{"id":12009,"date":"2012-01-24T16:51:51","date_gmt":"2012-01-24T15:51:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12009"},"modified":"2015-01-18T11:42:51","modified_gmt":"2015-01-18T10:42:51","slug":"jetzt-tut-die-herrschende-okonomie-so-als-sei-ihr-versagen-nicht-vorhersehbar-gewesen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12009","title":{"rendered":"Jetzt tut die herrschende \u00d6konomie so, als sei ihr Versagen nicht vorhersehbar gewesen."},"content":{"rendered":"<p>Seit der Weltwirtschaftskrise von 1929 wissen wir, dass es keinen Sinn macht, in einer makro&ouml;konomischen Krise weiter sparen zu wollen. Weil man mit dieser pro-zyklischen Politik die Krise versch&auml;rft. Wir wissen, dass es in einem gemeinsamen W&auml;hrungsraum nur gut ausgehen kann, wenn sich auf mittlere Sicht Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse und -defizite angleichen. Deshalb war von vornherein klar, dass die gemeinsame W&auml;hrung Euro nur gerettet werden kann, wenn die Entwicklung der Lohnst&uuml;ckkosten und der Wettbewerbsf&auml;higkeit in der Eurozone nicht weiter auseinander getrieben, sondern angeglichen werden. Und dennoch haben sich die herrschende &Ouml;konomie und die herrschende Wirtschaftspolitik in Deutschland diesen und anderen Einsichten verweigert. Das herrschende Elend und die gro&szlig;e Gefahr f&uuml;r die Eurozone ist ein Ergebnis der Ignoranz. Man konnte wissen was zu tun ist, wenn man wollte. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Man konnte seit langem wissen, was zu tun ist<\/strong><br>\nHeiner Flassbeck mahnt im Grunde seit &uuml;ber einem Jahrzehnt, das m&ouml;gliche Wissen &uuml;ber &ouml;konomische Zusammenh&auml;nge in der Wirtschafts- und Finanzpolitik anzuwenden. (Aktuell <a href=\"\/?p=11980#h04\">siehe hier<\/a>) &Auml;hnlich Peter Bofinger und Gustav Horn.<br>\nAuf den NachDenkSeiten konnten Sie immer wieder und zwar von Anfang an, also von Ende 2003 an, lesen, was richtig und was falsch ist. In meinen B&uuml;chern &bdquo;Die Reforml&uuml;ge&ldquo; von 2004 (Seite 214) und &bdquo;Machtwahn&ldquo; vom M&auml;rz 2006 wird das Problem auseinander laufender Leistungsbilanzen in einem gemeinsamen W&auml;hrungsraum ausf&uuml;hrlich erl&auml;utert. Heiner Flassbeck hat immer wieder darauf aufmerksam gemacht, dass die Politik, die wesentlich von Angela Merkel bestimmt wird, das Projekt Euro und damit auch das Projekt eines gemeinsamen Europa nachdr&uuml;cklich besch&auml;digen kann.<\/p><p>Ich weise darauf nicht aus Rechthaberei hin, sondern weil sich akut wieder einmal die Gefahr abzeichnet, dass die bisher herrschenden Kreise in der &ouml;konomischen Wissenschaft und Politik mit ein bisschen Wendehalserei davon kommen und ansonsten weitermachen wie bisher.<\/p><p><strong>&bdquo;&Ouml;konomie steht vor totaler Neuorientierung&ldquo;<\/strong><\/p><p>So lautet die &Uuml;berschrift &uuml;ber einem Beitrag im Handelsblatt zum Bericht &uuml;ber eine am 23. Januar begonnene Konferenz &bdquo;&Ouml;konomie neu denken&ldquo; in Frankfurt. Sie wird getragen vom Stifterverband der deutschen Wissenschaft und vom Handelsblatt. (Siehe <a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/politik\/oekonomie\/nachrichten\/wirtschaftswissenschaften-oekonomie-steht-vor-totaler-neuorientierung\/6098544.html?p6098544=all\">hier<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/politik\/oekonomie\/nachrichten\/oekonomie-neu-denken-aus-der-finanzkrise-lernen\/6100802.html\">hier<\/a> und Rogoff <a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/politik\/oekonomie\/nachrichten\/kenneth-rogoff-die-oekonomie-ignoriert-den-faktor-macht\/6098542.html\">hier<\/a>).