{"id":120458,"date":"2024-09-01T12:00:33","date_gmt":"2024-09-01T10:00:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=120458"},"modified":"2024-09-01T03:32:24","modified_gmt":"2024-09-01T01:32:24","slug":"das-jahr-2024-23","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=120458","title":{"rendered":"Das Jahr 2024 \u2013 Teil 2"},"content":{"rendered":"<p><strong>Gaza, die Ukraine und Eurasien in der Krise des westlichen Niedergangs.<\/strong> Seit dem 24. Jahr des 21. Jahrhunderts hat man das Gef&uuml;hl, dass die Entwicklungen des Krieges in der Ukraine und des Massakers im Gazastreifen das markieren, was die Russen &bdquo;vodorazdiel&ldquo; (&#1074;&#1086;&#1076;&#1086;&#1088;&#1072;&#1079;&#1076;&#1077;&#1083;) bezeichnen, eine &bdquo;Wasserscheide&rdquo;, die einen Meilenstein, einen Wendepunkt in der Krise des Niedergangs des Westens und seiner unangefochtenen globalen Dominanz markiert. Von <strong>Rafael Poch-de-Feliu<\/strong>, &Uuml;bersetzung aus dem Spanischen von <strong>Walter Tauber<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<em>Lesen Sie auch <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=120453\">den ersten Teil<\/a> des Dreiteilers von Rafael Poch-de-Feliu.<\/em><\/p><p><strong>Falscher Abschluss des Kalten Krieges<\/strong><\/p><p>Der allgemeine Grundsatz, der sich aus der europ&auml;ischen Geschichte ableiten l&auml;sst, ist, dass die Vernachl&auml;ssigung oder Misshandlung besiegter Gro&szlig;m&auml;chte immer katastrophale Konsequenzen hat. Nach den napoleonischen Kriegen bezogen die Sieger das besiegte Frankreich in die Entscheidungsfindung auf dem Wiener Kongress ein, was eine lange Periode des Friedens und der Stabilit&auml;t auf dem Kontinent einleitete: von 1815 bis 1914, wenn man den Krimkrieg und den franz&ouml;sisch-preu&szlig;ischen Krieg nicht mitz&auml;hlt. Das Gegenbeispiel ist das, was mit Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg und mit dem bolschewistischen Russland nach der Revolution von 1917 geschah. In beiden F&auml;llen hatte die Ausgrenzungspolitik &ndash; und im Falle Russlands die milit&auml;rische Intervention im B&uuml;rgerkrieg &ndash; verheerende Folgen sowohl f&uuml;r die Entstehung des Nazismus wie auch des Stalinismus. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden daraus die Lehren gezogen und Deutschland mit Samthandschuhen angefasst, wobei die urspr&uuml;nglichen Ideen Stalins und des US-Finanzministers Henry Morgenthau, Deutschland zu &bdquo;zerst&uuml;ckeln&rdquo; und in ein Agrargebiet zu verwandeln, verworfen wurden. <\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/240830_Rafael-Poch-de-Feliu-06.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/240830_Rafael-Poch-de-Feliu-06.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>In Westdeutschland gab es unter anderem keine Entnazifizierung, und die Schulden wurden 1953 erlassen. Das Ende des Kalten Krieges war nicht das Ergebnis einer milit&auml;rischen Niederlage, sondern ein ungew&ouml;hnlicher Fall des bedingungslosen R&uuml;ckzugs eines der Kontrahenten. Aber in seinem Ausma&szlig; und seinen Folgen f&uuml;r die europ&auml;ische Landkarte und das globale Gleichgewicht der Kr&auml;fte war es mit einer Niederlage vergleichbar &ndash; vergleichbar mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. F&uuml;r den Westen war es ein Sieg, ohne einen Schuss abzufeuern. Aus ganz anderen Gr&uuml;nden haben Gorbatschow und Jelzin das Russische Reich aufgegeben. Es war nicht mehr das Reich, das Stalin nach dem Zweiten Weltkrieg als sowjetischen Block erobert hatte, sondern das von Peter dem Gro&szlig;en und seinen Nachfolgern seit dem 18. Jahrhundert: das Baltikum, das Schwarze Meer und Zentralasien. Die westliche Antwort war in diesem Fall jedoch eine R&uuml;ckkehr zu dem, wovor uns die europ&auml;ische Geschichte gewarnt hat, n&auml;mlich eine Gro&szlig;macht von der Entscheidungsfindung auszuschlie&szlig;en und zu ignorieren &ndash; sie zu ignorieren, wenn sie sich beschwert und mit Sanktionen und Auflagen zu antworten, wenn sie reagiert. Anstatt die gemeinsame, integrierte kontinentale Sicherheit zu organisieren, die im November 1990 in Paris schriftlich vereinbart wurde, und anstatt die m&uuml;ndlichen Versprechen gegen&uuml;ber Michail Gorbatschow zu erf&uuml;llen, wurde die NATO erweitert, zun&auml;chst ohne Russland und dann gegen Russland [<a href=\"#foot_28\" name=\"note_28\">28<\/a>].<\/p><p>All dies war nicht das Ergebnis &bdquo;historischer Blindheit&rdquo;, sondern eine ganz bewusste geopolitische Entscheidung der Vereinigten Staaten, die sich die EU zu eigen gemacht hat. Der Grund f&uuml;r das Verhalten der Vereinigten Staaten ist klar und vertraut. Die amerikanische F&uuml;hrungsrolle h&auml;ngt zum gro&szlig;en Teil von der Aufrechterhaltung der Trennlinien des Kalten Krieges in Europa und Asien ab, wodurch die politisch-milit&auml;rischen Abh&auml;ngigkeiten der Verb&uuml;ndeten erhalten bleiben. Die Aufrechterhaltung der Strukturen des Kalten Krieges wie der NATO hing von den anhaltenden Spannungen und Feindseligkeiten ab. Im Februar 1992, mehr als zwei Monate nach der Aufl&ouml;sung der UdSSR, wurde in dem wichtigsten strategischen Dokument der USA, dem Defense Planning Guidance, unter der &Auml;gide von Paul Wolfowitz der Schl&uuml;ssel zur weltweiten Dominanz der USA allein in der &bdquo;Verhinderung des Entstehens eines neuen Rivalen&rdquo;, insbesondere im eurasischen Raum, gesehen. Die Vereinigten Staaten sollten &bdquo;das Entstehen von ausschlie&szlig;lich europ&auml;ischen Sicherheitsvereinbarungen verhindern, die die NATO schw&auml;chen&rdquo;, so Wolfowitz. Solche Vereinbarungen h&auml;tten unweigerlich zu einer Verschmelzung des wissenschaftlichen und energetischen Potenzials Russlands mit dem technologischen und finanziellen Potenzial Deutschlands und damit der EU gef&uuml;hrt. Die Verhinderung eines solchen Zusammenschlusses ist ein genau dokumentiertes und gut bekanntes Ziel der US-Politik in Europa [<a href=\"#foot_29\" name=\"note_29\">29<\/a>].<\/p><p>Die EU-Elite war nicht nur ein passiver Zuschauer, sondern ein aktiver Teil dieses Prozesses. Seit 1993 waren alle Ma&szlig;nahmen der USA und der EU gegen&uuml;ber Eurasien darauf ausgerichtet, Russland an den Rand zu dr&auml;ngen und alle von Moskau initiierten postsowjetischen Integrationsprojekte zu zerschlagen: die GUS (Gemeinschaft Unabh&auml;ngiger Staaten), Handels- und Zollabkommen, die Euro-Asiatische Wirtschaftsunion oder die Organisation f&uuml;r gegenseitige Verteidigung. Die Energie- und Verkehrskorridore der EU mit Zentralasien dienten dazu, Russland aus dem Weg zu r&auml;umen. Im Jahr 1996 startete die EU das Energiekooperationsprogramm INOGATE, das alle ehemaligen UdSSR-Republiken mit Ausnahme Russlands einschloss und Pipelines und Routen zum Kaspischen Meer und nach Zentralasien unter Umgehung des russischen Territoriums vorsah.