{"id":11940,"date":"2012-01-18T09:10:14","date_gmt":"2012-01-18T08:10:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11940"},"modified":"2015-01-18T11:20:30","modified_gmt":"2015-01-18T10:20:30","slug":"ignoriert-doch-endlich-die-ratingagenturen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11940","title":{"rendered":"Ignoriert doch endlich die Ratingagenturen!"},"content":{"rendered":"<p>In einem so noch nie dagewesenen Rundumschlag senkte die Ratingagentur Standard &amp; Poor&acute;s letzten Freitag die Risikobewertung f&uuml;r Staatsanleihen von neun Eurostaaten. Auch wenn die neuen Bewertungen nach der zugrundeliegenden &bdquo;Marktlogik&ldquo; noch nicht einmal inhaltlich zu beanstanden sind und auch die Begr&uuml;ndung von Standard &amp; Poor&acute;s nicht von der Hand zu weisen ist, stellt sich hier die Frage, warum Politik und Medien die eng mit dem Finanzsystem verzahnten Ratingagenturen &uuml;berhaupt als Schiedsrichter akzeptieren und f&uuml;r voll nehmen? Mehr als einmal lagen die Ratingagenturen mit ihrer Meinung komplett daneben. Es ist an der Zeit, dass sich die Politik von diesem Unsinn emanzipiert. Ratingagenturen sind nicht neutral, sondern interessengesteuert. Dabei vertreten sie jedoch nicht die Interessen der Allgemeinheit, sondern die des gro&szlig;en Geldes. Das darf ein demokratischer Staat nicht akzeptieren. Im folgenden Text soll es darum gehen, diese Aussagen auch zu belegen. Von Jens Berger<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Was machen Ratingagenturen?<\/strong><\/p><p>In der &Ouml;ffentlichkeit wird Ratingagenturen meist zugebilligt, eine vermeintlich neutrale Einsch&auml;tzung zur Sicherheit von Finanzprodukten abzugeben und im Falle der Bewertung von Staatsanleihen der Politik Empfehlungen zu geben, mit welchen Schritten sie daf&uuml;r Sorge tragen kann, dass diese Papiere ein m&ouml;glichst gutes Rating bekommen. Dieser Eindruck wird durch die mediale Berichterstattung gest&uuml;tzt, haben die Ratings der Agenturen doch mittlerweile einen &auml;hnlich zweifelhaften Nachrichtenwert wie die B&ouml;rsenkurse. So popul&auml;r dieser Eindruck ist, so falsch ist er. Wer &bdquo;Empfehlungen&ldquo; zu Finanzprodukten gibt, kann auch rechtlich f&uuml;r Fehlurteile haftbar gemacht werden. Wenn die Ratingagenturen nun aber auch rechtlich f&uuml;r ihre zahlreichen unsinnigen Empfehlungen haften m&uuml;ssten, g&auml;be es sie schon l&auml;ngst nicht mehr. <\/p><p><em>Zu den zahlreichen Fehleinsch&auml;tzungen der Ratingagenturen empfehle ich den Artikel &bdquo;<a href=\"\/?p=10067\">Ratingagenturen &ndash; ein zutiefst korruptes System<\/a>&ldquo; von Werner R&uuml;gemer mit zahlreichen Hintergrundinformationen und Fallbeispielen.<\/em><\/p><p>Auch die &bdquo;Politikberatung&ldquo; ist den Agenturen nicht erlaubt, da die Politik sich ansonsten darauf berufen k&ouml;nnte, dass man doch s&auml;mtliche W&uuml;nsche der Agenturen erf&uuml;llt h&auml;tte und dies als Garantie f&uuml;r ein besseres Rating ins Feld f&uuml;hren k&ouml;nne. Stattdessen berufen sich die Ratingagenturen darauf, dass sie lediglich ihre &bdquo;Meinung&ldquo; kundtun, und damit verbarrikadieren sie sich frecherweise auch noch hinter der verfassungsrechtlich garantierten Meinungsfreiheit. Wer sich die Begr&uuml;ndung der S&amp;P-Ratings zur Eurozone durchliest, die man eigentlich nur als &bdquo;Politikberatung&ldquo; lesen kann, kann dies jedoch nur als zynischen Witz bezeichnen.