<br>\nIn diesen Artikeln wird behauptet, bew&auml;hrte Antworten auf volkswirtschaftliche Fragen w&uuml;rden nicht mehr gelten, man m&uuml;sse die &Ouml;konomie neu denken, so der Titel der Konferenz. Der Konsens der vergangenen zwei Jahrzehnte dar&uuml;ber, wie die Gesamtwirtschaft funktioniert, sei ersch&uuml;ttert. In der Makro&ouml;konomie werde es in den n&auml;chsten Jahren zu einer grundlegenden Neuorientierung kommen, so die britische &Ouml;konomin Diane Coyle. Nun sei die Zeit gekommen f&uuml;r die Erforschung der Unvollkommenheit von M&auml;rkten, so der Harvard Professor und Ex-IWF-Volkswirt Rogoff. Und immer wieder wird so getan, als sei das Scheitern der herrschenden &Ouml;konomie die Folge der Finanzkrise, des &bdquo;gro&szlig;en Schocks&ldquo;.<\/p><p>Das meiste, was hier im Vorfeld und begleitend zu dieser Konferenz geschrieben wurde, ist ziemlich komisch. Es ist weit gehend falsch:<\/p><ul>\n<li><strong>Die herrschende &Ouml;konomie hat sich nicht bew&auml;hrt.<\/strong> Zum Beispiel: die Kapazit&auml;ten der deutschen Volkswirtschaft sind zumindest seit 1993 unter-ausgelastet; die Reall&ouml;hne stagnieren seit 20 Jahren; die Wettbewerbsf&auml;higkeit der Volkswirtschaften im Euro Raum entwickelten sich extrem auseinander; Deutschland hat seine Arbeitslosigkeit exportiert; insbesondere die neoliberal gepr&auml;gten Empfehlungen des Washington Consensus (Deregulierung, Privatisierung, et cetera) haben in vielen L&auml;ndern zur Verschwendung und zu sozialen Schieflagen gef&uuml;hrt.<\/li>\n<li><strong>Was makro&ouml;konomisch hierzulande zu tun gewesen w&auml;re, wusste man seit langem.<\/strong> Ich zitiere den Nobelpreistr&auml;ger Robert Solow, der in der &bdquo;Wirtschaftswoche&ldquo; vom 9.September 2004 auf die Frage nach den Perspektiven f&uuml;r Deutschland gesagt hat:<br>\n<blockquote><p>&bdquo;Die deutsche Wirtschaft schw&auml;chelt nun schon seit einer Dekade. Wenn ich ein Manager w&auml;re, w&uuml;rde ich meine Produktion auch nicht ausweiten, solange die M&auml;rkte nicht erkennbar expandieren. Klar, Makropolitik beherrscht vermutlich niemand perfekt. Aber mir scheint offensichtlich: in Deutschland k&ouml;nnte man sie wesentlich besser machen.&ldquo;<\/p><\/blockquote>\n<p>Das ist jetzt fast acht Jahre her. Solow hat bis heute recht. Um das Richtige zu tun, muss man die Makro&ouml;konomie nicht neu orientieren, man muss anwenden, was man wei&szlig;, und sich nicht von Vorurteilen leiten lassen, im konkreten Fall vom Vorurteil, Keynes sei out.<\/p><\/li>\n<li><strong>Dass die M&auml;rkte unvollkommen sind, wei&szlig; man seit langem.