{"id":1207,"date":"2006-06-19T15:34:17","date_gmt":"2006-06-19T13:34:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1207"},"modified":"2016-02-05T11:57:07","modified_gmt":"2016-02-05T10:57:07","slug":"beschwerde-gegen-chefredakteur-der-waz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1207","title":{"rendered":"Beschwerde gegen Chefredakteur der WAZ"},"content":{"rendered":"<p>Der Chefredakteur der WAZ Reitz hat in einem Kommentar zu Hartz IV &bdquo;eine schmarotzerhafte Mitnahme-Mentalit&auml;t&ldquo; beklagt. J&uuml;rgen Voss hat deshalb Beschwerde beim Deutschen Presserat gegen Reitz erhoben. Diese Beschwerde ist in mehrfacher Hinsicht interessant. Deshalb &uuml;bernehmen wir sie in unsere Rubrik &bdquo;Andere interessante Beitr&auml;ge&ldquo;. Ich finde zus&auml;tzlich bemerkenswert, dass Personen wie der Chefredakteur der WAZ, die Reformen wie die Hartz-Reformen immer wieder gefordert haben, jetzt nachtr&auml;glich in schrillen T&ouml;nen die Folgen und Nebenwirkungen beklagen. Hartz I, II, III und IV ist ja nun wahrlich nicht von den Betroffenen erfunden worden, denen Reitz Schmarotzertum vorwirft. Der Kommentar von Reitz ist ein weiterer Beleg daf&uuml;r, dass die neoliberalen Kreise das Scheitern ihrer Ideologie damit zu kaschieren versuchen, dass sie den Missbrauch &uuml;bertreiben und ihn f&uuml;r das Scheitern verantwortlich machen. Grotesk.<br>\n<!--more--><br>\nOberhausen, 19.6.2006<\/p><p>J&uuml;rgen Vo&szlig;<br>\nElpenbachstra&szlig;e 87<br>\n46119 Oberhausen<br>\n0208 \/ 600017<\/p><p>Deutscher Presserat<br>\nPostfach 7160<br>\n53071 Bonn<br>\nper E-Mail<\/p><p><strong>Beschwerde gegen Herrn Ulrich Reitz, Chefredakteur der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) wegen Versto&szlig;es gegen Ziffer 1 des Pressekodex in der Fassung vom 02.03.2005 \/ Konkreter Anla&szlig;: Kommentar in der WAZ-Ausgabe vom 15.\/16.06.2006 &ldquo;Wenn Gesetze Schaden stiften&rdquo;<\/strong><\/p><p>Sehr geehrte Damen und Herren,<\/p><p>in dem oben angegebenen Kommentar l&auml;&szlig;t sich Herr Reitz zu folgender &Auml;u&szlig;erung hinrei&szlig;en:<\/p><p>&ldquo;Zu welchen unerw&uuml;nschten Verschiebungen b&uuml;rgerlicher Moralvorstellungen fragw&uuml;rdige Gesetze f&uuml;hren k&ouml;nnen, l&auml;&szlig;t sich schon an Hartz IV studieren. St&uuml;tze zu beziehen galt als Notausgang, es wurde zum tolerierten Regelfall. Das Gesetz hat nicht zu mehr Freiheit und Selbstbestimmung gef&uuml;hrt, sondern zur Entm&uuml;ndigung. Gef&ouml;rdert wurde eine <strong>schmarotzerhafte Mitnahme-Mentalit&auml;t<\/strong> (Hervorhebung von mir!) quer durch alle gesellschaftlichen Schichten, so weit, dass sich der redliche Geringverdiener schon fragen mu&szlig;, warum er sich noch antut, jeden Tag p&uuml;nktlich zur Arbeit zu gehen.&rdquo;<\/p><p>Die verallgemeinernde Beschimpfung von arbeitslosen Menschen und deren Angeh&ouml;rigen als &ldquo;Schmarotzer&rdquo; (die Apposition &ldquo;quer durch alle sozialen Schichten&rdquo; ist dummes Zeug, oder beansprucht der Oberstudienrat Grundsicherung ?) verst&ouml;&szlig;t m. E. gegen Ziffer 1 des Pressekodex, da die Behauptung &ldquo;unwahr&rdquo; ist, d.h. durch keinerlei empirische Daten gesichert ist, die Menschenw&uuml;rde der Leistungsbezieher des Rechtskreises SGB II grob verletzt und die Betroffenen unter Generalverdacht stellt, eine Leistung zu beziehen, die ihnen nicht zusteht. Dass damit auch das Gebot &ldquo;einer wahrhaftigen Unterrichtung der &Ouml;ffentlichkeit&rdquo; als &ldquo;oberstes Gebot der Presse&rdquo; ebenfalls nicht gewahrt wird, versteht sich von selbst.<\/p><p>Ich bitte den deutschen Presserat, Herrn Reitz, der schon als Chefredakteur der Rheinischen Post des h&auml;ufigeren durch eine drastische Wortwahl gerade gegen&uuml;ber denjenigen aufgefallen ist, die zu den Schw&auml;chsten in unserem Lande geh&ouml;ren und sich nicht wehren k&ouml;nnen, eine <strong>offizielle R&uuml;ge mit Ver&ouml;ffentlichungspflicht<\/strong> zu erteilen.