<\/p><p>Eine Meinung hat jeder. Paul Krugman hat eine Meinung, Heiner Flassbeck hat eine Meinung, und die unz&auml;hligen Lobbyisten und &bdquo;Analysten&ldquo; der Banken haben auch einen Meinung. Letztere deckt sich meist auch mit der Meinung der Ratingagenturen. Warum billigt man dann aber der Meinung dreier Finanzunternehmen sogar zu, eine Expertise zu sein, die indirekt Gesetzescharakter hat? Das ist nur mehr absurd zu nennen, und f&uuml;r diese Absurdit&auml;t tr&auml;gt die Politik die volle Verantwortung. Durch die &uuml;ber EU-Richtlinien gesetzlich vorgeschriebenen Eigenkapitalvorschriften f&uuml;r Banken (<a href=\"http:\/\/www.bundesbank.de\/bankenaufsicht\/bankenaufsicht_basel.php\">Basel II<\/a>) wird die &bdquo;Meinung&ldquo; der Ratingagenturen zu einem gesetzlich bindenden Qualit&auml;tsurteil f&uuml;r Finanzprodukte. Das Rating entscheidet, wie viel Eigenkapital eine Bank f&uuml;r ein bestimmtes Kreditgesch&auml;ft vorhalten muss. Man sollte einer Bank jedoch durchaus zutrauen, dass sie ihre Kunden kennt und das Knowhow im Haus hat, eine solche Bewertung selbst vorzunehmen. Sollte dies nicht der Fall sein, sollte die Bank auch keinen Kredit vergeben, ist die Risikoeinsch&auml;tzung doch ein elementarer Aufgabenbereich im Bankgesch&auml;ft. Der Ratingzwang zielt auch weniger auf das lokale Unternehmen ab, das einen Kredit w&uuml;nscht, sondern vielmehr auf die intransparenten Finanzprodukte des modernen Finanzkasinos. Es kommt h&auml;ufig vor, dass die Banker diese Produkte selbst nicht verstehen und sich voll und ganz auf die Ratings der Agenturen verlassen. Die Agenturen haben jedoch genauso wenig Ahnung vom Risiko wie die Banken selbst und dies geht weit &uuml;ber die ber&uuml;hmt-ber&uuml;chtigten strukturierten Kreditprodukte hinaus. Standard &amp; Poor&acute;s hat beispielsweise die Pleitebank Lehman Brothers noch drei Tage vor deren Zusammenbruch mit dem Premiumrating &bdquo;A&ldquo; <a href=\"http:\/\/www.pressemitteilungen-online.de\/index.php\/investition-in-lehman-zertifikate-klage-gegen-ratingagentur-standard-poors\/\">bewertet<\/a>. Die Werturteile der gro&szlig;en Ratingagenturen sind somit ganz sicher kein Finanz-T&Uuml;V, auf den man sich verlassen kann. Es ist und bleibt nicht hinzunehmen, dass die Politik den Ratingagenturen eine solche Rolle, die ihnen nicht zusteht, zubilligt. Es ist auch nicht hinzunehmen, dass diese Agenturen mit Steuergeldern bezahlt werden. Ratingagenturen werden nicht vom Kunden, sondern vom Verk&auml;ufer eines Finanzproduktes bezahlt. Der deutsche Staat bezahlt also die Ratingagenturen daf&uuml;r, dass sie den Bundesanleihen ihr AAA geben. <\/p><p><strong>Was bedeuten die Ratingcodes?