{"id":120486,"date":"2024-08-31T13:00:53","date_gmt":"2024-08-31T11:00:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=120486"},"modified":"2024-09-04T16:50:04","modified_gmt":"2024-09-04T14:50:04","slug":"wer-hat-den-ukraine-krieg-verursacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=120486","title":{"rendered":"Wer hat den Ukraine-Krieg verursacht?"},"content":{"rendered":"<p>Diese Frage ist seit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine am 24. Februar 2022 zutiefst umstritten. Die g&auml;ngige Meinung im Westen ist, dass Putin verantwortlich ist. Hier die sieben Hauptgr&uuml;nde, warum der US-amerikanische Politikwissenschaftler John Mearsheimer das ganz anders sieht und es f&uuml;r ihn drei Gr&uuml;nde gibt, warum die NATO-Erweiterung die Hauptursache ist. Von <strong>John J. Mearsheimer<\/strong>, &Uuml;bersetzung aus dem Englischen von <strong>Klaus-Dieter Kolenda<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4448\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-120486-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240904_Wer_hat_den_Ukraine_Krieg_verursacht_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240904_Wer_hat_den_Ukraine_Krieg_verursacht_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240904_Wer_hat_den_Ukraine_Krieg_verursacht_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240904_Wer_hat_den_Ukraine_Krieg_verursacht_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=120486-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240904_Wer_hat_den_Ukraine_Krieg_verursacht_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"240904_Wer_hat_den_Ukraine_Krieg_verursacht_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Vorbemerkungen:<\/strong><\/p><p>John J. Mearsheimer ist ein renommierter US-amerikanischer Politikwissenschaftler an der Universit&auml;t von Chicago, ein international anerkannter Experte f&uuml;r internationale Beziehungen und einer der Begr&uuml;nder der realistischen Schule der Geschichtswissenschaft in den USA[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]. Der vorliegende Artikel erschien am 5. August 2024 auf der US-Plattform Substack[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>]. Er wurde von Klaus-Dieter Kolenda mit Erlaubnis des Autors ins Deutsche &uuml;bertragen und mit einigen Zwischen&uuml;berschriften versehen.<\/p><p>Die Antwort auf die oben gestellte Frage ist von enormer Bedeutung, denn der Krieg ist aus einer Vielzahl von Gr&uuml;nden eine Katastrophe, von denen der Wichtigste ist, dass die Ukraine faktisch zerst&ouml;rt wird.<\/p><p>Das Land hat einen betr&auml;chtlichen Teil seines Territoriums verloren und wird wahrscheinlich noch mehr verlieren, seine Wirtschaft liegt in Tr&uuml;mmern, eine gro&szlig;e Zahl von Ukrainern sind Binnenvertriebene oder aus dem Land geflohen, und es hat Hunderttausende Opfer zu beklagen. Und nat&uuml;rlich hat auch Russland einen hohen Blutzoll zu tragen.<\/p><p>Auf der strategischen Ebene werden die Beziehungen zwischen Russland und Europa, ganz zu schweigen von Russland und der Ukraine, auf absehbare Zeit vergiftet sein, was bedeutet, dass die Gefahr eines gro&szlig;en Krieges in Europa noch lange Zeit bestehen bleiben wird, auch wenn sich der Ukraine-Krieg zu einem eingefrorenen Konflikt entwickeln wird.<\/p><p>Wer die Verantwortung f&uuml;r diese Katastrophe tr&auml;gt, ist eine Frage, die nicht so schnell aus der &Ouml;ffentlichkeit verschwinden wird, und wenn &uuml;berhaupt, wird sie wahrscheinlich noch wichtiger werden, wenn das Ausma&szlig; der Katastrophe f&uuml;r immer mehr Menschen erkennbar wird.<\/p><p>&bdquo;<strong>Nach der g&auml;ngigen Meinung im Westen ist Putin verantwortlich, weil er ein Imperialist ist&ldquo;<\/strong><\/p><p>Die g&auml;ngige Meinung im Westen ist, dass Wladimir Putin f&uuml;r den Ukraine-Krieg verantwortlich ist. Die Invasion zielte darauf ab, die gesamte Ukraine zu erobern und sie zu einem Teil eines Gro&szlig;russlands zu machen, so das Argument. Sobald dieses Ziel erreicht ist, werden sich die Russen daranmachen, ein Imperium in Osteuropa zu errichten &ndash; &auml;hnlich, wie es die Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg getan hat. Damit ist Putin letztlich eine Bedrohung f&uuml;r den Westen und muss mit allem Nachdruck bek&auml;mpft werden. Kurz gesagt, Putin ist ein Imperialist mit einem Masterplan, der sich nahtlos in eine reiche russische Tradition einf&uuml;gt.<\/p><p>&bdquo;<strong>Die USA und der Westen sind hauptverantwortlich, weil sie die Ukraine in die NATO aufnehmen wollen&ldquo;<\/strong><\/p><p>Die alternative Sichtweise, mit der ich mich identifiziere und die eindeutig als die Minderheitsmeinung im Westen angesehen wird, ist, dass die Vereinigten Staaten und ihre Verb&uuml;ndeten den Krieg provoziert haben. Damit soll nat&uuml;rlich nicht geleugnet werden, dass Russland in die Ukraine einmarschiert ist und den Krieg begonnen hat.<\/p><p>Die Hauptursache des Konflikts ist jedoch die Entscheidung der NATO, die Ukraine in das B&uuml;ndnis aufzunehmen, was praktisch von allen russischen politischen F&uuml;hrern als existenzielle Bedrohung angesehen wird, welche beseitigt werden muss.