{"id":12050,"date":"2012-01-27T15:35:55","date_gmt":"2012-01-27T14:35:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12050"},"modified":"2015-01-18T11:50:26","modified_gmt":"2015-01-18T10:50:26","slug":"wer-betreibt-eigentlich-einen-systemwechsel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12050","title":{"rendered":"Wer betreibt eigentlich einen Systemwechsel?"},"content":{"rendered":"<p>Zwei Nachrichten besch&auml;ftigten in der zur&uuml;ckliegenden Woche die Politik und die Schlagzeilen der Medien: Erstens das Weltwirtschaftsforum in Davos und dabei vor allem die Er&ouml;ffnungsrede der Kanzlerin und zweitens die Beobachtung und &Uuml;berwachung von Parlamentariern der Partei DIE LINKE durch den Verfassungsschutz.<br>\nOberfl&auml;chlich betrachtet haben beide Themen nichts miteinander zu tun, schaut man aber genauer hin, so geht es in beiden F&auml;llen im Kern um die Frage einer Systemver&auml;nderung bzw. eines Systemwechsels. Von <strong>Wolfgang Lieb<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nF&uuml;r die Beobachtung und &Uuml;berwachung von Politikern der Linkspartei wird als Begr&uuml;ndung herangezogen, dass die Gefahr best&uuml;nde, dass diese Partei oder einige ihrer Gruppierungen einen &bdquo;Systemwechsel&ldquo; herbeif&uuml;hren wollten: &ldquo;Wer den Systemwechsel in Deutschland fordert, &uuml;ber Wege zum Kommunismus schwadroniert und sich mit Diktatoren solidarisiert, darf sich nicht wundern, wenn er vom Verfassungsschutz beobachtet wird&rdquo;, sagte <a href=\"http:\/\/www.thueringer-allgemeine.de\/web\/zgt\/politik\/detail\/-\/specific\/Verfassungsschutz-Linke-kaempft-fuer-Ueberwachungs-Stopp-677457743\">CDU-Generalsekret&auml;r Hermann Gr&ouml;he<\/a>.<\/p><p>Um einen Systemwechsel geht es bei genauer Betrachtung aber auch bei der vor allem von Kanzlerin Merkel f&uuml;r die L&auml;nder der W&auml;hrungsunion angestrebten &bdquo;Fiskalunion&ldquo;: Also mit der m&ouml;glichst in den Verfassungen zu verankernden &bdquo;Schuldenbremse&ldquo;, deren &Uuml;berwachung durch die Beh&ouml;rde der Europ&auml;ischen Kommission und &ndash; bei einem Versto&szlig; gegen die Verschuldungskriterien &ndash; der Klagem&ouml;glichkeit vor dem Europ&auml;ischen Gerichtshof. Dar&uuml;ber hinaus soll der Fiskalpakt unter Umgehung der Europ&auml;ischen Vertr&auml;ge separat in einem zwischenstaatlichen Vertrag festgeschrieben werden. <\/p><p><strong>Warum muss man bei diesem Fiskalpakt von einem Systemwechsel sprechen?<\/strong><\/p><p>Der Fiskalpakt schr&auml;nkt die Finanzpolitik der Staaten ein. Das ist so gewollt, weil nach der ihm zugrundeliegenden Logik, die Verschuldung der L&auml;nder als Ursache f&uuml;r die Krise der Europ&auml;ischen W&auml;hrungsunion unterstellt wird. Es wird angenommen, dass wenn die Verschuldung einged&auml;mmt und auf ein festgelegtes Ma&szlig; zur&uuml;ckgefahren wird, die Finanzm&auml;rkte wieder &bdquo;Vertrauen&ldquo; fassen und die Spekulationen um die Staatsanleihen ein Ende finden. In Reinform trug diese These diese Woche noch einmal der fr&uuml;here Finanzstaatssekret&auml;r und jetzige Sonderbeauftragte der Europ&auml;ischen Zentralbank f&uuml;r &bdquo;Krisendiplomatie&ldquo;, J&ouml;rg Asmussen vor: &bdquo;Die Hauptverantwortung f&uuml;r die gegenw&auml;rtige<br>\nKrisenbek&auml;mpfung liegt bei den Regierungen, weil diese Krise ist ja, um es ganz deutlich zu sagen, keine Krise des Euros, sondern es ist eine Staatsschuldenkrise, und da diese von einer unsoliden Finanzpolitik herbeigef&uuml;hrt wurde, liegt es eben auch an der Finanzpolitik, uns im Wesentlichen <a href=\"http:\/\/www.dradio.de\/dlf\/sendungen\/interview_dlf\/1655841\/\">aus dieser Krise wieder herauszuf&uuml;hren<\/a>.