Menschen: &bdquo;Ja, die Regierung und NGOs sind an der Moderation von Inhalten beteiligt. Aber es ist in Ordnung. Es ist legal. Regierungen sollten sich darum k&uuml;mmern und die Menschen vor Desinformationen sch&uuml;tzen.&ldquo; Es ist jetzt sehr schwer, Leute zu finden, die noch sagen, dass das nicht passiert. Ich denke, der Kampf um die Anerkennung der Existenz des Censorship Industrial Complexes ist in vielerlei Hinsicht gewonnen. Jetzt dreht sich die Diskussion eher darum, ob es eine gute oder schlechte Idee ist.<\/p><p><strong>Die andere Kritik ist, dass hinter diesem ganzen Kampf um die Meinungsfreiheit eine rechtsgerichtete und populistische Agenda steht. Was ist Ihre Antwort darauf?<\/strong><\/p><p>Ich denke, zurzeit sp&uuml;ren und erleben Konservative die Zensur wahrscheinlich etwas mehr als Linke. Aber das ist nur eine Seite der Geschichte. Viele Menschen und Gruppen aus dem linken Spektrum werden ebenfalls zunehmend zensiert, zum Beispiel bei Fragen rund um Israel und Gaza. Es betrifft also jeden, der au&szlig;erhalb des Machtzentrums steht. Zurzeit betrifft es die sogenannte Rechte etwas mehr, aber es kann sich leicht in die andere Richtung &auml;ndern. Und das ist eines der Hauptargumente f&uuml;r Linke und Linksliberale, die immer noch glauben, dass eine solche staatlich gef&ouml;rderte und &bdquo;Inhaltsmoderation&ldquo; eine gute Idee ist: &bdquo;Eines Tages k&ouml;nnten sie auch dich ins Visier nehmen.&ldquo; Und ich denke, das ist sicherlich bereits in der Debatte um Pal&auml;stina passiert.<\/p><p>Und zu der Anschuldigung des &bdquo;Populismus&ldquo;: Das Anliegen IST populistisch, es geht ja um Stimmen aus der Bev&ouml;lkerung, die von Eliten zensiert werden. Das ist eigentlich das Zentrale. Es geht nicht um links oder rechts. Es ist populistisch im Sinne von &bdquo;f&uuml;r das Volk&ldquo;, und es richtet sich gegen die Eliten.<\/p><p><strong>Wie sehen Sie die Situation rund um Zensur und Meinungsfreiheit in Europa und Deutschland derzeit, wenn Sie diese aus Australien verfolgen?<\/strong><\/p><p>Nun, aus der Ferne betrachtet sieht die Situation, was Meinungsfreiheit angeht, in Deutschland ziemlich schlecht aus, m&ouml;glicherweise ist es die schlimmste in Europa.<\/p><p>Deutschland ist &auml;u&szlig;erst wichtig aufgrund seiner Macht in der EU und, weil die inhaltliche Vorarbeit (meist durch NGOs und aus dem wissenschaftlichen und akademischen Umfeld), die verwendet wird, um neue Systeme der Zensur zu rechtfertigen, in einem gro&szlig;en Ma&szlig;e in Deutschland entsteht. Es scheint mir, dass die USA hier an erster Stelle stehen, dann das Vereinigte K&ouml;nigreich und dann Deutschland schon an dritter Stelle.<\/p><p>Es hat aber auch Siege gegeben &ndash; es gibt inzwischen ein viel besseres Verst&auml;ndnis f&uuml;r den <em>Censorship Industrial Complex<\/em> und seine Auswirkungen, und es gibt immer mehr Menschen, die sich dagegen aussprechen. Das <em><a href=\"https:\/\/networkaffects.substack.com\/p\/the-stanford-internet-observatory\">Stanford Internet Observatory<\/a><\/em>, eine Schl&uuml;sselfigur im Zensur-Industrie-Komplex, musste k&uuml;rzlich schlie&szlig;en. Gleichzeitig plant aber die neue Labour-Regierung in Gro&szlig;britannien die Aufhebung des <em><a href=\"https:\/\/www.independent.co.uk\/politics\/freedom-of-speech-universities-labour-b2586470.html\">Free Speech Act<\/a><\/em>, der darauf abzielte, die Meinungsfreiheit an Universit&auml;ten zu sch&uuml;tzen, und die Zensoren geben den Kampf keineswegs leicht auf. Es gibt also noch viel zu tun.