{"id":120333,"date":"2024-08-28T14:00:28","date_gmt":"2024-08-28T12:00:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=120333"},"modified":"2024-08-28T14:35:32","modified_gmt":"2024-08-28T12:35:32","slug":"macron-negiert-den-relativen-wahlsieg-des-linksbuendnisses","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=120333","title":{"rendered":"Macron negiert den (relativen) Wahlsieg des Linksb\u00fcndnisses"},"content":{"rendered":"<p>Frankreichs Staatspr&auml;sident Macron empfing zwischen dem 23. und 26. August die Fraktionsvorsitzenden aller in der Nationalversammlung vertretenen Parteien, um Optionen auszuloten, wie die politische Blockade, die nach den kurzfristig vor den Sommerferien angesetzten Parlamentswahlen eingetreten ist, gel&ouml;st werden kann. Doch anstelle einer Kl&auml;rung haben sich die Fronten zwischen den politischen Lagern verh&auml;rtet. Mit seiner Absage, den Auftrag zur Regierungsbildung nicht der st&auml;rksten Kraft im neuen Parlament zu erteilen, sieht er sich erneut dem Vorwurf ausgesetzt, mit den republikanischen Spielregeln der Franz&ouml;sischen Republik zu brechen und das Land weiter in einen autorit&auml;ren Abw&auml;rtstrend zu f&uuml;hren. Dieser Vorwurf kommt vom &uuml;bergangenen, bei den Wahlen siegreichen Linksb&uuml;ndnis der &bdquo;Neuen Volksfront&ldquo; (NFP), das Macrons Konsultationen mit den Worten des Parteivorsitzenden Olivier Faure als &bdquo;demokratische Farce&ldquo; bezeichnete. Dem Wunsch der W&auml;hlerinnen und W&auml;hler in Frankreich nach Wandel steht Macrons strategische Linie tats&auml;chlich diametral entgegen, der keinerlei Kurskorrektur an seiner Agenda zulassen will. Von <strong>Sebastian Chwala<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nNachdem Macron im Juli einseitig einen &bdquo;olympischen&ldquo; Frieden ausgerufen hatte, wuchs zuletzt der Druck auf den Staatspr&auml;sidenten, die Bildung der handlungsf&auml;higen Regierung wieder voranzutreiben. Zwar &uuml;berschritt die &bdquo;gesch&auml;ftsf&uuml;hrende&ldquo; Regierung des alten Premiers Gabriel Attal ganz offensichtlich mehrfach ihre Kompetenzen (so wurde zuletzt tats&auml;chlich ein grober Haushaltsplan f&uuml;r 2025 ausgearbeitet), doch d&uuml;rften Versuche dieser Regierung, Gesetzesvorhaben durchs Parlament zu bringen, vom Verfassungsrat f&uuml;r illegal erkl&auml;rt werden, da s&auml;mtliche ehemalige Ministerinnen und Minister nun auch Parlamentsabgeordnete sind, was die Verfassung klar verbietet.<\/p><p><strong>Macron will einen neoliberalen &bdquo;Rechtsblock&ldquo; installieren, doch die Mehrheiten fehlen<\/strong><\/p><p>Schon vor der kurzen politischen Sommerpause hatte Macron durchblicken lassen, die von der Linken vorgeschlagene Kandidatin Lucie Castets, Chefin der Finanzverwaltung der Hauptstadt Paris, nicht als Premierministerin zu akzeptieren. Zudem hatte er sich geweigert, die Niederlage des &bdquo;macronitischen&ldquo; Wahlb&uuml;ndnisses &ouml;ffentlich einzugestehen. Des Weiteren betonten die &bdquo;Macroniten&ldquo;, dass keine angeblich &bdquo;extremistischen&ldquo; Kr&auml;fte Teil der Regierung sein d&uuml;rften. Hierbei wurde die linke Partei und Bewegung &bdquo;La France insoumise&ldquo; (LFI), immerhin die st&auml;rkste nationale linke Kraft, und die ultrarechte Partei &bdquo;Rassemblement national&ldquo; (RN) in bester Hufeisentradition gleichgesetzt.