<\/p><p>Die NATO-Erweiterung ist jedoch Teil einer umfassenderen Strategie, die darauf abzielte, die Ukraine zu einem westlichen Bollwerk an der Grenze zu Russland zu machen. Kiew in die Europ&auml;ische Union (EU) zu bringen und eine Farbrevolution in der Ukraine zu f&ouml;rdern &ndash; sie in eine prowestliche liberale Demokratie zu verwandeln &ndash;, sind die beiden anderen S&auml;ulen dieser Politik.<\/p><p>Die russische F&uuml;hrung f&uuml;rchtet alle drei S&auml;ulen, aber sie f&uuml;rchtet die NATO-Erweiterung am meisten. Um dieser Bedrohung zu begegnen, hat Russland am 24. Februar 2022 einen Pr&auml;ventivkrieg begonnen.<\/p><p>Die Debatte &uuml;ber die Ursachen des Ukraine-Krieges heizte sich k&uuml;rzlich auf, als zwei prominente westliche Staats- und Regierungschefs &ndash; der ehemalige US-Pr&auml;sident Donald Trump und der prominente britische Parlamentsabgeordnete Nigel Farage &ndash; das Argument vorbrachten, dass die NATO-Erweiterung die treibende Kraft hinter dem Konflikt sei. Es &uuml;berrascht nicht, dass ihre Kommentare mit einem heftigen Gegenangriff von Verteidigern der konventionellen Meinung beantwortet wurden.<\/p><p>Es ist auch erw&auml;hnenswert, dass der scheidende NATO-Generalsekret&auml;r Jens Stoltenberg im vergangenen Jahr zweimal sagte, dass &bdquo;Pr&auml;sident Putin diesen Krieg begonnen hat, weil er die T&uuml;r der NATO schlie&szlig;en und der Ukraine das Recht verweigern wollte, ihren eigenen Weg zu gehen&ldquo;. Kaum jemand im Westen hat dieses bemerkenswerte Eingest&auml;ndnis des NATO-Chefs angefochten, und Stoltenberg selbst hat es auch nicht zur&uuml;ckgenommen.<\/p><p>Mein Ziel ist es, hier eine Einf&uuml;hrung zu geben, die die wichtigsten Punkte darlegt, die die Ansicht st&uuml;tzen, dass Putin nicht deshalb in die Ukraine einmarschiert ist, weil er ein Imperialist ist, der die Ukraine zu einem Teil eines Gro&szlig;russlands machen wollte, sondern vor allem wegen der NATO-Erweiterung und der Bem&uuml;hungen des Westens, die Ukraine zu einem westlichen Bollwerk an der russischen Grenze zu machen.<\/p><p>Lassen Sie mich mit den sieben Hauptgr&uuml;nden beginnen, warum die g&auml;ngige Meinung abzulehnen ist.<\/p><p><strong>Die sieben Hauptgr&uuml;nde, warum die g&auml;ngige Meinung im Westen &uuml;ber den Ukraine-Krieg abzulehnen ist<\/strong><\/p><p><strong>Erstens: <\/strong>Es gibt einfach keine Beweise aus der Zeit vor dem 24. Februar 2022 daf&uuml;r, dass Putin die Ukraine erobern und sie in Russland eingliedern wollte. Bef&uuml;rworter der g&auml;ngigen Meinung k&ouml;nnen auf nichts verweisen, was Putin geschrieben oder gesagt hat, das darauf hindeutet, dass er entschlossen war, die Ukraine zu erobern.<\/p><p>Wenn sie zu diesem Punkt befragt werden, liefern die Verfechter der g&auml;ngigen Meinung Beweise, die wenig oder gar nichts mit Putins Motiven f&uuml;r den Einmarsch in die Ukraine zu tun haben. Einige betonen zum Beispiel, dass er sagte, die Ukraine sei ein &bdquo;k&uuml;nstlicher Staat&rdquo; oder kein &bdquo;echter Staat&rdquo;. Solche undurchsichtigen Kommentare sagen jedoch nichts aus &uuml;ber seinen Grund, in den Krieg zu ziehen. Das Gleiche gilt f&uuml;r Putins Aussage, er betrachte Russen und Ukrainer als &bdquo;ein Volk&rdquo; mit einer gemeinsamen Geschichte.<\/p><p>Andere weisen darauf hin, dass er den Zusammenbruch der Sowjetunion als &bdquo;die gr&ouml;&szlig;te geopolitische Katastrophe des Jahrhunderts&rdquo; bezeichnet habe. Putin sagte aber auch: &bdquo;Wer die Sowjetunion nicht vermisst, hat kein Herz. Wer sie zur&uuml;ckhaben will, hat kein Gehirn.&rdquo; Wieder andere verweisen auf eine Rede, in der er erkl&auml;rte, dass &bdquo;die moderne Ukraine vollst&auml;ndig von Russland oder, um genauer zu sein, vom bolschewistischen, kommunistischen Russland geschaffen wurde&rdquo;.<\/p><p>Aber das ist kaum ein Beweis daf&uuml;r, dass er an der Eroberung der Ukraine interessiert war. Dar&uuml;ber hinaus sagte er in derselben Rede: &bdquo;Nat&uuml;rlich k&ouml;nnen wir die Ereignisse der Vergangenheit nicht &auml;ndern, aber wir m&uuml;ssen sie zumindest offen und ehrlich zugeben.&rdquo;<\/p><p>Um zu beweisen, dass Putin entschlossen war, die gesamte Ukraine zu erobern und sie in Russland einzugliedern, muss man jedoch den Beweis erbringen, dass er<\/p><ol>\n<li>dies f&uuml;r ein erstrebenswertes Ziel hielt,<\/li>\n<li>es f&uuml;r ein machbares Ziel hielt und<\/li>\n<li>beabsichtigte, dieses Ziel zu verfolgen.<\/li>\n<\/ol><p>In der &Ouml;ffentlichkeit gibt es keine Beweise daf&uuml;r, dass Putin erwogen hat, der Ukraine als unabh&auml;ngigem Staat ein Ende zu setzen und sie zu einem Teil Gro&szlig;russlands zu machen, als er am 24. Februar 2022 seine Truppen in die Ukraine geschickt hat.<\/p><p>Tats&auml;chlich gibt es aber signifikante Beweise daf&uuml;r, dass Putin die Ukraine als unabh&auml;ngiges Land anerkannt hat. In seinem bekannten Artikel vom 12. Juli 2021, der sich mit den russisch-ukrainischen Beziehungen befasst und den Bef&uuml;rworter der g&auml;ngigen Meinung oft als Beweis f&uuml;r seine imperialen Ambitionen anf&uuml;hren, sagt er dem ukrainischen Volk: &bdquo;Ihr wollt einen eigenen Staat errichten: Ihr seid willkommen!