{"id":12033,"date":"2012-01-26T08:52:38","date_gmt":"2012-01-26T07:52:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12033"},"modified":"2015-01-18T11:46:32","modified_gmt":"2015-01-18T10:46:32","slug":"keine-linderung-der-schwindsucht-in-davos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12033","title":{"rendered":"Keine Linderung der Schwindsucht in Davos"},"content":{"rendered":"<p>Davos war zu Thomas Manns Zeiten ein Kurort, an dem sich an Tuberkulose erkrankte Wohlhabende aus der ganzen Welt Linderung oder gar Heilung erhofften. Schaut man auf die Therapievorschl&auml;ge von Kanzlerin Merkel, dann kann die schwinds&uuml;chtige Euro-Zone aus Davos keine Linderung ihrer Krankheitssymptome erwarten. Im Gegenteil Merkel verteidigte &ndash; passend zur Winterlandschaft &ndash; mit Eisesk&auml;lte &bdquo;ihren&ldquo; Fiskalpakt: Schuldenbremse, &Uuml;berwachung der Finanzdisziplin durch die EU und Anklage gegen &bdquo;Schuldens&uuml;nder&ldquo; vor dem Europ&auml;ischen Gerichtshof. Das ist das &bdquo;Mehr&ldquo;, <a href=\"http:\/\/www.bundeskanzlerin.de\/Content\/DE\/Artikel\/2012\/01\/2012-01-25-rede-merkel-in-davos.html?nn=74388\">das Merkel in Europa &bdquo;wagen&ldquo; will<\/a>: N&auml;mlich die &bdquo;Abgabe nationaler Kompetenzen&ldquo; der L&auml;nder der W&auml;hrungsunion f&uuml;r eine aktive und antizyklische Wirtschafts- und Finanzpolitik und die vertragliche Verankerung eines Spar- und Austerit&auml;tskurses auf gesamteurop&auml;ischer Ebene. Diese &ouml;konomische Perspektive kann f&uuml;r den Patienten Europa nur t&ouml;dlich enden. Von <strong>Wolfgang Lieb<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nAls w&auml;re Merkel blind gegen&uuml;ber der grassierenden Schwindsucht der Volkswirtschaften der Euro-Zone<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"\/upload\/bilder\/120126_merkel_davos_bild1.jpg\" alt=\"\"><\/p><p>fordert sie: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Wir m&uuml;ssen aber auch den Atem haben, die Reformen wirken zu lassen.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Gerade so, als zeigten die bisher durchgesetzten Sparma&szlig;nahmen nicht schon jetzt ihre nur die Krankheit verschlimmernde Wirkung. <\/p><p>Dass die immer neu aufgespannten Rettungsschirme nicht etwa die &bdquo;Glaubw&uuml;rdigkeit&ldquo; f&uuml;r die Finanzm&auml;rkte &bdquo;erh&ouml;hen&ldquo;, sondern eher die Zocker weiter anstacheln, belegt heute sogar der Boulevard. So lieferte gestern die Bild-Zeitung Beispiele, wie Spekulanten gegenw&auml;rtig in kurzer Zeit mit Griechenland-Anleihen <a href=\"http:\/\/www.bild.de\/geld\/wirtschaft\/griechenland-krise\/das-irre-zocker-papier-der-euro-krise-22260000.bild.html\">unglaubliche Gewinne erzielen k&ouml;nnen<\/a> (Siehe auch die <a href=\"\/?p=12029#h07\">Hinweise des Tages von heute<\/a>.) <\/p><p>Weder Eurobonds noch direkte Ank&auml;ufe von Staatsanleihen durch die EZB, um die Spekulation mit einem Schlag zu stoppen, sind mit Merkel zu machen. Statt mit solchen politischen Notma&szlig;nahmen der Zockerei auf den Finanzm&auml;rkten ein Ende zu setzen, buhlt die Kanzlerin um Mitleid mit den Deutschen: Von Deutschland denke man, es sei besonders stark, wenn es aber etwas verspreche, <\/p><blockquote><p>&bdquo;was bei harter Attacke der M&auml;rkte dann auch nicht einl&ouml;sbar ist, dann hat Europa eine ganz offene Flanke&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>(zitiert nach <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/0,1518,811435,00.html\">Spiegel Online<\/a>). Sie merkt nicht einmal, dass sie mit solchen &Auml;u&szlig;erungen zu solchen &bdquo;harten Attacken&ldquo; geradezu herausfordert &ndash; letztlich auch auf Deutschland.