{"id":120966,"date":"2024-09-07T14:00:15","date_gmt":"2024-09-07T12:00:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=120966"},"modified":"2024-09-06T19:43:25","modified_gmt":"2024-09-06T17:43:25","slug":"gibt-es-eine-zweite-oekonomik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=120966","title":{"rendered":"Gibt es eine zweite \u00d6konomik?"},"content":{"rendered":"<p>Albrecht M&uuml;ller hat <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=120839\">auf den Nachdenkseiten kritisiert<\/a>, ich h&auml;tte in meinem Buch eine Richtung der &Ouml;konomik &uuml;bersehen, die er &bdquo;Theorie der Marktwirtschaft&ldquo; nennt oder welfare economics, die vor allem mit dem Namen Vilfredo Pareto verbunden ist. Offenbar vermutet er, es gebe eine Mikro&ouml;konomik, die vollkommen neoklassisch ist, und dazu eine Makro&ouml;konomik, die sich aus ganz anderen Quellen speist. Das ist ein gravierendes Missverst&auml;ndnis. Von <strong>Heiner Flassbeck<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie optimale Allokation der Ressourcen, die man mit dem Namen Pareto verbindet, baut auf dem Modell des allgemeinen Gleichgewichts auf, das Leon Walras entwickelt hat. Dessen Theorie wird von mir explizit und ausf&uuml;hrlich kritisiert, denn sie ist der Kern der Neoklassik mit all ihren Konsequenzen. <\/p><p>Man kann sich das allgemeine Gleichgewicht, das schlie&szlig;lich zur &bdquo;optimalen Allokation aller Ressourcen&ldquo; f&uuml;hrt, am besten wie einen Dorfplatz vorstellen, an dem sich alle in irgendeiner Form wirtschaftenden Menschen jeden Morgen treffen und die von ihnen produzierten G&uuml;ter tauschen. Der eine bringt Fr&uuml;chte, der andere Gem&uuml;se, der Dritte Korn und der Vierte bringt Fleisch. Das tauschen sie in jeder Periode so lange, bis &ndash; entsprechend Ihrer sehr einfachen Bed&uuml;rfnisse &ndash; die optimale Allokation der vorhandenen G&uuml;ter erreicht ist und damit der Nutzen, den diese G&uuml;ter stiften konnten, optimiert ist. <\/p><p>Bedenkt man noch, dass die Produktion wom&ouml;glich negative Effekte auf die Umwelt hatte, und macht den Produzenten Auflagen, sodass sie die Kosten f&uuml;r deren Beseitigung mit in die Preise einrechnen, hat man die beste aller Welten erreicht, n&auml;mlich das Pareto-Optimum. Zwischen diesen periodischen Handelsaktivit&auml;ten passiert nichts, was die einzelnen Marktteilnehmer jenseits ihrer Produktion zu beachten h&auml;tten. Der Tausch geht vollkommen zeitlos bis in alle Ewigkeit.<\/p><p>Auf diesem Marktplatz braucht man Geld nur, weil es das Rechnen erleichtert, ansonsten kann alles in &bdquo;real terms&ldquo; betrachtet werden, also drei &Auml;pfel gegen ein Pfund Kartoffeln. Es gibt keine Unternehmen bzw. nur solche Institutionen, die niemals einen Gewinn und niemals einen Verlust machen und niemals etwas eigenst&auml;ndig entscheiden. Es gibt keine Entwicklung, es gibt keine Unsicherheit, es gibt kein Sparen und kein Investieren, es gibt keinen Finanzmarkt und es gibt keine grenz&uuml;berschreitenden Transaktionen. Es gibt keine wirtschaftliche Macht und keine Politik, die Fehler machen k&ouml;nnte.