{"id":119200,"date":"2024-08-04T14:41:29","date_gmt":"2024-08-04T12:41:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=119200"},"modified":"2024-08-04T16:00:05","modified_gmt":"2024-08-04T14:00:05","slug":"die-tonkin-luege","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=119200","title":{"rendered":"Die Tonkin-L\u00fcge"},"content":{"rendered":"<p>Kein Krieg ohne L&uuml;gen, zumeist am Anfang, wenn der Bedarf an Rechtfertigung besonders gro&szlig; ist. So auch im August 1964, als die Johnson-Administration sich entschieden hatte, den Krieg in den Norden zu tragen und Nord-Vietnam zu bombardieren. Die offizielle Erkl&auml;rung lautete ebenso simpel wie einleuchtend, aber falsch, ein US-amerikanisches Schiff, die USS Maddox, sei am 4. August in internationalen Gew&auml;ssern in der Tonking-Bucht angegriffen und beschossen worden. Nun schie&szlig;e man zur&uuml;ck, ein klassischer Fall der Selbstverteidigung. Von <strong>Norman Paech<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nIn Wahrheit operierte die Maddox seit Juli innerhalb der 12 Seemeilenzone, die die USA f&uuml;r Vietnam nicht anerkannte. Sie &uuml;berwachte dort einen Angriff auf die Insel Hon Me. Als sie am 2. August bemerkte, dass sich drei nordvietnamesische K&uuml;stenwachtschiffe n&auml;herten, feuerte sie auf sie und zwang sie mit der Unterst&uuml;tzung von vier Marine-Jets zum R&uuml;ckzug. Das Pentagon lie&szlig; verlauten, die Maddox sei von den Kommunisten angegriffen worden. Pr&auml;sident Johnson erkl&auml;rte, man setze die Patrouillen fort, und das Au&szlig;enministerium sandte eine Warnung nach Hanoi, &bdquo;weitere unprovozierte Milit&auml;raktionen&ldquo; w&uuml;rden ernste Konsequenzen haben. Ziel war jetzt, am 3. August, die Zerst&ouml;rung einer Radarstation auf der Insel Hon Matt in der Bucht. Einen Tag sp&auml;ter, am 4. August, erhielten die Maddox und der sie jetzt begleitende Zerst&ouml;rer Turner Joy von der Fernmeldeaufkl&auml;rung SIGINT in S&uuml;dvietnam einen Alarmruf, dass die drei K&uuml;stenwachtschiffe zur&uuml;ckkehren w&uuml;rden. Am Abend um 10.00 Uhr bei Sturm und offensichtlich schlechten Sichtverh&auml;ltnissen meldeten die beiden Kriegsschiffe, sie w&uuml;rden angegriffen und feuerten offensichtlich sinnlos &uuml;ber 300 Salven ab, die ins Leere gingen. Vier Jahre sp&auml;ter wird Pr&auml;sident Johnson mit dem Eingest&auml;ndnis zitiert: &bdquo;Verdammt, diese hirnrissigen Matrosen haben blo&szlig; auf fliegende Fische geschossen.&ldquo; [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]<\/p><p>Schon am 7. August in der Sitzung des UN-Sicherheitsrats hatte der Delegierte der Tschechoslowakei die ganze Darstellung und insbesondere die vom Vorfall am 4. August als Erfindung des amerikanischen Kommandos und Vorwand f&uuml;r eine weit ausgedehnte Aggression und Intervention gegen die Demokratische Republik Vietnam kritisiert. [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] Bald war allgemein klar, was Daniel C. Hallin in seinem Buch, &bdquo;The &sbquo;uncensored War&ldquo;: The Media and Vietnam&ldquo; schrieb: &bdquo;Der Zwischenfall im Golf von Tonkin war ein Klassiker von Nachrichtenmanagement im Kalten Krieg. (&hellip;) Die Berichterstattung &uuml;ber die beiden Zwischenf&auml;lle im Golf von Tonkin (war) in fast allen wichtigen Punkten (&hellip;) entweder irref&uuml;hrend oder ganz einfach falsch.