{"id":120890,"date":"2024-09-07T13:00:14","date_gmt":"2024-09-07T11:00:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=120890"},"modified":"2024-09-06T19:14:52","modified_gmt":"2024-09-06T17:14:52","slug":"die-praesidentschaftswahlen-in-venezuela-putschversuch-oder-betrug","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=120890","title":{"rendered":"Die Pr\u00e4sidentschaftswahlen in Venezuela: Putschversuch oder Betrug?"},"content":{"rendered":"<p>Der Soziologe <strong>Reinaldo Iturriza<\/strong> er&ouml;rtert im Interview mit <strong>Federico Fuentes<\/strong> die gegens&auml;tzlichen &ndash; und unzureichenden &ndash; Narrative rund um die Ereignisse bei den Pr&auml;sidentschaftswahlen in Venezuela.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Die Pr&auml;sidentschaftswahlen vom 28. Juli scheinen eine Wiederholung der vorangegangenen Wahlen zu sein, bei denen die Opposition erneut Betrug und die Regierung einen versuchten Staatsstreich anprangert. Wie ist Ihre Einsch&auml;tzung?<\/strong><\/p><p>Erlauben Sie mir zun&auml;chst, die &uuml;blichen Einsch&auml;tzungen zu problematisieren, die jedes Mal abgegeben werden, wenn es in Venezuela zu einer Wahlsituation kommt. In der Regel geht man davon aus, dass es bei jeder Wahl zwei antagonistische Seiten gibt: die Kr&auml;fte, die dem Programm der bolivarischen Revolution verbunden sind, und die Kr&auml;fte, die gegen dieses Programm sind.<\/p><p>Die Tatsache, dass die erstgenannte Kraft seit 25 Jahren an der Macht ist, wird unterschiedlich interpretiert: Ein Teil der Linken tendiert dazu, die wiederholten Siege des Chavismus als Beweis f&uuml;r die enorme Widerstandskraft seiner Basis und die unbestrittene politische F&auml;higkeit seiner F&uuml;hrung zu sehen, die es geschafft hat, die Angriffe des Imperialismus zu neutralisieren und die R&uuml;ckkehr der reaktion&auml;rsten Kr&auml;fte an die Macht zu verhindern.<\/p><p>Die Rechte ihrerseits hat ein Narrativ geschaffen, nach dem die Fortdauer des Chavismus an der Macht nur durch seinen autorit&auml;ren Charakter erkl&auml;rt werden kann: In jedem Fall und ausnahmslos handelt es sich um Wahlsiege von zweifelhafter oder gar keiner Legitimit&auml;t, weil sie auf der Manipulation der Massen, auf der willk&uuml;rlichen Verwendung &ouml;ffentlicher Mittel w&auml;hrend der Wahlkampfzeit, auf dem willk&uuml;rlichen Ausschluss von Oppositionsf&uuml;hrern oder auf Betrug beruhen.<\/p><p>Es gibt einen anderen Teil der Linken, der einige dieser Ans&auml;tze teilt und sich deshalb vom Chavismus abgrenzen will, eben wegen seines autorit&auml;ren Charakters, seiner Missachtung des Prinzips des demokratischen Wechsels, seiner Man&ouml;ver gegen die Opposition, seiner Unterdr&uuml;ckung von &ouml;ffentlichen Demonstrationen, seiner Beschneidung der Freiheiten, seiner Kontrolle der Institutionen und seiner wirtschaftspolitischen Exzesse.<\/p><p>Im Gegenzug prangert der andere Teil der Linken, der die bolivarische Revolution eher positiv bewertet, zumeist die grobe Doppelmoral an, wenn es darum geht, das Thema Venezuela anzusprechen, und weist darauf hin, dass die Situationen, die als Fehler, Schw&auml;chen oder Exzesse des Chavismus an der Macht identifiziert werden, in jedem anderen demokratischen Land der Welt als normal angesehen werden. Gar nicht zu reden von dem Schweigen, das sich in Bezug auf die Geschehnisse in Gesellschaften unter wirklich diktatorischen Regimen oder beispielsweise angesichts des V&ouml;lkermords in Gaza durchzusetzen versucht.<\/p><p>Das sind, sagen wir mal, die Tatsachen und die verschiedenen Interpretationen der Tatsachen, die hier in einer sehr zusammenfassenden Weise beschrieben sind.