<\/p><p>&Uuml;ber den Abbau von Handelsungleichgewichten, die ja das Kernproblem der derzeitigen Euro-Krise darstellen, k&ouml;nne man durchaus reden, sagte Merkel. Sie f&uuml;gte allerdings hinzu, wenn sich die Euro-L&auml;nder bei ihrer Wettbewerbsf&auml;higkeit nachher &bdquo;irgendwo beim Mittelwert treffen&ldquo;, werde Europa in der Welt nicht bestehen: &bdquo;Dann werden wir sicher noch lange ein interessantes Reiseziel bleiben &ndash; aber Wohlstand in Europa werden wir nicht erwirtschaften&ldquo;. (Spiegel Online ebd.) Dieses Schreckbild hat agitatorisch geradezu sarrazinsche Qualit&auml;t: Europa schafft sich sozusagen ab und wird zum Museum.<\/p><p>Die Kanzlerin &uuml;bertr&auml;gt also die v&ouml;llig &uuml;berzogene Exportorientierung der deutschen Wirtschaftspolitik schlicht auf die Gesamtheit der Euro-L&auml;nder. In ihrem falschen Globalisierungswahn sieht sie gar nicht mehr, dass die Euro-Zone, die EU insgesamt zun&auml;chst einmal eine geschlossene &Ouml;konomie bildet, wo die Exporte des einen europ&auml;ischen Landes die Importe der anderen sind. Europa wird nicht einmal mehr als gemeinsamer Wirtschaftsraum, geschweige denn als politische Union gedacht.<\/p><p>Merkel klammert im Sinne der deutschen Standortwettbewerbsideologie &ndash; die doch eine der Hauptursache der derzeitigen Krise ist  &ndash;  nun auch noch f&uuml;r die europ&auml;ische Ebene die Binnennachfrage innerhalb einer (europ&auml;ischen) Volkswirtschaft komplett aus. Aufgrund dieser ideologischen Scheuklappen kann sie auch nicht begreifen, dass wenn &uuml;berall in Europa gespart wird, die L&ouml;hne gek&uuml;rzt und die Arbeitspl&auml;tze abgebaut werden (m&uuml;ssen), dies notwendig zur Rezession nicht nur in einzelnen L&auml;ndern sondern &uuml;berall in Europa f&uuml;hren muss. Kann sie &ndash; die ja als Physikerin logisch denken k&ouml;nnen sollte &ndash; wirklich nicht verstehen, dass, wenn Europa auch noch die &uuml;brige Welt niederkonkurriert, wir auf Dauer nicht nur eine Leistungsbilanz-Krise innerhalb Europas sondern auch weltweit versch&auml;rften und dass auch noch zwischen weiteren Teilen des Globus eine Verschuldungskrise ausbrechen w&uuml;rde?<\/p><p>Wenn Merkel von &bdquo;Wohlstand&ldquo; redet, dann hat sie ganz offensichtlich nur die Gewinne der exportorientierten Wirtschaft im Auge; sie meint, dass durch (Geld-)Forderungen der Unternehmen an Importl&auml;nder durch Handels&uuml;bersch&uuml;sse, sich bei den Exportl&auml;ndern automatisch auch der Wohlstand f&uuml;r alle mehre. Diese Wettbewerbsideologie ignoriert die ganz banale Tatsache, dass sich der deutsche (oder k&uuml;nftig, der europ&auml;ische) Arbeitnehmer, wenn er aus Gr&uuml;nden der Wettbewerbsf&auml;higkeit schlecht bezahlt wird, eben