&rdquo; Auf die Frage, wie Russland mit der Ukraine umgehen sollte, schreibt er: &bdquo;Es gibt nur eine Antwort: mit Respekt.&rdquo; Er schlie&szlig;t diesen langen Artikel mit den folgenden Worten: &bdquo;Und was die Ukraine sein wird &ndash; das m&uuml;ssen ihre B&uuml;rger entscheiden.&rdquo; Diese Aussagen stehen in direktem Widerspruch zu der Behauptung, Putin habe die Ukraine in ein Gro&szlig;russland eingliedern wollen.<\/p><p>In demselben Artikel vom 12. Juli 2021 und erneut in einer wichtigen Rede, die er am 21. Februar 2022 hielt, betonte Putin, dass Russland &bdquo;die neue geopolitische Realit&auml;t, die nach der Aufl&ouml;sung der UdSSR Gestalt angenommen hat&rdquo;, akzeptiere. Denselben Punkt wiederholte er am 24. Februar 2022 ein drittes Mal, als er ank&uuml;ndigte, dass Russland in die Ukraine einmarschieren werde. Insbesondere erkl&auml;rte er, dass &bdquo;es nicht unser Plan ist, ukrainisches Territorium zu besetzen&rdquo;, und machte deutlich, dass er die ukrainische Souver&auml;nit&auml;t respektiere, wenn auch nur bis zu einem gewissen Punkt: &bdquo;Russland kann sich nicht sicher f&uuml;hlen, sich entwickeln und existieren, wenn es einer st&auml;ndigen Bedrohung auf dem Territorium der heutigen Ukraine ausgesetzt ist.&rdquo;<\/p><p>Wesentlich ist, dass Putin nicht daran interessiert war, die Ukraine zu einem Teil Russlands zu machen. Er war jedoch daran interessiert, dass sie nicht zu einem &bdquo;Sprungbrett&rdquo; f&uuml;r eine westliche Aggression gegen Russland wird.<\/p><p><strong>Zweitens:<\/strong> Es gibt keine Beweise daf&uuml;r, dass Putin eine Marionettenregierung f&uuml;r die Ukraine vorbereitet hatte, prorussische F&uuml;hrer in Kiew gef&ouml;rdert oder politische Ma&szlig;nahmen verfolgt hat, die es erm&ouml;glicht h&auml;tten, das gesamte Land zu besetzen und es schlie&szlig;lich in Russland einzugliedern. Diese Tatsachen stehen im Widerspruch zu der Behauptung, Putin sei daran interessiert gewesen, die Ukraine von der Landkarte zu tilgen.<\/p><p><strong>Drittens<\/strong>: Putin hatte nicht ann&auml;hernd genug Truppen, um die Ukraine zu erobern. Beginnen wir mit den Gesamtzahlen. Ich habe lange eingesch&auml;tzt, dass die Russen mit h&ouml;chstens 190.000 Soldaten in die Ukraine einmarschiert sind. General Oleksandr Syrskyj, der derzeitige Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkr&auml;fte, sagte jedoch k&uuml;rzlich in einem Interview mit dem <i>Guardian<\/i>, dass Russlands Invasionstruppen nur 100.000 Mann stark gewesen seien.<\/p><p>Tats&auml;chlich nannte der <i>Guardian<\/i> die gleiche Zahl vor Kriegsbeginn. Es ist aber unm&ouml;glich, dass eine Streitmacht in einer Gr&ouml;&szlig;enordnung von 100.000 oder 190.000 Mann die gesamte Ukraine erobern, besetzen und in ein Gro&szlig;russland eingliedern k&ouml;nnte.<\/p><p>Als Deutschland im September 1939 in die westliche H&auml;lfte Polens einmarschierte, z&auml;hlte die Wehrmacht etwa 1,5 Millionen Mann. Die Ukraine ist aber geografisch mehr als dreimal so gro&szlig; wie die westliche H&auml;lfte Polens im Jahr 1939, und die Ukraine hatte im Jahr 2022 fast doppelt so viele Einwohner wie Polen beim Einmarsch der Deutschen. Wenn wir General Syrskyjs Sch&auml;tzung akzeptieren, dass im Jahr 2022 100.000 russische Soldaten in die Ukraine einmarschiert sind, bedeutet das, dass Russland &uuml;ber eine Invasionstruppe verf&uuml;gte, die ein F&uuml;nfzehntel so gro&szlig; war wie die deutschen Truppen, die in Polen einmarschiert sind. Und diese kleine russische Armee marschierte in ein Land ein, das sowohl in Bezug auf die territoriale Gr&ouml;&szlig;e als auch auf die Einwohnerzahl viel gr&ouml;&szlig;er war als Polen.<\/p><p>Abgesehen von den Zahlen ist da noch die Frage nach der Qualit&auml;t der russischen Armee. Zun&auml;chst einmal handelte es sich um eine Streitmacht, die haupts&auml;chlich dazu gedacht war, Russland vor einer Invasion zu sch&uuml;tzen. Es war keine Armee, die darauf vorbereitet war, eine gro&szlig;e Offensive zu starten, die am Ende die gesamte Ukraine erobern, geschweige denn den Rest Europas bedrohen k&ouml;nnte. Dar&uuml;ber hinaus lie&szlig; die Qualit&auml;t der Kampftruppen zu w&uuml;nschen &uuml;brig, da die Russen nicht mit einem Krieg gerechnet hatten, als sich die Krise im Fr&uuml;hjahr 2021 zuspitzte. Daher hatten sie wenig M&ouml;glichkeiten, eine schlagkr&auml;ftige Invasionstruppe aufzustellen. Sowohl qualitativ als auch quantitativ waren die russischen Invasionstruppen nicht ann&auml;hernd gleichwertig mit der deutschen Wehrmacht in den sp&auml;ten 1930er- und fr&uuml;hen 1940er-Jahren.<\/p><p>Man k&ouml;nnte argumentieren, dass die russische F&uuml;hrung dachte, dass das ukrainische Milit&auml;r so klein und so unterlegen sei, dass seine Armee die ukrainischen Streitkr&auml;fte leicht besiegen und das ganze Land erobern k&ouml;nnte. Putin und seine Gener&auml;le wussten aber sehr genau, dass die Vereinigten Staaten und ihre europ&auml;ischen Verb&uuml;ndeten das ukrainische Milit&auml;r seit dem Ausbruch der Krise am 22. Februar 2014 bewaffnet und ausgebildet hatten. Moskaus gro&szlig;e Angst war, dass die Ukraine de facto Mitglied der NATO werden k&ouml;nnte. Dar&uuml;ber hinaus beobachtete die russische F&uuml;hrung, wie die ukrainische Armee, die gr&ouml;&szlig;er war als ihre Invasionstruppen, zwischen 2014 und 2022 effektiv im Donbass k&auml;mpfte.