&ldquo;<\/p><p>Selbst wenn man dieser eindimensionalen Betrachtung der Krisenursache folgte, dann w&auml;re es Aufgabe der Politik durch entsprechendes finanzpolitisches Handeln diese Krise zu bek&auml;mpfen. Doch die deutsche Kanzlerin vertraut der Politik (genauer gesagt demokratischen Entscheidungen &uuml;ber die Haushaltspolitik) nicht mehr, sie verlangt &bdquo;Verbindlichkeit&ldquo; und will deshalb &uuml;berall Verfassungs&auml;nderungen herbeif&uuml;hren, die die Politik einklagbar zwingen sollen, die Staatsausgaben zu reduzieren. Sparpolitik wird so zum Verfassungsgebot. Nun k&ouml;nnte man vielleicht sogar noch sagen die K&uuml;rzung von Staatsausgaben k&ouml;nnte einer der Wege zum Schuldenabbau sein. Aber es ist eben beileibe nicht der einzige. Im Gegenteil: Es gibt eine empirische Evidenz, dass eine aktive Konjunktur- und Besch&auml;ftigungspolitik durch den Staat sich in der Vergangenheit als ein weitaus erfolgreicheres Mittel zur Abtragung von Staatsschulden erwiesen hat. Indem n&auml;mlich durch ein h&ouml;heres Wirtschaftswachstum die Steuereinnahmen gesprudelt sind und dadurch die Defizite nicht nur ausgeglichen sondern sogar wieder abgebaut werden konnten. Man sollte die Staatsschulden auch nicht immer nur absolut betrachten. Viel wichtiger ist, wie sich die Staatschulden in Relation zur Wirtschaftsleistung entwickeln. Entwickelt sich die gesamte Wirtschaft &ndash; also auch die Binnenwirtschaft &ndash; positiv, steigt das Bruttoinlandsprodukt und die relative Staatsverschuldung nimmt sogar dann ab, wenn gar keine Schulden abgebaut wurden. Sie w&uuml;rde sogar dann abnehmen, wenn die Neuverschuldung niedriger als das Wirtschaftswachstum ist. Erzeugt man jedoch durch die Budgetk&uuml;rzungen eine Rezession, nimmt die relative Verschuldung auch dann zu, wenn gar keine neuen Staatsschulden aufgenommen wurden.<\/p><p>Aber gerade eine antizyklische Finanzpolitik, also eine aktive Konjunkturpolitik durch den Staat, wird durch den Fiskalpakt, wenn nicht ausgeschlossen, so doch wesentlich eingeschr&auml;nkt. Man kann es also auch so sagen: Mit dem Fiskalpakt wird eine ganz bestimmte Finanz- und Wirtschaftspolitik auf einen Verfassungsrang erhoben. N&auml;mlich das neoliberale Dogma, das den Staat zugunsten der Marktkr&auml;fte zur&uuml;ckdr&auml;ngen will und dem Staat eine sch&auml;dliche Wirkung auf den marktwirtschaftlichen Wirtschaftsablauf zuschreibt.<br>\nMerkel nennt das &bdquo;marktkonforme Demokratie&ldquo;. Keynesianische oder Neokeynesianische Wirtschaftslehren, die von einer prinzipiellen Instabilit&auml;t der &bdquo;M&auml;rkte&ldquo; ausgehen und deshalb eine aktive Rolle des Staates mittels der Finanz- und Wirtschaftspolitik f&uuml;r das Wirtschaftsgeschehen verlangen, werden also durch Schuldenbremsen, wenn nicht nur wesentlich eingeschr&auml;nkt sondern sogar per Verfassung verboten. <\/p><p>Die Einf&uuml;hrung der Schuldenbremse in Deutschland bedeutete schon eine Einschr&auml;nkung unserer bisherigen Verfassung. Das Grundgesetz &ndash; so war bisher die allgemeine