<\/p><p>In regelm&auml;&szlig;igen Abst&auml;nden finden in Venezuela Wahlen statt, bei denen bestimmte Kr&auml;fte gegeneinander antreten. Sobald die Ergebnisse bekannt sind, kommen wir zu dem Moment, in dem bestimmte Bewertungen des Geschehenen in Konflikt geraten, je nach der politischen Positionierung desjenigen, der die Interpretation vornimmt. Das ist normal, so ist es gewesen, und im Prinzip deutet alles darauf hin, dass es auch weiterhin so sein wird. Es scheint sinnlos zu sein, die unterschiedlichen Bewertungen des Geschehens erkl&auml;ren zu wollen, denn wir wissen, dass sie politischen Positionen folgen, usw.<\/p><p>Nun scheint mir, dass wir, wenn wir wirklich verstehen wollen, was in Venezuela geschieht, damit beginnen m&uuml;ssen, das zu problematisieren, was gegeben ist, das hei&szlig;t, was wir als unbestreitbare Tatsachen voraussetzen. Und im Falle einer Pr&auml;sidentschaftswahl muss der Fokus nicht nur auf die politischen Kr&auml;fte gerichtet werden, die sich gegen&uuml;berstehen, einschlie&szlig;lich des unheilvollen Einflusses des US-Imperialismus, sondern vor allem auf den Souver&auml;n, also auf den Tr&auml;ger der Volkssouver&auml;nit&auml;t, auf die B&uuml;rgerschaft.<\/p><p>Zun&auml;chst muss man sich vor Augen halten, dass das venezolanische Volk, das am 28. Juli an die Urnen ging, dies vor dem Hintergrund einer tiefgreifenden Krise der politischen Repr&auml;sentation tat, mit einer politischen Klasse, die im Allgemeinen ihren schlimmsten Moment in den letzten f&uuml;nf Jahren erlebt:<\/p><p>Auf der einen Seite eine anti-chavistische politische Klasse, die die Last mehrerer Niederlagen auf ihren Schultern tr&auml;gt, die von ihrer sozialen Basis verschm&auml;ht wird, die ihren Widerspr&uuml;chen ausgesetzt ist, die keine unumstrittene und verbindliche F&uuml;hrung hat, die wenig strategische Klarheit besitzt, die unter der Vormundschaft der US-Regierung steht und die den Preis f&uuml;r antidemokratische Allianzen zahlt, durch die sie ihr angesammeltes politisches Kapital verspielt hat.<\/p><p>Auf der anderen Seite eine regierende Klasse, die ebenfalls in ihren Widerspr&uuml;chen gefangen ist, was zu einer Auseinandersetzung f&uuml;hrte, in der die konservativsten und pragmatischsten Tendenzen den Sieg davontrugen und schlie&szlig;lich das durchsetzten, was Gramsci das Antiprogramm der passiven Revolution nennen w&uuml;rde. Das f&uuml;hrte wiederum dazu, dass die Arbeiterklasse nicht mehr das R&uuml;ckgrat des Blocks der regierenden Kr&auml;fte bildet.<\/p><p>Ab 2016&nbsp;&ndash; nach der Niederlage bei den Parlamentswahlen 2015, die ein deutliches Zeichen f&uuml;r den Bruch des nationalen und popularen hegemonialen Blocks war&nbsp;&ndash; aber vor allem ab September 2018 mit der Umsetzung eines Wirtschaftsprogramms orthodox-monetaristischen Zuschnitts unternahm die regierende Klasse den Versuch, den Block der Kr&auml;fte von oben mit Fraktionen der Bourgeoisie neu zu formieren, und schuf damit die Voraussetzungen f&uuml;r den fortschreitenden Verfall der politischen Kraft von unten.<\/p><p>Im Laufe des letzten Jahrzehnts haben sich gro&szlig;e Teile der einstigen Unterst&uuml;tzungsbasis der Regierung vom Chavismus losgesagt, was bedeutet, dass sich ein wichtiger Teil der venezolanischen Gesellschaft erneut in einer &bdquo;Situation der ideologischen Leere&rdquo; befindet, um diesen von&nbsp;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Ren%C3%A9_Zavaleta_Mercado\">Ren&eacute; Zavaleta Mercado<\/a>&nbsp;gepr&auml;gten Ausdruck zu verwenden. Dieses Ph&auml;nomen, das in diesem Land seit den 1990er-Jahren nicht mehr aufgetreten war, ist ein politisches Problem ersten Ranges, das eben genau der Chavismus fr&uuml;her zu l&ouml;sen vermochte.