{"id":119340,"date":"2024-08-08T09:00:27","date_gmt":"2024-08-08T07:00:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=119340"},"modified":"2024-08-12T07:37:22","modified_gmt":"2024-08-12T05:37:22","slug":"boersenkauderwelsch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=119340","title":{"rendered":"B\u00f6rsenkauderwelsch"},"content":{"rendered":"<p>Wer sich in seinem Leben mal ein wenig mit Wirtschaftswissenschaften besch&auml;ftigt hat, kann bei der B&ouml;rsenberichterstattung nur die H&auml;nde &uuml;ber dem Kopf zusammenschlagen. Da wird von &bdquo;Investments&ldquo; schwadroniert, und jedes Husten der M&auml;rkte hat dann so und so viel Fantastilliarden Euro oder Dollar vernichtet. Das ist streng genommen alles kompletter Unsinn, aber keinen scheint das zu interessieren. Man hat sich an die esoterische Sprache und Denke der &bdquo;Finanzprofis&ldquo; gew&ouml;hnt. Zeit, noch einmal an ein paar Grundlagen zu erinnern. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6514\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-119340-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240808_Boersenkauderwelsch_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240808_Boersenkauderwelsch_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240808_Boersenkauderwelsch_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240808_Boersenkauderwelsch_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=119340-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240808_Boersenkauderwelsch_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"240808_Boersenkauderwelsch_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Ist der Kauf einer Aktie wirklich aus volkswirtschaftlicher Sicht eine Investition? Nein, in der Regel ist er das nicht. Aktien sind Anteile von Unternehmen. Als Investition gilt in der klassischen Volkswirtschaftslehre der Erwerb von Sachkapital auf langfristiger Basis zum Zweck der G&uuml;terproduktion &ndash; wobei diese G&uuml;ter auch immateriell sein k&ouml;nnen. Klingt kompliziert? Ist es aber nicht. Grob vereinfacht kann man sagen, dass eine Investition im weitesten Sinne in die Wirtschaft flie&szlig;en muss, um letztlich etwas zu erschaffen, was vorher noch nicht da war. Genau das ist beim normalen Aktienhandel aber nicht der Fall.<\/p><p>Wenn Sie sich zum Beispiel eine Aktie kaufen, dann muss auf der Gegenseite jemand anders ihnen diese Aktie verkaufen. Das Geld flie&szlig;t also von Person A zu Person B. Das Unternehmen, dessen Aktie hier gehandelt wird, hat mit der ganzen Transaktion &uuml;berhaupt nichts zu tun. Sie &bdquo;investieren&ldquo; somit nicht in das Unternehmen, sondern geben das Geld einer anderen Person, und was die damit macht, ist unbekannt und hat dann ohnehin nicht mehr mit dem Aktienhandel zu tun. Wenn Ihr Geld nicht dem Unternehmen, dessen Aktie sie kaufen, zuflie&szlig;t, &bdquo;investieren&ldquo; sie auch nichts in das Unternehmen. Sie wetten vielmehr auf den k&uuml;nftigen Preis dieser Aktie &ndash; eine reine Finanzspekulation, losgel&ouml;st von der Realwirtschaft. Das ist aber noch nicht alles: Streng genommen ziehen Sie als Aktion&auml;r sogar Geld aus dem Unternehmen heraus &ndash; die ber&uuml;hmte Dividende, die meist j&auml;hrlich an die Aktion&auml;re ausgesch&uuml;ttet wird. Zugespitzt k&ouml;nnte man das dann eine Desinvestition nennen, da Finanzmittel, die das Unternehmen eigentlich investieren k&ouml;nnte, so das Unternehmen verlassen.<\/p><p>Ist das immer so? Nein! Die Ausnahmen, die die Regel best&auml;tigen, sind der B&ouml;rsengang eines Unternehmens und die Ausgabe neuer Aktien &ndash; im Branchenslang IPO und Kapitalerh&ouml;hung. Ersteres findet naturgem&auml;&szlig; nur ein einziges Mal im Leben einer Aktiengesellschaft statt, Letzteres ist zumindest sehr selten. 2023 hatten alle B&ouml;rseng&auml;nge von Aktiengesellschaften in Deutschland zusammen ein Volumen von 1,9 Milliarden Euro. Im gleichen Jahr wurden allein am Handelsplatz Frankfurt am Main Aktien im Wert von 1,2 Billionen Euro gehandelt &ndash; mehr als das 600-Fache. Das &bdquo;Investitionsvolumen&ldquo; des deutschen Aktienmarktes betr&auml;gt also weniger als 1,3 Promille des gesamten Handels. Hier wird nicht investiert, hier wird spekuliert. Warum sprechen die Medien dann stetig von Investitionen?