{"id":1206,"date":"2006-04-21T14:47:55","date_gmt":"2006-04-21T12:47:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1206"},"modified":"2016-02-11T12:25:06","modified_gmt":"2016-02-11T11:25:06","slug":"maximaler-femininer-spott-auf-schirrmachers-minimum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1206","title":{"rendered":"Maximaler femininer Spott auf Schirrmachers \u201eMinimum\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Eine Leserin der NachDenkSeiten hat f&uuml;r uns eine satirische Rezension zu Schirrmachers demografischem <a href=\"?p=241\">Katastrophengem&auml;lde<\/a> in seinem neuen Bestseller geschrieben.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Schirrmachers &ldquo;Minimum&rdquo; &ndash; eine M&auml;nnerphantasie<\/strong><\/p><p>Von Julia Weiss<\/p><p>Eine Aufmerksamkeitsepidemie hat uns befallen, die Vogelgrippe ist nichts dagegen. Keine toten Tiere sind von den B&auml;umen gefallen, um uns zu warnen, keine Abwehr- und Impfstoffe konnten auch nur angedacht, geschweige denn anger&uuml;hrt werden, nichts da &ndash; von einem Tag auf den anderen hat das Virus die komplette deutsche Presse-Population befallen, hat sich explosionsartig ausgebreitet und l&auml;sst uns nun alle auf dieselbe Schlange starren: Mit &ldquo;Minimum&rdquo; wurde uns von Frank Schirrmacher ein ganz, ganz gro&szlig;es Geschw&auml;tz aufgedr&auml;ngt. Das &uuml;ber die Geburtenrate. Sie muss rauf, aber ein bisschen hoppla. <\/p><p>Na gut, hier und da und gar nicht mal so wenig wurde auch schon vorher &uuml;ber die geringe Neigungen der Deutschen zum Kinderkriegen gekeckert und gemeckert. W&auml;hrend wir degenerierten Egoistinnen uns herzlich freuen, zu erfahren, dass die Geb&auml;rzur&uuml;ckhaltung unserem knappen Nachwuchs schon bald zu einer prima Verhandlungsposition auf dem Arbeitsmarkt verhelfen soll, lassen die St&uuml;tzen der Gesellschaft uns immer wieder wissen, wie ungemein wichtig mehr Kinder f&uuml;r unser aller Sozialkassen seien, und mit verschiedenen kleinen Investitionshilfen versucht man, quasi angebotspolitisch, die lahmende inl&auml;ndische Menschenproduktion anzukurbeln. Es hat alles nichts geholfen, es hat allerdings auch nicht so furchtbar gest&ouml;rt. Man nahm die ganze Debatte eher als gesamtgesellschaftliches Grundgegrummel und -gen&ouml;rgele hin, f&uuml;r das man sich interessieren konnte oder auch nicht. <\/p><p>Das hat sich mit Schirrmachers Buch fundamental ge&auml;ndert. Man kommt nicht mehr herum um die Diskussion, man kommt nicht an ihr vorbei, und man kommt &uuml;ber dieses Maximum streng r&uuml;ckw&auml;rts gewandter Vorstellungen auch nicht so leicht hinweg. Denn jetzt wird uns massiv gedroht: Wenn ihr nicht auf der Stelle mehr eigene Kinder in diese mit sechs Milliarden Ausl&auml;ndern ( speziell Muslimen!) v&ouml;llig &uuml;berbev&ouml;lkerte Welt setzt, wird &ldquo;unsere Gemeinschaft&rdquo;, ja, mehr noch: &ldquo;unsere Schicksalsgemeinschaft&rdquo; alsbald den &ldquo;sozialen K&auml;ltetod&rdquo; sterben. <\/p><p>W&auml;hrend die Untergangsmetaphern von der buchf&ouml;rmigen Kanzel des seit dem &ldquo;Methusalemkomplott&rdquo; anerkannten Experten f&uuml;r Demographie &amp; Demagogie unabl&auml;ssig auf uns herabdonnern, versorgt Frank der Hobbybiologe uns mit einem garantiert geschichtsresistenten Heilsversprechen: Es sind die &ldquo;unaufl&ouml;slichen Bande der Familie&rdquo; und die biologische Bestimmung der Frau