<\/p><p>Welche Auswirkungen haben diese &Uuml;berlegungen auf die j&uuml;ngsten Pr&auml;sidentschaftswahlen? Nun, es war erstens klar, dass beide Kr&auml;fte mit einer stark geschw&auml;chten sozialen Basis in den Wettbewerb gehen w&uuml;rden.<\/p><p>Zweitens war dieser strategische Wechsel der regierenden Klasse, auf den ich soeben hingewiesen habe, ein Umstand, der uns zwang, eine Selbstverst&auml;ndlichkeit in Frage zu stellen: die Wahlarena als Feld der Auseinandersetzung zwischen zwei antagonistischen historischen Projekten. In der Tat war die programmatische Debatte w&auml;hrend des gesamten Wahlkampfes praktisch nicht vorhanden.<\/p><p>Drittens, und dies steht in direktem Zusammenhang mit dem vorangegangenen Punkt, w&uuml;rde ein wichtiger Teil der B&uuml;rger, n&auml;mlich diejenigen, die sich in einer &bdquo;Situation der ideologischen Leere&rdquo; befinden, ihr Wahlrecht aus&uuml;ben, ohne sich von einem Kandidaten vertreten zu f&uuml;hlen.<\/p><p>Viertens und letztens w&uuml;rde ein betr&auml;chtlicher Teil der Stimmen f&uuml;r den Oppositionskandidaten keineswegs eine Identifikation mit dem Anti-Chavismus bedeuten, sondern im Grunde eine Ablehnung der Regierung, und umgekehrt w&uuml;rde ein Teil der Stimmen f&uuml;r den Amtsinhaber nicht in eine Unterst&uuml;tzung der Regierung m&uuml;nden, sondern eine Ablehnung der M&ouml;glichkeit eines Sieges der Ultra-Rechten darstellen.<\/p><p>So offensichtlich es auch erscheinen mag, so wichtig ist es doch, darauf hinzuweisen, dass es in einer solchen Situation f&uuml;r die Wahlbeh&ouml;rde von entscheidender Bedeutung war, die Ergebnisse ohne den geringsten Zweifel zu verk&uuml;nden, die entsprechenden &Uuml;berpr&uuml;fungen zu gew&auml;hrleisten und die Ergebnisse nach Wahllokalen aufgeschl&uuml;sselt zu ver&ouml;ffentlichen. Dies ist nicht nur nicht geschehen, sondern die Erkl&auml;rungen des Nationalen Wahlrats (CNE), warum er seine Aufgaben nicht wahrnehmen konnte, n&auml;mlich weil das System gehackt wurde, sind gelinde gesagt unzureichend.<\/p><p>Daraus folgt, dass die &uuml;blichen Interpretationen der Ereignisse in Venezuela seit dem 28. Juli v&ouml;llig unzureichend sind, da sie bestenfalls auf einer oberfl&auml;chlichen Betrachtung und schlimmstenfalls auf einer v&ouml;lligen Unkenntnis der Ereignisse der letzten Jahre in Bezug auf das Zusammenspiel der politischen Kr&auml;fte beruhen.<\/p><p>Es ist auch klar, dass &uuml;ber die gegens&auml;tzlichen Versionen der streitenden Kr&auml;fte&nbsp;&ndash; Betrug und versuchter Staatsstreich  hinaus ein begr&uuml;ndeter Zweifel und damit ein echtes Unbehagen in der venezolanischen Gesellschaft Einzug gehalten haben. Die Proteste der Bev&ouml;lkerung am Montag, dem 29. Juli, stehen in direktem Zusammenhang mit Letzterem. Im Laufe dieses Tages griffen zweifellos beide Kr&auml;fte ein: die einen, um aus der Unzufriedenheit Kapital zu schlagen und die Gewalt zu sch&uuml;ren, und die anderen, um die Ordnung wiederherzustellen. Sicherlich kann man sagen, dass heute in Venezuela Ordnung herrscht, aber mit anhaltendem Zweifel und Unbehagen.<\/p><p><strong>Was glauben Sie, warum haben der Wahlrat und die Regierung die Details der Wahlakten und der &Uuml;berpr&uuml;fung bisher nicht ver&ouml;ffentlicht, und was halten Sie von der Entscheidung des Obersten Gerichtshofs (TSJ)?