{"id":120151,"date":"2024-08-25T13:00:08","date_gmt":"2024-08-25T11:00:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=120151"},"modified":"2024-08-26T10:25:07","modified_gmt":"2024-08-26T08:25:07","slug":"krise-ein-buch-ueber-deutschlands-versagen-in-den-letzten-jahren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=120151","title":{"rendered":"\u201eKrise\u201c \u2013 Ein Buch \u00fcber Deutschlands Versagen in den letzten Jahren"},"content":{"rendered":"<p>Deutschland befindet sich im Krisenmodus. Wer w&uuml;rde das bestreiten? Seit 2020 mussten die B&uuml;rger Grundrechtseinschr&auml;nkungen erleiden, h&ouml;here Energiepreise hinnehmen und zusehen, wie die horrende Inflation ihre Ersparnisse schmelzen lie&szlig; wie das Eis in der Sonne. Mitverantwortlich f&uuml;r diese Entwicklung ist die Politik. Sie hat nicht nur diese desolaten Verh&auml;ltnisse geschaffen, sondern auch die Gesellschaft gespalten. So sieht es der Autor und fr&uuml;here Hauptgesch&auml;ftsf&uuml;hrer des Parit&auml;tischen Wohlfahrtsverbands, Ulrich Schneider. &bdquo;Deutschland hat versagt&ldquo;, schreibt er in seinem neuen Buch, dessen Titel den Zustand des Landes so lapidar wie treffend zum Ausdruck bringt. <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/krise.html\">&bdquo;Krise. Das Versagen einer Republik&ldquo;<\/a> hei&szlig;t das knapp 160-seitige Werk, in dem Schneider sowohl mit der Gro&szlig;en und als auch mit der Ampel-Koalition abrechnet. Von <strong>Eugen Zentner<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDas geschieht zun&auml;chst im Zeitraffer, in einer zusammenfassenden Schilderung der wichtigsten politischen Entscheidungen, Beschl&uuml;sse und Reformen. Schneider geht auf die finanziellen Hilfsprogramme und zwielichtigen Maskendeals ein, er kritisiert die Gaspreisbremse, bem&auml;ngelt das Versagen bei der st&auml;rkeren Besteuerung hoher Einkommen und entlarvt das Handeln in Zeiten der multiplen Krisen als &bdquo;Klientelpolitik&ldquo;. Das Fazit ist so richtig wie allgemein bekannt: Auf der Strecke geblieben sind dabei &bdquo;diejenigen mit der schlechtesten Lobby, die Armen&ldquo;.<\/p><p>In seinem Buch inszeniert sich Schneider als deren Anwalt, beharrlich und mit stets erhobenem Zeigefinger. Wenn man darin einen roten Faden sucht, findet man ihn in dieser Selbstfigurierung. Ansonsten fasert der Inhalt nach und nach auseinander und mutet genauso heterogen an wie der Schreibstil. Dieser changiert zwischen B&uuml;rokratendeutsch und Slang, etwa dort, wo der Autor Aktionen oder Organisationen &bdquo;abfeiert&ldquo;. Mal schildert er die Entwicklungen aus der Au&szlig;enperspektive, mal bringt er sich selbst ein, um als Ich-Erz&auml;hler zu berichten. Mal zeichnet er die politischen Ereignisse der letzten Jahre nach, mal stellt er die Arbeit von Sozial- und Wohlfahrtsverb&auml;nden vor, um dann in die Vergangenheit zu blicken und sich abermals an der Agenda 2010 abzuarbeiten.<\/p><p><strong>Hiebe gegen Sahra Wagenknecht<\/strong><\/p><p>Schneider, das wird mit jeder Seite deutlicher, ist immer noch ein hartn&auml;ckiger Kritiker der Politik Gerhard Schr&ouml;ders. Wohl auch deswegen trat er 2016 der Linkspartei bei. Nur sechs Jahre sp&auml;ter trat er aus ihr wieder aus. Den Grund daf&uuml;r nennt er in seinem Buch: Der Schritt erfolgte &bdquo;nach der aus meiner Sicht f&uuml;rchterlichen Rede von Sahra Wagenknecht im Deutschen Bundestag zu Energiekrise und Ukrainekrieg&ldquo;. Ein Dorn im Auge war ihm ihre angebliche &bdquo;prorussische&ldquo; Haltung. &bdquo;Einige Hundert Demonstrantinnen und Demonstranten, haupts&auml;chlich aus der Aufstehen-Bewegung von Sahra Wagenknecht und diversen K-Gruppen&ldquo;, schreibt Schneider an einer Stelle, &bdquo;fanden sich vor der Berliner Parteizentrale der Gr&uuml;nen ein. Hier glaubten sie, die Hauptverantwortlichen f&uuml;r Energieknappheit und Preissteigerungen verorten zu k&ouml;nnen. Forderungen nach einer Preisd&auml;mpfungspolitik vermischten sich mit einer Fundmentalkritik an Baerbocks Unterst&uuml;tzung des Verteidigungskampfes der Ukraine und der Forderung nach Beendigung der Sanktionen gegen Russland.