<\/p><p>Die Instabilit&auml;t in Afghanistan verhinderte das TAPI-Projekt, eine Pipeline durch Turkmenistan, Afghanistan, Pakistan und Indien, aber die Logik und die Absicht waren dieselbe: die Umgehung Russlands. 1997 starteten die USA und die EU die GUAM-Initiative (Georgien, Ukraine, Armenien und Moldawien), um die Integration der GUS zu untergraben.<\/p><p>Die EU hat sich stets geweigert, diplomatische Beziehungen mit der von Moskau gef&uuml;hrten Eurasischen Wirtschaftsunion aufzunehmen, und hat 2009 ihr Programm &bdquo;&Ouml;stliche Partnerschaft&rdquo; ins Leben gerufen, das darauf abzielt, alle ehemaligen Sowjetstaaten, die an verschiedenen Wirtschafts- und Sicherheitsabkommen mit Moskau beteiligt sind, in die westliche Sph&auml;re aufzunehmen. Alle diese Abkommen wurden als unvereinbar mit einer wirtschaftlichen, handelspolitischen und sicherheitspolitischen Angleichung an die EU angesehen, was die T&uuml;r f&uuml;r westliche Unternehmen und die NATO endg&uuml;ltig &ouml;ffnete.<\/p><p>Schon viel fr&uuml;her, im Jahr 1997, gingen einige US-Strategen wie der ehemalige Nationale Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski viel weiter und stellten sich vor, Russland in ein &bdquo;locker konf&ouml;deriertes Gebilde aus einem europ&auml;ischen Russland, einer sibirischen Republik und einer fern&ouml;stlichen Republik&rdquo; zu verwandeln.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/240830_Rafael-Poch-de-Feliu-05.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/240830_Rafael-Poch-de-Feliu-05-thumb.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><small>aus Free Nations of Postrussia Forum. Zugriff &uuml;ber: <a href=\"https:\/\/www.freenationsrf.org\/\">freenationsrf.org\/<\/a>).<\/small><\/p><p>Brzezinskis Buch [<a href=\"#foot_30\" name=\"note_30\">30<\/a>] wurde in Moskau viel gelesen, aber warum hat die russische Elite nicht fr&uuml;her milit&auml;rische Ma&szlig;nahmen ergriffen? Eine Erkl&auml;rung ist, dass Russland in den 1990er-Jahren milit&auml;risch sehr schwach war. Erinnern wir uns an das Spektakel der 5.000 tschetschenischen Guerillas, die 1994 in Grosny die russische Armee schlugen. Wer in der NATO w&uuml;rde diese Armee ernst nehmen? Aber dar&uuml;ber hinaus gibt es noch eine andere, viel entscheidendere Erkl&auml;rung f&uuml;r diese milit&auml;rische Schw&auml;che.<\/p><p>In den 1990er-Jahren konzentrierte sich die russische Elite auf etwas weitaus Wichtigeres: die Pl&uuml;nderung ihres nationalen Erbes mit seinen enormen nat&uuml;rlichen Ressourcen und seinem Reichtum, um ihren historischen Traum zu verwirklichen. Dieser Traum bestand darin, von einer Verwaltungskaste, die diese Ressourcen verwaltete, aber nicht besa&szlig;, zu einer &bdquo;normalen&rdquo; besitzenden Klasse zu werden (d. h. unter anderem, dass sie in der Lage war, Privilegien zu erben), die mit der Elite im Einklang stand und steht. Dies ist ein entscheidender Punkt, denn er macht uns darauf aufmerksam, dass es der Konflikt zwischen verschiedenen kapitalistischen Fraktionen ist, der diese Geopolitik bestimmt. Dies erfordert einen kleinen Exkurs.<\/p><p>Die Tiefe des derzeitigen Konflikts zwischen Russland und der NATO l&auml;sst sich nicht verstehen, ohne einen Blick auf das postsowjetische Szenario zu werfen, das anfing mit der Aufl&ouml;sung der UdSSR. 1991 f&uuml;hrte ein Machtkampf innerhalb der russischen Elite zur Aufl&ouml;sung der UdSSR, sodass die Fraktion von Boris Jelzin die volle Macht ergreifen konnte, die sie bis dahin mit dem zentralen Apparat der UdSSR unter der F&uuml;hrung von Michail Gorbatschow geteilt hatte. Das war die &bdquo;politische&rdquo; Aufl&ouml;sung, k&ouml;nnte man sagen. Es gab auch einen klaren &bdquo;Klassen&rdquo;-Aspekt: Die UdSSR mit ihren ramponierten und diskreditierten symbolischen und historischen revolution&auml;ren Bez&uuml;gen war ein Hindernis f&uuml;r die soziale Umstellung einer administrativ-b&uuml;rokratischen Kaste in eine besitzende Klasse. Ohne die UdSSR waren die russische Elite und die jeweiligen nationalen Eliten der einzelnen Republiken viel freier, diese soziale Umgestaltung vorzunehmen. <\/p><p>Im Zusammenhang mit dieser Operation, die enorme Bereicherungs- und Machtperspektiven er&ouml;ffnete, opferte die russische Elite vor&uuml;bergehend fast alles andere: Russlands menschliche Geographie, die riesigen Gebiete der sozialistischen Sowjetrepubliken Kasachstan und Ukraine, die von Russen bev&ouml;lkert und &uuml;berwiegend russischsprachig sind, das Schicksal Tausender Russen, die au&szlig;erhalb der Grenzen der Russischen Sozialistischen Sowjetrepublik (RSFSR) leben und deren Status und Rechte au&szlig;er Kraft gesetzt wurden, die Identit&auml;t einer Gro&szlig;macht in der Welt und so weiter. Die russische Elite schob all dies beiseite, um sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: den Angriff auf das nationale Erbe, das die UdSSR als &bdquo;Eigentum des ganzen Volkes&rdquo; definiert hatte, und dessen Aneignung durch Privatisierung. Als im Dezember 1991 die UdSSR auf Initiative Russlands und mit Zustimmung der ukrainischen und wei&szlig;russischen F&uuml;hrung aufgel&ouml;st wurde, dachten die russischen Politiker nicht einmal daran, dass der S&uuml;den und Osten der Ukraine, der Streifen von Charkow &uuml;ber den Donbas und die Krim bis nach Odessa, in jeder Hinsicht &bdquo;viel mehr Russland als die Ukraine&rdquo; war. Noch weniger wurde &uuml;ber den westlichen Teil Kasachstans nachgedacht. Die Pl&uuml;nderungsmentalit&auml;t war das, was wirklich z&auml;hlte, und der Rest war nebens&auml;chlich. Schlie&szlig;lich, so dachte man, ist die Ukraine ein &bdquo;Quasi-Russland&rdquo;, sie wird immer ein f&uuml;rsorglicher russischer Satellit sein, ganz zu schweigen von Kasachstan. Sie rechneten nicht damit, dass die ukrainischen F&uuml;hrungseliten, die wie die der anderen Republiken haupts&auml;chlich aus schnell umgeschulten ehemaligen kommunistischen Kadern bestanden, ihre neue Macht ideologisch festigen mussten, indem sie sich nicht mehr auf die &bdquo;ewige Freundschaft zwischen den V&ouml;lkern der UdSSR&rdquo; st&uuml;tzten, sondern ihren eigenen Nationalismus entwickelten, was zu zahlreichen Kollisionen mit Russland f&uuml;hrte. <\/p><p>Die russische F&uuml;hrung war &uuml;berzeugt, dass der Westen sie als &bdquo;freie und gleichberechtigte&rdquo; Partner in die kapitalistische Globalisierung eintreten lassen w&uuml;rde. Sie hatte alles vergessen, wof&uuml;r ihre Gro&szlig;v&auml;ter auf der Suche nach einer L&ouml;sung f&uuml;r das Problem der ungleichen kapitalistischen Entwicklung die Revolution gemacht hatten, die das Russische Reich zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu einer Art kolonialisierter Gro&szlig;macht machte. Sie hatten das Gef&uuml;hl, dass ihr Land