<\/p><p>Sie haben sicherlich gewusst, dass das ukrainische Milit&auml;r kein Papiertiger ist, der schnell und entscheidend besiegt werden kann, zumal es m&auml;chtig vom Westen unterst&uuml;tzt wird.<\/p><p>Im Laufe des Jahres 2022 waren die Russen schlie&szlig;lich gezwungen, ihre Armee aus dem Gebiet Charkiw und aus dem westlichen Teil des Gebiets Cherson abzuziehen. In der Tat gab Moskau Gebiete auf, die seine Armee in den ersten Tagen des Krieges erobert hatte. Es steht au&szlig;er Frage, dass der Druck der ukrainischen Armee eine Rolle bei der Erzwingung des russischen R&uuml;ckzugs gespielt hat. Aber noch wichtiger war, dass Putin und seine Gener&auml;le erkannten, dass sie nicht &uuml;ber gen&uuml;gend Kr&auml;fte verf&uuml;gten, um das gesamte Territorium zu halten, das ihre Armee in Charkiw und Cherson erobert hatte. Also zogen sie sich zur&uuml;ck und schufen &uuml;berschaubarere Verteidigungspositionen.<\/p><p>Das ist kaum das Verhalten, das man von einer Armee erwarten w&uuml;rde, die aufgebaut und ausgebildet wurde, um die gesamte Ukraine zu erobern und zu besetzen. Nat&uuml;rlich war sie nicht f&uuml;r diesen Zweck konzipiert worden und konnte daher diese Herkulesaufgabe nicht erf&uuml;llen.<\/p><p><strong>Viertens:<\/strong> Putin versuchte in den Monaten vor Kriegsbeginn, eine diplomatische L&ouml;sung f&uuml;r die sich zusammenbrauende Krise zu finden. Am 17. Dezember 2021 schickte Putin einen Brief an Pr&auml;sident Joe Biden und NATO-Chef Stoltenberg, in dem er eine L&ouml;sung der Krise auf der Grundlage einer schriftlichen Garantie vorschlug, dass <\/p><ol>\n<li>die Ukraine nicht der NATO beitreten w&uuml;rde,<\/li>\n<li>keine Offensivwaffen in der N&auml;he der russischen Grenzen stationiert w&uuml;rden und<\/li>\n<li>NATO-Truppen und -Ausr&uuml;stung, die seit 1997 nach Osteuropa verlegt worden war, nach Westeuropa zur&uuml;ckverlegt w&uuml;rden.<\/li>\n<\/ol><p>Was auch immer man von der Machbarkeit eines Abkommens auf der Grundlage von Putins anf&auml;nglichen Forderungen halten mag, &uuml;ber die die Vereinigten Staaten nicht verhandeln wollten: Es zeigt, dass er versuchte, einen Krieg zu vermeiden.<\/p><p><strong>F&uuml;nftens:<\/strong> Unmittelbar nach Kriegsbeginn wandte sich Russland an die Ukraine, um Verhandlungen zur Beendigung des Krieges aufzunehmen und einen Modus Vivendi zwischen den beiden L&auml;ndern auszuarbeiten. Nur vier Tage nach dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine begannen die Verhandlungen zwischen Kiew und Moskau in Belarus. Die Verhandlungen in Wei&szlig;russland wurden schlie&szlig;lich durch israelische und Istanbuler Bem&uuml;hungen ersetzt.<\/p><p>Alle verf&uuml;gbaren Beweise deuten darauf hin, dass Russland ernsthaft verhandelte und nicht daran interessiert war, ukrainisches Territorium zu erobern &ndash; mit Ausnahme der Krim, die 2014 annektiert worden war, und m&ouml;glicherweise des Donbass. Die Verhandlungen wurden beendet, als die Ukrainer auf Dr&auml;ngen Gro&szlig;britanniens und der Vereinigten Staaten die Verhandlungen scheitern lie&szlig;en, die zum Zeitpunkt ihres Abschlusses gute Fortschritte gemacht hatten.<\/p><p>Dar&uuml;ber hinaus berichtet Putin, dass er, als die Verhandlungen stattfanden und Fortschritte machten, gebeten worden war, die russischen Truppen als Geste des guten Willens aus dem Gebiet um Kiew abzuziehen, was er am 29. M&auml;rz 2022 auch tat. Keine Regierung im Westen oder ein ehemaliger Politiker haben diese Behauptung Putins in Frage gestellt, die in direktem Widerspruch zu der Behauptung steht, er sei entschlossen gewesen, die gesamte Ukraine zu erobern.<\/p><p><strong>Sechstens:<\/strong> Abgesehen von der Ukraine gibt es nicht den geringsten Beweis daf&uuml;r, dass Putin die Eroberung anderer L&auml;nder in Osteuropa in Erw&auml;gung gezogen hat. Dar&uuml;ber hinaus ist die russische Armee nicht einmal gro&szlig; genug gewesen, um die gesamte Ukraine einzunehmen, geschweige denn zu versuchen, die baltischen Staaten, Polen und Rum&auml;nien zu erobern. Au&szlig;erdem sind alle diese L&auml;nder NATO-Mitglieder, was mit ziemlicher Sicherheit einen Krieg mit den Vereinigten Staaten und ihren Verb&uuml;ndeten bedeuten w&uuml;rde.<\/p><p><strong>Siebtens:<\/strong> Kaum jemand im Westen hat bis zum Beginn der Ukraine-Krise am 22. Februar 2014 behauptet, Putin habe imperiale Ambitionen gehabt, als er im Jahr 2000 die Macht &uuml;bernahm. Zu diesem Zeitpunkt wurde er dann pl&ouml;tzlich zu einem imperialen Aggressor. Warum? Weil die westlichen Staats- und Regierungschefs einen Grund brauchten, um ihm die Schuld f&uuml;r die Krise in die Schuhe zu schieben.