<\/strong><\/p><p>Es gibt keine todsicheren Geldanlagen. Selbst das AAA hei&szlig;t nur, dass ein Papier nach Meinung der Ratingagenturen eine &bdquo;sichere Anlage&ldquo; ist, die ein &bdquo;leichtes Ausfallrisiko&ldquo; beinhaltet. Diese Einsch&auml;tzung gilt &uuml;brigens auch f&uuml;r die n&auml;chstbesten Codes AA+, AA und AA-. Darunter liegen die Ratings A+, A und A-, was f&uuml;r &bdquo;Die Anlage ist sicher, falls keine unvorhergesehenen Ereignisse die Gesamtwirtschaft oder die Branche beeintr&auml;chtigen&ldquo; steht. Auch die BBB-Codes bedeuten immer noch &bdquo;Investment Grade&ldquo;, und werden nur an Papiere verliehen, die nach Meinung der Agenturen eine &bdquo;nicht spekulative&ldquo; Anleihe sind. In der offiziellen Sprachregelung hei&szlig;t es: &bdquo;Durchschnittlich gute Anlage. Bei Verschlechterung der Gesamtwirtschaft ist aber mit Problemen zu rechnen&ldquo;. Bis auf Zypern, Portugal und Griechenland gelten somit alle Anleihen der Eurozone als &bdquo;nicht spekulative&ldquo; Papiere. Dagegen ist per se auch nichts einzuwenden, wenn die Ratingagenturen nicht komplett unverst&auml;ndliche Ma&szlig;st&auml;be an die Bewertung anlegen w&uuml;rden. <\/p><p>Warum sollten beispielsweise die USA die gr&ouml;&szlig;te Volkswirtschaft der Welt, die zudem &uuml;ber eine eigene Weltw&auml;hrung und eine souver&auml;ne Notenbank verf&uuml;gt, finanziell unsolider sein als die winzig kleine Steueroase Cayman Islands, die vor <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/31\/31074\/1.html\">zweieinhalb Jahren kurz vor dem Staatsbankrott stand<\/a>? Auf diese Frage kann es keine zufriedenstellende Antwort geben. Schaut man sich die Liste der verbliebenen 16 Staaten an, die nach der Meinung von S&amp;P ein AAA verdient haben, kommt einem jedoch schnell ein Verdacht: Neben acht relativ soliden Volkswirtschaften (Kanada, Australien, Norwegen, D&auml;nemark, Finnland, Schweden, Deutschland und den Niederlanden) besteht die Liste der AAA-Staaten auch aus acht L&auml;ndern (Hong Kong, Singapur, Cayman Islands, Isle of Man, Liechtenstein, Schweiz, Luxemburg und Gro&szlig;britannien), die durch ihre &bdquo;marktkonforme&ldquo; Gesetzgebung ein Dorado f&uuml;r die Finanzbranche darstellen. Nat&uuml;rlich muss man sich hier unweigerlich die Frage stellen, was f&uuml;r einen Sinn eine solche Liste hat, die ganz offensichtlich zumindest zur H&auml;lfte ein &bdquo;Z&uuml;ckerli&ldquo; f&uuml;r Staaten darstellt, die der Finanzbranche gef&auml;llig sind. Ebenso muss man sich die Frage stellen, warum vor der Finanzkrise windige, komplett intransparente strukturierte Finanzprodukte, die heute nur noch als finanzieller Giftm&uuml;ll (toxic assets) gelten, mit dem begehrten AAA bewertet wurden, das weltweit nur an neun b&ouml;rsennotierte Unternehmen vergeben wird.<\/p><p>Die Urteile der Ratingagenturen sind oft nicht nachvollziehbar und wirken im besten Falle willk&uuml;rlich und im schlimmsten Falle interessengesteuert. Der Vorwurf der Interessenpolitik l&auml;sst sich auch nicht von der Hand weisen, wenn man bedenkt, dass alle drei gro&szlig;en Ratingagenturen entweder direkt oder indirekt <a href=\"\/?p=10067\">im Besitz der Finanzbranche <\/a>sind.<\/p><p><strong>Herabstufung der Eurozone &ndash; Die Schizophrenie von Standard &amp; Poor&acute;s<\/strong><\/p><p>Liest man sich die <a href=\"http:\/\/www.standardandpoors.com\/ratings\/articles\/en\/us\/?articleType=HTML&amp;assetID=1245327305715\">Begr&uuml;ndung der Herabstufung durch S&amp;P<\/a> durch, st&ouml;&szlig;t man dort auf Kerns&auml;tze, die so auch regelm&auml;&szlig;ig auf den NachDenkSeiten zu lesen sind:<\/p><p><em>Wir glauben ebenfalls, dass sich die Beschl&uuml;sse [gemeint sind hier die Beschl&uuml;sse des EU-Gipfels