mit der UdSSR von der &bdquo;Zivilisation&rdquo; abgewichen war, zu der sie nun zur&uuml;ckkehren wollten. Moskau wollte New York, Paris oder London sein, aber was die kapitalistische Globalisierung ihm bot, war ein untergeordneter und abh&auml;ngiger Status, in dem das &bdquo;Dritte Rom&rdquo; (Moskau, in der s&auml;kularen imperialen Ideologie des 16. Jahrhunderts) auf seine Identit&auml;t und die Realit&auml;t einer Gro&szlig;macht verzichten musste, mit seiner neuen Bourgeoisie in der Rolle des Vermittlers im Rohstoffhandel. Das Ergebnis waren die 1990er-Jahre mit enormen M&ouml;glichkeiten der privaten Bereicherung f&uuml;r einige wenige, Elend und demografischem Zusammenbruch f&uuml;r viele andere sowie Dem&uuml;tigung und Ohnmacht auf der internationalen B&uuml;hne durch die sukzessive Erweiterung der NATO und die westliche Unterst&uuml;tzung des Sezessionismus in Russland. Mit der erfolgreichen sozialen Re-Konversion der herrschenden Kaste begann Putin die Wiederherstellung der russischen Macht und damit den Zusammensto&szlig; mit dem &bdquo;real existierenden Kapitalismus&rdquo;. Die russische Elite verlor ihre Illusionen und begann, einen Plan auszuarbeiten, um sich die Achtung des Westens zu verschaffen. Der hat die internen Prozesse und Realit&auml;ten Russlands nie wirklich verstanden.<\/p><p>Russlands r&auml;uberische Elite besteht aus &bdquo;politischen Kapitalisten&rdquo; [<a href=\"#foot_31\" name=\"note_31\">31<\/a>], d. h. aus einer gesellschaftlichen Gruppe, die ihren Wettbewerbsvorteil aus dem Gewinn zieht, den sie aus ihrer privilegierten Kontrolle &uuml;ber den Staat schafft. Dazu ist sie auf das westliche transnationale Kapital angewiesen, das ihre privaten Rechte anerkennt. Der russische Energiesektor beispielsweise ist &bdquo;nationales&rdquo; Eigentum, das von Russland, d. h. von den Eigent&uuml;mern des russischen Staates, kontrolliert wird. Die russischen &bdquo;Oligarchen&rdquo; sind dem russischen Staat untergeordnet, so wie der russische Adel der zaristischen Autokratie untergeordnet war. Dies ist eine jahrhundertealte Tradition in Russland. Im geografischen Umfeld Russlands muss eine Dominanz oder zumindest ein Kondominium anerkannt werden, in dem die Interessen der russischen Kapitalistenklasse vom westlichen transnationalen Kapital respektiert werden [<a href=\"#foot_32\" name=\"note_32\">32<\/a>]. F&uuml;r die r&auml;uberische westliche Elite ist das inakzeptabel. Seine Unternehmen, denen die Regierungen &uuml;bergeordnet sind, lassen keine &bdquo;Zur&uuml;ckhaltung&rdquo; zu. Die nat&uuml;rlichen Ressourcen Russlands m&uuml;ssen f&uuml;r die Pl&uuml;nderung durch das globale Kapital ge&ouml;ffnet werden. Wenn der Traum der amerikanischen Geopolitik darin besteht, den russischen Staat in mehrere Republiken aufzuteilen, dann genau deshalb, um das Reservat aufzubrechen und die russischen politischen Kapitalisten in eine blo&szlig;e K&auml;ufer-, Untergebenen- und Vermittlerklasse zu verwandeln. <\/p><p>Aber die russische Elite akzeptiert diese Rolle nicht. Und weil sie sie nicht akzeptiert, ist der Konflikt entstanden und hat eine ganze Reihe von Ver&auml;nderungen sowohl in der russischen Au&szlig;en- als auch in der Innenpolitik ausgel&ouml;st, auf die wir sp&auml;ter noch eingehen werden. Damit will ich sagen: H&auml;tte das westliche Kapital freien Zugang zur Kontrolle der russischen Energie- und Bodensch&auml;tze gehabt und h&auml;tte sich die russische Elite in diesem Gesch&auml;ft damit begn&uuml;gt, sich den ausl&auml;ndischen Interessen unterzuordnen und ihnen entgegenzukommen, h&auml;tte es keine NATO-Erweiterung gegeben und Russland w&auml;re auch nicht ausgeschlossen worden. Es h&auml;tte auch keine D&auml;monisierung des Putin-Regimes gegeben, das aufgrund seiner bekannten Untaten nicht schlimmer ist als die F&uuml;hrer anderer &bdquo;befreundeter&rdquo; L&auml;nder wie des NATO-Mitglieds T&uuml;rkei, das in Zypern einmarschiert ist und in der Vergangenheit die Kurden misshandelt hat, oder Israels, eines Kolonialstaates, der in der Vergangenheit die Pal&auml;stinenser massakriert hat, oder Saudi-Arabiens, dessen theokratisches Regime Dissidenten mit Kettens&auml;gen in diplomatischen R&auml;umlichkeiten zerlegt hat, um nur einige der L&auml;nder zu nennen, zu denen der Westen enge und freundschaftliche Beziehungen unterh&auml;lt. All dies wird viel deutlicher, wenn man es vor dem Hintergrund eines Konflikts liest, in dem die einen die Anerkennung ihres &bdquo;geo&ouml;konomischen&rdquo; Gebiets anstreben, was der Kreml als &bdquo;unsere legitimen Interessen&rdquo; (oder zumindest ein Gemeinwesen) bezeichnet, w&auml;hrend die anderen dies nicht anerkennen wollen, weil ihr Gebiet die ganze Welt ist, in der Russland und seine Nachbarschaft keine Ausnahme bilden d&uuml;rfen. In Verbindung mit endogenen Faktoren hatte dieser Prozess Folgen f&uuml;r die &bdquo;Stimmungen&rdquo; in Russland, erschwerte seine Demokratisierung und sein Verh&auml;ltnis zu seiner Umwelt und beg&uuml;nstigte ein Wiederaufleben der traditionellen Moskauer Autokratie unter Boris Jelzin (eine Autokratie, die im ersten Jahrzehnt der Herrschaft Wladimir Putins noch westlich orientiert war).<\/p><p>In der Ukraine haben 30 Jahre chaotischer Staatsf&uuml;hrung zu vielen sozialen Katastrophen gef&uuml;hrt, aber auch dazu, dass dieses &bdquo;Fast-Russland&rdquo; immer mehr zur &bdquo;Ukraine&rdquo; wurde. Nach einer Generation, in der die Menschen in einer &bdquo;souver&auml;nen und abh&auml;ngigen&rdquo; Ukraine lebten, entwickelte sich eine b&uuml;rgerliche und plurale ukrainische Nationalidentit&auml;t, sogar im S&uuml;dosten des Landes, in den Regionen mit dem h&ouml;chsten Anteil an ethnischen Russen und, wo das Gewicht der russischen Kultur und Sprache am gr&ouml;&szlig;ten ist.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/240830_Rafael-Poch-de-Feliu-07.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/240830_Rafael-Poch-de-Feliu-07-thumb.