{"id":120098,"date":"2024-08-23T09:29:30","date_gmt":"2024-08-23T07:29:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=120098"},"modified":"2025-08-05T11:20:58","modified_gmt":"2025-08-05T09:20:58","slug":"im-netz-der-intrigen-eine-dramaturgische-sicht-auf-die-nord-stream-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=120098","title":{"rendered":"Im Netz der Intrigen: Eine dramaturgische Sicht auf die Nord-Stream-Geschichte"},"content":{"rendered":"<p>Das Thema der Nord-Stream-Sprengung wird in diesen Tagen wieder prominent in den Medien und in der Bev&ouml;lkerung diskutiert. Wie k&ouml;nnen wir hier einer L&ouml;sung n&auml;herkommen, und welche erz&auml;hlerischen Strukturen und Aspekte spielen dabei eine Rolle? Ein Beitrag von <strong>Maike Gosch<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3291\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-120098-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240823_Im_Netz_der_Intrigen_Eine_dramaturgische_Sicht_auf_die_Nord_Stream_Geschichte_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240823_Im_Netz_der_Intrigen_Eine_dramaturgische_Sicht_auf_die_Nord_Stream_Geschichte_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240823_Im_Netz_der_Intrigen_Eine_dramaturgische_Sicht_auf_die_Nord_Stream_Geschichte_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240823_Im_Netz_der_Intrigen_Eine_dramaturgische_Sicht_auf_die_Nord_Stream_Geschichte_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=120098-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240823_Im_Netz_der_Intrigen_Eine_dramaturgische_Sicht_auf_die_Nord_Stream_Geschichte_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"240823_Im_Netz_der_Intrigen_Eine_dramaturgische_Sicht_auf_die_Nord_Stream_Geschichte_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Propaganda oder Meinung?<\/strong><\/p><p>Vorab eine Anmerkung zum Thema &bdquo;Propaganda&ldquo;, da dieser Begriff ja eine gro&szlig;e Rolle bei diesem Thema und in den Debatten, die sich darum ranken, spielt und oft der gegenseitige Vorwurf erhoben wird, hier auf &bdquo;russische Propaganda&ldquo; oder eben &bdquo;NATO-Propaganda&ldquo; hereinzufallen oder eine solche zu verbreiten. Was ist eigentlich &bdquo;Propaganda&ldquo;, und wie grenzt sie sich von einer &bdquo;Meinung&ldquo; ab? <\/p><p>Propaganda kann man definieren als die gezielte Verbreitung von Inhalten zur Beeinflussung und Steuerung der &ouml;ffentlichen Wahrnehmung und Meinung. &bdquo;Propaganda&ldquo; liegt also dann vor, wenn bestimmte Inhalte, die nicht der Wahrheit entsprechen oder diese verzerren, zentral von einem m&auml;chtigen Akteur geplant und in der Bev&ouml;lkerung verbreitet werden. Ich glaube, wir k&ouml;nnen wesentlich konstruktivere Debatten f&uuml;hren, wenn wir den Vorwurf der &bdquo;Propaganda&ldquo; oder des &bdquo;Propaganda-Verbreitens&ldquo; oder des darauf &bdquo;Hereinfallens&ldquo; so weit wie m&ouml;glich in der Diskussion weglassen, auch wenn es schwerf&auml;llt und dieses Thema nat&uuml;rlich von extrem viel Propaganda begleitet wird.