zu Altruismus und unbegrenzter Operbereitschaft, die wir dringend wiederbeleben m&uuml;ssen, wenn wir der ewigen sozialen &ldquo;Vergletscherung&rdquo; entgehen wollen. Am Ende streicht der geniale Sozialarchitekt sein Gedankengeb&auml;ude mit einer dicken Einschleimschicht der Marke &lsquo;Lobet die Frauen, sie flechten und weben \/ Soziale Netze ins irdische Leben&rsquo; &uuml;ber, damit die Leserin nicht sofort, sondern erst nach 30 Sekunden merkt, dass sie gerade ins gute alte Frauengef&auml;ngnis hineinkomplimentiert werden soll. <\/p><p>&Uuml;bersetzt man die Aussagen des Buches in Verantwortlichkeiten, sitzt die Pistole fest auf der weiblichen Brust: &lsquo;Heirate, denn verheiratet zu sein ist gut f&uuml;r die Gesundheit von uns M&auml;nnern und verl&auml;ngert unsere Lebenserwartung (deine nicht, aber das muss ich dir ja nicht sagen, deshalb habe ich es in meinem Buch verschwiegen). Bekomme dann umgehend mindestens zwei bestandserhaltende Kinder ( denn unsere Kultur darf auf keinen Fall besiegt werden im Kampf der Geburtenraten mit den fruchtbaren muslimischen Sippen und V&ouml;lkern), pflege und betreue gleichzeitig oder gleich anschlie&szlig;end und eigenh&auml;ndig deine alten Eltern und die deines Mannes und deine Freunde ebenfalls, denn dich und nur dich allein hat die Evolution vermittels altruistischer Gene und opferbereiter Hormone ausersehen, die gesamte gesellschaftliche Sozialarbeit zu erledigen ( als optimistischer Neoliberaler habe ich den Sozialstaat bereits komplett abgeschrieben, haha!), und zwar unbedingt unbezahlt, denn sonst w&auml;r&rsquo;s ja kein Opfer und widerspr&auml;che deiner weiblichen Natur (vor allem wegen Deines phantastischen Null-Preis-Super-Leistungs-Verh&auml;ltnisses bist du ja ein absoluter Traum-Ersatz f&uuml;r den Sozialstaat). Sorge weiter und vor allem daf&uuml;r, dass die deutschen M&auml;nner, die heute noch allein laufen und selber pinkeln k&ouml;nnen (m&ouml;gen sie nun Frank hei&szlig;en oder Matthias oder Stefan oder wie auch immer), dereinst zu Hause betreut und gepflegt und auf die Bettpfanne gesetzt werden von hingebungsvoller weiblicher Verwandtschaft, statt im Seniorenstift von bezahlten Fremden die Windeln gewechselt zu kriegen. Solch grenzenlos liebevolle Pflege garantierst du uns, indem du m&ouml;glichst viele T&ouml;chter gebierst, die deine Opfergene geerbt haben und daher das gleiche Schei&szlig;leben zu f&uuml;hren bereit sind wie du. Denn du und deine T&ouml;chter und T&ouml;chterst&ouml;chter d&uuml;rfen noch ein bisschen mehr machen, altes Lastkamel! Nach meiner ma&szlig;geblichen Vorstellung sollt ihr n&auml;mlich au&szlig;erdem gern und viel bezahlte Arbeit verrichten. Nat&uuml;rlich nicht gerade gut bezahlte bei der FAZ oder so, denn da wird selbstverst&auml;ndlich vollste und st&auml;ndigste Verf&uuml;gbarkeit f&uuml;r den Arbeitgeber gefordert, da kann man nicht einfach mal eben nach Hause flitzen, weil das Balg vom Baum gefallen ist oder die alte Mama gerade an ihrem Husten erstickt &ndash; aber sonst, Frauen: Ihr wolltet alles machen, ihr d&uuml;rft alles machen &ndash; ALLES! <\/p><p>Bittesch&ouml;n, gern geschehen. Euer Frank.&rsquo; <\/p><p>Wo der Kenner der weiblichen Biologe sich selbst mit der V&ouml;geln-und-nicht-verh&uuml;ten!