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><small>Eigene Erarbeitung aus Mearsheimer, J.J. (2015). <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=JrMiSQAGOS4\">Why is Ukraine the West&rsquo;s Fault? Featuring John Mearsheimer. The University of Chicago<\/a>). <\/small><\/p><p>In den Regionen der Westukraine, die nie zum Russischen Reich und seinem Christentum geh&ouml;rten, bl&uuml;hte ein ethnisch-lateinischer Nationalismus auf, der einen stark antirussischen und ausgrenzenden Charakter gegen&uuml;ber den gro&szlig;en russophilen und russischsprachigen Sektoren des Landes aufwies. Dieser Nationalismus mit rechtsextremen Geschichtsnarrativen, der im ganzen Land in der Minderheit war, gewann allm&auml;hlich an Boden gegen&uuml;ber einem b&uuml;rgerlichen Nationalismus, der in der Lage war, die verschiedenen Identit&auml;ten der Ukraine zu integrieren. <\/p><p>Die d&uuml;stere Realit&auml;t der &bdquo;Marktwirtschaft&rdquo; und der weit verbreitete Diebstahl durch die Eliten im Lande beg&uuml;nstigten auch den Ethnizismus und die Suche nach ausl&auml;ndischen Schuldigen. Im Jahr 2014 wurde dieser ethnische Nationalismus mit einer Mischung aus sozialer Revolte und Staatsstreich, die vom Westen stark unterst&uuml;tzt und im Osten und S&uuml;den des Landes abgelehnt wurde, endg&uuml;ltig dem ganzen Land angelastet. In diesem Zusammenhang annektierte Russland mit Zustimmung der &uuml;berwiegenden Mehrheit der Bev&ouml;lkerung der Halbinsel die Krim, was einen bewaffneten Aufstand im Donbass ausl&ouml;ste, zun&auml;chst ohne gro&szlig;e russische Unterst&uuml;tzung. So begann ein B&uuml;rgerkrieg, ohne den die anschlie&szlig;ende russische Invasion sehr schwierig, wenn nicht gar unm&ouml;glich gewesen w&auml;re. Die neue, vom Westen unterst&uuml;tzte Regierung in Kiew stellte den Aufstand im Donbass von Anfang an als &bdquo;Anti-Terror-Operation&rdquo; dar, die darauf abzielte, die sogenannten <em>nedoukraintsy<\/em>, d. h. &bdquo;Menschen, die aus Sicht des ethnischen Nationalismus nicht ausreichend ukrainisch sind&rdquo;, zu unterdr&uuml;cken. Laut NATO-Generalsekret&auml;r Jens Stoltenberg begann der Krieg der NATO gegen Russland &bdquo;2014&Prime; und nicht erst 2022 [<a href=\"#foot_33\" name=\"note_33\">33<\/a>]. Und laut dem B&uuml;ro des UN-Hochkommissars f&uuml;r Menschenrechte hatte er vor der russischen Invasion etwa 14.000 Tote zur Folge, die H&auml;lfte davon Zivilisten und die meisten von ihnen aus russophilen Ortschaften. Es waren Opfer der ukrainischen Armee, die damals aus rechten Milizen bestand [<a href=\"#foot_34\" name=\"note_34\">34<\/a>]. Warum 2014? Wegen der russischen Annexion der Krim im M&auml;rz desselben Jahres.<\/p><p>Die Annexion der Krim war die tr&ouml;stliche Antwort des Kremls auf den schmerzlichen &bdquo;Verlust der Ukraine&rdquo;, d. h. auf die Tatsache, dass Kiew zum Westen &uuml;bergelaufen war und seine Politik endg&uuml;ltig gegen Russland gerichtet hatte. Die makellose russische Milit&auml;roperation, die die Annexion erm&ouml;glichte, sowie die &uuml;berw&auml;ltigende Unterst&uuml;tzung, die sie in der Bev&ouml;lkerung der Halbinsel fand, waren eine unertr&auml;gliche milit&auml;rische und imagem&auml;&szlig;ige Herausforderung f&uuml;r die kontinentale Disziplin des Atlantizismus. Das war aber nicht wegen der klaren Verletzung des internationalen Rechts und der territorialen Integrit&auml;t eines Landes. Schlie&szlig;lich hat Marokko die Westsahara annektiert, die T&uuml;rkei hat die t&uuml;rkisch-zyprische Republik unterst&uuml;tzt, und Israel hat jahrzehntelang Teile Pal&auml;stinas und Syriens besetzt, ohne dass der Atlantizismus damit ein Problem gehabt h&auml;tte. Dar&uuml;ber hinaus hat die NATO selbst die Unabh&auml;ngigkeit des Kosovo im Jahr 1999 milit&auml;risch unterst&uuml;tzt, und ihre Mitgliedsstaaten haben eine lange Reihe von v&ouml;lkerrechtswidrigen Angriffskriegen und Landbesetzungen durchgef&uuml;hrt, ohne dass dies ein gro&szlig;es Problem darstellte. Der Fall der Krim war anders. Die &Uuml;berschreitung war das Werk eines gegnerischen Landes und zudem sauber, von der Mehrheit der Bev&ouml;lkerung akzeptiert und ohne jegliche Gewaltanwendung; mit anderen Worten, es war nicht nur ein milit&auml;rischer Bruch der westlichen Ordnung in Europa, sondern auch ein Beweis f&uuml;r die Welt, dass die westliche Hegemonialmacht umgangen werden kann. Von diesem Moment an war es klar, dass es eine westliche milit&auml;rische Antwort auf Russland geben w&uuml;rde und dass die Herausforderung nicht ungestraft bleiben w&uuml;rde. Der Kreml wusste, was auf ihn zukam, und griff ein Jahr sp&auml;ter milit&auml;risch ein, um dem syrischen Regime zu helfen. Das diente ihm unter anderem dazu, seine Streitkr&auml;fte in einem echten Kriegsszenario zu trainieren.<\/p><p>Die Friedensverhandlungen im Rahmen des Minsker Abkommens, an denen angeblich Frankreich und Deutschland als Vermittler beteiligt waren, waren lediglich ein Trick, um &bdquo;Zeit zu gewinnen und die Ukraine auf einen Krieg vorzubereiten&rdquo;, wie die ehemalige deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel [<a href=\"#foot_35\" name=\"note_35\">35<\/a>] und der ehemalige franz&ouml;sische Pr&auml;sident Fran&ccedil;ois Hollande zugegeben haben [<a href=\"#foot_36\" name=\"note_36\">36<\/a>] und der ehemalige ukrainische Pr&auml;sident Petro Poroschenko best&auml;tigt hat [<a href=\"#foot_37\" name=\"note_37\">37<\/a>][<a href=\"#foot_38\" name=\"note_38\">38<\/a>]. In den letzten zwei Jahren vor der russischen Invasion waren die Signale gegen Russland eindeutig. Im Jahr 2019 schlug ein langes Papier der RAND Corporation, der f&uuml;hrenden Denkfabrik des Pentagon, mit dem Titel &bdquo;Overextending and Unbalancing Russia&rdquo; einen detaillierten Katalog zur Bedr&auml;ngung Moskaus vor. Erstes und wichtigstes Szenario war die &bdquo;Unterst&uuml;tzung der Ukraine mit Waffen&rdquo;, was schon seit 2014 geschah [<a href=\"#foot_39\" name=\"note_39\">39<\/a>][<a href=\"#foot_40\" name=\"note_40\">40<\/a>]. Zum Zeitpunkt der Ver&ouml;ffentlichung dieses Dokuments sagten f&uuml;hrende ukrainische Politiker wie der wortgewandte und stets n&uuml;chterne Berater des ukrainischen Pr&auml;sidenten, Aleksei Arestowitsch, bereits &ouml;ffentlich, dass &bdquo;der Preis f&uuml;r die NATO-Mitgliedschaft der Ukraine ein Krieg gegen Russland und dessen Niederlage&rdquo; sei, ein &bdquo;unvermeidliches&rdquo; Szenario, das er f&uuml;r &bdquo;2021 oder 2022&Prime; voraussah [<a href=\"#foot_41\" name=\"note_41\">41<\/a>]. Im Februar 2019 wurde die ukrainische Verfassung ge&auml;ndert und die NATO-Mitgliedschaft zu einem erkl&auml;rten Ziel der Regierung gemacht. Im M&auml;rz 2021 verabschiedete Pr&auml;sident Selenskyj die sogenannte &bdquo;Krim-Plattform&rdquo;, ein Programm, das die Wiedereingliederung der Krim in die Ukraine mit milit&auml;rischen Mitteln vorsah. <\/p><p>Im Juni desselben Jahres unterzeichnete das Vereinigte K&ouml;nigreich ein Abkommen zur Modernisierung der ukrainischen Seestreitkr&auml;fte nach den Zwischenf&auml;llen zwischen Russland und der Ukraine im Asowschen Meer im April 2021. Im Juni 2021 organisierten die Vereinigten Staaten und die Ukraine au&szlig;erdem Marine&uuml;bungen in der Nordsee, an denen 32 L&auml;nder teilnahmen, und im August unterzeichneten sie bilaterale Abkommen &uuml;ber milit&auml;rische Zusammenarbeit und strategische Partnerschaft. Zwischen M&auml;rz und Juni f&uuml;hrte die NATO das Man&ouml;ver Defender 21 durch, einen gro&szlig;en Milit&auml;reinsatz mit dem Szenario eines russischen Angriffs auf Europa. Daraufhin verlegte die Ukraine Zehntausende von Truppen in die N&auml;he der Rebellenregion Donbass, und Russland verst&auml;rkte seine Truppen an der Grenze zur Ukraine. Im Dezember schickte Moskau zwei Dokumente an die NATO und Washington, um die Krise durch einen NATO-R&uuml;ckzug und einen Neutralit&auml;tsstatus f&uuml;r die Ukraine zu l&ouml;sen. Beide Antr&auml;ge wurden abgelehnt. Drei Tage vor dem russischen Einmarsch drohte Pr&auml;sident Selenskyj auf der M&uuml;nchner Sicherheitskonferenz, einem j&auml;hrlichen Treffen der Atlantiker, das Budapester Memorandum von 1994 aufzuk&uuml;ndigen und der Ukraine das Recht auf den Besitz von Atomwaffen zur&uuml;ckzugeben.