{"id":11914,"date":"2012-01-16T09:13:19","date_gmt":"2012-01-16T08:13:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11914"},"modified":"2019-01-30T11:04:27","modified_gmt":"2019-01-30T10:04:27","slug":"vor-100-jahren-kam-der-dichter-georg-heym-ums-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11914","title":{"rendered":"Vor 100 Jahren kam der Dichter Georg Heym ums Leben"},"content":{"rendered":"<p>Vor 100 Jahren ist der expressionistische Dichter Georg Heym beim Schlittschuhfahren ins Eis eingebrochen und ums Leben gekommen. Eine Erinnerung von G&ouml;tz Eisenberg.<br>\n<!--more--><br>\nAm 16. Januar 1912 hatte sich der Dichter und ungl&uuml;ckliche Jurist Georg Heym mit seinem Freund Ernst Balcke zum Schlittschuhfahren auf dem Wannsee verabredet. In Berlin lag die Temperatur an diesem Tag bei minus 13,7 Grad. Nachdem sie gegen Mittag noch eine Rast eingelegt und etwas gegessen hatten, betraten sie gegen 14 Uhr wieder das Eis und fuhren auf der Havel Richtung Strommitte. Dort geriet Ernst Balcke in eine &Ouml;ffnung, die man f&uuml;r die Wasserv&ouml;gel ins Eis gehackt hatte. Er schlug mit dem Kopf auf die Kante und soll sofort tot gewesen sein. Bei dem Versuch, den Freund zu retten, brach auch Heym ein und geriet unter die Eisdecke. Man fand seine Handschuhe und seine M&uuml;tze sp&auml;ter an der Einbruchstelle. Er muss lange gek&auml;mpft haben. Waldarbeiter, die in einiger Entfernung ihrer Arbeit nachgingen, aber nicht helfen konnten, h&ouml;rten noch eine halbe Stunde lang seine gellenden Schreie. Die Leiche Georg Heyms fand man am 20. Januar, die des Freundes am 6. Februar. Die H&auml;nde Georg Heyms sollen wund und zerkratzt gewesen sein von seinen verzweifelten Versuchen, sich am Eisrand aus dem Wasserloch herauszuziehen. Seine Leiche wurde zun&auml;chst zum Selbstm&ouml;rderfriedhof Schildhorn gebracht und dann am 24 Januar 1912  auf dem Friedhof der Luisengemeinde beigesetzt. Sein Grab wurde 1942 eingeebnet, der Grabstein entfernt.<br>\nGeorg Heym ist 24 Jahre alt geworden.<br>\nHier eins seiner Gedichte, das mich &ndash; ich habe beruflich t&auml;glich mit Gefangenen zu tun, bin in gewisser Weise selbst Gefangener &ndash; besonders beeindruckt hat:<\/p><div style=\"text-align: center\"><strong>Die Gefangenen<\/strong>\n<p>Sie trampeln um den Hof im engen Kreis.<br>\nIhr Blick schweift hin und her im kahlen Raum.<br>\nEr sucht nach einem Feld, nach einem Baum,<br>\nUnd prallt zur&uuml;ck von kahler Mauern Wei&szlig;.<\/p>\n<p>Wie in den M&uuml;hlen dreht der R&auml;dergang,<br>\nSo dreht sich ihrer Schritte schwarze Spur.<br>\nUnd wie ein Sch&auml;del mit der M&ouml;nchstonsur,<br>\nSo liegt des Hofes Mitte kahl und blank.<\/p>\n<p>Es regnet d&uuml;nn auf ihren kurzen Rock.<br>\nSie schaun betr&uuml;bt die graue Wand empor,<br>\nWo kleine Fenster sind, mit Kasten vor,<br>\nWie schwarze Waben in dem Bienenstock.<\/p>\n<p>Man treibt sie ein, wie Schafe zu der Schur.<br>\nDie grauen R&uuml;cken dr&auml;ngen in den Stall.<br>\nUnd klappernd schallt heraus der Widerhall<br>\nDer Holzpantoffeln auf dem Treppenflur.<\/p><\/div><p><strong>Aus seinem Tagebuch:<\/strong><\/p><p><strong>30. Mai 1907<\/strong><br>\n&hellip; Aber ganz verborgen immer diese Hoffnung auf ein unerh&ouml;rtes Gl&uuml;ck. D.h. allm&auml;hlich wird&rsquo;s langweilig.