<\/p><p>Eines der Probleme des Diskurses &uuml;ber dieses Thema, das ja f&uuml;r unser Land (und nicht nur f&uuml;r unseres) von gro&szlig;er Relevanz ist, ist, dass die Beteiligten von sehr verschiedenen Pr&auml;missen und Narrativen ausgehen und es daher schwer ist, zueinander zu kommen oder auch nur voranzukommen. Das macht es sehr schwierig, die Wahrheit &uuml;ber die Vorg&auml;nge bei Nord Stream, aber auch &uuml;ber die Bedeutung der Pipelines und die Motive aller m&ouml;glicherweise Beteiligten herauszufinden. Wir leben zunehmend in abgeschotteten Realit&auml;tsblasen, was diese Themenbereiche angeht. Dieser Artikel wird sicher auch nicht dazu beitragen, diese aufzul&ouml;sen, auch wenn ich mir das w&uuml;nschen w&uuml;rde.<\/p><p><strong>Geschichten &uuml;ber die Pipelines<\/strong><\/p><p>Ein gro&szlig;er Dissens besteht schon dar&uuml;ber, ob die Nord-Stream-Pipelines etwas Positives oder Negatives f&uuml;r Deutschland bedeuten bzw. bedeuteten.<\/p><p>Die US-amerikanische, von den eher transatlantisch ausgerichteten Eliten in Deutschland, auf EU-Ebene und nat&uuml;rlich auch von gro&szlig;en Teilen der Bev&ouml;lkerung vertretene Interpretation der Situation besagt, dass Russland seine Position als Fast-Monopollieferant von billigem Gas nach Europa missbraucht hat, um die L&auml;nder und Regierungen mit der Drohung, die Energieversorgung zu drosseln oder zur&uuml;ckzuhalten, bei der Stange zu halten. Seit Jahren, schon weit vor 2014, wird behauptet, dass es das Ziel der USA sei, Europa und insbesondere Deutschland aus dieser ungesunden und gef&auml;hrlichen Abh&auml;ngigkeit zu &bdquo;befreien&ldquo;. Nach dem Beginn des Ukrainekriegs kam noch der zus&auml;tzliche Aspekt hinzu, dass die Pipelines deshalb negativ gesehen wurden, da sie einerseits die Einnahmen Russlands (&uuml;ber die Einnahmen aus den Gasverk&auml;ufen) erh&ouml;hen w&uuml;rden und andererseits ein m&ouml;gliches Druckmittel darstellten, indem die Empf&auml;ngerl&auml;nder des russischen Gases direkt aus Russland m&ouml;glicherweise mit der Drohung der Drosselung oder Einstellung der Lieferung unter Druck gesetzt werden k&ouml;nnten, z.B. die Sanktionen zu lockern oder Waffenlieferungen in die Ukraine zu beschr&auml;nken.<\/p><p>Ich werde hier jetzt gar nicht in den &bdquo;Faktencheck&ldquo; einsteigen und zu den einzelnen Punkten inhaltlich etwas sagen, sondern m&ouml;chte nur die Erz&auml;hlungen gegen&uuml;berstellen.<\/p><p>Auf der anderen Seite war und ist das Narrativ Russlands, Wei&szlig;russlands, Ungarns, vieler &ndash; auch westlicher &ndash; geopolitischer Analysten und &uuml;berwiegend der alternativen Medien in Deutschland und eines gro&szlig;en Teils der Bev&ouml;lkerung in Deutschland folgendes: Die Nord-Stream-Pipelines sorgen f&uuml;r eine g&uuml;nstige und sichere Energieversorgung und k&ouml;nnen auch als Friedensprojekt zwischen Russland und Deutschland sowie dem Rest Westeuropas betrachtet werden. Die M&ouml;glichkeit, das Erdgas direkt zu empfangen, ohne &uuml;ber Transitl&auml;nder wie die Ukraine und Polen zu gehen, erspart den Endverbrauchern hohe Kosten, da die Transitgeb&uuml;hren entfallen, und au&szlig;erdem befreit es sowohl Deutschland als auch Russland von der Gefahr, dass die Transitl&auml;nder das Gas f&uuml;r sich abzweigen, die Gasmenge drosseln oder die Durchleitung ganz stoppen, um wiederum politischen Druck auszu&uuml;ben. Au&szlig;erdem sehen insbesondere die Vertreter dieser Haltung in Deutschland den Schwenk zu US-amerikanischem LNG (Liquid Natural Gas) als Gefahr in zweierlei Hinsicht: einmal in &ouml;konomischer, da dieses Gas sehr viel teurer ist und damit die hiesige Wirtschaft extrem belastet und zu Abwanderung von Industrien, Entlassungen und Insolvenzen f&uuml;hrt; andererseits sehen sie darin die Gefahr einer erh&ouml;hten Abh&auml;ngigkeit von den USA, die ja ebenso wie Russland nunmehr die M&ouml;glichkeit hat, &uuml;ber die Lieferung oder Nichtlieferung Druck auf Deutschland auszu&uuml;ben.