<\/p><p>Nichts von alledem rechtfertigt die anschlie&szlig;ende russische Invasion, aber es verleiht der Behauptung von Pr&auml;sident Putin, dass die Dinge f&uuml;r Russland schlimmer gelaufen w&auml;ren, wenn er seine Invasion nicht gestartet h&auml;tte, weil die Ukraine milit&auml;risch st&auml;rker geworden w&auml;re und die Krim und den Donbas angegriffen h&auml;tte, einen gewissen Kontext und eine gewisse Plausibilit&auml;t [<a href=\"#foot_42\" name=\"note_42\">42<\/a>]. Was die Ukraine anbelangt, so besteht die Trag&ouml;die darin, dass ihre F&uuml;hrer ebenfalls zur Aufrechterhaltung des Konflikts beigetragen haben. Solange die ukrainische Regierung den inneren Pluralismus des Landes nicht wieder anerkennt, wird es keinen Frieden und keine territoriale Integrit&auml;t geben [<a href=\"#foot_43\" name=\"note_43\">43<\/a>]. Und das scheint schwieriger zu sein als ein Szenario, in dem Russland einen Gro&szlig;teil seines Territoriums im S&uuml;den und Osten annektiert, was ebenfalls nicht zu einer stabilen Situation f&uuml;hren wird.<\/p><p><strong>Der Bruch mit Russland und die Umwandlung des russischen Bonapartistenregimes<\/strong><\/p><p>Die Ukraine-Krise und die Reaktion des Westens in Form von beispiellosen Sanktionen und der gr&ouml;&szlig;ten westlichen Milit&auml;r- und Finanzhilfe f&uuml;r ein anderes Land seit dem Zweiten Weltkrieg haben den Bruch Russlands mit dem Westen besiegelt. Schauen wir uns nun an, worin dieser Bruch besteht.<\/p><p>Da die Au&szlig;enpolitik der EU und der USA in den letzten 30 Jahren darin bestand, die europ&auml;ischen Trennlinien bis an die Grenzen Russlands zu verschieben, wurde die Situation f&uuml;r Moskau zunehmend ung&uuml;nstig.<\/p><p>Als die Ukraine-Krise Moskaus letzte Illusionen &uuml;ber ein &bdquo;Gro&szlig;-Europa&rdquo; zunichtemachte, k&uuml;ndigte Russland seinen Bruch an: Es erkl&auml;rte die EU zu einem &bdquo;unzuverl&auml;ssigen Partner&rdquo; (bei dem ber&uuml;hmten Besuch des Hohen Vertreters der EU f&uuml;r Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik, Josep Borrell, in Moskau im Februar 2021) und bekr&auml;ftigte seine Haltung zum Projekt Gro&szlig;-Eurasien. Hier stehen wir heute [<a href=\"#foot_44\" name=\"note_44\">44<\/a>].<\/p><p>Was ist dieses &bdquo;Gr&ouml;&szlig;ere Eurasien&rdquo;? In Moskau sagt man, es bedeute nichts weniger als das Ende von 300 Jahren europ&auml;ischer Orientierung, einen Bruch mit der von Zar Peter dem Gro&szlig;en im 18. Jahrhundert initiierten Politik. Der neue Ansatz, so hei&szlig;t es, besteht nicht mehr darin, sich in Europa oder mit Europa zu integrieren, sondern die Situation umzukehren, indem Europa in Gro&szlig;-Eurasien integriert wird. Moskau betrachtet seine Beziehungen zur EU von der gleichen Position aus, wie China oder Indien ihre Beziehungen zu Br&uuml;ssel betrachten.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/240830_Rafael-Poch-de-Feliu-08.png\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/240830_Rafael-Poch-de-Feliu-08.png\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Ich habe den Eindruck, dass die EU noch nicht erkannt hat, dass sie f&uuml;r Moskau wenig z&auml;hlt und Moskau noch viel weniger k&uuml;mmert. In Br&uuml;ssel, Berlin und Paris hielt man sich f&uuml;r unentbehrlich und unersetzlich; man glaubte, die Sanktionen w&uuml;rden Russland &ndash; in den Worten der deutschen Au&szlig;enministerin Annalena Baerbock [<a href=\"#foot_45\" name=\"note_45\">45<\/a>] &ndash; &bdquo;ruinieren&rdquo;, &bdquo;seine wirtschaftliche Basis drastisch aush&ouml;hlen&rdquo; und es zu einer &bdquo;von der Welt abgeschnittenen Autarkie&rdquo; verurteilen, die &ndash; in den Worten der Pr&auml;sidentin der Europ&auml;ischen Kommission, Ursula von der Leyen [<a href=\"#foot_46\" name=\"note_46\">46<\/a>] &ndash; &bdquo;jede Aussicht auf Modernisierung&rdquo; verringern w&uuml;rde. Aber es hat sich herausgestellt, dass dies nicht der Fall ist. Moskau f&uuml;hrt bisher erfolgreich ein umfangreiches Programm zur Substitution westlicher Importe durch, indem es seine eigene Produktion aktiviert: Automobilbau, Lebensmittel, Elektronik, Maschinen, Schiffbau, Luftfahrt, Landwirtschaft, Pharmazeutika, Maschinenbau und so weiter. Die Energiekorridore wenden sich allm&auml;hlich dem Osten zu. Was Russland nicht produzieren kann, wird von China gekauft, das die Alternative zu Deutschland darstellt. Gleichzeitig wird ein gr&ouml;&szlig;erer innerer sozialer Zusammenhalt angestrebt, und die Kriegsindustrie kurbelt die Wirtschaft an [<a href=\"#foot_47\" name=\"note_47\">47<\/a>].<\/p><p>All dies hat gro&szlig;e Auswirkungen auf die Umwandlung des russischen bonapartistischen Regimes, das nicht nur autorit&auml;rer und repressiver wird (Debatten sind erlaubt, aber nicht die frontale Kritik am Krieg, mit Gef&auml;ngnisstrafen f&uuml;r Dissidenten auf der linken und rechten Seite), sondern auch &bdquo;sozialer&rdquo; und &bdquo;sowjetischer&rdquo; in seinem innen- und au&szlig;enpolitischen Ansatz. Mit dem Ukraine-Krieg und dem damit einhergehenden gro&szlig;en Wandel &auml;ndert das Regime fast alles; es transformiert und konsolidiert sich, um an der Macht zu bleiben. Das Ergebnis ist das &bdquo;Glaziev-Paradoxon&rdquo; [<a href=\"#foot_48\" name=\"note_48\">48<\/a>]: Der Kampf zwischen dem westlichen transnationalen globalistischen Kapitalismus und dem russischen politischen Kapitalismus sowie die Weigerung, die russische Elite als gleichberechtigt im globalen Club der Ausbeuter zu behandeln, dr&auml;ngen Moskau zu einer gewissen &bdquo;Sowjetisierung&rdquo;. Es &auml;ndert den Gesellschaftsvertrag in der Innenpolitik (mehr Verteilung, mehr staatliche Kontrolle, mehr Keynesianismus und weniger Markt und sicherlich mehr Repression) und in der Au&szlig;enpolitik (Betonung des Antikolonialismus, Antiwestlichkeit, Betonung der Rolle der BRICS, Beziehungen zu Afrika, Lateinamerika und nat&uuml;rlich Asien). Das Ergebnis ist so pittoresk, dass etwa Pr&auml;sident Putin, ein &uuml;berzeugter konservativer und antikommunistischer Verfechter der &bdquo;Marktwirtschaft&rdquo;, in seiner letzten Rede vor dem Lateinamerika-Forum in Moskau im September 2023 Fidel Castro, Che Guevara und Pr&auml;sident Allende lobte. Dieser Wandel vollzieht sich jetzt und muss mit gr&ouml;&szlig;ter Aufmerksamkeit verfolgt werden [<a href=\"#foot_49\" name=\"note_49\">49<\/a>].