<\/strong><\/p><p>Erinnern wir uns an die&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=YaFtaEJgokM\">Worte<\/a>&nbsp;des Leiters der Wahlbeh&ouml;rde, Elvis Amoroso, in den fr&uuml;hen Morgenstunden des 29. Juli anl&auml;sslich der Bekanntgabe des ersten offiziellen Bulletins: &bdquo;In den n&auml;chsten Stunden werden die Ergebnisse auf der Website des Nationalen Wahlrats tabellarisch zur Verf&uuml;gung stehen, wie es dank des automatisierten Wahlsystems schon immer der Fall war. Ebenso werden die Ergebnisse den politischen Organisationen auf einer CD zugestellt, wie es das Gesetz vorsieht.&rdquo; Nun, wie ich bereits sagte, ist dies nicht nur nicht geschehen, sondern die Erkl&auml;rungen zu den Gr&uuml;nden f&uuml;r dieses Vers&auml;umnis waren offen gesagt unzureichend.<\/p><p>Ich m&ouml;chte noch hinzuf&uuml;gen, dass die Ver&ouml;ffentlichung der Ergebnisse in aufgeschl&uuml;sselter und &uuml;berpr&uuml;fbarer Form nicht nur eine technische Frage ist, sondern eine wirklich substanzielle Angelegenheit: Es handelt sich sowohl um eine Pflicht der Wahlbeh&ouml;rde als auch um ein Recht des venezolanischen Volkes, das sich dieses Rechts beraubt f&uuml;hlt. Daran hat sich auch nach dem Urteil des Obersten Gerichtshofs nichts ge&auml;ndert, der die Ergebnisse des Nationalen Wahlrats f&uuml;r g&uuml;ltig erkl&auml;rt und ihn gleichzeitig aufgefordert hat, die Ergebnisse gem&auml;&szlig; dem Gesetz zu ver&ouml;ffentlichen, das hei&szlig;t innerhalb von 30 Tagen nach der Proklamation des Pr&auml;sidenten der Republik durch den CNE<a href=\"#footnote1_1e5g53e\">1<\/a>.<\/p><p><strong>Wie sehen Sie die Rolle, die die lateinamerikanischen Regierungen spielen?<\/strong><\/p><p>Ich m&ouml;chte die Rolle der Regierungen Kolumbiens, Brasiliens und Mexikos hervorheben, da sie meiner Meinung nach ein echtes Interesse an der Vermittlung zwischen den Parteien haben und die Anerkennung des Volkswillens in den Vordergrund stellen. Ihre &ouml;ffentlichen Erkl&auml;rungen zeichnen sich, zumindest bisher, durch ihre Besonnenheit aus, die mir zum jetzigen Zeitpunkt als wesentlich erscheint. Die Position, die auf die Notwendigkeit einer &bdquo;transparenten Ver&ouml;ffentlichung von aufgeschl&uuml;sselten und &uuml;berpr&uuml;fbaren Daten&rdquo; hinweist, halte ich f&uuml;r richtig. Eine solche Position entspricht den Interessen der popularen Mehrheiten in unserem Land.<\/p><p><strong>Gehen wir einen Schritt zur&uuml;ck: Wie ist es zu dieser Situation gekommen? Wie w&uuml;rden Sie insbesondere den Kurs charakterisieren, den die Regierung von Nicol&aacute;s Maduro in den letzten Jahren eingeschlagen hat?<\/strong><\/p><p>Nun, ich habe versucht, die meines Erachtens wichtigen Hintergrundinformationen zu liefern, die es uns erm&ouml;glichen, zu verstehen, wie wir in die aktuelle Situation gekommen sind. Ich m&ouml;chte diese Frage nutzen, um Folgendes hinzuzuf&uuml;gen:<\/p><p>Ich verstehe sehr gut, warum der Umstand der imperialistischen wirtschaftlichen Belagerung Venezuelas so oft als Grund f&uuml;r die Unzufriedenheit des Volkes angef&uuml;hrt wird. Mehr noch, ich w&uuml;rde sagen, der Grund ist einfach: In der Tat hat diese Belagerung jeglichen Schaden, der der Bev&ouml;lkerung durch die Wirtschaftskrise vor, sagen wir, den ersten Sanktionen gegen [das staatliche Erd&ouml;lunternehmen] Petr&oacute;leos de Venezuela im August 2017 entstanden sein k&ouml;nnte, exponentiell vervielfacht. Wir sprechen von Strafma&szlig;nahmen und illegalen Ma&szlig;nahmen, die darauf abzielen, den Zusammenbruch der nationalen Wirtschaft zu beschleunigen und, um es ohne Umschweife zu sagen, das Leiden und den Tod von Menschen herbeizuf&uuml;hren.