&ldquo;<\/p><p>In dieser Passage zeigen sich die gravierenden Schw&auml;chen des Buches. Schneider scheint sich lediglich in den sogenannten Mainstreammedien zu informieren und wiederholt st&auml;ndig deren Phrasen und Narrative. Allerdings war selbst dort bereits mehrfach zu lesen, dass die Sanktionen gegen Russland gerade Deutschland eher schaden als n&uuml;tzen. Dass der Abbruch der Beziehungen zu Moskau tats&auml;chlich zu Energieknappheit und Preissteigerung f&uuml;hrte, ist ebenfalls offensichtlich; so offensichtlich, dass es sehr viele B&uuml;rger im Land verstanden haben &ndash; auch die Armen, die Schneider in seinem Buch zu umgarnen versucht. Sie haben von den leeren Worth&uuml;lsen und Parolen der Linkspartei genug. Nicht zuf&auml;llig kehren sie ihr den R&uuml;cken und stellen sich auf die Seite Wagenknechts, deren B&uuml;ndnis (BSW) immer h&ouml;here Zustimmungswerte verzeichnet.<\/p><p>Diesen Zusammenhang scheint Schneider nicht zu sehen. In seiner Ver&auml;rgerung &uuml;ber &bdquo;prorussische Positionen&ldquo; holt er wieder und wieder gegen Wagenknecht aus. Deren Ton sei ihm bereits vorher als &bdquo;&auml;tzend, diffamierend und diskreditierend&ldquo; bekannt gewesen, schreibt er etwa &ndash; &bdquo;genauso wie ihre T&auml;ter-Opfer-Umkehr, wenn es um Putin ging&ldquo;. An solchen Stellen offenbart sich das eindimensionale Denken des Autors, der gut daran t&auml;te, gelegentlich auch mal die alternativen Medien zu konsultieren, um zu erfahren, dass der Ukraine-Krieg ein bisschen komplexer ist, als ihn <em>Tagesschau<\/em> und Co. darstellen. Er w&uuml;rde vielleicht erfahren, dass der Konflikt eine l&auml;ngere Vorgeschichte hat, in der der Westen keine geringe Rolle spielt &ndash; mit Interventionen, gebrochenen Versprechen und einer aggressiven Geopolitik.<\/p><p><strong>Mit Kampfbegriffen gegen Kritiker der Corona-Politik<\/strong><\/p><p>Allein die personalisierende Reduktion des Konflikts auf &bdquo;Putin&ldquo; spricht B&auml;nde. Zum anderen: Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. In Sachen Diffamierung ist auch Schneider kein Unschuldslamm, wie so manche Passage seines Buches beweist. Unter anderem treten dort Kritiker der Corona-Politik auf. Der Autor bezeichnet sie jedoch als &bdquo;Schwurbler&ldquo;, &bdquo;Allzeitwutb&uuml;rger&ldquo;, &bdquo;Reichsb&uuml;rger&ldquo; und &bdquo;ultrarechte Sonderlinge&ldquo;, die den bei der politischen Linken &bdquo;beliebten Montag&ldquo; f&uuml;r Demonstrationen &bdquo;besetzt&ldquo; hatten. W&auml;re Schneider an jenen Montagsspazierg&auml;ngen vor Ort gewesen, anstatt blo&szlig; mit den Kampfbegriffen aus der Mainstreampresse zu hantieren, w&auml;re ihm aufgefallen, dass sich dort der Querschnitt der Gesellschaft einfand &ndash; selbst politisch Linksorientierte und fr&uuml;here W&auml;hler der Linkspartei. Vielleicht h&auml;tte er dann verstanden, warum diese Menschen ihr den R&uuml;cken gekehrt haben, um in einer anderen Partei eine neue Heimat zu finden.<\/p><p>Trotz dieser eklatanten Schw&auml;chen enth&auml;lt das Buch auch einige durchaus ergiebige Passagen &ndash; etwa solche, in denen Schneider berichtet, wie die politischen Mechanismen hinter dem Vorhang aussehen. &bdquo;Aus SPD-Kreisen bekam man sp&auml;ter hinter vorgehaltener Hand zu h&ouml;ren, man habe sich in den Verhandlungen im Mai und Juni ja durchaus nach Kr&auml;ften eingesetzt&ldquo;, schreibt er im Hinblick auf die staatliche Unterst&uuml;tzung w&auml;hrend der Corona-Krise. &bdquo;Wenigstens eine Einmalzahlung von 100 Euro habe man der Union abringen wollen, doch sei sie nicht verhandlungsbereit gewesen. Nach au&szlig;en kommunizieren wollte man das in der SPD allerdings auch nicht. Man m&uuml;sse vermeiden, als Verlierer dazustehen, hie&szlig; es.