<\/p><p>Der wahrscheinlich beste Beweis daf&uuml;r, dass Putin in seinen ersten 14 Jahren im Amt nicht als ernsthafte Bedrohung angesehen wurde, ist die Tatsache, dass er im April 2008 als geladener Gast beim NATO-Gipfel in Bukarest teilgenommen hat. Bei diesem Gipfel k&uuml;ndigte das B&uuml;ndnis an, dass die Ukraine und Georgien schlie&szlig;lich Mitglieder der NATO werden w&uuml;rden. Putin war nat&uuml;rlich erbost &uuml;ber diese Entscheidung und machte seinem &Auml;rger Luft. Aber sein Widerstand gegen diese Ank&uuml;ndigung hatte keine Bedeutung f&uuml;r Washington, weil Russlands Milit&auml;r damals als viel zu schwach eingesch&auml;tzt wurde, um die weitere NATO-Erweiterung zu stoppen, so wie es zu schwach gewesen war, um die Expansionswellen von 1999 und 2004 aufzuhalten. Der Westen hat gedacht, er k&ouml;nne Russland erneut dazu zwingen, auch diese NATO-Erweiterung zu schlucken.<\/p><p>In diesem Sinne zielte die NATO-Erweiterung vor dem 22. Februar 2014 nicht darauf ab, Russland einzud&auml;mmen. Angesichts des damaligen traurigen Zustands der russischen Milit&auml;rmacht war Moskau nicht in der Lage, die Ukraine zu erobern, geschweige denn eine revanchistische Politik in Osteuropa zu verfolgen. Bezeichnenderweise stellt der ehemalige US-Botschafter in Moskau, Michael McFaul, der ein entschiedener Verteidiger der Ukraine und ein scharfer Kritiker Putins war, fest, dass die Besetzung der Krim durch Russland im Jahr 2014 nicht vor Ausbruch der Krise von Putin vorab geplant gewesen war. Es war ein impulsiver Schritt als Reaktion auf den Putsch, der den prorussischen F&uuml;hrer der Ukraine, Viktor Janukowitsch, gest&uuml;rzt hatte.<\/p><p>Kurz gesagt, die NATO-Erweiterung war nicht dazu gedacht, eine russische Bedrohung einzud&auml;mmen, weil der Westen nicht glaubte, dass diese damals existierte. Erst als im Februar 2014 die Ukraine-Krise ausbrach, begannen die Vereinigten Staaten und ihre Verb&uuml;ndeten pl&ouml;tzlich, Putin als gef&auml;hrlichen F&uuml;hrer mit imperialen Ambitionen und Russland als ernsthafte milit&auml;rische Bedrohung zu beschreiben, die die NATO eind&auml;mmen m&uuml;sse. Diese abrupte Wende in der Rhetorik sollte nur einem wesentlichen Zweck dienen: den Westen in die Lage zu versetzen, Putin die Schuld an der Krise zu geben und den Westen von der Verantwortung freizusprechen. Es &uuml;berrascht nicht, dass diese Darstellung Putins nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine am 24. Februar 2022 immer mehr in den Vordergrund getreten ist.<\/p><p>Es gibt eine weitere Argumentationslinie in der g&auml;ngigen Meinung im Westen, die es wert ist, erw&auml;hnt zu werden. Einige sagen, dass Moskaus Entscheidung, in die Ukraine einzumarschieren, wenig mit Putin selbst zu tun habe, sondern Teil einer expansionistischen Tradition ist, die lange vor Putin bestanden habe und tief in der russischen Gesellschaft verankert sei. Dieser Hang zur Aggression, von dem man sagt, dass er von internen Kr&auml;ften und nicht von Russlands &auml;u&szlig;erer Bedrohungslage hervorgerufen wird, habe im Laufe der Zeit praktisch alle russischen F&uuml;hrer dazu veranlasst, sich gegen&uuml;ber ihren Nachbarn gewaltt&auml;tig zu verhalten.<\/p><p>Es l&auml;sst sich nicht leugnen, dass Putin in dieser Geschichte das Sagen hat oder dass er Russland in den Krieg gef&uuml;hrt hat, aber es wird ihm nachgesagt, dass er wenig Handlungsspielraum habe. Fast jeder andere russische F&uuml;hrer h&auml;tte genauso gehandelt.<\/p><p>Es gibt zwei Probleme mit diesem Argument. Zun&auml;chst einmal ist es nicht falsifizierbar, da die in der russischen Gesellschaft seit Langem bestehende angebliche Eigenschaft, die diesen aggressiven Impuls hervorruft, nie identifiziert worden ist. Den Russen wird nachgesagt, sie seien schon immer aggressiv gewesen &ndash; egal, wer das Sagen hat &ndash; und werden es immer bleiben. Es ist fast so, als ob es in ihrer DNA eingeschrieben sei. Dieselbe Behauptung wurde einst &uuml;ber die Deutschen aufgestellt, die im 20. Jahrhundert oft als angeborene Aggressoren dargestellt wurden. Argumente dieser Art werden aber in der akademischen Welt aus gutem Grund nicht ernst genommen.<\/p><p>Dar&uuml;ber hinaus hat kaum jemand in den Vereinigten Staaten oder Westeuropa Russland zwischen 1991 und 2014, als die Ukraine-Krise ausbrach, als von Natur aus aggressiv bezeichnet. Au&szlig;erhalb Polens und der baltischen Staaten war die Angst vor einer russischen Aggression in diesen 24 Jahren auch nicht existent. Diese Sorge w&auml;re allerdings zu erwarten gewesen, wenn die Russen auf Aggression ausgelegt w&auml;ren. Es scheint deshalb klar zu sein, dass das pl&ouml;tzliche Auftauchen dieser Argumentation eine bequeme Ausrede war, um Russland f&uuml;r den Ukraine-Krieg verantwortlich zu machen.<\/p><p>Lassen Sie mich jetzt noch einen Gang h&ouml;her schalten und die drei Hauptgr&uuml;nde f&uuml;r die Annahme darlegen, dass die NATO-Erweiterung die Hauptursache f&uuml;r den Ukraine-Krieg ist.