<\/p><p>All dies mag aus dem Munde so konservativer und antikommunistischer Pers&ouml;nlichkeiten wie der derzeitigen russischen F&uuml;hrung eher befremdlich erscheinen, aber in gewisser Weise war dies das Paradoxon der UdSSR: eine autokratische und tyrannische Supermacht, politisch in vielerlei Hinsicht reaktion&auml;r und gleichzeitig egalit&auml;r und sozial ausgleichend, mit einer grundlegenden Rolle als Gegengewicht zum westlichen Hegemonismus in der Welt [<a href=\"#foot_50\" name=\"note_50\">50<\/a>].<\/p><p>Zusammenfassend l&auml;sst sich sagen, dass 1) das Bestreben, Russland aus Europa auszuschlie&szlig;en, dazu gef&uuml;hrt hat, dass Moskau nach strategischen Partnerschaften im Osten Ausschau h&auml;lt; 2) das eurasische Russland sehr viel weniger abh&auml;ngig von der EU geworden ist (seine strategischen Industrien, Transportkorridore und Finanzinstrumente sind weniger vom Westen abh&auml;ngig) und 3) die EU gleichzeitig abh&auml;ngiger von den USA und damit schw&auml;cher wird [<a href=\"#foot_51\" name=\"note_51\">51<\/a>].<\/p><p><em>Lesen Sie am n&auml;chsten Samstag den dritten Teil.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Screencap La Casa Encendida via YouTube<\/small><\/p><p><em><strong>Rafael Poch-de-Feliu<\/strong> (Barcelona, 1956) war 35 Jahre lang Auslandskorrespondent, die meisten davon in Moskau und Peking f&uuml;r La Vanguardia (1988-2008). In den 1970er- und 1980er-Jahren studierte er Geschichte in Barcelona und West-Berlin, war Korrespondent f&uuml;r die Tageszeitung und reiste als Korrespondent durch Osteuropa (1983-1987). Er hat gelegentlich f&uuml;r die spanische Ausgabe von Le Monde Diplomatique und die Pekinger Zeitschrift DuShu geschrieben. Er ist Autor mehrerer B&uuml;cher &uuml;ber Russland und China und war Gastprofessor f&uuml;r internationale Beziehungen an der Universitat Pompeu Fabra (UPF) in Barcelona und an der Universidad Nacional de Educaci&oacute;n a Distancia (UNED). Au&szlig;erdem schreibt er f&uuml;r das digitale Magazin Ctxt unter der Rubrik &bdquo;Combatant Empires&rdquo; und unterh&auml;lt einen pers&ouml;nlichen Blog: <a href=\"http:\/\/www.rafaelpoch.com\">rafaelpoch.com<\/a>.<\/em><\/p><p><em><strong>&Uuml;ber das JHU-UPF Public Policy Center<\/strong><\/em><\/p><p><em>Das JHU-UPF Public Policy Center ist ein internationaler Referenzpunkt f&uuml;r Forscher und Studenten im Bereich der &ouml;ffentlichen Politik, der 2013 gemeinsam von der Johns Hopkins University (JHU) und der Universitat Pompeu Fabra (UPF) in Barcelona gegr&uuml;ndet wurde. Unser Hauptziel ist die Durchf&uuml;hrung und F&ouml;rderung von Forschung, Lehre und Politik in den wichtigsten Bereichen, die sich auf das soziale Wohlergehen, die Lebensqualit&auml;t und die Gesundheit der Bev&ouml;lkerung auswirken.<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_28\" name=\"foot_28\">&laquo;28<\/a>] Die Charta von Paris f&uuml;r das neue Europa der Organisation f&uuml;r Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), die im November 1990 im Pariser Elys&eacute;e-Palast unterzeichnet wurde, enthielt den Entwurf einer integrierten kontinentalen Sicherheit, d. h. das Ende des Kalten Krieges, der Europa und die Welt in zwei Bl&ouml;cke geteilt hatte. In der Pr&auml;ambel wurde verk&uuml;ndet, dass &bdquo;die &Auml;ra der Konfrontation und der Teilung Europas vorbei ist&rdquo;. Im Abschnitt &uuml;ber &bdquo;Freundschaftliche Beziehungen zwischen den Teilnehmerstaaten&rdquo; hei&szlig;t es: &bdquo;Sicherheit ist unteilbar. Die Sicherheit eines jeden Teilnehmerstaates ist untrennbar mit der Sicherheit der anderen verbunden.&ldquo; Im Abschnitt &uuml;ber &bdquo;Sicherheit&rdquo; wurde &bdquo;ein neues Konzept der europ&auml;ischen Sicherheit&rdquo; angek&uuml;ndigt, das den Beziehungen zwischen den europ&auml;ischen Staaten eine &bdquo;neue Qualit&auml;t&rdquo; verleihen w&uuml;rde. &bdquo;Die Situation in Europa er&ouml;ffnet neue M&ouml;glichkeiten f&uuml;r ein gemeinsames Vorgehen im Bereich der milit&auml;rischen Sicherheit&rdquo;, wird versprochen. &bdquo;Wir werden auf den wichtigen Errungenschaften des KSE-Abkommens (Konventionelle Abr&uuml;stung in Europa) und der Gespr&auml;che &uuml;ber vertrauens- und sicherheitsbildende Ma&szlig;nahmen aufbauen. Man glaubte sogar an die Verpflichtung, &bdquo;sp&auml;testens 1992 neue Abr&uuml;stungs- und vertrauens- und sicherheitsbildende Gespr&auml;che aufzunehmen&rdquo;. Stattdessen wurde Sicherheit auf Kosten der anderen angepeilt. Ein Jahr nach der Unterzeichnung der Charta von Paris, auf dem Gipfeltreffen in Rom im November 1991, zog die NATO zwei Schlussfolgerungen aus der Aufl&ouml;sung des Warschauer Paktes: &bdquo;Die erste Neuheit dieser Entwicklungen besteht darin, dass sie weder den Zweck noch die Sicherheitsfunktionen des B&uuml;ndnisses ber&uuml;hren, sondern seine fortdauernde G&uuml;ltigkeit unterstreichen. Die Zweite ist, dass diese Entwicklungen neue M&ouml;glichkeiten bieten, die Strategie des B&uuml;ndnisses in den Rahmen eines erweiterten Sicherheitsbegriffs zu stellen.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_29\" name=\"foot_29\">&laquo;29<\/a>] Daran erinnerte u. a. George Friedman, der Direktor einer der wichtigsten US-Denkfabriken, Stratfor, im Jahr 2015 auf einer Konferenz in Chicago. Friedman, G. (15. June 2015). STRATFOR: US-Hauptziel war es immer, B&uuml;ndnis Deutschland + Russland zu verhindern <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=gcj8xN2UDKc\">[Video]<\/a>. Siehe auch: Poch-de-Feliu, R. (2003). La quiebra optimista del orden europeo. In: The Great Transition. Russland 1985-2002. Barcelona: Critica (neu aufgelegt 2022); und Sarotte, M. E. (2021). Not one inch. America, Russia and the Making of Post-Cold War Stalemate. New Haven: Yale University Press.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_30\" name=\"foot_30\">&laquo;30<\/a>] Brzezinski sagte: &bdquo;Das wichtigste geostrategische Ziel der Vereinigten Staaten in Europa ist es, den amerikanischen Br&uuml;ckenkopf auf dem eurasischen Kontinent zu konsolidieren.&rdquo; Siehe: Brzezinski, Z. (1997). The Grand Chessboard. American Primacy and its Geostrategic Imperatives. New York: Basic Books. [Englische &Uuml;bersetzung: Brzezinski, Z. (1999). El gran tablero mundial: La supremac&iacute;a estadounidense y sus imperativos geoestrat&eacute;gicos. Madrid: Taurus].<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_31\" name=\"foot_31\">&laquo;31<\/a>] Zur postsowjetischen Elite und ihren &bdquo;politischen Hauptst&auml;dten&rdquo; siehe die Artikel des ukrainischen Soziologen Volodymyr Ishchenko sowie die Ausgabe 2022 von Poch-de-Feliu, R. (2003). The Great Transition. Russia 1985-2002. Barcelona: Cr&iacute;tica, einschlie&szlig;lich eines ukrainischen Nachworts.