<\/p><p><strong>Wie sehen Sie die Entwicklung der Situation in Europa und Deutschland? Wohin wird die gegenw&auml;rtige Entwicklung Ihrer Meinung nach f&uuml;hren?<\/strong><\/p><p>Ich glaube, es l&auml;uft auf gro&szlig;e Auseinandersetzungen hinaus. Es sieht leider nicht so aus, als w&uuml;rden die Eliten bereit sein, von ihren Internet-Zensur-Ambitionen abzur&uuml;cken. Daher ist meine Einsch&auml;tzung, dass sich immer mehr Menschen mobilisieren werden, um zu fordern, dass das Internet frei und offen bleibt.<\/p><p><strong>Das bringt mich zu meiner letzten Frage: Was w&auml;re Ihr Aufruf an die &Ouml;ffentlichkeit, insbesondere an die deutsche oder europ&auml;ische &Ouml;ffentlichkeit? Was muss Ihrer Meinung nach jetzt getan werden?<\/strong><\/p><p>Nun, mein Eindruck aus Gespr&auml;chen mit vielen Menschen in Deutschland ist, dass es sehr wenige Organisationen gibt, die sich speziell auf die Verteidigung der Meinungsfreiheit konzentrieren. Vielleicht wei&szlig; ich es auch nur einfach nicht. Aber wenn ich Leute frage, welche Organisationen in Deutschland die Meinungsfreiheit verteidigen, k&ouml;nnen sie kaum eine oder h&ouml;chstens eine oder zwei nennen. Es scheint also eine massive L&uuml;cke zu geben, was die Organisation rund um dieses Thema angeht. Es w&auml;re sehr wichtig, gut durchdachte, institutionalisierte Organisationen zur Verteidigung der Meinungsfreiheit aufzubauen.<\/p><p>Und dann ist es nat&uuml;rlich wichtig, rauszugehen und sicherzustellen, dass die Regierung versteht, dass ein freies und offenes Internet sowie das Recht auf freie Meinungs&auml;u&szlig;erung eine rote Linie sind &ndash; und zu fordern, diese einzuhalten. Das Problem ist nat&uuml;rlich, dass viele Menschen, insbesondere auf der linksliberalen Seite, sogar wollen, dass die Regierung eingreift, um die freie Rede im Internet einzuschr&auml;nken. Und ich denke, bis eine signifikante Anzahl von diesen Menschen realisiert, wie gef&auml;hrlich die aktuellen Entwicklungen sind, wird es sehr schwer sein, diesen Kampf zu gewinnen und die Meinungsfreiheit wieder zur Norm zu machen.<\/p><p>Der einfachste und praktischste Weg, die Meinungsfreiheit zu unterst&uuml;tzen, ist aber, selbst frei zu sprechen. Die Macht dazu liegt direkt bei jedem selbst.<\/p><p><strong>Entschuldigung, ich sagte letzte Frage, aber ich habe gerade an etwas gedacht, das ich fast jeden Tag auf einem Plakat hier in meiner Stadt sehe. Es zeigt eine prominente Person mit dem Zitat: &bdquo;Hass ist keine Meinung.&ldquo; Was ist Ihre Antwort darauf?<\/strong><\/p><p>Nun, wer definiert Hass? Was ist Hass? Und definiert die Regierung es? Definieren politische Parteien es? Was ist die Grenze? Was ist die Schwelle? War es nicht Ursula von der Leyen, die gesagt hat: &bdquo;Hass ist Hass&ldquo;? Wenn das die Definition ist, ist das eine sehr schlechte Definition. Ich denke auch, dass Unterdr&uuml;ckung oft Hassrede eher verst&auml;rkt. Wenn man versucht, sie zu unterdr&uuml;cken, w&auml;chst sie tats&auml;chlich, anstatt zu schwinden. Meiner Meinung nach gibt es bessere Taktiken und Strategien als Zensur.<\/p><p><strong>Was denken Sie, w&auml;re eine gute Strategie? Was sollte die Regierung Ihrer Meinung nach tun? Wie k&ouml;nnten die Dinge besser werden?