{"id":119451,"date":"2024-08-11T14:00:40","date_gmt":"2024-08-11T12:00:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=119451"},"modified":"2024-08-09T20:03:04","modified_gmt":"2024-08-09T18:03:04","slug":"im-35-jahr-der-friedlichen-revolution-in-der-ddr-interesse-an-vergangenheit-deren-bewahrung-und-wuerdigung-waechst-auch-fuer-die-kunst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=119451","title":{"rendered":"Im 35. Jahr der friedlichen Revolution in der DDR \u2013 Interesse an Vergangenheit, deren Bewahrung und W\u00fcrdigung w\u00e4chst \u2013 auch f\u00fcr die Kunst"},"content":{"rendered":"<p>Im Herbst j&auml;hrt sich das Ereignis der friedlichen Revolution in der damaligen DDR 1989 zum 35. Mal. Aufmerksam erleben Bundesb&uuml;rger im vereinten Deutschland, dass die der damaligen Trennung folgende Wiedervereinigung, der Beginn und die Entwicklung des Zusammenlebens voll von Herausforderungen, Problemen, H&ouml;hen, Tiefen, Leistungen und Fehlern in allen Lebensbereichen war und bis heute ist. N&uuml;chtern betrachtet muss bilanziert werden: Bei all diesen Prozessen geriet die DDR, salopp gesagt, ziemlich unter die R&auml;der, an den Rand der neuen Bundesrepublik, mitunter sogar bis hin zur Vergessenheit. So erging und ergeht es auch der Kunst, der DDR-Kunst, die im heutigen Deutschland immer noch einen eher vernachl&auml;ssigten Stellenwert innehat. Und nein, Westkuratoren m&uuml;ssen nicht erl&auml;utern, was gute und was schlechte DDR-Kunst ist, finden selbst Westkuratoren. Ein Zwischenruf von <strong>Frank Blenz<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie vielen Werke, ber&uuml;hmte wie vergessene, das Wirken und die Pers&ouml;nlichkeiten gef&ouml;rderter wie benachteiligter K&uuml;nstlerinnen und K&uuml;nstler aus DDR-Zeiten geh&ouml;ren bis heute zu unserer wichtigen Erinnerung und sind Teil der Identit&auml;t von DDR-B&uuml;rgern und ihrer Nachkommen. Die DDR-Kunst geh&ouml;rt dabei ebenso zu all den anderen Mitmenschen in Gesamtdeutschland, meine ich. Das Aussortieren, Vergessen, Geringsch&auml;tzen ist nicht gerechtfertigt, finde ich. Mehr noch, Kunst ist nicht nur Teil unserer Vergangenheit, sie ist Erfahrung und gedanklicher Ansatz, wie der zum Handeln, im Hier und Heute &ndash; egal in welchem Landesteil &ndash; entstanden.<\/p><p>Doch ist zu sehen: DDR-Kunst wird bis heute nicht wirklich, nicht richtig ernsthaft ins Haus Deutschland aufgenommen, gehegt und gepflegt. Wie in anderen Lebensbereichen auch blieb und bleibt damit Ostdeutschland mit all seinen Facetten der Platz am Rande des gemeinsamen Tisches.<\/p><p>Es erscheint l&auml;ngst an der Zeit und &uuml;berf&auml;llig, hochaktuell und wichtig, diese latente Ignoranz, dieses Ausbremsen der Facetten aus dem kleineren, ja vergangenen Teil des Landes zu beenden, um schlie&szlig;lich nach und nach vielleicht doch eine gelungene, gelebte Einheit zu bewirken, in der man &ndash; wie am Beispiel Kunst &ndash; den w&uuml;rdigen und berechtigten Stellenwert dieser reichen, vielf&auml;ltigen, streitbaren DDR-Kunst und ostdeutschen Kunst heute realisiert und akzeptiert und in unser bundesdeutsches Gemeinwesen, in unser Leben einbindet. Das ist nichts Spektakul&auml;res, das sollte Norm sein, wie es f&uuml;r alles aus der alten Bundesrepublik auch selbstverst&auml;ndlich ist, oder?<\/p><p><strong>Wichtige Umfrage als Teil der Diskussion<\/strong><\/p><p>Der ARD-Sender <em>MDR<\/em> hat zum Thema passend j&uuml;ngst <a href=\"https:\/\/www.mdr.de\/nachrichten\/deutschland\/gesellschaft\/ddr-kunst-museumsbefragung-kultur-news-102.html\">eine Frage gestellt<\/a>: Wie soll mit Kunst aus der DDR umgegangen werden? Die Redaktion <em>MDR Kultur<\/em> h&ouml;rte von kompetenten Akteuren in Kunstmuseen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Th&uuml;ringen und von Museumsbesuchern unter anderem, dass Kunst aus der DDR weiterhin und fortgesetzt in Ausstellungen zu sehen sein m&uuml;sse. Drei Viertel der Befragten sprachen sich daf&uuml;r aus. Die Redaktion erfuhr noch mehr: dass DDR-Kunst in der &ouml;ffentlichen Wahrnehmung nicht ausreichend stattf&auml;nde, in der Museumslandschaft nicht ausreichend gezeigt werde, dass es eine intensive, bisweilen belehrende Diskussion dar&uuml;ber g&auml;be, wer gezeigt werden soll und wer nicht, dass das Schaffen gerade von K&uuml;nstlerinnen der DDR unterrepr&auml;sentiert sei und so weiter.