<\/p><p>Jetzt lie&szlig;en sich alle diese Fragen trefflich sachlich und fundiert diskutieren. Das gerade passiert leider viel zu selten, sondern die Vertreter dieser zwei Ansichten sind voneinander immer weiter isoliert.<\/p><p>Eine wichtige darunterliegende Erz&auml;hlung ist nat&uuml;rlich die Frage, ob Russland als &bdquo;b&ouml;ser&ldquo;, &bdquo;guter&ldquo; oder &bdquo;neutraler&ldquo; Akteur agiert. Je nachdem, welcher Version man hier anh&auml;ngt, hat dies Auswirkungen auf die Einsch&auml;tzungen der oben erw&auml;hnten Fragen (Pipelines &bdquo;gut&ldquo; oder &bdquo;schlecht&ldquo;).<\/p><p><strong>Der Nord-Stream-Krimi<\/strong><\/p><p>Aber zur&uuml;ck zu den Anschl&auml;gen. Wenn man die ganzen Ereignisse und die Berichterstattung dar&uuml;ber wie einen Krimi betrachtet, kann man einige typische erz&auml;hlerische Krimi-Elemente erkennen.<\/p><p>Betrachten kann man die Geschichte zun&auml;chst als einen klassischen &bdquo;Who dunnit&ldquo;, also als einen Krimi mit einem Verbrechen, einer Vorgeschichte, mehreren Verd&auml;chtigen, Motiven, Aufdeckung, Verdr&auml;ngung und vielen falschen F&auml;hrten, die zur Ablenkung gelegt werden oder der Ablenkung dienen und mit dem Ziel, den T&auml;ter zu finden.<\/p><p>Die ersten Vermutungen richteten sich gegen die USA, da es ja eine Vorgeschichte von fast 20 Jahren gab, in der sie mit allen nicht-milit&auml;rischen Mitteln zun&auml;chst gegen den Bau und dann gegen die Zertifizierung der Pipelines gek&auml;mpft hatten, hier Motiv sowie Gelegenheit sehr viel st&auml;rker vorlagen und es sogar eine Ank&uuml;ndigung durch Pr&auml;sident Biden gegeben hatte, der Pipeline ein Ende zu setzen, sollte Russland die Ukraine angreifen (wir erinnern uns alle).<\/p><p>Kurz nach der &bdquo;Tat&ldquo; wurden aber auch erste Spekulationen und Vermutungen laut, in denen Russland der Tat beschuldigt wurde. Diese erschienen anderen relativ schnell in vielen Punkten (unter anderem Motiv, aber auch Gelegenheit &ndash; die Gew&auml;sser werden ja fast l&uuml;ckenlos von der NATO &uuml;berwacht) unplausibel. Vielleicht der st&auml;rkste Hinweis daf&uuml;r, dass es Russland eher nicht gewesen sein k&ouml;nnte, wurde in der unglaublichen Geheimhaltung gesehen, von der die westlichen Ermittlungen &ndash; zun&auml;chst die von D&auml;nemark und Schweden, aber auch die deutschen &ndash; umgeben sind. Sollten diese irgendwelche Hinweise in Richtung einer T&auml;terschaft Russlands ergeben haben, k&ouml;nne man im gegenw&auml;rtigen geopolitischen Klima sehr stark davon ausgehen, dass diese sehr schnell und umfangreich an die &Ouml;ffentlichkeit gelangt w&auml;ren &ndash; so die Argumentation der Skeptiker einer T&auml;terschaft Russlands.<\/p><p>Dann folgten die explosiven Artikel von Seymour Hersh, in der er die USA beschuldigte, die Anschl&auml;ge geplant und durchgef&uuml;hrt zu haben, und sich auf eine anonyme Quelle berief. Allen, die eine T&auml;terschaft der USA f&uuml;r die plausibelste L&ouml;sung hielten, schien dies den Beweis f&uuml;r ihre These zu liefern.