{"id":11973,"date":"2012-01-20T15:39:41","date_gmt":"2012-01-20T14:39:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11973"},"modified":"2015-01-18T11:27:55","modified_gmt":"2015-01-18T10:27:55","slug":"erschreckendes-und-zugleich-ermutigendes-uber-margret-thatcher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11973","title":{"rendered":"Erschreckendes und zugleich Ermutigendes \u00fcber Margret Thatcher"},"content":{"rendered":"<p>F&uuml;r mich der interessanteste Beitrag in dieser Woche war ein Artikel im englischen Guardian zum Thema, &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.guardian.co.uk\/news\/datablog\/2012\/jan\/06\/iron-lady-margaret-thatcher-data\">wie sich Gro&szlig;britannien unter Margret Thatcher ver&auml;nderte<\/a>&ldquo;. Die dort dargestellten Grafiken zu einigen wichtigen wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Indikatoren, waren f&uuml;r mich erschreckend und letztlich ermutigend zugleich.<br>\nErschreckend deshalb, weil nahezu alle Daten zeigen, wie durch die politische Wende zum &bdquo;Thatcherismus&ldquo; ein Land &ouml;konomisch, demografisch und kulturell dramatisch heruntergewirtschaftet werden konnte. Ermutigend deshalb, weil die damalige Wende belegt, dass sich durch eine andere und bessere Politik eine Gesellschaft auch zum Positiven ver&auml;ndern lie&szlig;e, wenn die Politik das nur wollte und wenn sie das ideologische Brett vor dem Kopf wegnehmen k&ouml;nnte. Von <strong>Wolfgang Lieb<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nMit der Regierungs&uuml;bernahme Thatchers im Jahre 1979 verlie&szlig;en &uuml;ber ein Jahrzehnt mehr Menschen das UK als in das Land kamen. In einem Land in dem es nach Margret Thatchers Auffassung &bdquo;no such thing as society&ldquo;, also keine Gesellschaft mehr gab, schoss die Arbeitslosenquote bis knapp 12 Prozent hoch &ndash; dem h&ouml;chsten Stand seit der Gro&szlig;en Depression. Eine Politik, die den Staat zur&uuml;ckdr&auml;ngte (die Staatsausgaben sanken von 48 Prozent am BIP um 10 Prozentpunkte)  und die dogmatisch den Marktkr&auml;ften h&ouml;chste Effizienz und eine Tendenz zum &ouml;konomischen Gleichgewicht zuschrieb, f&uuml;hrte zweimal in eine tiefe Depression und erzielte zwischendurch allenfalls zu recht bescheidenen Wachstumsraten (von maximal 2,2 Prozent). Die verarbeitende Industrie verlor mehr und mehr Anteile am Bruttosozialprodukt und sie konnte sich seither von diesem Kahlschlag nie wieder erholen. Daf&uuml;r wuchs die von Thatcher geh&auml;tschelte Finanzindustrie &ndash; mit katastrophalen Auswirkungen, wie wir heute zu sp&uuml;ren bekommen. Die Zinss&auml;tze stiegen bis auf 17 Prozent und lagen erst nach Abwahl der &bdquo;eisernen Lady&ldquo; wieder auf &bdquo;normaler&ldquo; H&ouml;he um die 5 Prozent. Nach Thatchers unerbittlichem Kampf gegen die Gewerkschaften st&uuml;rzte der gewerkschaftliche Organisationsgrad der Arbeitnehmer von &uuml;ber 13 Millionen Mitglieder auf knapp 10 Millionen und die Entmachtung der Gewerkschaften war bis heute nicht mehr aufzuhalten. Die Armut im Lande stieg rapide an &ndash; lebten zu Beginn von Thatchers Regierungszeit 13,4 Prozent der Bev&ouml;lkerung unter 60 Prozent des Medianeinkommens, so waren es 1990 &uuml;ber 22 Prozent oder &uuml;ber 12 Millionen Menschen. Die Spaltung der Gesellschaft und die Ungleichheit nahmen dramatisch zu. <\/p><p><strong>Das ist die bedr&uuml;ckende &bdquo;Erfolgsbilanz&ldquo; der &bdquo;Eisernen Lady&ldquo;.<\/strong><\/p><p>Nun war Margret Thatcher keine Diktatorin, sondern sie war bestenfalls Exekutorin einer Wirtschafts- und Gesellschaftsdoktrin die wie eine Pandemie um sich greifend vor allem von den neoliberalen &ouml;konomischen Lehren und Schock-Strategien der Chicago Boys ausging. Mit dem 1981 gew&auml;hlten amerikanischen Pr&auml;sidenten Ronald Reagan fanden sich &bdquo;Thatcherismus&ldquo; und &bdquo;Reaganomics&ldquo; als Schwester und Bruder im ideologischen Geiste zusammen. <\/p><p>Nicht zuf&auml;llig ver&ouml;ffentlichte der damalige Wirtschaftsminister Graf Lambsdorff kurz nach der Regierungs&uuml;bernahme von Thatcher und Reagan im Jahre 1982 das sog. &bdquo;<a href=\"\/?p=2625\">Lambsdorff-Papier<\/a>&ldquo; &ndash; den &bdquo;Scheidebrief&ldquo; f&uuml;r die damalige sozialliberale Koalition. Diese Aufk&uuml;ndigung der bisherigen Politik f&uuml;hrte dann schlie&szlig;lich zur &bdquo;geistig moralischen Wende&ldquo; mit der Regierungs&uuml;bernahme von Helmut Kohl auch in Deutschland. Endg&uuml;ltig zur politisch-geistigen Vorherrschaft des neoliberalen Denkens bei uns f&uuml;hrte dann der Schwenk der Sozialdemokratie im Jahre 2003 durch Gerhard Schr&ouml;ders Verk&uuml;ndung der &bdquo;Agenda 2010&ldquo;. Schon zuvor wurde von den Staats- und Regierungschefs der Europ&auml;ischen Union auf einem Sondergipfel im Jahre 2000 die sog. &bdquo;Lissabon-Strategie&ldquo; festgeschrieben, mit der sich der Siegeszug des Wirtschaftsliberalismus &uuml;ber ganz Europa fortsetzte.