Auffassung &ndash; ist &bdquo;wirtschaftspolitisch neutral&ldquo;, d.h. es ist offen f&uuml;r ganz unterschiedliche wirtschaftspolitische Theorien und Vorstellungen. Es l&auml;sst sogar mit seinem Artikel 15 GG &ndash; schrecklich zu sagen &ndash; &bdquo;sozialistischen&ldquo; Gesellschafts- und Wirtschaftsvorstellungen Raum:  &bdquo;Grund und Boden, Natursch&auml;tze und Produktionsmittel k&ouml;nnen zum Zwecke der Vergesellschaftung durch ein Gesetz, das Art und Ausma&szlig; der Entsch&auml;digung regelt, in Gemeineigentum oder in andere Formen der Gemeinwirtschaft &uuml;berf&uuml;hrt werden.&ldquo; Und nach Artikel 14 GG sind &bdquo;zum Wohle der Allgemeinheit&ldquo; auch Enteignungen zul&auml;ssig. In den L&auml;nderverfassungen gibt es hinsichtlich staats- und gemeinwirtschaftlicher L&ouml;sungen noch viel weitergehende Formulierungen, bis hin zur M&ouml;glichkeit der Verstaatlichung des Bankenwesens. (Siehe &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/0,1518,811506,00.html\">Das Grundgesetz ist links<\/a>&ldquo;)<\/p><p>Misst man die Bestrebungen nach einem Systemwechsel also an unserem Grundgesetz, dann bedeutet also die Einf&uuml;hrung einer Schuldenbremse und deren &Uuml;berwachung durch die EU-Kommission nebst einer Klagem&ouml;glichkeit vor dem Europ&auml;ischen Gerichtshof eine viel weitergehende Systemver&auml;nderung als die Ziele, die das Programm der Partei DIE LINKE vorgibt und die sich ohne weiteres mit der geschriebenen Verfassung vereinbaren lie&szlig;en.<\/p><p>Aber schon Aristoteles hat sinngem&auml;&szlig; gesagt: Das herrschende Recht ist immer zugleich das Recht der Herrschenden. Deswegen m&uuml;ssen gerade diejenigen, die die Macht haben, das geltende Recht zu ver&auml;ndern, die anderen besonders heftig bek&auml;mpfen, die solche Ver&auml;nderungen politisch in Frage stellen &ndash; wenn es sein muss paradoxerweise sogar durch den &bdquo;Verfassungs&ldquo;-schutz. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei Nachrichten besch&auml;ftigten in der zur&uuml;ckliegenden Woche die Politik und die Schlagzeilen der Medien: Erstens das Weltwirtschaftsforum in Davos und dabei vor allem die Er&ouml;ffnungsrede der Kanzlerin und zweitens die Beobachtung und &Uuml;berwachung von Parlamentariern der Partei DIE LINKE durch den Verfassungsschutz.<br \/> Oberfl&auml;chlich betrachtet haben beide Themen nichts miteinander zu tun, schaut man aber genauer<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12050\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[188,195,139,22],"tags":[1247,901,315,988],"class_list":["post-12050","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bundesregierung","category-die-linke","category-euro-und-eurokrise","category-europaische-union","tag-fiskalpakt","tag-geheimdienste","tag-merkel-angela","tag-weltwirtschaftsforum"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12050","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=12050"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12050\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12052,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12050\/revisions\/12052"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=12050"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=12050"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=12050"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}