{"id":120839,"date":"2024-09-05T13:58:20","date_gmt":"2024-09-05T11:58:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=120839"},"modified":"2024-09-06T07:30:41","modified_gmt":"2024-09-06T05:30:41","slug":"ein-interessantes-buch-aber-der-titel-stimmt-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=120839","title":{"rendered":"Ein interessantes Buch. Aber der Titel stimmt nicht"},"content":{"rendered":"<p>Die <em>NachDenkSeiten<\/em> haben am 2. September <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=120646\">das neue Buch von Heiner Flassbeck vorgestellt<\/a>. Mit gro&szlig;em Interesse habe ich begonnen, das Buch zu lesen. Und dann habe ich nach einem Teil der Volkswirtschaftslehre gesucht, der schon vor &uuml;ber 50 Jahren oft vergessen wurde. Die Wissenschaft von der National&ouml;konomie besteht nicht nur aus der Makro&ouml;konomie, also der Betrachtung der Konjunktur, des Wachstums, der Arbeitslosigkeit und der Besch&auml;ftigung. Zur &bdquo;&Ouml;konomik&ldquo;, wie Heiner Flassbeck sagt und schreibt, geh&ouml;rt auch die Theorie von der optimalen Allokation der Ressourcen &ndash; man k&ouml;nnte auch von der Theorie der Marktwirtschaft sprechen oder &ndash; bei Benutzung eines englischen Begriffs &ndash; von &bdquo;Welfare Economics&ldquo;. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nF&uuml;r mich ist die Begegnung mit dem Buch von Heiner Flassbeck eine Art Deja-vu. Ich habe das gleiche Ph&auml;nomen vor nunmehr genau 56 Jahren erlebt. Im Jahre 1968 war ich Assistent bei einem Professor der National&ouml;konomie in M&uuml;nchen, bei <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hans_M%C3%B6ller_(%C3%96konom)\">Hans M&ouml;ller<\/a>. In seinen Seminaren wurden Referate zu Fragen der Makro&ouml;konomie gehalten; aber dar&uuml;ber hinaus untersuchten wir Studenten, Doktoranden und Assistenten, wo es Defizite bei der Allokation, also bei der Beanspruchung und Kombination der Ressourcen einer Volkswirtschaft gibt und wie diese bedingt sind und behoben werden k&ouml;nnten. <\/p><p>Eine zentrale analytische Einsicht dieses Zweiges der Volkswirtschaftslehre ist, dass bei der Produktion von G&uuml;tern und Dienstleistungen sogenannte externe Effekte auftreten k&ouml;nnen, im g&auml;ngigen Englisch ausgedr&uuml;ckt: external economies und external diseconomies. Ein gel&auml;ufiges Beispiel daf&uuml;r: Wer an der Ausfallstra&szlig;e einer Stadt mit viel Verkehr lebt, hat unter dem Autoverkehr zu leiden. Bei der &bdquo;Produktion von Fahrleistungen&ldquo; entstehen nicht nur die Kosten f&uuml;r den Halter des Pkw oder des Lkw und f&uuml;r den Treibstoff. Es entstehen auch Kosten bei Menschen, die mit der Produktion der Fahrleistungen nichts zu tun haben, aber an der befahrenen Stra&szlig;e wohnen und unter L&auml;rm und Abgasen leiden. Das sind die external diseconomies des Autoverkehrs. Es gibt viele andere und auch viele andere relevante &ndash; um den Titel von Heiner Flassbeck aufzugreifen &ndash; externe Effekte in der sogenannten marktwirtschaftlich organisierten Produktion. Das haben die Studenten im Seminar von Hans M&ouml;ller und seiner Assistenten gelernt. <\/p><p>Mit diesem wissenschaftlichen Hintergrund kam ich 1968 als Ghostwriter ins Bundeswirtschaftsministerium in Bonn und traf dort auf lauter &Ouml;konomen mit einem &auml;hnlichen wissenschaftlichen Hintergrund wie dem von Heiner Flassbeck. Mein damaliger Chef, der Professor Dr. Karl Schiller, also Hochschullehrer, bevor er Bundeswirtschaftsminister geworden war, hatte eine Vorstellung von &Ouml;konomik, die jener von Heiner Flassbeck glich. Das Gleiche galt f&uuml;r seine Mitarbeiter &ndash; f&uuml;r den Staatssekret&auml;r Sch&ouml;llhorn zum Beispiel, den Grundsatzreferenten und sp&auml;teren Staatssekret&auml;r Hans Tietmeyer, den Abteilungsleiter Schlecht, den Abteilungsleiter &bdquo;W&auml;hrung&ldquo; Wilhelm Hankel usw. Sie alle h&auml;tten vermutlich keinen Ansto&szlig; an dem Buchtitel von Heiner Flassbeck genommen.