<\/p><p>Die Gespr&auml;che Macrons mit den politischen Parteien, hierbei traf die Linke als gemeinsamer &bdquo;Block&ldquo; mit Macron zusammen, f&uuml;hrten schlie&szlig;lich zu keiner Ver&auml;nderung der sich schon im Vorfeld abzeichnenden Frontlinien. Zwar hatte LFI schon am vergangenen Wochenende in Person von Jean-Luc M&eacute;lenchon bekannt gegeben, auf eine direkte Beteiligung an einer Linksregierung zu verzichten, wenn dies der einzige Hinderungsgrund f&uuml;r die Ernennung Castets sei. Durch diesen politischen Schachzug wurde aber deutlich, dass dem &bdquo;Macronismus&ldquo; die gesamte Agenda der Linken und nicht nur LFI ein Dorn im Auge ist, als Macron am vergangenen Montag erkl&auml;rte, dass er der Linken aus Sorge um die &bdquo;politische Stabilit&auml;t&ldquo; die Regierungsverantwortung verweigere. Zwar forderte er Sozialdemokraten, Gr&uuml;ne und Kommunisten auf, sich mit der Rechten und seinem Lager diese Woche erneut zusammenzusetzen, doch verweigerten s&auml;mtliche Parteivorsitzenden aufgrund des Ausschlusses von LFI und der geforderten politischen Unterwerfung unter den Kurs der &bdquo;Macroniten&ldquo; weitere Gespr&auml;che. Faktisch wird Macron diese Woche mit den Resten seines eigenen Lagers und den wirtschaftsliberalen und ultrakonservativen &bdquo;Republikanern&ldquo; weiter diskutieren. Letztere sehen sich aber dennoch weiterhin als Oppositionskraft.<\/p><p>Es ist kein Geheimnis in Frankreich, dass Macrons &bdquo;Stabilit&auml;t&ldquo; die Fortsetzung seines marktliberalen Kurses bedeutet. Dieser beinhaltet ein weiteres Ausbluten der Staatsfinanzen zu Gunsten der Reichsten im Lande sowie den Kampf gegen Gewerkschaften und Erwerbslose. Zudem darf die Rentenreform vom vergangenen Jahr nicht infrage gestellt werden. Sollte die Linke die M&ouml;glichkeit bekommen, die Regierung zu stellen, d&uuml;rften die Abgeordneten des RN schon aus taktischen Gr&uuml;nden f&uuml;r eine Aufhebung der Reform stimmen, auch wenn man programmatisch selbst f&uuml;r die Rente mit 67 steht, wie der Vorsitzende der Partei Jordan Bardella w&auml;hrend des Parlamentswahlkampfs unfreiwillig zugeben musste.<\/p><p>Doch die aktuelle politische Situation in Frankreich bleibt trotz der Ablehnung der Linken durch den &bdquo;Macronismus&ldquo; verzwickt. Zwar braucht eine kommende legitime franz&ouml;sische Regierung eine klare parlamentarische Mehrheit, um agieren zu k&ouml;nnen, auf der anderen Seite l&auml;sst die Verfassung der 5. Republik dem Parlament kaum Spielraum zur politischen Arbeit. So besitzt dieses Parlament kein Initiativrecht. Selbst die Kontrolle &uuml;ber die Beratungen zum Haushalt steht den Abgeordneten nicht zu. Die gesamte Kontrolle &uuml;ber die Tagesordnung der Beratungen obliegen dem oder der Regierungschef(in). Dies bedeutet, dass die Abarbeitung einer politischen Agenda untrennbar mit der &Uuml;bernahme der Regierungsverantwortung ist. Aus der Opposition heraus kann faktisch auch nicht mit alternativen Mehrheiten versucht werden, die Regierung zu Kurs&auml;nderungen zu zwingen. Freilich fallen ohne klare Mehrheiten wiederum auch M&ouml;glichkeiten der Regierung weg, Gesetze per Verordnungen zu erlassen, da dies jederzeit erfolgreiche Misstrauensvoten, die einzige Waffe der Parlamentarier gegen die Regierung, zur Folge haben d&uuml;rfte. Ohnehin drohen sich alle politischen Lager gegenseitig damit, eine ohne ihre Zustimmung zustande gekommene Regierung sofort per Misstrauensvotum st&uuml;rzen zu wollen.<\/p><p><strong>Macron verf&uuml;gt &uuml;ber wenig politischen R&uuml;ckhalt<\/strong><\/p><p>Macrons Versuch, sich weiterhin als starker Mann zu inszenieren, der ohne Zugest&auml;ndnisse an seine politischen Gegner die programmatische Ausrichtung Frankreichs vorgibt, wird von einer Mehrzahl der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger, aber auch den liberalen Medien als Form des &bdquo;Staatsstreichs&ldquo; interpretiert. Macron hatte im vergangenen Juni die Neuwahlen sinngem&auml;&szlig; damit begr&uuml;ndet, dass die W&auml;hlerinnen und W&auml;hler frei und demokratisch &uuml;ber den k&uuml;nftigen Kurs des Landes urteilen sollten. Faktisch stand und