<\/p><p>Kurz nach den Ver&ouml;ffentlichungen Hershs (und in Reaktion darauf?) erschien in einer konzertierten Presseaktion die &bdquo;Andromeda-Yacht&ldquo;-Geschichte auf der Bildfl&auml;che, nach der nicht-staatliche Ukrainer in einer Art ehrenamtlicher Kriegsf&uuml;hrung den Terroranschlag &uuml;bernommen h&auml;tten, ohne dass die Geheimdienste, das Milit&auml;r oder die Politik des Landes (weder die ukrainischen noch die westlichen Geheimdienste, <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2024\/02\/25\/world\/europe\/cia-ukraine-intelligence-russia-war.html\">die dort sehr stark pr&auml;sent sind<\/a>) davon etwas mitbekommen haben sollten.<\/p><p>Obwohl diese ganze Geschichte eher unplausibel klang und auch an ein schlechtes Drehbuch f&uuml;r einen Hollywood-Thriller erinnerte, dominierte sie monatelang die Presselandschaft, und der gesamte investigative und kreative Furor der Journalisten der etablierten Medien warf sich auf sie. Es wurden <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/nachrichten\/info\/Nord-Stream-Anschlaege-Neue-Spuren-von-Rostock-in-die-Ukraine,nordstream924.html\">Reportagen gedreht<\/a>, an die H&auml;fen gefahren, die Verwandten der angeblichen Segler und Taucher ausfindig gemacht, und so weiter. Man w&uuml;nschte sich ein &auml;hnliches investigatives Engagement zur Untersuchung einer m&ouml;glichen T&auml;terschaft westlicher Staaten, deren Milit&auml;rs und ihrer Geheimdienste, aber das war wohl sowohl zu schwierig als auch nicht opportun, sodass es weitgehend unterblieb.<\/p><p>Was war der kommunikative Effekt dieser neuen Geschichte? Die Aufmerksamkeit wurde erfolgreich weggelenkt von der Recherche und Ermittlung gegen milit&auml;rische und staatliche Akteure &ndash; diese fand daf&uuml;r umso engagierter auf Blogs und in den alternativen Medien statt &ndash; und das Interesse f&uuml;r die Enth&uuml;llungen\/Behauptungen Seymour Hershs nahm ab. Durch die Omnipr&auml;senz dieser neuen Version hielten ein Gro&szlig;teil der etablierten Medien und damit auch ihrer Leserschaft, also all die Menschen, die keine Zeit hatten, sich auf privaten und anonymen Milit&auml;rblogs die N&auml;chte um die Ohren zu schlagen, jetzt die Geschichte von der T&auml;terschaft einer privaten Truppe auf einer Segelyacht f&uuml;r die wahrscheinlichste.<\/p><p><strong>Kein Krimi, sondern ein Thriller?<\/strong><\/p><p>Viele Menschen, insbesondere au&szlig;erhalb Deutschlands, sehen den Fall der Nord-Stream-Sprengung dagegen l&auml;ngst als gekl&auml;rt an und sind sich sicher, dass der T&auml;ter die USA waren &ndash; eventuell unter Mithilfe der Ukraine, Gro&szlig;britanniens oder eventuell anderer westlicher Verb&uuml;ndeter. Aus ihrer Sicht ist die Geschichte daher auch kein &bdquo;Who dunnit&ldquo; mehr, f&uuml;r sie ist es eher ein Thriller. Die Spannung bestand f&uuml;r sie vielmehr darin, wann sozusagen die &bdquo;tickende Bombe&ldquo; explodiert, das hei&szlig;t, wann die explosive Wirkung der T&auml;terschaft sich endlich auf die geopolitische Landschaft auswirken w&uuml;rde. Denn in ihren Augen steht hier die gesamte westliche Weltordnung der Nachkriegszeit auf dem Spiel, ebenso wie der Bestand der deutsch-angloamerikanischen Beziehungen und das Narrativ vom wohlwollenden angloamerikanischen Imperium. Wenn das, was sie f&uuml;r die Wahrheit halten, endlich ans Licht k&auml;me, m&uuml;ssten ihrer Ansicht nach alle Erz&auml;hlungen, die USA\/GB seien &bdquo;Verb&uuml;ndete&ldquo; Deutschlands und anderer europ&auml;ischer L&auml;nder, in die Br&uuml;che gehen &ndash; beziehungsweise sie vermuten, dass die Regierung in Deutschland sogar wei&szlig;, dass ihr B&uuml;ndnispartner ihre Infrastruktur gesprengt hat, und wundern sich &uuml;ber die Passivit&auml;t und Unterw&uuml;rfigkeit, sich dagegen nicht aufzulehnen. Gespannt warteten die Welt und auch viele Menschen in Deutschland darauf, dass dies endlich &ouml;ffentlich w&uuml;rde und eine entsprechende Reaktion Deutschlands erfolge.