<\/strong><\/p><p>Nun, ich denke, zum einen sollte die Regierung weniger Druck und Zwang aus&uuml;ben, denn ich denke, der Zwang f&ouml;rdert tats&auml;chlich mehr Hassrede und radikalisiert Menschen. Der andere Punkt ist eine sehr neutrale Form der Bildung. Der dritte Punkt ist, Hassrede weniger Aufmerksamkeit zu schenken, denn auch dadurch wird sie eher verst&auml;rkt. Es wird dann ein gro&szlig;artiger Weg, um Aufmerksamkeit zu bekommen &ndash; wie bei Kindern: Wenn sie lernen, dass das Zerbrechen ihrer Spielsachen ihnen Aufmerksamkeit verschafft, werden sie es &ouml;fter tun.<\/p><p>Ich denke, es ist viel besser, offene Gespr&auml;che zu f&uuml;hren. Ich verstehe, dass das im Internet oft schwierig sein kann. Aber man kann das Internet auch ausschalten. Man muss nicht all diese Dinge lesen und anschauen. Vieles davon kann man einfach ignorieren. Und ich denke, dass es wichtig ist, keine moralische Panik dar&uuml;ber zu sch&uuml;ren und zu lernen, wie man ruhige und offene Gespr&auml;che &uuml;ber Unterschiede hinweg f&uuml;hrt.<\/p><p><strong>Vielen Dank f&uuml;r dieses Gespr&auml;ch.<\/strong><\/p><p><em>(&Uuml;bersetzt aus dem Englischen von <strong>Maike Gosch<\/strong>.)<\/em><\/p><p>Mehr von Andrew Lowenthal unter <a href=\"https:\/\/networkaffects.substack.com\/\">Network Affects<\/a>.<\/p><p><small>Titelbild: lunopark\/shutterstock.com<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/7a537b827e464d9fa7857cca7b237cb9\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Interview mit <strong>Andrew Lowenthal<\/strong>, dem Gr&uuml;nder und Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer von <a href=\"https:\/\/liber-net.org\/\"><em>liber-net<\/em><\/a>. Lowenthal ist ein australischer Aktivist deutsch-j&uuml;discher Herkunft und Experte f&uuml;r B&uuml;rgerrechte im digitalen Raum. Wir sprachen mit ihm &uuml;ber seinen Werdegang, seine Arbeit und die aktuelle Situation rund um Zensur und Meinungsfreiheit in Deutschland und Europa. Das Interview f&uuml;hrte <strong>Maike Gosch<\/strong>.<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag ist<\/em><\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=119065\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":18,"featured_media":119066,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,126,209,11],"tags":[1112,2094,1865,2195,3428,220],"class_list":["post-119065","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-erosion-der-demokratie","category-interviews","category-strategien-der-meinungsmache","tag-buergerrechte","tag-digitalisierung","tag-meinungsfreiheit","tag-twitterx","tag-westminster-erklaerung","tag-zensur"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Shutterstock_1315020263-Kopie.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/119065","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/18"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=119065"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/119065\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":137003,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/119065\/revisions\/137003"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/119066"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=119065"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=119065"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=119065"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}