-Grippe infiziert hat, ist noch nicht restlos gekl&auml;rt &ndash; vermutlich in den USA, wo man bekanntlich seit langem die fundamentalistische Variante &ldquo;Pro Life \/ Lebenssch&uuml;tzer&rdquo; und seit kurzem auch wieder die ganze harte Mutation &ldquo;gesetzliches Abtreibungsverbot&rdquo; gezielt einsetzt, um das Problem frei laufender Frauen in den Griff zu kriegen. <\/p><p>Gesichert ist hingegen, dass Schirrmacher anl&auml;sslich des Erscheinens seines neuen Buches engen Kontakt mit seinen M&auml;nnerfreunden von Spiegel und BILD gehabt hat, wobei wohl nicht die empfohlene Medienhygiene beachtet wurde &ndash; kein einziger kritischer Satz ist in Spiegel oder BILD gefallen &ndash; , jedenfalls kam dabei die geradezu explosive Pracht-Promotion \/ Verkaufsf&ouml;rderung* f&uuml;r das Buch in den Leitmedien des neokonservativen Rollback heraus und katapultierte das Buch ratzfatz auf Platz Eins der Bestsellerliste. <\/p><p>Frauen, die im Wartezimmer versehentlich zum Spiegel 10 \/ 2006 griffen, mussten zwangsl&auml;ufig hochgehen wie eine Tellermine, denn man hatte dort umsichtigerweise den anerkannten Spiegel-Experten f&uuml;r Ressentiments gegen Frauen unter besonderer Ber&uuml;cksichtigung von Alleinerziehenden, Matthias Matussek, federf&uuml;hrend mit dem Thema betraut. Bei BILD bem&uuml;hte sich gleich der Autor selber um den Massenvertrieb seiner tief in die Steinzeit m&auml;nnlicher Wahnvorstellungen zur&uuml;ckreichenden Gedanken. Ihren multiplen H&ouml;hepunkt erlebte die BILD-Serie in dem abschlie&szlig;enden Beitrag &ldquo;100 Gr&uuml;nde, an diesem Wochenende ein Kind zu machen!&rdquo;. I gitt. <\/p><p>Ob wir uns nun ekeln oder nicht: Der Coup ist gelungen, infiziert sind wir alle. Und keine zwei Wochen nach Erscheinen des Buches wird auch klar, dass wir es hier nicht nur mit ein paar M&auml;nnern mit gro&szlig;em Pressemaul und Angst vorm Alleinsein im Alter zu tun haben; die waren nur die Vorgrippe. N&auml;chste Welle: die Vordenker und Regierungsratgeber &ndash; vor die Mikrofone tritt keine zwei Wochen nach Erscheinen des Buches Hans-Werner Sinn, neoliberaler Chef des Ifo-Instituts, um uns schon mal die Werkzeuge zu zeigen: Kinderlosen sollen nach seiner Vorstellung in Zukunft massiv die Renten gek&uuml;rzt werden. Eine koordinierte Kampagne etwa? Na, wer wird denn an so was denken? Alles reiner Zufall! <\/p><p>&ldquo;Agenda Setting&rdquo; nennt man diese fortschrittliche Werbe- und PR-Technik, in der der FAZ-Mitherausgeber als gro&szlig;er Meister gilt. Agenda Setting ist die Methode erster Wahl, wenn eine interessierte Partei gezielt Einfluss auf Themenpriorit&auml;ten und Meinungsbildung in der &Ouml;ffentlichkeit nehmen will. Das Partialinteresse (hier: &ldquo;Wir Gutsituierten brauchen keinen Sozialstaat und die anderen k&ouml;nnen gef&auml;lligst ihre Frauen daf&uuml;r nehmen&rdquo;) muss dabei nat&uuml;rlich als allgemeines verpackt werden (hier: Untergangsgeschwafel). <\/p><p>An Tempo und Kosteneffizienz beim Agenda-Setting steckt Frank Schirrmacher sogar die millionenschwere Arbeitgeber-&ldquo;Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft&rdquo; locker in die Tasche, aber das Ankochrezept bleibt stets dasselbe: Man produziert eigenh&auml;ndig berichtenswerte &ldquo;Ereignisse&rdquo; (hier: einen unschuldig-wei&szlig;en Sachbuch-Umschlag mit einer gesalzenen Propagandabrosch&uuml;re drin) und lanciert dann die entsprechenden &ldquo;In-Sorge-um-unser-Land&rdquo;-Berichte dar&uuml;ber in den Medien. Tut man das nur ausdauernd genug, hat man die Aufmerksamkeit der &Ouml;ffentlichkeit und der Politik auf