<\/p><p><strong>Eine unerwartete Wendung<\/strong><\/p><p>Die Vermutungen, Hinweise und Aussagen, die mit den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=119718\">j&uuml;ngsten Berichterstattungen<\/a> bekannt wurden, haben aber nicht zu der Wirkung gef&uuml;hrt, die man vielleicht erwartet h&auml;tte. Denn anders, als oben vermutet, brach damit die Erz&auml;hlung einer westlichen Wertegemeinschaft mit der Ukraine nicht zusammen, sondern wurde eine sportliche erz&auml;hlerische Wendung vollzogen, die folgenderma&szlig;en lautet: Selbst wenn unsere Verb&uuml;ndeten unsere Energieinfrastruktur gesprengt haben sollten, ist das etwas Gutes. &bdquo;Huch?&ldquo;, sagt man sich da vielleicht, &bdquo;Jetzt komm ich nicht mehr mit.&ldquo; Dabei ist es gar nicht so schwer, wenn auch recht dreist. Die Schritte sind folgenderma&szlig;en: Im Rahmen der oben erw&auml;hnten Erz&auml;hlung waren die Pipelines eine Art Fessel oder Handschelle an das despotische Russland und den kriegsverbrecherischen Putin. Wie ein Drogenabh&auml;ngiger war Deutschland nicht in der Lage, sich aus eigener Kraft aus dieser sch&auml;dlichen Abh&auml;ngigkeit zu l&ouml;sen. Die Sprengung &bdquo;erl&ouml;ste&ldquo; das zu schwache Deutschland hiervon &ndash; wie bei einer &bdquo;Intervention&ldquo; von Freunden und Familienmitgliedern &ndash; und tat uns also eigentlich einen Gefallen.<\/p><p>Vielleicht ist auch dies das Ergebnis einer klugen Kommunikationsstrategie (wenn man einmal annimmt, dass es einen strategischen Plan im Hintergrund gibt und jemand die Informationsfreigabe steuert). Indem man sich nur scheibchenweise der Erkenntnis n&auml;hert und jeweils bei jedem Schritt eine Anpassung und Verschiebung des Narrativs vornimmt, kann man bei dem n&ouml;tigen Anteil der Bev&ouml;lkerung Zustimmung oder zumindest eine Duldung f&uuml;r eigentlich ungeheuerliche Erkenntnisse erreichen. Die Schritte waren die folgenden: Zun&auml;chst: Russland war es. Dann: Unabh&auml;ngige Privatleute in der Ukraine waren es. Im dritten Schritt: Es waren Ukrainer, aber unter dem Kommando des Milit&auml;rs, aber noch nicht abgesegnet von der Regierung. Die n&auml;chsten Schritte w&auml;ren dann: Selenskyj wusste es. Dann: Die USA und wer auch immer noch wussten davon, waren aber passiv. Dann: Sie haben mitgeholfen &ndash; und so weiter.<\/p><p><strong>Das H&auml;uten der Zwiebel<\/strong><\/p><p>Aber selbst die ganze Debatte um die Aufkl&auml;rung des an einen James-Bond-Film erinnernden Nord-Stream-Krimis (oder -Thrillers) mit all seinen milit&auml;rischen und technischen Details lenkt vielleicht die Aufmerksamkeit zu stark weg von dem darunterliegenden Interessenfeld.