<br>\nApril und Mai und Junius sind ferne<br>\nIch bin nichts mehr<br>\nIch lebe nicht mehr gerne.<br>\nIch habe eben wieder mein Tagebuch durchlesen. Alle Tage fast das gleiche. Nur ab und zu mal eine kurze Freude, sonst alles grau in grau.<\/p><p><strong>6. Juni 07<\/strong><br>\nDas Beste ist, nie geboren werden, und danach, jung sterben. &hellip; Die G&ouml;tter sind zu lang schon tot. Ich allein bin nicht im stande, sie wieder zu erwecken.&rdquo; <\/p><p><strong>15.3.1908<\/strong><br>\nWohl, ich kenne mein Geschick. Irrsinnig zu werden wie H&ouml;lderlin. Doch anders, nach einem Leben ohne Liebe. Als sicheres Ende dieser Tage des Leids. Denn ich w&uuml;sste, mich heilte die Liebe wohl. Sicher ginge ich hinaus.<br>\nUnd wie l&auml;cherlich, wenn das nicht eintrifft. Wenn ich Amtsrichter oder dergleichen w&uuml;rde und mit 60 Jahren vielleicht endlich st&uuml;rbe.<\/p><p><strong>20. Juli 1909<\/strong><br>\nIch liebe alle, die in sich ein zerrissenes Herz haben, ich liebe Kleist, Grabbe, H&ouml;lderlin, B&uuml;chner, ich liebe Rimbaud und Marlowe. Ich liebe alle, die nicht von der gro&szlig;en Menge angebetet werden. Ich liebe alle, die oft so an sich verzweifeln, wie ich fast t&auml;glich an mir verzweifle.<\/p><p><strong>6. Juli 1910<\/strong><br>\nAch, es ist furchtbar. Schlimmer kann es auch 1820 nicht gewesen sein. Es ist immer das gleiche, so langweilig, langweilig, langweilig. Es geschieht nichts, nichts, nichts. Wenn doch einmal etwas geschehen wollte, was nicht diesen faden Geschmack von Allt&auml;glichkeit hinterl&auml;sst. Wenn ich mich frage, warum ich bis jetzt gelebt habe. Ich w&uuml;sste keine Antwort. Nichts wie Qu&auml;lerei, Leid und Misere aller Art. &hellip;<br>\nGesch&auml;he doch einmal etwas. W&uuml;rden einmal wieder Barrikaden gebaut. Ich w&auml;re der erste, der sich darauf stellte, ich wollte noch mit einer Kugel im Herzen den Rausch der Begeisterung sp&uuml;ren. &hellip; Was haben wir auch f&uuml;r eine jammervolle Regierung, einen Kaiser, der sich in jedem Zirkus als Harlekin sehen lassen k&ouml;nnte. Staatsm&auml;nner, die besser als Spucknapfhalter ihren Zweck erf&uuml;llten, denn als M&auml;nner, die das Vertrauen des Volkes tragen sollen. <\/p><p><strong>15. September 1911<\/strong><br>\nMein Gott &ndash; ich ersticke noch mit meinem brachliegenden Enthousiasmus in dieser banalen Zeit. Denn ich bedarf gewaltiger &auml;u&szlig;erer Emotionen, um gl&uuml;cklich zu sein. Ich sehe mich in meinen wachen Phantasien immer als einen Danton oder einen Mann auf der Barrikade, ohne meine Jacobinerm&uuml;tze kann ich mich eigentlich gar nicht denken. Ich hoffe jetzt wenigstens auf einen Krieg. Auch das ist nichts.<br>\nMein Gott, w&auml;re ich in der franz&ouml;sischen Revolution geboren, ich h&auml;tte wenigsten gewusst, wo ich mit Anstand h&auml;tte mein Leben lassen k&ouml;nnen, &hellip; .<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 100 Jahren ist der expressionistische Dichter Georg Heym beim Schlittschuhfahren ins Eis eingebrochen und ums Leben gekommen. 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