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_32\" name=\"foot_32\">&laquo;32<\/a>] Zur Unterordnung des russischen Adels unter die zaristische Autokratie siehe: Poch-de-Feliu, R. (2019). Understanding Putin&rsquo;s Russia. From humiliation to revival. Madrid: Akal.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_33\" name=\"foot_33\">&laquo;33<\/a>] Stoltenbergs Erkl&auml;rung am 14. Februar 2023 auf dem j&auml;hrlichen Treffen der NATO-Verteidigungsminister best&auml;tigte die Kreml-These, als er sagte: &bdquo;Der Krieg hat nicht im Februar letzten Jahres (2022) begonnen. Der Krieg begann im Jahr 2014. Und seit 2014 haben die NATO-Verb&uuml;ndeten die Ukraine mit Ausbildung und Material so unterst&uuml;tzt, dass die ukrainischen Streitkr&auml;fte 2022 viel st&auml;rker waren als 2020 und 2014.&rdquo; Stoltenberg, J. (14. Februar 2023). Erkl&auml;rung des NATO-Generalsekret&auml;rs Jens Stoltenberg im Vorfeld der Tagung der NATO-Verteidigungsminister in Br&uuml;ssel. <a href=\"https:\/\/www.nato.int\/cps\/en\/natohq\/opinions_211698.htm\">nato.int\/cps\/en\/natohq\/opinions_211698.htm<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_34\" name=\"foot_34\">&laquo;34<\/a>] <a href=\"https:\/\/ukraine.un.org\/sites\/default\/files\/2022-02\/Conflict-related%20civilian%20casualties%20as%20of%2031%20December%202021%20(rev%2027%20January%202022)%20corr%20EN_0.pdf\">B&uuml;ro des UN-Hochkommissars f&uuml;r Menschenrechte (2022). Konfliktbedingte zivile Todesopfer in der Ukraine<\/a>.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_35\" name=\"foot_35\">&laquo;35<\/a>] Hildebrandt, T. und di Lorenzo, G. (7. Dezember 2022). &bdquo;Hatten Sie gedacht, ich komme mit Pferdeschwanz?&rdquo; Angela Merkel &uuml;ber ihren neuen Lebensabschnitt, m&ouml;gliche Fehler ihrer Russlandpolitik, ihre Rolle in der Fl&uuml;chtlingskrise und die Frage, ob mit deutschen Kanzlern ungn&auml;dig umgegangen wird. Die Zeit Online. Abrufbar unter: <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2022\/51\/angela-merkel-russland-fluechtlingskrise-bundeskanzler\/komplettansicht\">zeit.de\/2022\/51\/angela-merkel-russland-fluechtlingskrise-bundeskanzler\/komplettansicht<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_36\" name=\"foot_36\">&laquo;36<\/a>] Provost, T. (28. Dezember 2022). Hollande: &bdquo;Es wird nur einen Ausweg aus dem Konflikt geben, wenn Russland auf dem Boden versagt.&rdquo; The Kyiv Independent. <a href=\"https:\/\/kyivindependent.com\/hollande-there-will-only-be-a-way-out-of-the-conflict-when-russia-fails-on-the-ground\/\">kyivindependent.com\/hollande-there-will-only-be-a-way-out-of-the-conflict-when-russia-fails-on-the-ground\/<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_37\" name=\"foot_37\">&laquo;37<\/a>] Poroschenko gab in einer Reihe von Interviews mit westlichen Medien, darunter die Deutsche Welle und die ukrainische Abteilung von Radio Free Europe, zu, dass der Waffenstillstand von 2015 ein Ablenkungsman&ouml;ver war, um Kiew Zeit f&uuml;r den Wiederaufbau seiner Armee zu verschaffen. In seinen Worten: &bdquo;Wir hatten alles erreicht, was wir wollten. Unser Ziel war in erster Linie, die [russische] Bedrohung zu stoppen oder zumindest den Krieg zu verz&ouml;gern: acht Jahre Zeit zu gewinnen, um das Wirtschaftswachstum wiederherzustellen und eine schlagkr&auml;ftige Armee aufzubauen.&rdquo;<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_38\" name=\"foot_38\">&laquo;38<\/a>] Zwei Monate nach den Interviews mit Merkel und Hollande verwies Pr&auml;sident Selenskyj in einem Interview mit dem deutschen Spiegel auf die gleiche Situation wie Poroschenko und sagte, dass &bdquo;in der Diplomatie die T&auml;uschung vollkommen ausreichend ist&rdquo;. Siehe: Esch, C., Klusmann, S. und Schr&ouml;der, T. (9. Februar 2023). Wolodymyr Selenskyj: &bdquo;Putin ist ein Drache, der fressen muss&rdquo;. Spiegel. <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/ausland\/wolodymyr-selenskyj-im-interview-putin-ist-ein-drache-der-fressen-muss-a-458b7fe2-e15a-49a9-a38e-4bfba834f27b\">spiegel.de\/ausland\/wolodymyr-selenskyj-im-interview-putin-ist-ein-drache-der-fressen-muss-a-458b7fe2-e15a-49a9-a38e-4bfba834f27b<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_39\" name=\"foot_39\">&laquo;39<\/a>] Seit 2014 hat der Westen begonnen, Milliarden an die Ukraine zu geben, um ihre Armee f&uuml;r den Kampf gegen Russland zu bewaffnen und zu modernisieren. Sieben NATO-L&auml;nder bildeten acht Jahre lang 10.000 ukrainische Soldaten pro Jahr aus (80.000 Mann, laut Berichten des Wall Street Journal. Siehe: Michaels, D. (13. April 2022). Das Geheimnis des milit&auml;rischen Erfolgs der Ukraine: Jahrelange NATO-Ausbildung. Das Wall Street Journal. <a href=\"https:\/\/www.wsj.com\/articles\/ukraine-military-success-years-of-nato-training-11649861339\">wsj.com\/articles\/ukraine-military-success-years-of-nato-training-11649861339<\/a> &ndash; Dokumente der RAND Corporation: Dobbins, J., Cohen, R.S., Chandler, N., Frederick, B., Geist, E., DeLuca, P., Morgan, F.E., Shatz, H.J. und Williams, B. (2019). Overextending and Unbalancing Russia: Assessing the Impact of Cost-Imposing Options. Santa Monica: RAND Corporation. <a href=\"https:\/\/www.rand.org\/pubs\/research_briefs\/RB10014.html\">rand.org\/pubs\/research_briefs\/RB10014.html<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_40\" name=\"foot_40\">&laquo;40<\/a>] Vier Jahre sp&auml;ter und angesichts des Fiaskos seines vorherigen Rezepts bef&uuml;rwortete dieselbe Denkfabrik des Pentagon einen langen Krieg. Siehe: Charap, S. und Priebe, M. (2023). Avoiding a Long War: U.S. Policy and the Trajectory of the Russia-Ukraine Conflict. Santa Monica: RAND Corporation. <a href=\"https:\/\/www.rand.org\/pubs\/perspectives\/PEA2510-1.html\">rand.org\/pubs\/perspectives\/PEA2510-1.html<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_41\" name=\"foot_41\">&laquo;41<\/a>] Die Erkl&auml;rung von Aleksei Arestovich ist zu finden in: Roman Vynnytskiy (18. Februar 2019). Prognostizierter russisch-ukrainischer Krieg im Jahr 2019 &ndash; Alexey Arestovich <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=1xN-HmHpERH8\">[YouTube]<\/a>.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_42\" name=\"foot_42\">&laquo;42<\/a>] Am 14. Oktober 2022 antwortete Putin auf die Frage, ob er es bedauere, den Krieg begonnen zu haben: &bdquo;Jeder muss verstehen, dass das, was geschieht, gelinde gesagt unangenehm ist, aber wenn wir l&auml;nger gewartet h&auml;tten, w&auml;ren die Bedingungen f&uuml;r uns gleich, aber schlechter gewesen.&rdquo; F&uuml;r den unmittelbaren Weg, der zur russischen Invasion am 24. Februar 2022 f&uuml;hrte, siehe: Roberts, G. (2022). Now or Never: The Immediate Origins of Putin&rsquo;s Preventative War on Ukraine. Journal of Military and Strategic Studies; 22(2): 3-27.