ein Problem gelenkt, das wom&ouml;glich gar nicht existiert, uns aber erfolgreich von den wirklichen ablenkt. <\/p><p>Eine Frage n&auml;mlich geht im Dr&ouml;hnen der Agenda-Setter und im Widerhall der Medien fast v&ouml;llig unter: Alle streiten eifrig dar&uuml;ber, wie die Geburtenrate zu steigern w&auml;re und wer schuld daran ist, dass sie hartn&auml;ckig unten bleibt, aber h&ouml;chst selten fragt jemand, ob das &uuml;berhaupt f&uuml;r uns alle ein w&uuml;nschenswertes Ziel ist &ndash; und nicht vielleicht nur f&uuml;r Leute, die an einem bleibenden &Uuml;berangebot am Arbeitsmarkt und einem Verschweigen der wahren Probleme der Sozialstaats interessiert sind. Diese Frage wird bestenfalls noch in Medien gestellt, die vom Mainstream der &Ouml;ffentlichkeit so weit entfernt sind wie Afghanistan vom Meer.[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] <\/p><p>In diesem kollektiven Aufmerksamkeitsdefizit von Ozonlochgr&ouml;&szlig;e inmitten der Epidemie d&uuml;rfte der entscheidende Erfolg von Frank Schirrmacher &amp; Friends liegen. Aber es gibt Hoffnung: Sch&auml;dlich f&uuml;r die ungerechte Sache k&ouml;nnte es sein, wenn sein Buch ernstlich gelesen wird. Darin steht n&auml;mlich summa summarum: Die Legitimit&auml;t des Sozialstaats haben wir ideologisch ja fast schon in den Abgrund getreten, schicken wir die Gleichberechtigung der Frauen doch gleich hinterher. Das aber scheint mir etwas &uuml;berm&uuml;tig. Denn die ansteckendste Idee der Neuzeit ist nun mal die von Gleichheit und Gerechtigkeit. In den anhaltenden Bem&uuml;hungen der Agenda-Setter, uns das Aushungern des Staates als &ldquo;Generationengerechtigkeit&rdquo; zu verkaufen, erkennt man immerhin rhetorische R&uuml;cksichtnahme auf dieses l&auml;stige Hindernis. Solche Geschicklichkeit aber ist dem Streber nach dem Chefideologenposten der Rechten weitgehend fremd; mit erstaunlicher Unbefangenheit wirft er uns seine alten braunen Kamellen an den Kopf. <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Zum Beispiel: Karl Otto Hondrich und Rabea Kretschmer-Hahn &uuml;ber den &ldquo;Gl&uuml;cksfall Geburtenr&uuml;ckgang&rdquo; in EMMA 6 \/ 2005 und Reinold E. Thiel &ldquo;Was tun mit den Alten? Wir sind reich genug, das demografische Problem zu l&ouml;sen&rdquo; in &lsquo;Weltern&auml;hrung&rsquo; 1 \/ 2006<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Leserin der NachDenkSeiten hat f&uuml;r uns eine satirische Rezension zu Schirrmachers demografischem <a href=\"?p=241\">Katastrophengem&auml;lde<\/a> in seinem neuen Bestseller geschrieben.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[155,168,123,208],"tags":[786,424],"class_list":["post-1206","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-demografische-entwicklung","category-gleichstellung","category-kampagnentarnworteneusprech","category-rezensionen","tag-schirrmacher-frank","tag-sinn-hans-werner"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1206","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1206"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1206\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":31130,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1206\/revisions\/31130"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1206"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1206"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1206"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}