<\/p><p>&bdquo;<strong>Die NATO-Erweiterung ist Hauptursache f&uuml;r den Ukraine-Krieg&ldquo;<\/strong><\/p><p><strong>Erstens:<\/strong> Die russische F&uuml;hrung hat vor Beginn des Krieges wiederholt erkl&auml;rt, dass sie die NATO-Erweiterung in die Ukraine als existenzielle Bedrohung betrachtet, die beseitigt werden m&uuml;sse. Putin gab vor dem 24. Februar 2022 zahlreiche &ouml;ffentliche Erkl&auml;rungen ab, in denen er diese Argumentation darlegte. In einer Rede vor dem Vorstand des Verteidigungsministeriums am 21. Dezember 2021 erkl&auml;rte er: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Was sie in der Ukraine tun oder versuchen oder planen, geschieht nicht Tausende von Kilometern von unserer Landesgrenze entfernt. Es liegt vor der T&uuml;r unseres Hauses. Sie m&uuml;ssen verstehen, dass wir einfach nirgendwo anders hingehen k&ouml;nnen. Glauben sie wirklich, dass wir diese Bedrohungen nicht sehen? Oder glauben sie, dass wir einfach tatenlos zusehen werden, wie diese Bedrohung f&uuml;r Russland entsteht?&rdquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Zwei Monate sp&auml;ter sagte Putin auf einer Pressekonferenz am 22. Februar 2022, nur wenige Tage vor Kriegsbeginn: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wir sind kategorisch gegen einen NATO-Beitritt der Ukraine, weil dies eine Bedrohung f&uuml;r uns darstellt, und wir haben Argumente, die dies verst&auml;ndlich machen. Ich habe in diesem Saal wiederholt dar&uuml;ber gesprochen.&rdquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Dann machte er deutlich, dass er zur Kenntnis nehme, dass die Ukraine de facto Mitglied der NATO wird. Die Vereinigten Staaten und ihre Verb&uuml;ndeten, sagte er, &bdquo;pumpen die derzeitigen Beh&ouml;rden in Kiew weiterhin mit modernen Waffentypen voll&rdquo;. Er fuhr fort, dass, wenn dies nicht gestoppt w&uuml;rde, Moskau &bdquo;ein bis an die Z&auml;hne bewaffnetes Anti-Russland gegen&uuml;berstehen w&uuml;rde. Das ist v&ouml;llig inakzeptabel.&rdquo;<\/p><p>Auch andere russische Staats- und Regierungschefs &ndash; darunter der Verteidigungsminister, der Au&szlig;enminister, der stellvertretende Au&szlig;enminister und der russische Botschafter in Washington &ndash; betonten die zentrale Bedeutung der NATO-Erweiterung f&uuml;r die Ursache der Ukraine-Krise. Au&szlig;enminister Sergej Lawrow brachte dies auf einer Pressekonferenz am 14. Januar 2022 auf den Punkt: &bdquo;Der Schl&uuml;ssel zu allem ist die Garantie, dass sich die NATO nicht nach Osten ausdehnt.&ldquo;<\/p><p>Oft h&ouml;rt man das Argument, dass die russischen Bef&uuml;rchtungen unbegr&uuml;ndet seien, weil es keine Chance gebe, dass die Ukraine in absehbarer Zeit, falls &uuml;berhaupt jemals, dem B&uuml;ndnis beitreten werde. Tats&auml;chlich, hei&szlig;t es, h&auml;tten die Vereinigten Staaten und ihre europ&auml;ischen Verb&uuml;ndeten der Aufnahme der Ukraine in die NATO vor dem Krieg nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Aber selbst wenn die Ukraine dem B&uuml;ndnis beitreten w&uuml;rde, w&auml;re das f&uuml;r Russland keine existenzielle Bedrohung, denn die NATO sei ein Verteidigungsb&uuml;ndnis. Die NATO-Erweiterung k&ouml;nne also weder die urspr&uuml;ngliche Krise, die im Februar 2014 ausbrach, noch den Krieg, der im Februar 2022 begann, verursacht haben.<\/p><p>Diese Argumentation ist jedoch falsch. Tats&auml;chlich hat die westliche Antwort auf die Ereignisse von 2014 darin bestanden, die Anstrengungen zur Umsetzung der bestehenden Strategie zu verdoppeln und die Ukraine noch n&auml;her an die NATO heranzuf&uuml;hren. Das B&uuml;ndnis begann 2014 mit der Ausbildung des ukrainischen Milit&auml;rs und hat in den folgenden acht Jahren j&auml;hrlich durchschnittlich 10.000 Soldaten ausgebildet.<\/p><p>Im Dezember 2017 beschloss die Trump-Regierung, Kiew mit &bdquo;Verteidigungswaffen&rdquo; zu beliefern. Andere NATO-L&auml;nder schalteten sich bald ein und lieferten noch mehr Waffen in die Ukraine. Dar&uuml;ber hinaus begannen die ukrainische Armee, Marine und Luftwaffe mit der Teilnahme an gemeinsamen Milit&auml;r&uuml;bungen mit den NATO-Streitkr&auml;ften. Die Bem&uuml;hungen des Westens, das ukrainische Milit&auml;r zu bewaffnen und auszubilden, erkl&auml;ren zu einem guten Teil, warum es im ersten Kriegsjahr so erfolgreich gegen die russische Armee abgeschnitten hat. In einer Schlagzeile des <i>Wall Street Journal<\/i> vom April 2022 hie&szlig; es: &bdquo;Das Geheimnis des milit&auml;rischen Erfolgs der Ukraine: Jahre der NATO-Ausbildung.&ldquo;<\/p><p>Abgesehen von den anhaltenden Bem&uuml;hungen des B&uuml;ndnisses, das ukrainische Milit&auml;r zu einer eindrucksvollen Kampftruppe aufzubauen, die an der Seite der NATO-Truppen operieren k&ouml;nnte, gab es im Westen im Jahr 2021 erneut begeisterte Unterst&uuml;tzung f&uuml;r die Aufnahme der Ukraine in die NATO. Gleichzeitig &auml;nderte Pr&auml;sident Selenskyj, der bis dahin in der &Ouml;ffentlichkeit nie viel Enthusiasmus f&uuml;r die Aufnahme der Ukraine in das NATO-B&uuml;ndnis gezeigt hatte und im M&auml;rz 2019 mit einem Programm gew&auml;hlt worden war, das eine Zusammenarbeit mit Russland zur Beilegung der anhaltenden Krise forderte, Anfang 2021 seinen Kurs und bef&uuml;rwortete nicht nur die NATO-Mitgliedschaft der Ukraine, sondern nahm auch eine harte Linie gegen&uuml;ber Moskau ein.