noch lange keinen Mercedes leisten kann, selbst wenn diese Karosse an (wohlhabende) Chinesen oder Inder dank geringer (europ&auml;ischer) Lohnkosten billig verkauft werden kann. <\/p><p>Realwirtschaftlich gesprochen sollen also nach Merkel nun alle Europ&auml;er schuften und darben, damit sich die &uuml;brige Welt unsere Produkte leisten kann und durch die Schuldtitel, die sich die Firmen im Ausland dabei einsammeln, steigern wir alle unseren allgemeinen Wohlstand &ndash; bis eben die Schuldner nicht die Schulden mehr bedienen k&ouml;nnen und entweder ihre W&auml;hrung abwerten oder einen Schuldenschnitt machen m&uuml;ssen. Das ist der Wahnsinn der deutschen Methode, die nun Merkel auf ganz Europa &uuml;bertragen will. Es ist der Wahnsinn, dass die Arbeitnehmer doppelt zur Kasse gebeten werden: Zuerst damit dass man ihnen der Produktivit&auml;t und der Inflation angemessene L&ouml;hne vorenth&auml;lt und danach, dass man ihnen zum Ausgleich der dadurch entstandenen Ungleichgewichte noch einmal in den Geldbeutel greift. So fragt Merkel z.B. rhetorisch: &bdquo;Welche L&auml;nder haben die besten Erfahrungen gemacht beim Arbeitsrecht?&ldquo;. Sie meint damit nat&uuml;rlich Deutschland, das mit der Ausweitung des Niedriglohnsektors und prek&auml;rer Arbeitsverh&auml;ltnisse Vorreiter in Europa war. <\/p><p>&bdquo;Grunds&auml;tzliches Umdenken&ldquo; forderte Merkel in Davos &ndash; dem derzeitigen Zweifel an den herrschenden &ouml;konomischen Dogmen Rechnung tragend. Von Umdenken bei ihr selbst kann allerdings keine Rede sein, denn sie verlangt nicht mehr und nicht weniger als das altbekannte deutsche wirtschaftspolitische Agenda-Denken nunmehr f&uuml;r ganz Europa durchzusetzen, mit Sparen, Lohnsenkungen, Rentenk&uuml;rzungen, Rente mit 67 und Abbau von Normalarbeitsverh&auml;ltnissen mit L&ouml;hnen, die zum &Uuml;berleben nicht reichen. <\/p><p>Merkel wei&szlig; sehr genau, dass dieser Systemwechsel zum &bdquo;Agenda-Europa&ldquo; nur &uuml;ber einen zwischenstaatlichen Vertrag, dem sog. Fiskalpakt, zu erreichen ist &ndash; also auf der Ebene der Regierungschefs. M&uuml;ssten die Europ&auml;er &uuml;ber eine solche Ver&auml;nderung der Europ&auml;ischen Vertr&auml;ge und &uuml;ber einen solchen Eingriff in nationale Souver&auml;nit&auml;tsrechte &uuml;ber Volksabstimmungen entscheiden, dann h&auml;tte jedenfalls Merkels Vorstellung des k&uuml;nftigen Europas keine Chance. Wer allerdings wie Merkel wohl glaubt, er k&ouml;nne mithilfe solcher Umgehungsstrategien und mit einem solchen finanz- und wirtschaftspolitischen Systemwechsel &bdquo;mehr Europa&ldquo; schaffen, befindet sich auf einem h&ouml;chst gef&auml;hrlichen Holzweg. Deutschland ist viel mehr auf dem schlimmen Weg, die historischen &Auml;ngste seiner Nachbarn vor einem deutschen Vormachtstreben zu wecken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Davos war zu Thomas Manns Zeiten ein Kurort, an dem sich an Tuberkulose erkrankte Wohlhabende aus der ganzen Welt Linderung oder gar Heilung erhofften. Schaut man auf die Therapievorschl&auml;ge von Kanzlerin Merkel, dann kann die schwinds&uuml;chtige Euro-Zone aus Davos keine Linderung ihrer Krankheitssymptome erwarten. 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