<\/p><p><strong>DDR-Kunst geh&ouml;rt in die Museen und nicht in den Speicher<\/strong><\/p><p>Vor einiger Zeit besuchte ich das wundervolle Albertinum, eine herausragende museale Adresse in Dresden. <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=109741\">Im Beitrag auf den NachDenkSeiten<\/a> kritisierte ich den Umgang mit Ost-Kunst und mit dem Osten generell. Ich sah viele Exponate aus vergangenen DDR-Zeiten und sp&uuml;rte, wie wichtig deren &Ouml;ffentlichkeit ist. Ich erfuhr, dass das Albertinum im Jahr 2017 Objekt eines in der Region ber&uuml;hmt gewordenen &bdquo;Dresdner Bilderstreits&ldquo; war, der in seiner Tiefe offenbarte, was die DDR-Kunst-Seele seinerzeit bis heute bewegt: Es ist falsch, ostdeutsche Kunst zu benachteiligen und auszusortieren.<\/p><p>So hei&szlig;t es bei <em>MDR<\/em> &uuml;ber Hilke Wagner, Direktorin des Albertinum, und den Streit, der schlie&szlig;lich nach einer intensiven Diskussion beendet wurde:<\/p><blockquote><p>\n<em>Dabei stand sie [Hilke Wagner] 2017 im Zentrum des &bdquo;Dresdner Bilderstreits&ldquo;, ausgel&ouml;st durch einen Beitrag des Kunstwissenschaftlers Paul Kaiser in der &bdquo;S&auml;chsischen Zeitung&ldquo;, der monierte, die Dauerausstellung im Albertinum w&uuml;rde st&auml;ndig umger&auml;umt und die ostdeutsche Kunst aus der Zeit zwischen 1945 und 1989 sukzessive ins Depot &bdquo;entsorgt&ldquo;. Aufgebrachte Dresdner unterstellten der seit 2014 amtierenden Direktorin, 1972 in Hessen geboren, denn auch, die kulturelle Ost-Vergangenheit bewusst zu ignorieren. Das Albertinum lud zur gro&szlig;en &bdquo;Tafelrunde&ldquo;, um die Wogen im Bilderstreit zu gl&auml;tten. 16 Experten und 600 Dresdnerinnen und Dresdner kamen.<\/em><br>\n<em>(Quelle: <a href=\"https:\/\/www.mdr.de\/nachrichten\/deutschland\/gesellschaft\/ddr-kunst-museumsbefragung-kultur-news-102.html\">MDR<\/a>)<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Wenn Westkuratoren Ostb&uuml;rgern den Wert von Ost-Kunst erkl&auml;ren<\/strong><\/p><p>Die Albertinum-Chefin Wagner, geboren in Kassel (Hessen), h&ouml;rte ich am Wochenende im H&ouml;rfunk. Sie hatte Gelegenheit, w&auml;hrend eines angenehmen wie spannenden <a href=\"https:\/\/www.mdr.de\/kultur\/radio\/ipg\/sendung-958924.html\">Dialogs mit MDR-Moderator Carsten Tesch<\/a> &uuml;ber den Stellenwert von DDR-Kunst im musealen bundesdeutschen Alltag zu erz&auml;hlen. Sie verhehlte nicht, dass sie wahrnehme, wie B&uuml;rger aus dem &ouml;stlichen Deutschland mitunter nicht erfreut sind, wenn Westkuratoren ihnen Ost-Kunst erl&auml;utern. Sie denkt ebenso, sagte sie, und sie forderte etwas Wichtiges: Kunst aus der DDR m&uuml;sse r&uuml;ckwirkend sogar erweitert werden. Es fiel das Stichwort Ank&auml;ufe.<\/p><p><strong>Wenige Finanzmittel zum Ankauf von DDR-Kunst, volle Depots, finanzstarke Amis<\/strong><\/p><p>Kunst muss in der Vielfalt abbildbar sein, das erfordert Aufwand und Hingabe. Es sei indes entt&auml;uschend, dass es schwer ist, an Mittel zu kommen, so Wagner, die erz&auml;hlte, dass US-Museen (wie das Getty Museum) im Gegensatz zu Deutschland finanzstark agierten und ganze Nachl&auml;sse aufkauften. Man kann daraus schlie&szlig;en, dass man in den USA mehr Sinn f&uuml;r DDR-Kunst hat als bei uns. F&uuml;r Ostdeutschland hei&szlig;t das weiter, die musealen Einrichtungen k&ouml;nnen nur punktuell ankaufen, unter anderem auch, weil die Depots voll seien. Ein weiterer Grund steht im Weg: DDR-Kunst aufkaufen scheitere, weil hierzulande wenig F&ouml;rdermittel zur Verf&uuml;gung st&uuml;nden.