vom 9.12.2011] nur in einem Teil auf die Erkenntnis der Krisenursachen beziehen:  dass die momentanen finanziellen Unruhen haupts&auml;chlich auf dir fiskalische Lasterhaftigkeit der Peripherie der Eurozone zur&uuml;ckzuf&uuml;hren. In unserer Sicht jedoch ist es vielmehr so, dass die finanziellen Probleme einiger Eurozonenl&auml;nder die Konsequenz steigender externer Ungleichgewichte und Unterschiede in der Wettbewerbsf&auml;higkeit zwischen dem Kern der Eurozone und deren sogenannter Peripherie sind. Ferner glauben wir, dass ein Reformprozess, der sich auf den Pfeiler der fiskalischen Austerit&auml;t st&uuml;tzt, das Risiko beinhaltet, selbstzerst&ouml;rerisch zu sein, da die Binnennachfrage zusammen mit der Angst vor Arbeitslosigkeit und Lohneinbu&szlig;en sinkt, was zu einem Einbruch der Steuereinnahmen f&uuml;hrt.<\/em><\/p><p>Auch wenn dieser Teil der S&amp;P-Begr&uuml;ndung durchaus vertretbar ist und die offen zur Schau getragene Wut der deutschen Regierung angesichts solcher S&auml;tze, die doch ganz offen die deutsche Krisenstrategie kritisieren, verst&auml;ndlich ist, sollte man jedoch nicht der Versuchung erliegen, ausgerechnet S&amp;P als Wortf&uuml;hrer einer besseren Krisenstrategie zu sehen. W&auml;hrend die Ratingagentur zwar behauptet, die Binnennachfrage als gewichtigen Faktor f&uuml;r die langfristige Solidit&auml;t zu sehen, lobt sie an anderer Stelle auch die &bdquo;Reformen&ldquo; der neuen italienischen Regierung und stellt das reformfreudige Irland sogar als Musterknaben dar. Dieser Widerspruch ist reichlich grotesk. An dieser Stelle muss man sich auch fragen, was die Forderungen nach einer Deregulierung des Arbeitsmarktes und einer Liberalisierung des Dienstleistungssektors (beides wird von S&amp;P gefordert) &uuml;berhaupt mit der Frage der Sicherheit der Staatsanleihen zu tun haben. Beide Themen haben &ndash; wenn &uuml;berhaupt &ndash; nur einen marginalen Einfluss auf die Staatsfinanzen und haben in einem Rating eigentlich &uuml;berhaupt nichts verloren. Man muss sich ferner fragen, warum S&amp;P erst jetzt zu der &Uuml;berzeugung kommt, dass man die Finanzprobleme einzelner Staaten nicht durch Austerit&auml;tspolitik l&ouml;sen kann. Die vergangenen &bdquo;Meinungen&ldquo; der Ratingagenturen empfahlen genau die Politik, die sie nun kritisieren. Es scheint vielmehr so, als ob die Ratingagentur S&amp;P die Eurokrise nutzt, um die Interessen der Finanzm&auml;rkte durchzudr&uuml;cken. Je marktliberaler ein Land ist, desto besser ist sein Rating. Das hat nichts mehr mit einer neutralen &bdquo;Risikobewertung&ldquo; zu tun, sondern ist vielmehr Lobbyismus in Reinkultur.<\/p><p><strong>Ratingurteile als selbsterf&uuml;llende Prophezeiung<\/strong><\/p><p>Es w&auml;re jedoch zu einfach, die Bewertungen der Ratingagenturen nur als Lobbyismus zur Umsetzung einer marktkonformen Politik zu verstehen. Im Zusammenspiel mit dem historischen Versagen der Krisenstrategie der deutschen Regierung stellen die negativen Bewertungen der Ratingagenturen auch eine selbsterf&uuml;llende Prophezeiung dar. L&auml;nder wie Italien oder Spanien hatten kein Refinanzierungsproblem, bevor die Ratingagenturen &uuml;ber ein solches Problem sprachen und die Krisenstrategie der Eurozone dies auch noch durch ihre unverantwortliche Griechenlandpolitik