<\/p><p>Unter diesen Umst&auml;nden, in einer solch extremen Situation, wird eine Gesellschaft wie die venezolanische &ndash; die, wie man nicht vergessen sollte, jahrelang eine intensive Politisierung erlebt hat&nbsp; &ndash; nat&uuml;rlich den Schaden, der durch solche Angriffe entsteht, gegen die Entscheidungen abw&auml;gen, die die politische F&uuml;hrung getroffen hat, um sie zu umgehen.<\/p><p>Wenn man sagen kann, dass etwas tief in der politischen Kultur des durchschnittlichen venezolanischen B&uuml;rgers verwurzelt ist, dann ist es die &Uuml;berzeugung, dass die politische F&uuml;hrung angesichts solcher Herausforderungen Verantwortung &uuml;bernehmen muss, und Hugo Ch&aacute;vez hat dabei eine entscheidende Rolle gespielt.<\/p><p>Nun, die Art und Weise, wie die regierende Klasse mit solchen Umst&auml;nden umging, bestand darin, ein Narrativ zu schaffen, demzufolge es keine anderen Alternativen gab als die Ma&szlig;nahmen, die sie schlie&szlig;lich ergriffen hat, zum Beispiel in der Wirtschaftspolitik &ndash; das erste schlechte Zeichen. Mit anderen Worten, es g&auml;be keinen Raum f&uuml;r &ouml;ffentliche, partizipative und proaktive &Uuml;berlegungen zu den verschiedenen Optionen, die auf dem Tisch liegen, und zwar aus dem einfachen Grund, weil nur eine Option auf dem Tisch liegt. Was aber, wenn diese einzige Alternative den strategischen Horizont der bolivarischen Revolution in Frage stellen w&uuml;rde? Pech gehabt.<\/p><p>Sobald sich diese Logik in der regierenden Klasse durchgesetzt hatte, bestand die einzige Alternative zur Eind&auml;mmung der Hyperinflation beispielsweise in dem Ma&szlig;nahmenpaket, das schlie&szlig;lich ab September 2018 zur Anwendung kam: drastische K&uuml;rzung der &ouml;ffentlichen Ausgaben, Abwertung der L&ouml;hne auf einen historischen Tiefstand, Auszahlung der Einkommen der Arbeiterklasse in Form von Boni usw.<\/p><p>Eine solche Abfolge von Umst&auml;nden, das hei&szlig;t, materielle Entbehrungen&nbsp;&ndash; die immer auch geistige Entbehrungen sind und die sozialen Bindungen drastisch beeintr&auml;chtigen &ndash;, imperialistische Belagerung, die die materiellen Entbehrungen exponentiell vervielfacht, politische Entbehrungen, die die Blockierung von Alternativen zur Bew&auml;ltigung der Situation impliziert, woraufhin weitere materielle Entbehrungen folgen, erm&ouml;glicht es uns, zumindest teilweise die sehr ernste Tatsache zu verstehen, dass ein bedeutender Teil der B&uuml;rgerschaft bis an den Punkt gekommen ist, die venezolanische Ultrarechte als eine politische Option zu sehen.<\/p><p><strong>Welche Positionen hatten die politischen Kr&auml;fte der radikalen Linken im Vorfeld der Wahlen? Welche Optionen gibt es, um die Linke im aktuellen Kontext zu st&auml;rken?<\/strong><\/p><p>Ich antworte Ihnen aus meinen Aktivit&auml;ten heraus: Es gibt viele M&ouml;glichkeiten, und wir haben nicht aufgeh&ouml;rt, daran zu arbeiten, sie zu erweitern. Wir haben versucht, der Notwendigkeit Rechnung zu tragen, R&auml;ume zu schaffen, in denen Analysen der Situation mit einem Minimum an Stringenz und intellektueller Ehrlichkeit durchgef&uuml;hrt werden k&ouml;nnen. In diesen R&auml;umen bem&uuml;hen wir uns, das Wertvollste aus der Tradition der revolution&auml;ren venezolanischen Linken dem Vergessen zu entrei&szlig;en. Wir versuchen, Bedingungen zu schaffen, um dies an die n&auml;chste Generation weiterzugeben, damit diejenigen, die sich dem Kampf gerade erst angeschlossen haben, nicht das Gef&uuml;hl haben, bei null anfangen zu m&uuml;ssen. Es gibt eine enorme Akkumulation von K&auml;mpfen und Wissen, die viel Licht auf das werfen, was wir jetzt und in Zukunft tun m&uuml;ssen.