<\/p><p>Pr&auml;sident Biden, der im Januar 2021 ins Wei&szlig;e Haus einzog, hatte sich seit Langem daf&uuml;r eingesetzt, die Ukraine in die NATO zu bringen, und war ein Superfalke gegen&uuml;ber Russland. Es &uuml;berrascht nicht, dass die NATO am 14. Juni 2021 auf ihrem j&auml;hrlichen Gipfel in Br&uuml;ssel ein Kommuniqu&eacute; ver&ouml;ffentlichte, in dem es hie&szlig;: &bdquo;Wir bekr&auml;ftigen die auf dem Bukarester Gipfel 2008 getroffene Entscheidung, dass die Ukraine Mitglied des B&uuml;ndnisses wird.&rdquo;<\/p><p>Am 1. September 2021 besuchte Selenskyj das Wei&szlig;e Haus, wo Biden klarstellte, dass die Vereinigten Staaten &bdquo;fest entschlossen&rdquo; seien, &bdquo;die euro-atlantischen Bestrebungen der Ukraine&rdquo; zu unterst&uuml;tzen. Am 10. November 2021 unterzeichneten Au&szlig;enminister Antony Blinken und sein ukrainischer Amtskollege Dmytro Kuleba ein wichtiges Dokument &ndash; die &bdquo;US-Ukraine Charter on Strategic Partnership&rdquo;. Das Ziel beider Parteien, so hei&szlig;t es in dem Dokument, sei es, &bdquo;ein Bekenntnis zur Umsetzung der vertieften und umfassenden Reformen zu unterstreichen, die f&uuml;r eine vollst&auml;ndige Integration in die europ&auml;ischen und euro-atlantischen Institutionen erforderlich sind.&rdquo; Er bekr&auml;ftigt auch ausdr&uuml;cklich das Bekenntnis der USA zur &bdquo;Bukarester Gipfelerkl&auml;rung von 2008&Prime;.<\/p><p>Es scheint kaum Zweifel daran zu geben, dass die Ukraine auf dem besten Weg war, bis Ende 2021 Mitglied der NATO zu werden. Dennoch argumentieren einige Bef&uuml;rworter dieser Politik, dass Moskau sich &uuml;ber dieses Ergebnis keine Sorgen h&auml;tte machen m&uuml;ssen, denn &bdquo;die NATO ist ein Verteidigungsb&uuml;ndnis und stellt keine Bedrohung f&uuml;r Russland dar&rdquo;. Aber das entspricht nicht der Art und Weise, wie Putin und andere russische F&uuml;hrer &uuml;ber die NATO denken, und es kommt darauf an, was sie denken. Kurz gesagt, es steht au&szlig;er Frage, dass Moskau den NATO-Beitritt der Ukraine als existenzielle Bedrohung ansah, die nicht hingenommen werden durfte.<\/p><p><strong>Zweitens:<\/strong> Eine betr&auml;chtliche Anzahl einflussreicher und hoch angesehener Personen im Westen hat vor dem Krieg erkannt, dass die NATO-Erweiterung &ndash; insbesondere um die Ukraine &ndash; von der russischen F&uuml;hrung als t&ouml;dliche Bedrohung angesehen wird und schlie&szlig;lich in eine Katastrophe f&uuml;hren w&uuml;rde.<\/p><p>William Burns, der heute die CIA leitet, aber zum Zeitpunkt des NATO-Gipfels in Bukarest im April 2008 US-Botschafter in Moskau war, schrieb ein Memo an die damalige Au&szlig;enministerin Condoleezza Rice, in dem er kurz und b&uuml;ndig beschreibt, wie Russland dar&uuml;ber gedacht hat, die Ukraine in das B&uuml;ndnis aufzunehmen.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Der Beitritt der Ukraine zur NATO&rdquo;, schrieb er, &bdquo;ist die hellste aller roten Linien f&uuml;r die russische Elite (nicht nur f&uuml;r Putin). In Gespr&auml;chen &uuml;ber mehr als zweieinhalb Jahre mit wichtigen russischen Akteuren, von den sogenannten Knickerbocker-Tr&auml;gern in den dunklen Winkeln des Kremls bis hin zu Putins sch&auml;rfsten liberalen Kritikern, habe ich noch niemanden getroffen, der die Aufnahme der Ukraine in die NATO als etwas anderes als eine direkte Herausforderung f&uuml;r russische Interessen ansieht.&rdquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Die Aufnahme der Ukraine in die NATO, sagte er, &bdquo;w&uuml;rde angesehen werden [&hellip;], als w&uuml;rde man ihnen den strategischen Fehdehandschuh hinwerfen. Das heutige Russland wird darauf reagieren. Die russisch-ukrainischen Beziehungen werden auf Eis gelegt [&hellip;] Es wird einen fruchtbaren Boden f&uuml;r die russische Einmischung auf der Krim und in der Ostukraine schaffen.&rdquo;<\/p><p>Burns war nicht der einzige westliche Politiker im Jahr 2008, der erkannte, dass die Aufnahme der Ukraine in die NATO mit Gefahren verbunden war. Auf dem Bukarester Gipfel sprachen sich sowohl die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel als auch der franz&ouml;sische Pr&auml;sident Nicolas Sarkozy gegen eine NATO-Mitgliedschaft der Ukraine aus, weil sie verstanden hatten, dass dies Russland alarmieren und zornig machen w&uuml;rde. Merkel erkl&auml;rte k&uuml;rzlich ihre Ablehnung: &bdquo;Ich war mir sehr sicher, dass Putin das nicht einfach so zulassen wird. Das sei aus seiner Sicht eine Kriegserkl&auml;rung.&rdquo;<\/p><p>Um noch einen Schritt weiter zu gehen: Zahlreiche amerikanische Politiker und Strategen in den 1990er-Jahren lehnten die Entscheidung von Pr&auml;sident Clinton ab, die NATO zu erweitern, als diese Entscheidung diskutiert wurde. Diese Gegner wussten von Anfang an, dass die russische F&uuml;hrung dies als Bedrohung f&uuml;r ihre vitalen Interessen ansehen und dass diese Politik schlie&szlig;lich zu einer Katastrophe f&uuml;hren w&uuml;rde. Die Liste der Gegner umfasst prominente Pers&ouml;nlichkeiten des Establishments wie George Kennan, Pr&auml;sident Clintons Verteidigungsminister William Perry und seinen Vorsitzenden der Joint Chiefs of Staff, General John Shalikashvili, Paul Nitze, Robert Gates, Robert McNamara, Richard Pipes und Jack Matlock, um nur einige von ihnen zu nennen.