anheizte. Die Eurozone hat den Spekulanten durch ihre unverantwortliche Griechenlandpolitik ja erst bewiesen, dass die Anleihen eines Eurostaates im Zweifelsfalle nicht sicher sind. Es war vollkommen klar, dass dies einen Fl&auml;chenbrand ausl&ouml;sen w&uuml;rde, der die Bonit&auml;t anderer Eurostaaten massiv besch&auml;digt und dieser Fl&auml;chenbrand sich langsam, aber daf&uuml;r unaufh&ouml;rlich, entlang der alten Bonit&auml;tsskala nach oben fressen wird. Portugal brennt bereits lichterloh, Italien und Spanien haben Feuer gefangen, k&ouml;nnen sich aber immer noch selbst refinanzieren und erste Funken sind auch bereits auf grundsolide L&auml;nder wie Frankreich (der Bankensektor ist in Italien sehr aktiv) und &Ouml;sterreich (der Bankensektor ist in Ungarn sehr aktiv) &uuml;bergesprungen. Wenn die Eurozone nicht vom eingeschlagenen Kurs, der an die US-Milit&auml;rdoktrin &bdquo;Shock and Awe&ldquo; (Schrecken und Ehrfurcht) erinnert, abweicht, ist es keinesfalls vollkommen auszuschlie&szlig;en, dass diese L&auml;nder bei einer erheblichen Verschlechterung ihrer Konjunktur tats&auml;chlich Refinanzierungsprobleme bekommen.<\/p><p><strong>Kriegserkl&auml;rung an die europ&auml;ischen V&ouml;lker?<\/strong><\/p><p>Es ist kontraproduktiv, die Herabstufungen der Eurol&auml;nder als konzertierten Angriff auf die Eurozone zu werten. Immerhin war es auch die Agentur S&amp;P, die im August letzten Jahres in einer nur noch als grotesk zu bezeichnenden Aktion den USA ebenfalls ihr AAA-Rating entzogen haben &ndash;im &Uuml;brigen eine Aktion, der die beiden anderen gro&szlig;en Ratingagenturen Moodys und Fitch bis heute nicht gefolgt sind. Um die Sicherheit von Staatsanleihen zu bewerten und dabei auch einsch&auml;tzen zu k&ouml;nnen, wie sicher oder unsicher die Anleihen der Eurozone sind, sollte man sich zun&auml;chst einmal fragen, welche Faktoren eine Staatsanleihe &uuml;berhaupt sicher machen.<\/p><p>Eine Staatsanleihe kann dann als relativ sicher angesehen werden, wenn der zeichnende Staat einerseits &uuml;ber finanzpolitische Souver&auml;nit&auml;t verf&uuml;gt, und andererseits auch &uuml;ber eine volkswirtschaftliche Basis verf&uuml;gt, die die Steuereinahmen tragen kann, mit denen die Schulden bedient werden m&uuml;ssen. Beide Faktoren werden jedoch durch die Krisenstrategie der Eurozone beeintr&auml;chtigt. Ein Staat, der erst einmal in den H&auml;nden der &bdquo;Retter&ldquo; ist, muss sich auch deren Auflagen beugen. Die geforderte Austerit&auml;tspolitik untergr&auml;bt jedoch die finanzpolitische Souver&auml;nit&auml;t. Die angeschlagenen Staaten d&uuml;rfen nicht souver&auml;n &uuml;ber ihre Einnahmen und Ausgaben bestimmen und sie k&ouml;nnen auch nicht mehr frei &uuml;ber ihre Schuldenpolitik bestimmen. Ein weiterer Effekt der Austerit&auml;tspolitik ist es, dass sie mittel- bis langfristig die Steuereinnahmen reduziert und die Staatsausgaben durch steigenden Kosten f&uuml;r die Sozialsysteme nicht senkt, sondern erh&ouml;ht. Die angeschlagenen Staaten sind somit auf Gedeih und Verderb auf Kredite der &bdquo;Helfer&ldquo; (EU, IWF, EZB) angewiesen. Nun gibt es aber keinen Rechtsanspruch auf diese Mittel und ihre Vergabe ist nicht nur an strenge Auflagen gekoppelt, sondern auch vom politischen Willen der Geber abh&auml;ngig. Dieser politische Wille ist jedoch wankelm&uuml;tig, weshalb man die finanzielle Solidit&auml;t der Eurol&auml;nder mit Abstrichen bewerten muss. Nichts anderes tut S&amp;P, weshalb die Herabstufung letztes Wochenende auch sachlich korrekt ist, auch wenn S&amp;P von anderen Motiven getrieben sein mag.