<\/p><p>Zur weiteren Erl&auml;uterung verweise ich auf folgenden Sachverhalt:<\/p><p>Die Abschaffung des Bundessozialhilfegesetzes und seine Ersetzung durch das Sozialgesetzbuch II (vulgo Hartz IV) hatte zu keiner Zeit, die Zielsetzung &ldquo;zu mehr Freiheit und Selbstbestimmung&rdquo; zu f&uuml;hren, sondern die in kommunaler Zust&auml;ndigkeit befindliche Sozialhilfe in Bundeszust&auml;ndigkeit zu &uuml;berf&uuml;hren und die am vorherigen Arbeitseinkommen orientierten Leistungsanspr&uuml;che von Arbeitslosenhilfebeziehern drastisch auf eine nivelliertes Niedrigniveau zu senken und damit Geld zu sparen. V&ouml;llig untersch&auml;tzt hatte man die Tatsache, dass ein Gro&szlig;teil der Arbeitslosenhilfeempf&auml;nger zusammen mit ihren Angeh&ouml;rigen schon seit Jahren unter den Regels&auml;tzen der Sozialhilfe lagen, sie aber nicht in Anspruch genommen hatten; diese aber nunmehr &ndash; im Zuge der Inkraftsetzung von SGB II &ndash; als einzige verbliebene Lohnersatzleistung in Anspruch nehmen m&uuml;ssen.<\/p><p>Im M&auml;rz 2006 (neuere Zahlen kann ich nachliefern) waren dies &ndash; einschlie&szlig;lich aller Angeh&ouml;rigen &ndash; 5,208 Mio. Menschen, von denen als Arbeitslose (in diesem Zusammenhang besser: ehemalige Arbeitslosenhilfeempf&auml;nger 2,985 Mio. registriert waren. (Zahlen vom Bremer Institut f&uuml;r Arbeitsmarktforschung und Jugendberufshilfe, BIAJ; Knochenhauerstra&szlig;e 20-25, 28195 Bremen)<\/p><p>Die Aufwendungen f&uuml;r die ehemaligen Arbeitslosenhilfeempf&auml;nger entsprechen im &Uuml;brigen in etwa den Gesamtaufwendungen, die im Jahre 2005 f&uuml;r die Arbeitslosenhilfe plus der hinzuzurechnenden Sozialhilfe f&uuml;r Erwerbsf&auml;hige nach alter rechtslage angefallen w&auml;ren. Ich verweise auf die Ausschu&szlig;drucksache 16 (11)197 des Deutschen Bundestages (Ausschu&szlig; f&uuml;r Arbeit und Soziales 16. Wahlperiode) des Staatssekret&auml;rs Gerd Andres, nach der zwischen den nach dem alten System hoch gerechneten Ausgaben von 43,5 Mrd. Euro im Jahre 2005 Ist-Ausgaben von 44,4 Mrd. Euro gegen&uuml;berstehen, also gerade eine Mehrausgabe von 900 Mio. Euro erfolgt ist. Dies sind ganz andere Zahlen, als die, die seit Monaten kolportiert werden.<\/p><p>Selbstverst&auml;ndlich ist diese Ausschu&szlig;vorlage im Internet jedermann zug&auml;nglich und w&auml;re damit auch Herrn Reitz zug&auml;nglich gewesen. Um so unverzeihlicher sind seine Ausf&uuml;hrungen.<\/p><p>Ich m&ouml;chte noch ein kleines pers&ouml;nliches Statement anschlie&szlig;en: Mit fast 61 Jahren geh&ouml;re ich &ndash; Gott sei Dank &ndash; einer Generation an, f&uuml;r die die morgendliche Zeitungslekt&uuml;re zum unverzichtbaren Bestandteil des Tagesablaufs geh&ouml;rt. Leider hat die Monopolstellung des WAZ im Ruhrgebiet dazu gef&uuml;hrt, dass ein Ausweichen auf eine Konkurrenzzeitung unm&ouml;glich ist. Mir verbliebe deshalb nur die M&ouml;glichkeit, die Zeitung ganz abzubestellen. Hieraus folgt, dass eine mi&szlig;br&auml;uchliche Ausnutzung der Monopolstellung (der Leser kann sich ja nicht wehren !) als besonders schlimm anzusehen ist. Ich bitte Sie, auch diesen Punkt bei der Beurteilung des Sachverhaltes zu ber&uuml;cksichtigen.<\/p><p>Mit freundlichen Gr&uuml;&szlig;en<\/p><p>J&uuml;rgen Vo&szlig;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Chefredakteur der WAZ Reitz hat in einem Kommentar zu Hartz IV &bdquo;eine schmarotzerhafte Mitnahme-Mentalit&auml;t&ldquo; beklagt. J&uuml;rgen Voss hat deshalb Beschwerde beim Deutschen Presserat gegen Reitz erhoben. Diese Beschwerde ist in mehrfacher Hinsicht interessant. Deshalb &uuml;bernehmen wir sie in unsere Rubrik &bdquo;Andere interessante Beitr&auml;ge&ldquo;. Ich finde zus&auml;tzlich bemerkenswert, dass Personen wie der Chefredakteur der WAZ,<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1207\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[147,140,183],"tags":[1738,389,1549],"class_list":["post-1207","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitslosgigkeit","category-hartz-gesetze-buergergeld-grundsicherung","category-medienkritik","tag-sozialmissbrauch","tag-sozialrassismus","tag-waz"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1207","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1207"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1207\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":30925,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1207\/revisions\/30925"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1207"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1207"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1207"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}