&ldquo; [<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] Die National Security Agency (NSA) war erst im November 2005 bereit, &ouml;ffentlich einzugestehen, dass ihre Darstellung der Ereignisse im August 1964 ein B&uuml;ndel von L&uuml;gen und verdrehten Informationen war: &bdquo;Die &uuml;berw&auml;ltigende Mehrheit der Meldungen, w&auml;ren sie verwertet worden, h&auml;tten dar&uuml;ber Auskunft gegeben, dass kein Angriff stattgefunden hatte. So aber wurde mit Vorbedacht der Versuch unternommen zu beweisen, dass der Angriff erfolgt war (&hellip;), der zielstrebige Versuch, die SIGINT-Meldung mit der behaupteten Version der Geschehnisse vom Abend des 4. August im Golf von Tonking in Einklang zu bringen&ldquo;. Die Informationen &bdquo;wurden absichtlich so zurechtgebogen, dass die These gest&uuml;tzt wurde, es habe einen Angriff gegeben.&ldquo; [<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>]<\/p><p>Johnson aber nutzte dieses Konstrukt aus L&uuml;gen, sich den Krieg in Vietnam am 7. August durch den Kongress billigen zu lassen. Im Repr&auml;sentantenhaus stimmten 460 Abgeordnete ohne Gegenstimme f&uuml;r den Krieg, der Senat sprach sich mit 88 gegen 2 Stimmen daf&uuml;r aus, &bdquo;alle notwendigen Ma&szlig;nahmen zur Abwehr bewaffneter Angriff auf die Streitkr&auml;fte der Vereinigten Staaten und zur Unterbindung weiterer Aggressionen zu ergreifen&ldquo;.  Die Milit&auml;roperationen gegen Nordvietnam hatten schon im Februar 1964 mit dem Einsatz von S&uuml;dvietnamesen und anderen S&ouml;ldnern begonnen. Sie steigerten sich bis Ende Juli, als Marineboote aus Saigon Inseln vor der K&uuml;ste Nordvietnams angriffen. Dennoch wuchsen die Zweifel der Johnson-Administration mit Verteidigungsminister Robert McNamara, so die Unterst&uuml;tzung Nordvietnams f&uuml;r den Widerstand im S&uuml;den stoppen zu k&ouml;nnen. Unmittelbar nach dem Schattengefecht am 4. August hatte Johnson den Befehl gegeben, Nordvietnam zu bombardieren, und US-Flugzeuge versenkten mehrere nordvietnamesische Patrouillenboote. Die Resolution vom 7. August wurde nun zur rechtlichen Basis der Eskalation des US-Krieges in Vietnam, der sich auf nordvietnamesisches Territorium ausdehnte.<\/p><p>McNamara ben&ouml;tigte in seinen 1995 ver&ouml;ffentlichten Memoiren &bdquo;In Retrospect. The Tragedy and Lessons of Vietnam&ldquo; [<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">d5<\/a>] 20 Seiten, um &bdquo;seine&ldquo; Geschichte des Vorfalls gegen die Vorw&uuml;rfe einer geplanten Provokation, um ein Mandat f&uuml;r den Angriff auf Nordvietnam zu erlangen, zu verteidigen. Auf die von ihm selbst gestellte Frage, &bdquo;&hellip; die Regierung Johnson habe die Angriffe absichtlich provoziert, um eine Eskalation des Krieges zu rechtfertigen, sie habe einen Vorwand gesucht, um die Zustimmung des Kongresses f&uuml;r die Zustimmung zu erzwingen. Ist diese Sichtweise begr&uuml;ndet?&ldquo;, antwortet McNamara: &bdquo;In keiner Weise&ldquo;. Auf die weitere Frage, &bdquo;War die Regierung Johnson aufgrund der Tonking-Resolution zu den nachfolgenden Milit&auml;raktionen in Vietnam &ndash; einschlie&szlig;lich der massiven Verst&auml;rkung der Streitkr&auml;fte &ndash; berechtigt?&ldquo; Antwort: &bdquo;Ganz und gar nicht (&hellip;) es war nie die Absicht des Kongresses gewesen, dem Pr&auml;sidenten eine Grundlage zu verschaffen, und die Bev&ouml;lkerung sah dies erst recht nicht so.