<\/p><p>Wer angesichts dieser Umst&auml;nde von einem &bdquo;Krieg der Banken und der amerikanischen Ratingagenturen gegen die europ&auml;ischen V&ouml;lker&ldquo; spricht, wie es Gregor Gysi laut dpa getan haben soll, erweckt hier einen falschen Eindruck. Wer sagt, S&amp;P h&auml;tte die Krisenstrategie der EU missverstanden, wie Wolfgang Sch&auml;uble es tut, verkennt die Realit&auml;ten und will nicht wahrhaben, dass die eigene Strategie den Kontinent in eine Sackgasse f&uuml;hrt. Die Anleihen der Eurol&auml;nder sind nun einmal nicht 100% sicher und es g&auml;be viele Adressaten, bei denen man sich dabei beschweren sollte &ndash; Wolfgang Sch&auml;uble und Angela Merkel stehen dabei ganz oben auf der Liste. S&amp;P daf&uuml;r zu gei&szlig;eln, dass sie das Offensichtliche aussprechen, erinnert an das gefl&uuml;gelte Wort, man solle nicht den &Uuml;berbringer der Nachricht erschie&szlig;en (&bdquo;Don&acute;t shoot the Messenger&ldquo;).<\/p><p><strong>Wof&uuml;r braucht der Staat eigentlich Ratingagenturen?<\/strong><\/p><p>Wenn nun sogar schon Wolfgang Sch&auml;uble und seine Parteifreunde offen Kritik an den Ratingagenturen &uuml;ben, sollten sie sich doch auch einmal die Frage stellen, warum man den ganzen Zinnober nicht einfach beendet und die Ratingagenturen ignoriert? An allerster Stelle sollte der Staat seinen Vertrag mit den Agenturen k&uuml;ndigen. Wer braucht schon die &bdquo;Meinung&ldquo; einer Ratingagentur, um die Solidit&auml;t deutscher Anleihen einzusch&auml;tzen? Es g&auml;be wahrlich sinnvollere Verwendung f&uuml;r das Geld, das die Bundesrepublik und andere Eurostaaten den drei Agenturen Monat f&uuml;r Monat in den Rachen werfen. Sowohl die Banken als auch die Versicherungen m&uuml;ssen sich bei Euroanleihen l&auml;ngst nicht mehr an die Basel-Richtlinien halten, gibt es doch zahlreiche Sonderregelungen der EZB, mit denen die Eigenkapitalvorschriften f&uuml;r europ&auml;ische Staatsanleihen au&szlig;er Kraft gesetzt werden. Jede Kritik an den Ratingagenturen, die nicht die Kundenbeziehung in Frage stellt, ist unaufrichtig, und daher auch als zynischer Populismus zu werten.<\/p><p><strong>Brauchen wir eine deutsche Ratingagentur?<\/strong><\/p><p>In die gleiche Kategorie f&auml;llt auch die immer wieder vorgetragene Forderung nach einer &bdquo;europ&auml;ischen Ratingagentur&ldquo;. Eine solche gibt es bereits, der Ratinggigant Fitch geh&ouml;rt schlie&szlig;lich mehrheitlich dem Franzosen <a href=\"http:\/\/www.forbes.com\/lists\/2010\/10\/billionaires-2010_Marc-Ladreit-de-Lacharriere_ZM6Q.html\">Marc Ladreit de Lacharri&egrave;re<\/a>, der eng mit Sarkozy und dem franz&ouml;sischen Finanzsektor verbunden ist. Wenn deutsche Politiker eine &bdquo;europ&auml;ische Ratingagentur&ldquo; fordern, meinen sie damit meist eine deutsche Ratingagentur, die idealerweise auch die deutschen ideologischen Richtlinien verinnerlicht hat. Mit dem bekannten Privatisierungslobbyisten Roland Berger steht sogar ein m&ouml;glicher Betreiber f&uuml;r eine solche deutsche Ratingagentur in den Startl&ouml;chern.