<\/p><p>Wir machen zweifellos eine besonders schwierige Zeit durch, aber es wird weder das erste noch das letzte Mal sein, dass wir mit solchen Situationen konfrontiert sind. Wir haben nicht nur Verbindungen zu politisch Aktiven in vielen Teilen des Landes und auch au&szlig;erhalb Venezuelas, sondern wir bem&uuml;hen uns auch um eine effektivere politische Organisierung. Dar&uuml;ber hinaus sind wir uns dar&uuml;ber im Klaren, dass es sich die revolution&auml;re Linke ungeachtet der Umst&auml;nde nicht leisten kann, sich als Ghetto zu betrachten, als eine Handvoll Aktivisten, die Zeugnis von aufopferungsvollen K&auml;mpfen ablegen etc.<\/p><p>Die L&ouml;sung der grundlegenden Probleme des Landes liegt bei der Linken, aber sie geht dar&uuml;ber hinaus, diese lehrte uns&nbsp;<a href=\"https:\/\/es.wikipedia.org\/wiki\/Alfredo_Maneiro\">Alfredo Maneiro<\/a>. Die revolution&auml;re Linke muss in der Lage sein, mit den popularen Mehrheiten zu sprechen, sie muss sich durch ihren Willen zur Macht auszeichnen, wie Hugo Ch&aacute;vez betonte.<\/p><p><em><strong>Reinaldo Iturriza<\/strong> aus Venezuela ist Schriftsteller, Aktivist, Soziologe und Leiter des Zentrums f&uuml;r Studien f&uuml;r die sozialistische Demokratie (<\/em><a href=\"https:\/\/cedesve.com\/\"><em>Cedes<\/em><\/a><em>). Er war 2013 bis 2014 Minister f&uuml;r die Kommunen und soziale Bewegungen, anschlie&szlig;end &uuml;bernahm er das Kulturministerium bis 2016.<\/em><\/p><p>&Uuml;bersetzung: Vilma Guzm&aacute;n, <a href=\"https:\/\/amerika21.de\/blog\/2024\/08\/271228\/venezuela-wahlen-putschversuch-betrug\">Amerika21<\/a>.<\/p><p><small>Titelbild: Shutterstock \/ vPX Media<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=120123\">Stimmen aus Venezuela: &Uuml;ber Wahlen und kollektive Emanzipation<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=119707\">Widerspr&uuml;chliche Angaben zu Opfern der Gewalt nach Wahl in Venezuela<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=119434\">Pr&auml;sidentschaftswahlen in Venezuela: &Uuml;ber Betrugsvorw&uuml;rfe und die Sicherheit des Wahlsystems<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=110462\">US-Regierung versch&auml;rft Sanktionspolitik gegen Venezuela und mischt sich in den Wahlkampf ein<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/b71962f83a584de9a9e8b30cf9104d82\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\" title=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Soziologe <strong>Reinaldo Iturriza<\/strong> er&ouml;rtert im Interview mit <strong>Federico Fuentes<\/strong> die gegens&auml;tzlichen &ndash; und unzureichenden &ndash; Narrative rund um die Ereignisse bei den Pr&auml;sidentschaftswahlen in Venezuela.<\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":120891,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[20,190],"tags":[1795,365,2071,1333,1019],"class_list":["post-120890","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-landerberichte","category-wahlen","tag-chavez-hugo","tag-inflation","tag-maduro-nicolas","tag-venezuela","tag-wirtschaftssanktionen"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/shutterstock_2347992943.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/120890","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=120890"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/120890\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":120984,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/120890\/revisions\/120984"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/120891"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=120890"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=120890"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=120890"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}