steht die politische Linie fest. Mit allen Mitteln soll eine politische Neuausrichtung Frankreichs verhindert werden. Dies gilt vor allen Dingen f&uuml;r die Wirtschafts- und Sozialpolitik, die auf keinen Fall die Bevorteilung der gro&szlig;b&uuml;rgerlichen Eliten infrage stellen darf. Hier steht Macron fest im Wort der Unternehmerverb&auml;nde. Diese lehnen alle Pl&auml;ne der NFP, die insbesondere die Verm&ouml;gen wieder zur Finanzierung des Gemeinwesens heranziehen m&ouml;chte, strikt ab. Macrons politisches Ideal bleibt die Schaffung einer Gesellschaft, in der entfesselte Marktkr&auml;fte Profite auf Basis der Ausbeutung eines Heeres prekarisierter Besch&auml;ftigter produzieren. Begleitet von einem Sicherheitsstaat, der Proteste schon im Keim ersticken soll.<\/p><p>Wie sehr sich Macron allerdings politisch isoliert hat, zeigt sich darin, dass selbst die politisch affinen Sozialdemokraten nun bereit sind, jede Fortsetzung des &bdquo;Macronismus&ldquo; politisch unterbinden zu wollen. Zwar gibt es eine rechte Opposition innerhalb der Partei gegen Parteichef Faure, doch selbst Ex-Pr&auml;sident Hollande, der sich bei den Parlamentswahlen wieder in die Nationalversammlung hatte w&auml;hlen lassen und der Macron w&auml;hrend seiner Amtszeit erst zur politischen Figur aufgebaut hatte, emp&ouml;rte sich &uuml;ber die Verweigerung Macrons, den Wahlsieg der NFP anzuerkennen und nun das Parlament &uuml;ber die Gesetzesvorhaben der Linken diskutieren zu lassen.<\/p><p>Mehr denn je werden Stimmen laut, die eine &bdquo;Parlamentarisierung&ldquo; Frankreichs fordern. Oftmals reichen die Forderungen aber nicht weiter als nach einer Einf&uuml;hrung der Verh&auml;ltniswahlrechts. Leider ist gegenw&auml;rtig die alte Forderung von LFI nach einer 6. Republik, in der die Nationalversammlung erg&auml;nzt um zahlreiche basisdemokratische Elemente das Zentrum des politischen Lebens sein soll, im Kontext der Einheitsdebatte der gesamten Linken in den Hintergrund geraten. Die Frage nach einer wirklichen Revision der Institutionen stellt sich f&uuml;r die Parteien der &bdquo;etablierten Linken&ldquo; kaum, da hier aufgrund der Integration der Akteure in das politische System &uuml;ber Alternativen wenig diskutiert wird. <\/p><p>In dieser Hinsicht wirkt der Versuch von LFI, ein Amtsenthebungsverfahren gegen Macron wegen Amtsmissbrauchs anzustreben, eher wie ein verbalradikaler Versuch, die Emp&ouml;rung in der Gesellschaft zu kanalisieren, um Macrons Agieren nicht machtlos gegen&uuml;berstehen zu m&uuml;ssen. Freilich bleibt es faktisch unm&ouml;glich, eine Zweidrittelmehrheit in den beiden parlamentarischen Kammern (Nationalversammlung und Senat) zu erzielen. Gleichzeitig versucht LFI allerdings auch, eine sichtbare gesellschaftliche Opposition gegen Macron auf die Stra&szlig;e zu bringen. So ruft die Bewegung zur Beteiligung an Protestaktionen am kommenden 7. September auf, welche gegen die Kaltstellung der politischen Linken nach den Wahlen gerichtet sind. Fraglich bleibt allerdings deren Gr&ouml;&szlig;e und deren Wirkungsm&auml;chtigkeit. Bisher beteiligen sich offiziell Studierendengewerkschaften, LFI und Gr&uuml;ne an den Protesten.<\/p><p><small>Titelbild: Gints Ivuskans\/shutterstock.com<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frankreichs Staatspr&auml;sident Macron empfing zwischen dem 23. und 26. August die Fraktionsvorsitzenden aller in der Nationalversammlung vertretenen Parteien, um Optionen auszuloten, wie die politische Blockade, die nach den kurzfristig vor den Sommerferien angesetzten Parlamentswahlen eingetreten ist, gel&ouml;st werden kann. Doch anstelle einer Kl&auml;rung haben sich die Fronten zwischen den politischen Lagern verh&auml;rtet. 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