<\/p><p><strong>Siehe auch:<\/strong> <a href=\"\/?p=11804#h07\">Bertelsmann Stiftung will mit internationalen Experten neues Modell f&uuml;r Finanz-Ratingagenturen erarbeiten<\/a>.<\/p><p>Mit einer &bdquo;Berger-Agentur&ldquo; w&uuml;rde man jedoch den Teufel mit dem Beelzebub austreiben. Bergers neoliberale Ideologie ist bekannt, man kann sich da bereits lebhaft vorstellen, an welchen Kriterien er die Bonit&auml;t von Staaten bewerten w&uuml;rde. Eine weitere Institution, die dem Finanzsektor und der Wirtschaftslobby dabei hilft, Geld von unten nach oben umzuverteilen, braucht jedoch kein Mensch. Da auszuschlie&szlig;en ist, dass die aktuell vorherrschende Politik eine wirklich neutrale Ratingagentur ins Leben rufen wird, die nicht von den Partikularinteressen der Finanzwirtschaft dominiert wird, sondern die sich an gesamtwirtschaftlichen Ma&szlig;st&auml;ben ausrichtet, ist der Wunsch nach einer &bdquo;europ&auml;ischen Ratingagentur&ldquo; &uuml;berfl&uuml;ssig wie ein Kropf.<\/p><p>Ratingagenturen machen nur deshalb ein gutes Gesch&auml;ft, weil ihnen die Politik und die Medien Beachtung schenken. Wer die &bdquo;Macht der Ratingagenturen&ldquo; beschneiden will, sollte ihre &bdquo;Meinung&ldquo; ganz einfach ignorieren und die Staatsfinanzierung zu einer hoheitlichen Aufgabe erkl&auml;ren. Das Krisenmanagement der Eurozone ist gescheitert und die Empfehlungen der Ratingagenturen f&uuml;hren zudem in einen Teufelskreis aus Sparvorhaben und weiteren Defiziten. Es ist an der Zeit, diesen Teufelskreis zu durchbrechen, die Ratingagenturen und ihre Spr&uuml;che zu ignorieren, und die Staatsfinanzierung einer staatlichen bzw. staatsnahen Institution wie der EZB zu &uuml;bertragen.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/c895b5d2a1c34b96960ebb750d239770\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einem so noch nie dagewesenen Rundumschlag senkte die Ratingagentur Standard &amp; Poor&acute;s letzten Freitag die Risikobewertung f&uuml;r Staatsanleihen von neun Eurostaaten. Auch wenn die neuen Bewertungen nach der zugrundeliegenden &bdquo;Marktlogik&ldquo; noch nicht einmal inhaltlich zu beanstanden sind und auch die Begr&uuml;ndung von Standard &amp; Poor&acute;s nicht von der Hand zu weisen ist, stellt sich<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11940\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[136,13,139],"tags":[384,293,473,637],"class_list":["post-11940","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-banken-boerse-spekulation","category-denkfehler-wirtschaftsdebatte","category-euro-und-eurokrise","tag-berger-roland","tag-finanzwirtschaft","tag-ratingagenturen","tag-staatsanleihen"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11940","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=11940"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11940\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":24616,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11940\/revisions\/24616"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=11940"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=11940"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=11940"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}