<\/p><p>Der von mir angemahnte Teil der Wissenschaft von der &Ouml;konomie ist keine neue Entdeckung. Schon zu Beginn des letzten Jahrhunderts haben sich &Ouml;konomen damit besch&auml;ftigt, konkret zum Beispiel der Italiener Vilfredo Pareto. Nach ihm ist auch ein Werkzeug dieser Debatte benannt: &bdquo;Pareto-Optimum&ldquo;. Zur Zeit meines Studiums dieses Teils der &Ouml;konomie gab es zudem ein einschl&auml;giges interessantes und wichtiges zweib&auml;ndiges Werk eines britischen &Ouml;konomen zum Thema: &bdquo;Trade and Welfare&ldquo; von James E. Meade. <\/p><p>Die uns w&auml;hrend meines Studiums verordnete Lekt&uuml;re dieses Werkes war hilfreich auch f&uuml;r die sp&auml;ter anstehende politische Debatte und Entscheidungsfindung. So war die wirtschaftspolitische Diskussion im Wahljahr 1969 markant gepr&auml;gt von einem Disput zwischen dem Bundeswirtschaftsminister Karl Schiller und dem Bundesfinanzminister Franz Josef Strau&szlig;. Dabei ging es um die Korrektur des Kurses der im Vergleich zum Dollar unterbewerteten D-Mark. Die Entscheidung &uuml;ber W&auml;hrungsrelationen lag damals noch in den H&auml;nden der Regierung, im konkreten Fall in den H&auml;nden des Bundeswirtschaftsministers, der 1969 auch f&uuml;r W&auml;hrungsfragen zust&auml;ndig war. <\/p><p>H&auml;tte dieser damals in traditionellen Denkweisen gedacht, dann h&auml;tte er sich &uuml;ber die hohen Zahlungsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse unseres Landes freuen d&uuml;rfen, so wie das sein Kollege und Konkurrent Franz Josef Strau&szlig; tat. Aber wer gelernt hatte, welfare&ouml;konomisch und damit in realen Gr&ouml;&szlig;en zu denken, musste zum Schluss kommen, dass bei einer unterbewerteten W&auml;hrung im damaligen System Realeinkommen, also Wohlfahrt, nach drau&szlig;en verschenkt wird. Deshalb lautete eine der zusammenfassenden Aussagen in der damaligen Auseinandersetzung zwischen Schiller (SPD) und Strau&szlig; (CSU): &bdquo;Wir verschenken jeden 13. VW&ldquo;. &ndash; Diese Aussage war gegen den Strich des herrschenden monet&auml;ren Denkens formuliert. Aber die Mehrheit der Zeitgenossen und auch der W&auml;hlerinnen und W&auml;hler hat das offenbar und &uuml;berraschenderweise irgendwie verstanden. Jedenfalls war die Debatte um die Aufwertung der D-Mark einschlie&szlig;lich der erw&auml;hnten Botschaften eine von vielleicht vier ma&szlig;geblichen St&uuml;tzen des 1969 stattgefundenen Kanzlerwechsels von Kiesinger (CDU) zu Willy Brandt (SPD).<\/p><p>Die Erkenntnisse der WelfareEconomics fanden dann &uuml;brigens auch ihren Niederschlag in den Beratungen einer Steuerreformkommission unter dem Vorsitz von Erhard Eppler und einem entsprechenden Beschluss bei einem Steuerreformparteitag der SPD Ende 1971. Der Beschluss enth&auml;lt unter Ziffer IX. das Kapitel &bdquo;Besteuerung umweltfeindlicher Produkte&ldquo;. Das sollte eine Steuer werden, die einen Ausgleich f&uuml;r die externen Effekte, die external diseconomies, einer Produktion oder einer Dienstleistung darstellen und selbstverst&auml;ndlich auch Einfluss auf die Produktionsrichtung nehmen sollte.<\/p><p>Die Erkenntnisse zu den externen Effekten waren f&uuml;r einige politische Entscheidungen, f&uuml;r Gebote und Verbote in der Umweltpolitik wie auch f&uuml;r Abgaben und steuerliche Regelungen relevant. Der Stra&szlig;enverkehr ist ja durch Mineral&ouml;lsteuer und Kfz-Steuer belastet. Der Flugverkehr ist es nicht. Es ist h&ouml;chste Zeit, dass dieser Sektor einschlie&szlig;lich des milit&auml;rischen Bereichs f&uuml;r seine externen Effekte bezahlt und dass damit auch wenigstens ein St&uuml;ckchen einer steuernden Belastung verordnet wird. (&Uuml;brigens: Als ich diesen Text am vergangenen Dienstag entwarf, &uuml;bten &uuml;ber mir NATO-Kampfflugzeuge den Luftkampf &ndash; verbunden mit externen Effekten f&uuml;r mich und alle anderen B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger in meiner Region.)<\/p><p>Die Debatte um die externen Effekte und die Folgen f&uuml;r die Wirtschafts- und Finanzpolitik liegt schon lange zur&uuml;ck. Ich bin trotzdem darauf zu sprechen gekommen, weil die Abwesenheit dieses Teils der &Ouml;konomie zumindest den Titel eines grundlegenden und guten Buches zur Volkswirtschaftslehre pr&auml;gen sollte. Der Westend Verlag und sein Autor Heiner Flassbeck t&auml;ten gut daran, bei einer Neuauflage des Buches den Titel zu &auml;ndern und korrekt zu formulieren: &bdquo;Grundlagen einer relevanten Makro&ouml;konomik&ldquo;.<\/p><p><small>Titelbild: Buchcover &bdquo;Grundlagen einer relevanten &Ouml;konomik&ldquo; &ndash; Westend<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die <em>NachDenkSeiten<\/em> haben am 2. September <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=120646\">das neue Buch von Heiner Flassbeck vorgestellt<\/a>. Mit gro&szlig;em Interesse habe ich begonnen, das Buch zu lesen. Und dann habe ich nach einem Teil der Volkswirtschaftslehre gesucht, der schon vor &uuml;ber 50 Jahren oft vergessen wurde. 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