<\/p><p><strong>DDR-Kunst ist &uuml;berall, in Museen, Galerien wie im &ouml;ffentlichen Raum<\/strong><\/p><p>Dass es geht, DDR-Kunst, DDR-Vergangenheit in unsere gemeinsame Gegenwart einzubinden, zu w&uuml;rdigen und als Teil unseres Ganzen zu sehen, sehe ich, um ein kleines Beispiel zu nennen, gern und froh bei einem historischen Geb&auml;ude in meiner Heimatstadt Plauen. F&uuml;r mich ist das Objekt, das Neue Rathaus, &uuml;ber viele Jahre seit der Wende Teil eines kleinen Wunders, das seinen Lauf nahm, als es darum ging, es abzurei&szlig;en und durch ein anderes Geb&auml;ude zu ersetzen.<\/p><p>Das jetzige Neue Rathaus (es gibt ein Gegen&uuml;ber, das Alte Rathaus) ist eines der Kunst, der Politik, der Kultur, der Architektur &ndash; ein Wunderwerk als grandiose Einheit dieses Prozesses der Auseinandersetzung mit der Frage &bdquo;Erhalten oder weg damit?&ldquo;. Das &bdquo;Wunder Neues Rathaus&ldquo; ist f&uuml;r mich ein Beleg daf&uuml;r, was herauskommt, wenn progressive Ideen, der Sinn f&uuml;r Vergangenheitspflege und f&uuml;r Respekt mit engagiertem Widerstand vereint werden gegen r&uuml;ckschrittliche, &uuml;berkommen traditionelle bis revisionistische Vorstellungen und vor allem gegen das Ziel, DDR-Erinnerung per se auszublenden.<\/p><p>Das neue Neue Rathaus, die Fassade, das Innenleben &ndash; es sieht mit einigen moderaten Ver&auml;nderungen und modernen Details tats&auml;chlich fast so aus wie einst und zeigt zudem noch ein viele Jahre verstecktes, beinah vergessenes Kunstwerk made in DDR im Eingangsbereich. Das alles g&auml;be es nicht, h&auml;tten sich damals die Bef&uuml;rworter f&uuml;r ein klassizistisches Bauwerk durchsetzen k&ouml;nnen.<\/p><p>Jetzt, wo das neue Bauwerk glanzvoll dasteht, die imposante Wandmalerei f&uuml;r alle sichtbar ist und zum Diskutieren einl&auml;dt und man stets sagen kann: &bdquo;Schau her, das stammt aus den 1970ern, damals zu DDR-Zeiten&ldquo;, best&auml;tigt sich f&uuml;r mich in Dankbarkeit und richtungsweisend, dass es enorm wichtig ist, unsere Geschichte, unsere Geschichten zu erhalten &ndash; auch in der Kunst.<\/p><p><small>Titelbild: Achim Wagner\/shutterstock.com<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Herbst j&auml;hrt sich das Ereignis der friedlichen Revolution in der damaligen DDR 1989 zum 35. Mal. Aufmerksam erleben Bundesb&uuml;rger im vereinten Deutschland, dass die der damaligen Trennung folgende Wiedervereinigung, der Beginn und die Entwicklung des Zusammenlebens voll von Herausforderungen, Problemen, H&ouml;hen, Tiefen, Leistungen und Fehlern in allen Lebensbereichen war und bis heute ist. N&uuml;chtern<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=119451\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":119452,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[917,161],"tags":[277,1543,1678,918],"class_list":["post-119451","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kultur-und-kulturpolitik","category-wertedebatte","tag-ddr","tag-deutsche-einheit","tag-kuenstler","tag-kulturlandschaft"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Shutterstock_2483133491.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/119451","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=119451"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/119451\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":119495,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/119451\/revisions\/119495"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/119452"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=119451"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=119451"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=119451"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}