<\/p><p>Und wie sieht es mit den Gewinnen und Verlusten aus, die angeblich beim Auf und Ab an M&auml;rkten immer wieder entstehen sollen? Nun, als ich vor vielen, vielen Jahren Wirtschaftswissenschaften studiert habe, lehrte man noch, dass bei der Buchf&uuml;hrung und der Bilanzierung das Leitbild des ehrbaren Kaufmanns gelte. Und so ein ehrbarer Kaufmann bilanziert Gewinne erst dann, wenn sie realisiert sind. Alles andere sind &bdquo;Buchgewinne&ldquo; &ndash; theoretische Gr&ouml;&szlig;en, die nur dann echte Gewinne w&auml;ren, wenn man die Papiere zu diesem Zeitpunkt verkauft. Und bis diese Gewinne tats&auml;chlich realisiert werden, sind sie daher lediglich Zahlenspiele im luftleeren Raum. Besonders absurd ist es, wenn ein R&uuml;ckgang dieser abstrakten Buchgewinne dann als Verlust bezeichnet wird. Mit solchen Aussagen wird suggeriert, dass sinkende Kurse auf Wertpapiere tats&auml;chliche Verluste seien. Jedem Kaufmann, der sich mal mit den Grunds&auml;tzen ordnungsm&auml;&szlig;iger Buchf&uuml;hrung besch&auml;ftigt hat, rollen sich da jedoch die Zehenn&auml;gel hoch.<\/p><p>Dazu ein kleines Rechenspiel: Ihnen geh&ouml;rt ein kleines St&uuml;ck Land mit einem Schrebergarten, f&uuml;r das Sie einmal 10.000 Euro bezahlt haben. Beim Anlegen eines Gem&uuml;sebeets sto&szlig;en Sie auf einen goldfarbenen Klumpen Metall. Ihr Fund spricht sich schnell herum, und schon am n&auml;chsten Tag stehen mehrere Gesch&auml;ftsleute vor Ihrer T&uuml;r, die Ihnen f&uuml;r Ihren Garten eine Million Euro bieten. Sie wollen jedoch abwarten und den Metallklumpen untersuchen lassen. Eine Woche sp&auml;ter bekommen Sie das Gutachten, das Sie als gl&uuml;cklichen Besitzer eines Grundst&uuml;cks mit einer Pyritader (im Volksmund Katzen- oder Narrengold) ausweist. Niemand ist nun mehr an ihrem Grundst&uuml;ck interessiert, und der Verkehrswert betr&auml;gt wieder 10.000 Euro &ndash; wie ehedem. Haben Sie nun tats&auml;chlich 990.000 Euro verloren? Nat&uuml;rlich nicht, denn der Wert von einer Million Euro war nie real, sondern nur ein Erwartungswert, der auf falschen Prognosen beruhte.<\/p><p>&Auml;hnlich verh&auml;lt es sich mit den hochgejazzten Preisen f&uuml;r Aktien, die oft ebenfalls auf falschen Prognosen basierten. Dies f&uuml;hrte zu zwischenzeitlichen Buchgewinnen, aus denen dann Buchverluste wurden. Echte Gewinne und Verluste sind aber nur die Gewinne und Verluste, die auch realisiert wurden. Anders als bei den Buchgewinnen und Buchverlusten sind die realisierten Gewinne und Verluste jedoch streng genommen ein Nullsummenspiel. Oder um es mit einem Aphorismus des Bankers Amschel Meyer Rothschild zu sagen:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Ihr Geld ist nicht weg, mein Freund, es hat nur ein anderer.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Dies im Hinterkopf ist es auch reichlich abstrus, die Altersvorsorge der Bev&ouml;lkerung auf ein System zu stellen, das sich im positiven Planungsszenario durch Buchgewinne und ein Nullsummenspiel bei den realisierten Gewinnen kennzeichnet und bei dem es im negativen Planungsszenario lapidar hei&szlig;t: &bdquo;Deine Rente nicht weg, mein Freund, sie hat nur ein anderer.&ldquo; Vielleicht denken Sie ja mal dar&uuml;ber nach, wenn Sie demn&auml;chst die &bdquo;B&ouml;rse vor Acht&ldquo; schauen oder den Finanzteil Ihrer Zeitung lesen.<\/p><p><em>Leserbriefe zu diesem Beitrag <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=119447\">finden Sie hier<\/a>.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Screenshot ARD<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer sich in seinem Leben mal ein wenig mit Wirtschaftswissenschaften besch&auml;ftigt hat, kann bei der B&ouml;rsenberichterstattung nur die H&auml;nde &uuml;ber dem Kopf zusammenschlagen. 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