<\/strong> Dass die ideologisch und politisch vorherrschenden &Ouml;konomen glaubten, man k&ouml;nne die Arbeitslosigkeit beseitigen und Besch&auml;ftigung schaffen, in dem man die L&ouml;hne senkt, ist doch deren Dummheit zu verdanken und nicht dem allgemeinen Nichtwissen. Dass die M&auml;rkte &ouml;kologische Probleme nicht l&ouml;sen, wei&szlig; man seit Pareto, also seit den 20iger-Jahren des letzten Jahrhunderts. Dass die Gefahr einer zerst&ouml;rerischen Spekulation besteht, wenn man Kapital- und Grundst&uuml;cksm&auml;rkte unreguliert laufen l&auml;sst, wei&szlig; man auch seit langem. Dazu bedarf es keiner Neuorientierung der Wirtschaftswissenschaften. Es bedarf des Ausmistens des Stalls, in dem sich die meinungsf&uuml;hrenden &Ouml;konomen tummeln.<\/li>\n<\/ul><p><strong>Es besteht die Gefahr, dass die bisher bestimmenden &Ouml;konomen mit ein bisschen deklarierter Korrektur weitermachen wie bisher. Deshalb muss das Versagen der bisher bestimmenden Kr&auml;fte auf den Tisch.<\/strong><\/p><p>Dass diese Gefahr besteht, ist manifest: Jens Weidman, dem nicht einmal kleine Korrekturen notwendig erscheinen, sitzt fest im Sattel des Pr&auml;sidenten der Deutschen Bundesbank, J&ouml;rg Assmussen sitzt im Direktorium der EZB, Hans-Werner Sinn sitzt fest als Professor und als Pr&auml;sident des Ifo-Instituts, Michael H&uuml;ther ist &ndash; soweit erkennbar &ndash; unangefochten Chef des Instituts der Deutschen Wirtschaft.<br>\nIm Feld der Publizistik, die den Irrweg der herrschenden &Ouml;konomie bisher begleitet hat, ist auch keine grundlegende &Auml;nderung erkennbar. Chefredakteur des Handelsblatts, das die Konferenz in Frankfurt mittr&auml;gt, ist nach wie vor Gabor Steingart. Dieser hatte sich wie auch Hans-Werner Sinn im Jahre 2003 mit f&uuml;rchterlichen Warnungen vor dem Verlust der industriellen Wettbewerbsf&auml;higkeit der Bundesrepublik Deutschland hervorgetan. Ein diagnostischer Missgriff, der seinesgleichen sucht. Aber ohne Wirkung. <\/p><p>Alle diese Leute werden weitermachen wollen. Mit ein bisschen Wendehalserei allenfalls.<\/p><p><strong>Ein paar positive Zeichen gibt es auch<\/strong><br>\nBeispielhaft gestern in der Financial Times. Siehe <a href=\"\/upload\/pdf\/120124_FTarticle_23.01.2012_Fixing_trade_imbalances.pdf\">PDF hier [PDF &ndash; 778 KB]<\/a>.<br>\nDort beschreiben vier Wirtschaftswissenschaftler aus verschiedenen europ&auml;ischen L&auml;ndern, was n&ouml;tig ist und dringlich ist, um die &bdquo;Implosion&ldquo; der Eurozone zu vermeiden: die Reduzierung der Schulden verletzlicher Staaten, die Reduzierung der Leistungsbilanzungleichgewichte und die Verteilung der Last der Anpassung auf alle Schultern. Und sie erkl&auml;ren, warum das Ergebnis des Br&uuml;sseler Gipfels vom 9. Dezember alle notwendigen Kriterien verletzt.<br>\nSo endet dieser Beitrag: <\/p><p><a href=\"\/upload\/bilder\/120124_a_chance_to_avoid.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"\/upload\/bilder\/120124_a_chance_to_avoid_small.jpg\" alt=\"\"><\/a><\/p><p>Hier zum Schluss noch ein Link auf eine <a href=\"http:\/\/hd.real-world-economics.de\/?p=404%20\">Linksammlung zur &Ouml;konomen-Debatte<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit der Weltwirtschaftskrise von 1929 wissen wir, dass es keinen Sinn macht, in einer makro&ouml;konomischen Krise weiter sparen zu wollen. Weil man mit dieser pro-zyklischen Politik die Krise versch&auml;rft. Wir wissen, dass es in einem gemeinsamen W&auml;hrungsraum nur gut ausgehen kann, wenn sich auf mittlere Sicht Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse und -defizite angleichen. 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