<\/p><p>Es geht beim Erz&auml;hlen und insbesondere beim Erz&auml;hlen eines Krimis sehr stark darum, die Sympathievergabe zu lenken (am besten hin zum wirklichen T&auml;ter und weg von den falschen F&auml;hrten, damit der Leser m&ouml;glichst lange nicht auf die L&ouml;sung kommt). Ein anderer sehr wichtiger Punkt ist die Lenkung der Aufmerksamkeit hin zu den irrelevanten Aspekten und weg von den entscheidenden Informationen und Analysen. Wie oben gesehen, k&ouml;nnte die umfangreich und detailreich erz&auml;hlte &bdquo;Yacht-Geschichte&ldquo; dazu dienen, die Aufmerksamkeit von einer ganz anderen Aktion abzulenken, in der professionelle milit&auml;rische Akteure z.B. mithilfe von Kriegsschiffen oder U-Booten die Sprengladungen gelegt haben.<\/p><p>Und vielleicht ist sogar der Krieg, mit all seiner Schrecklichkeit und Gewalt, gar nicht die Hauptgeschichte, sondern verdeckt durch seine Tragik, Dynamik und Gewalt auch nur die darunterliegende Struktur der wirtschaftlichen und finanziellen Interessen sowie das geopolitische Tauziehen um Energiem&auml;rkte und Infrastruktur.<\/p><p>Von einigen geopolitischen Analysten wird die These vertreten, dass die Nord-Stream-Sprengung und sogar der Krieg in der Ukraine sowie der vorangegangene Machtwechsel 2014 nur der Verdr&auml;ngung Russlands als Gas- und &Ouml;llieferant und der &Uuml;bernahme des europ&auml;ischen Energiemarktes durch US-amerikanische und britische Unternehmen sowie Investoren dienten. Das hei&szlig;t, die These ist: Das Ende der Rolle Russlands als Hauptenergieversorger f&uuml;r Deutschland und Europa ist nicht die Folge des Ukraine-Kriegs, sondern seine Ursache; oder mit anderen Worten: &bdquo;It&lsquo;s the energy market, stupid!&ldquo;<\/p><p>Siehe hierzu diese Anmerkungen von <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=106291\">Florian Warweg auf den <em>NachDenkSeiten<\/em><\/a> im Jahr 2023:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Erst die Sprengung der Nord-Stream-Pipelines hat letzten Endes den Weg frei gemacht, um die EU und insbesondere Deutschland langfristig zu Abnehmern der US-amerikanischen Erdgas-&Uuml;bersch&uuml;sse zu machen und den Preis auch langfristig auf einem f&uuml;r US-Frackinggas-Produzenten profitablen Niveau zu halten. Die damit verbundene neue Erdgas-Abh&auml;ngigkeit ihres EU-&bdquo;Partners&ldquo; passt den US-Amerikanern fraglos ebenfalls ins globalstrategische Dominanz-Konzept. Nach einer Studie des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Universit&auml;t K&ouml;ln (EWI) werden die USA demn&auml;chst nicht nur Russland als wichtigsten Energielieferanten abl&ouml;sen, sondern nehmen dann f&uuml;r den EU-Gasmarkt mit einem antizipierten Importvolumen von rund 40 Prozent dieselbe dominante Rolle ein wie Russland vor dem Ukraine-Krieg.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Interessant ist in diesem Zusammenhang auch dieser <a href=\"https:\/\/geopoliticaleconomy.com\/2023\/04\/28\/us-corporations-ukraine-oil-gas\/\">Artikel des geopolitischen Analysten Ben Norton<\/a>, ebenfalls aus dem Jahr 2023:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;US-Konzerne f&uuml;r fossile Brennstoffe wie ExxonMobil, Chevron und Halliburton beteiligen sich an Gespr&auml;chen &uuml;ber die &Uuml;bernahme der &Ouml;l- und Gasindustrie des osteurop&auml;ischen Landes, da Kiew darauf dr&auml;ngt, die Produktion zu steigern, um die russischen Energieexporte zu ersetzen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Noch konkreter wird der ehemalige hochrangige Mitarbeiter im US-Au&szlig;enministerium unter Donald Trump, <a href=\"https:\/\/x.com\/MikeBenzCyber\/status\/1794227661755330583\">Mike