&ldquo; [<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>] <\/p><p>Da er als damaliger Verteidigungsminister ( von 1961 bis 1968) selbst die Versch&auml;rfung  und Erstreckung des Krieges auf Nordvietnam und die Verst&auml;rkung des amerikanischen Expeditionskorps zu verantworten hatte, verschob er die Verantwortung auf den Pr&auml;sidenten und gab zu, &bdquo;dass durch die Resolution (des Kongresses N.P.) dem Machtmissbrauch Vorschub geleistet wurde: Ihr Wortlaut r&auml;umte dem Pr&auml;sidenten weitgehende Vollmachten ein, die er sp&auml;ter aussch&ouml;pfte, und der Kongress war sich des Umfangs dieser Machtbefugnisse durchaus bewusst, als er am 7. August 1964 der Resolution mit &uuml;berw&auml;ltigender Mehrheit zustimmte. Aber zweifellos beabsichtigte der Kongress nicht, ohne vorherige umfassende Beratungen der Aufstockung der amerikanischen Streitkr&auml;fte in Vietnam von 16 000 auf 550 000 Mann zuzustimmen &ndash; eine Aufstockung, die zu gro&szlig;angelegten Kampfhandlungen f&uuml;hrte, das Risiko der Ausweitung des Krieges durch die Konfrontation mit China und der Sowjetunion barg und auf viele Jahre hinaus die Vereinigten Staaten immer st&auml;rker in den Vietnamkrieg verwickelte.&ldquo; [<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>] Wem kommt da nicht die Parallele zu der aktuellen Diskussion um die Rolle der NATO im Krieg der Ukraine gegen Russland in den Sinn.<\/p><p>John Pardos versucht, die Motive zu erkunden, die Johnson dazu veranlasst haben, diesen Zwischenfall zu benutzen, um dem Krieg eine entscheidende Wendung zur Eskalation trotz aller Risiken zu geben. [<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>] Zum einen mag der Wahlkampf f&uuml;r die kommenden Wahlen 1964 eine Rolle gespielt haben, in dem sein Kontrahent Barry Goldwater f&uuml;r eine Eskalation warb und mit dem Thema der nationalen Sicherheit eine ernsthafte Konkurrenz bedeutete. Zum anderen wurden die ersten Proteste gegen den Vietnamkrieg laut, denen Johnson keinen Raum geben wollte. Er selbst hatte zwar immer wieder Zweifel an dem Krieg gehabt. Aber als Pr&auml;sident der USA war auch er dem amerikanischen Exzeptionalismus verpflichtet. Fulbright nannte es sp&auml;ter die &bdquo;Arroganz der Macht&ldquo; und Henry A. Kissinger die erfolgreiche Eind&auml;mmung des Kommunismus.<\/p><p><small>Titelbild: The U.S. Navy destroyer USS Maddox (DD-731) operating off Oahu, Hawaii (USA), on 21 March 1964. Note that the ship had recently been refitted with an SPS-40 air search radar &ndash; Naval History &amp; Heritage Command, Public Domain<\/small><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Vgl. Tim Weiner, CIA, Die ganze Geschichte, S. Fischer, Frankfurt a.M. 2008, S.330; John Pardos, Vietnam The History of an Unvinnable War 1945 &ndash; 1975, University Press of Kansas, 2009, The last Mystery of the Tonkin Gulf, S. 93 ff.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Vgl. Heinrich Weiler, Vietnam. Eine v&ouml;lkerrechtliche Analyse des amerikanischen Krieges und seiner Vorgeschichte, Hellmuth Wolf Verlag, Frankenthal-Montreux, 1969, S. 207.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Zitiert nach Edward S. Herman, Noam Chomsky, Die Konsensfabrik, Die politische &Ouml;konomie der Massenmedien, 1988, Westend Verlag, Frankfurt a.M. 2023, S. 462.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Vgl. Tim Weiner, Anm. 1, S.330.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] Robert McNamara, Vietnam. Das Trauma einer Weltmacht, SPIEGEL Buchverlag Hamburg, 1996.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] Robert McNamara, Anm. 5, S. 173f.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] Robert McNamara, Anm. 5, S. 190.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a>] Vgl. John Pardos, Anm. 1, S. 99f.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kein Krieg ohne L&uuml;gen, zumeist am Anfang, wenn der Bedarf an Rechtfertigung besonders gro&szlig; ist. So auch im August 1964, als die Johnson-Administration sich entschieden hatte, den Krieg in den Norden zu tragen und Nord-Vietnam zu bombardieren. 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