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_43\" name=\"foot_43\">&laquo;43<\/a>] Zu dieser wichtigen Frage: Petro, N.N. (2023) Die Trag&ouml;die der Ukraine. Was uns die klassische griechische Trag&ouml;die &uuml;ber Konfliktl&ouml;sung lehren kann. Berlin: De Gruyter Contemporary Social Sciences.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_44\" name=\"foot_44\">&laquo;44<\/a>] Das Schema EU 27+1 (Russland) bedeutete, dass der europ&auml;ische Raum von Br&uuml;ssel regiert wurde, und das Ungleichgewicht zu seinen Gunsten wurde durch Vereinbarungen mit Russlands Nachbarn, die den Sicherheitsdruck auf Moskau verst&auml;rkten, noch vergr&ouml;&szlig;ert. Nachdem sich die erl&ouml;sende Illusion von Gorbatschows &bdquo;gemeinsamem europ&auml;ischen Haus&rdquo; zerschlagen hatte, ging Russland dazu &uuml;ber, bescheidenere Formeln vorzuschlagen: 2008 ein &bdquo;Gr&ouml;&szlig;eres Europa&rdquo;-System mit einem Vorschlag f&uuml;r eine neue integrierte europ&auml;ische Sicherheit und 2010 einen Vorschlag f&uuml;r eine Russland\/EU-Union &bdquo;von Lissabon bis Wladiwostok&rdquo;. Sie hatten nicht mehr den erl&ouml;senden Ehrgeiz Gorbatschows, aber sie waren Vorschl&auml;ge f&uuml;r eine Koexistenz, die &bdquo;unsere legitimen Interessen&rdquo; anerkannten. Wenn das alles scheitert, kommt es zum Bruch.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_45\" name=\"foot_45\">&laquo;45<\/a>] Baerbock, A. (25. Februar 2022) Baerbock &uuml;ber Sanktionen &ndash; &bdquo;Das wird Russland ruinieren&rdquo;. RedaktionsNetzwerk Deutschland. <a href=\"https:\/\/www.rnd.de\/politik\/ukraine-krieg-baerbock-ueber-sanktionen-das-wird-russland-ruinieren-RZDYS2DEPRK5OST7ZGGRZ6UN4I.html\">rnd.de\/politik\/ukraine-krieg-baerbock-ueber-sanktionen-das-wird-russland-ruinieren-RZDYS2DEPRK5OST7ZGGRZ6UN4I.html<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_46\" name=\"foot_46\">&laquo;46<\/a>] von der Leyen, U. (3. M&auml;rz 2022). Von der Leyen: &bdquo;Russland ist isoliert und die Sanktionen erodieren seine Wirtschaft&rdquo;. BusinessTV <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=A246sor3QzA\">[YouTube]<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_47\" name=\"foot_47\">&laquo;47<\/a>] Die Sanktionen haben diesem Prozess einen au&szlig;erordentlichen Schub verliehen, aber alles begann 2003 mit der Verstaatlichung des Energiesektors, mit dem Fall Chodorkowski. Ende der 1990er-Jahre sah es so aus, als w&uuml;rde der Energiesektor vom Westen &uuml;bernommen werden, als Michail Chodorkowski, Eigent&uuml;mer des &Ouml;lkonzerns Yukos, sich anschickte, einen gro&szlig;en Teil seines Imperiums an Exxon Mobil und Chevron-Texaco zu verkaufen. Er prahlte sogar damit, dass er mit zehn Milliarden Dollar die russische Pr&auml;sidentschaft gewinnen k&ouml;nnte, weshalb er als Exempel f&uuml;r andere Oligarchen f&uuml;r zehn Jahre ins Gef&auml;ngnis kam. Dies war eine Episode in Putins Operation, den &bdquo;politischen Kapitalisten&rdquo; die Kontrolle &uuml;ber den Energiesektor zu entrei&szlig;en.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_48\" name=\"foot_48\">&laquo;48<\/a>] Sergei Glaziev ist ein linker russischer Wirtschaftswissenschaftler, der in verantwortlichen Positionen in der Regierung t&auml;tig war.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_49\" name=\"foot_49\">&laquo;49<\/a>] Putin, W. (29. September 2023). Er&ouml;ffnung der internationalen parlamentarischen Konferenz &bdquo;Russland &ndash; Lateinamerika&rdquo;. Rede des russischen Pr&auml;sidenten Wladimir Putin. Staatsduma der F&ouml;deralen Versammlung der Russischen F&ouml;deration. <a href=\"http:\/\/duma.gov.ru\/es\/multimedia\/video\/events\/93354\/\">duma.gov.ru\/es\/multimedia\/video\/events\/93354\/<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_50\" name=\"foot_50\">&laquo;50<\/a>] So wetterte beispielsweise der Sekret&auml;r des Sicherheitsrates, Nikolai Patruschew, gegen &bdquo;das kolonial-imperialistische Projekt des Westens&rdquo; und dessen &bdquo;r&auml;uberische Zivilisation&rdquo; und bot der Welt, insbesondere dem globalen S&uuml;den, Russlands &bdquo;alternativen Weg&rdquo; an. Siehe: Razvedchik (September 2023). Der Bankrott des Parasitenimperiums. <a href=\"http:\/\/svr.gov.ru\/upload\/iblock\/3eb\/15092023r.pdf\">svr.gov.ru\/upload\/iblock\/3eb\/15092023r.pdf<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_51\" name=\"foot_51\">&laquo;51<\/a>] Eine ideologische Konsequenz: Russland lehnt die liberale Hegemonie der EU und ihren Kult der Geschlechtervielfalt und des westlichen Lebensstils ab und bekennt sich zu einem Konservatismus, mit dem es sich nicht nur mit den europ&auml;ischen Konservativen, sondern vor allem mit einem patriarchalen Traditionalismus verbindet, der im globalen S&uuml;den absolut mehrheitsf&auml;hig ist. Siehe: Diesen, G. (2021). Russian Conservatism: Managing Change under Permanent Revolution. Lanham: Rowman &amp; Littlefield Publishers.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Gaza, die Ukraine und Eurasien in der Krise des westlichen Niedergangs.<\/strong> Seit dem 24. Jahr des 21. Jahrhunderts hat man das Gef&uuml;hl, dass die Entwicklungen des Krieges in der Ukraine und des Massakers im Gazastreifen das markieren, was die Russen &bdquo;vodorazdiel&ldquo; (&#1074;&#1086;&#1076;&#1086;&#1088;&#1072;&#1079;&#1076;&#1077;&#1083;) bezeichnen, eine &bdquo;Wasserscheide&rdquo;, die einen Meilenstein, einen Wendepunkt in der Krise des Niedergangs<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=120458\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":120454,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,205],"tags":[1543,374,1251,3360,2102,1426,1268,1792,2301,466,915,259,2147,260,1556],"class_list":["post-120458","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-neoliberalismus-und-monetarismus","tag-deutsche-einheit","tag-eliten","tag-eurasische-union","tag-europaeische-union","tag-geostrategie","tag-hegemonie","tag-kalter-krieg","tag-kolonialismus","tag-konfrontationspolitik","tag-nato","tag-putin-wladimir","tag-russland","tag-sowjetunion","tag-ukraine","tag-usa"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/240830_Rafael-Poch-de-Feliu-titel.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/120458","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=120458"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/120458\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":120617,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/120458\/revisions\/120617"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/120454"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=120458"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=120458"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=120458"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}