<\/p><p>Die Logik von Putins Position sollte f&uuml;r die Amerikaner durchaus verst&auml;ndlich sein, die sich seit Langem der Monroe-Doktrin verschrieben haben, die besagt, dass es keiner fernen Gro&szlig;macht erlaubt ist, ein B&uuml;ndnis mit einem Land der westlichen Hemisph&auml;re einzugehen und dort ihre Streitkr&auml;fte zu stationieren. Die Vereinigten Staaten w&uuml;rden einen solchen Schritt als existenzielle Bedrohung interpretieren und gro&szlig;e Anstrengungen unternehmen, um diese Gefahr zu beseitigen.<\/p><p>Das geschah nat&uuml;rlich w&auml;hrend der Kubakrise im Jahr 1962, als Pr&auml;sident Kennedy den Sowjets klarmachte, dass ihre nuklear best&uuml;ckten Raketen aus Kuba abgezogen werden m&uuml;ssten. Putin ist zutiefst von der gleichen Logik beeinflusst. Schlie&szlig;lich wollen Gro&szlig;m&auml;chte nicht, dass ferne Gro&szlig;m&auml;chte in ihren Hinterhof einziehen.<\/p><p><strong>Drittens:<\/strong> Die zentrale Bedeutung der tiefen Angst Russlands vor einem NATO-Beitritt der Ukraine wird durch zwei Entwicklungen verdeutlicht, die sich seit Beginn des Krieges ereignet haben.<\/p><p>W&auml;hrend der Istanbul-Verhandlungen, die unmittelbar nach Beginn der Invasion stattfanden, machten die Russen unmissverst&auml;ndlich klar, dass die Ukraine eine &bdquo;dauerhafte Neutralit&auml;t&rdquo; akzeptieren m&uuml;sse und nicht der NATO beitreten k&ouml;nne. Die Ukrainer akzeptierten die Forderung Russlands ohne ernsthaften Widerstand &ndash; sicherlich, weil sie wussten, dass es sonst unm&ouml;glich war, den Krieg zu beenden.<\/p><p>In j&uuml;ngerer Zeit, am 14. Juni 2024, formulierte Putin zwei Forderungen, die die Ukraine erf&uuml;llen m&uuml;sse, bevor er einem Waffenstillstand und der Aufnahme von Verhandlungen zur Beendigung des Krieges zustimme. Eine dieser Forderungen war, dass Kiew &bdquo;offiziell&rdquo; erkl&auml;rt, &bdquo;dass es seine Pl&auml;ne f&uuml;r einen NATO-Beitritt aufgibt&rdquo;.<\/p><p>All dies ist nicht &uuml;berraschend, da Russland die Ukraine in der NATO immer als eine existenzielle Bedrohung angesehen hat, die um jeden Preis verhindert werden muss. Diese Logik ist die treibende Kraft hinter dem Ukraine-Krieg. Schlie&szlig;lich wird aus der Verhandlungsposition Russlands in Istanbul sowie aus Putins &Auml;u&szlig;erungen zur Beendigung des Krieges in seiner Rede vom 14. Juni 2024 deutlich, dass er nicht daran interessiert ist, die gesamte Ukraine zu erobern und sie zu einem Teil eines Gro&szlig;russlands zu machen.<\/p><p><small>Titelbild: University of Chicago<\/small><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.mearsheimer.com\/biography\/\">mearsheimer.com\/biography\/<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] John J. Mearsheimer: Who caused the Ukrainian war? Johns Substack Aug 5 2024 &ndash; <a href=\"https:\/\/mearsheimer.substack.com\/p\/who-caused-the-ukraine-war?utm_source=post-email-title&amp;publication_id=1753552&amp;post_id=147357385&amp;utm_campaign=email-post-title&amp;isFreemail=true&amp;r=i1inl&amp;triedRedirect=true&amp;utm_medium=email\">mearsheimer.substack.com\/p\/who-caused-the-ukraine-war<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diese Frage ist seit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine am 24. Februar 2022 zutiefst umstritten. Die g&auml;ngige Meinung im Westen ist, dass Putin verantwortlich ist. Hier die sieben Hauptgr&uuml;nde, warum der US-amerikanische Politikwissenschaftler John Mearsheimer das ganz anders sieht und es f&uuml;r ihn drei Gr&uuml;nde gibt, warum die NATO-Erweiterung die Hauptursache ist. Von <strong>John<\/strong><\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=120486\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":120487,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,107,172,171],"tags":[3240,2102,2529,2301,3220,1937,466,915,259,1977,260,2377],"class_list":["post-120486","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-audio-podcast","category-aufruestung","category-militaereinsaetzekriege","tag-diplomatische-verhandlungen","tag-geostrategie","tag-imperialismus","tag-konfrontationspolitik","tag-mearsheimer-john-j","tag-militaermanoever","tag-nato","tag-putin-wladimir","tag-russland","tag-transatlantische-partnerschaft","tag-ukraine","tag-waffenlieferungen"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/mearsheimer_john.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/120486","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=120486"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/120486\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":120785,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/120486\/revisions\/120785"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/120487"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=120486"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=120486"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=120486"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}