<\/p><p><strong>Was kann uns dieser knappe geschichtliche R&uuml;ckblick zeigen?<\/strong><\/p><p>Die schlimmste Krisensituation seit der Gro&szlig;en Depression Ende der 30iger Jahre des letzten Jahrhunderts, in der wir uns derzeit befinden, brach weder durch einen Schicksalsschlag noch durch unausweichliche kapitalistische Gesetzm&auml;&szlig;igkeiten &uuml;ber uns herein, sondern durch eine Ideologie, die u.a. mit dem Aushungern des Staates, mit Privatisierung, Deregulierung und vor allem mit der Ausschaltung gesamtwirtschaftlichen Denkens politisch herbeigef&uuml;hrt wurde. <\/p><p>Wenn es aber der Politik m&ouml;glich war, den Karren in den Dreck zu fahren, dann m&uuml;sste es ihr genauso gut auch m&ouml;glich sein, wieder einen Weg daraus herauszufinden. Voraussetzung w&auml;re, dass endlich &uuml;berhaupt wahrgenommen w&uuml;rde, auf welchem Irrweg wir uns befinden. Dar&uuml;ber hinaus w&auml;re es notwendig, dass politische Konzepte und Kr&auml;fte wieder die Oberhand gew&ouml;nnen, die den Dogmen der zur&uuml;ckliegenden gut drei&szlig;ig Jahren den Schleier ihrer angeblichen &bdquo;Alternativlosigkeit&ldquo; wegziehen k&ouml;nnten und Konsequenzen aus deren permanentem Scheitern ziehen w&uuml;rden. <\/p><p>Als ein Beispiel einer solchen positiven Entwicklung kann die Periode von 1936 bis Ende der 1970er Jahre in den USA gesehen werden. Nachdem die Einkommens- und Verm&ouml;gensschere mit Spitzensteuers&auml;tzen von mehr als 79 Prozent wieder einigerma&szlig;en geschlossen wurde, gab es dort eine lange Phase der Prosperit&auml;t, in der es weder obsz&ouml;nen Reichtum noch massenhaft verbreitete Armut gab. Von 1944 bis 1964 lagen die Spitzensteuers&auml;tze in den &bdquo;erzkapitalistischen&ldquo; USA durchweg bei &uuml;ber 90 Prozent &ndash; bis zur Wahl von Ronald Reagan lagen sie bei mehr als 70 Prozent. Diese Tatsachen sind heute kaum noch bekannt. Der Nobelpreistr&auml;ger Paul Krugman beschreibt diese Periode als das &bdquo;Mittelschicht-Amerika&ldquo;. Eine Zeit, in der es ein klares politisches Bekenntnis zu mehr Gleichheit und mehr sozialer Gerechtigkeit gab, die im R&uuml;ckblick sicher nicht zu den schlechtesten Zeiten der amerikanischen Geschichte geh&ouml;rte. <\/p><p>Es g&auml;be gen&uuml;gend Alternativen zum herrschenden Kurs, wenn es nur die Bereitschaft g&auml;be, dar&uuml;ber ernsthaft in eine Debatte einzutreten und alternative Konzepte nicht von vorneherein ausgegrenzt oder gar verteufelt w&uuml;rden. <\/p><p>Leider ist es in der Geschichte oft so gewesen, dass erst eine f&uuml;rchterliche Katastrophe zu einem Umdenken und zu einem Neuanfang gef&uuml;hrt hat. Hoffentlich bleibt unserem Land, Europa, ja der Welt ein weiteres Desaster erspart. Margret Thatcher k&ouml;nnte ein Mahnmal sein, mit den seit &uuml;ber drei&szlig;ig Jahren aufgebauten Dogmen zu brechen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F&uuml;r mich der interessanteste Beitrag in dieser Woche war ein Artikel im englischen Guardian zum Thema, &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.guardian.co.uk\/news\/datablog\/2012\/jan\/06\/iron-lady-margaret-thatcher-data\">wie sich Gro&szlig;britannien unter Margret Thatcher ver&auml;nderte<\/a>&ldquo;. Die dort dargestellten Grafiken zu einigen wichtigen wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Indikatoren, waren f&uuml;r mich erschreckend und letztlich ermutigend zugleich.<br \/> Erschreckend deshalb, weil nahezu alle Daten zeigen, wie durch die politische Wende<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11973\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[147,20,205],"tags":[293,296,842],"class_list":["post-11973","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitslosgigkeit","category-landerberichte","category-neoliberalismus-und-monetarismus","tag-finanzwirtschaft","tag-lambsdorff-otto-graf","tag-thatcher-margaret"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11973","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=11973"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11973\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11975,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11973\/revisions\/11975"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=11973"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=11973"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=11973"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}