&ldquo;<\/p><p><strong>Personelle Verflechtung zwischen Politik und Verb&auml;nden<\/strong><\/p><p>Nicht weniger interessant lesen sich Abschnitte zur personellen Verflechtung zwischen Politik, Organisationen und Verb&auml;nden: &bdquo;Rund jeder zwanzigste Abgeordnete des Deutschen Bundestags kommt aktuell von den Kirchen, Gewerkschaften oder NGOs. Umgekehrt sitzen in den Vorst&auml;nden von Gewerkschaften und Verb&auml;nden zahlreiche ehemalige und sogar aktive Parteifunktion&auml;re und Mandatstr&auml;ger.&ldquo; Solche Informationen lassen durchblicken, warum so viele NGOs, Gewerkschaften und Verb&auml;nde stets auf Linie sind &ndash; unabh&auml;ngig davon, um welche &bdquo;Krise&ldquo; es sich gerade handelt.<\/p><p>&Auml;hnliche Erkenntnisse ergeben sich im Hinblick auf die Politikgestaltung, wenn man die Zusammensetzung des Bundestags betrachtet. Dieser werde dominiert von &bdquo;Angeh&ouml;rigen des &ouml;ffentlichen Dienstes und von einem Heer von freiberuflichen Rechtsanw&auml;lten, Steuer- und Wirtschaftsberatern&ldquo;, schreibt Schneider. Der Bundestag rekrutiere praktisch aus seinem eigenen Apparat.<\/p><p>Welche Folgen das f&uuml;r Politik und Gesellschaft hat, wird so erkl&auml;rt: &bdquo;Ein Wirtschaftspr&uuml;fer oder Staatsrechtler hat aufgrund seiner Ausbildung und seiner beruflichen Sozialisation erst einmal einen v&ouml;llig anderen Blick auf soziale N&ouml;te als etwa ein Sozialarbeiter, eine Pflegekraft oder eine Erzieherin, Berufe, die im Bundestag so gut wie keine Rolle spielen.&ldquo; Das ist gut auf den Punkt gebracht. Mehr von solchen Passagen w&auml;re w&uuml;nschenswert gewesen. So aber bleibt das Buch &uuml;ber weite Strecken leider recht fade.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutschland befindet sich im Krisenmodus. Wer w&uuml;rde das bestreiten? Seit 2020 mussten die B&uuml;rger Grundrechtseinschr&auml;nkungen erleiden, h&ouml;here Energiepreise hinnehmen und zusehen, wie die horrende Inflation ihre Ersparnisse schmelzen lie&szlig; wie das Eis in der Sonne. Mitverantwortlich f&uuml;r diese Entwicklung ist die Politik. Sie hat nicht nur diese desolaten Verh&auml;ltnisse geschaffen, sondern auch die Gesellschaft gespalten.<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=120151\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":120152,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[127,208],"tags":[861,3205,2515,1177,1239,632],"class_list":["post-120151","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-lobbyismus-und-politische-korruption","category-rezensionen","tag-ampelkoalition","tag-energiepreise","tag-regierungskrise","tag-rezession","tag-schneider-ulrich","tag-wagenknecht-sahra"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/240825_Buch-Kopie.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/120151","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=120151"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/120151\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":120200,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/120151\/revisions\/120200"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/120152"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=120151"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=120151"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=120151"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}