Benz, im Interview hier<\/a>:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;In der Ukraine gab es einen gro&szlig;en ukrainischen Energieplan von Unternehmen und Finanzakteuren auf beiden Seiten des politischen Spektrums [in den USA] [&hellip;]. Das Verteidigungsministerium hat also ein Interesse daran, Russland in den Bankrott zu treiben, und das Au&szlig;enministerium hat ein Interesse daran, Russland in den Bankrott zu treiben und das gesamte (Energie-)Gesch&auml;ft an sich zu rei&szlig;en und ihn im Wesentlichen als unerwarteten Gewinn an US- oder NATO-Unternehmen zu transferieren.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>So k&ouml;nnte man die Geschichte nat&uuml;rlich auch betrachten.<\/p><p>Ich habe generell den Eindruck, dass diese Realit&auml;ten und k&uuml;hlen wirtschaftlichen Interessen oft von Geschichten des Kulturkampfes (offene Gesellschaft vs. traditionelle Familien\/Mann-Frau-Bilder) und politischen Geschichten (Demokratie vs. Autokratien) verdeckt werden, um die &Ouml;ffentlichkeit mit emotionalen Diskussionen zu besch&auml;ftigen und sie davon abzulenken, was wirklich vor sich geht: ein r&uuml;cksichtsloses Schachspiel um Geld, Macht und vor allem um Ressourcen sowie deren Kontrolle.<\/p><p>Eine dramaturgische Sicht auf die Dinge erm&ouml;glicht jedenfalls eine gewisse Flexibilit&auml;t in der Betrachtung. Und die L&ouml;sung eines Krimis kann manchmal erst erfolgen, wenn man die Dinge aus einem ganz neuen Blickwinkel anschaut.<\/p><p><div class=\"external-2click\" data-provider=\"Youtube\" data-provider-slug=\"youtube\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Videos werden Daten an Youtube &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von Youtube zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><iframe loading=\"lazy\" width=\"560\" height=\"315\" src=\"\" title=\"YouTube video player\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen class=\"external-2click-target \" data-src=\"https:\/\/www.youtube-nocookie.com\/embed\/kQspQw02cg4?si=yV5GEdgg52EsKIof\"><\/iframe><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"youtube\">Inhalte von Youtube nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><\/p><p><small>Titelbild: Shutterstock \/ Frame Stock Footage<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=119816\">Neuigkeiten zum Nord-Stream-Anschlag bringen das Land zum Brodeln<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=117888\">Parlamentarischer Untersuchungsausschuss deckt auf: Einsatz von US-Agenten gegen Nord Stream 2<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=108744\">Neue Erkenntnisse zu Nordstream und Rolle der USA? &ndash; &bdquo;Ich weise das mit Abscheu und Emp&ouml;rung zur&uuml;ck&ldquo;<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=106291\">Vortrag von Florian Warweg auf der N&uuml;rnberger Literaturmesse zum Nordstream-Anschlag und seinen Folgen<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=119718\">Nord-Stream-Sprengung &ndash; neue Enth&uuml;llungen bringen die Bundesregierung in Zugzwang<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/b899106b94a24ace8ca38d501597f88d\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Thema der Nord-Stream-Sprengung wird in diesen Tagen wieder prominent in den Medien und in der Bev&ouml;lkerung diskutiert. 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