<\/p><p>Nicht umsonst habe ich Joseph Alois Schumpeter den allergr&ouml;&szlig;ten Raum in meinem Buch einger&auml;umt. Schumpeter hat sich in seinem Werk &uuml;ber die Entwicklung von Volkswirtschaften die M&uuml;he gemacht, auf 70 Seiten diesen vollkommen station&auml;ren Marktplatz und seine Implikationen zu beschreiben, um danach zu zeigen, dass er nichts, aber auch gar nichts mit der realen Welt zu tun hat. Doch dieser Einsicht verweigern sich die Neoklassiker seit weit &uuml;ber 100 Jahren. Dar&uuml;ber nachzudenken, h&auml;tte ihre heile Welt ins Wanken gebracht und ihren festen Glauben an den Markt als herrschaftsfreie und deswegen gerechte Institution.<\/p><p>In der wirklichen Welt jedoch k&auml;mpfen Unternehmen gegeneinander um Macht und Marktanteile bis zu dem Punkt, wo ein Unternehmen den Konkurrenten endg&uuml;ltig vernichtet hat. Im richtigen Leben k&auml;mpfen die Arbeitnehmer, die sich zusammenschlie&szlig;en m&uuml;ssen, um &uuml;berhaupt etwas erreichen zu k&ouml;nnen, mit den Arbeitgebern darum, am gemeinsam erwirtschafteten Ergebnis beteiligt zu werden. Es gibt in dieser Welt auch keinen Stillstand, keine endg&uuml;ltigen Transaktionen, keinen vergleichbaren Nutzen und keine Befriedigung objektiv vorhandener &bdquo;Bed&uuml;rfnisse&ldquo;.<\/p><p>In der Welt, in der wir leben, gibt es keinen Zins, der Ersparnis und Investitionen zusammenbringt, keinen Lohn, der den Arbeitsmarkt ausgleicht, keinen Wechselkurs, der rationale internationale Transaktionen erlauben w&uuml;rde, und schlie&szlig;lich keine Regierungen, die gen&uuml;gend Einsicht in die Zusammenh&auml;nge h&auml;tten und in der Lage w&auml;ren, dieses extrem komplexe und explosive System zu stabilisieren. Das ist der Kern meiner Kritik an der Neoklassik.<\/p><p>Man kann ruhig weiter vom herrschaftsfreien Marktplatz tr&auml;umen, wenn man aber wirtschaftspolitische Empfehlungen daraus ableitet, dann wird es gef&auml;hrlich. Wenn man etwa sagt, es sei doch durchaus sinnvoll, Leistungsbilanzdefizite zu haben, weil man billige G&uuml;ter aus dem Ausland bekommt, die man sonst unter gro&szlig;en M&uuml;hen zu Hause h&auml;tte herstellen m&uuml;ssen, dann schlie&szlig;t man vom Marktplatz auf die wirkliche Welt und macht gewaltige Fehler. Man interpretiert dann einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit, der tats&auml;chlich Teil eines dynamisch verlaufenden Prozesses ist, als statisches und zugleich stabiles Ergebnis des Tausches auf dem Marktplatz. Das f&uuml;hrt total in die Irre.<\/p><p>Offenkundig ist dieser Fehler bei der Interpretation von Leistungsbilanzsalden. Hier hat man es in den Augen der Neoklassik mit Tausch zu tun, der eine liefert etwas und bekommt daf&uuml;r etwas von einem anderen. In diesem Sinne ist es in der Tat fragw&uuml;rdig, die eigenen Produkte billig oder zu billig anzubieten. Doch darum geht es in der Wirklichkeit ja gar nicht. Es geht nicht um den Leistungsbilanzsaldo als solchen (also um den Tausch zu einem bestimmten abgegrenzten Zeitpunkt), sondern um einen Prozess, bei dem die Produzenten in einem Land zulasten der Produzenten in einem anderen Land billige Produkte anbieten, Marktanteile gewinnen und schlie&szlig;lich die ausl&auml;ndische Industrie und deren Arbeitspl&auml;tze dem Erdboden gleich machen. <\/p><p>Das beste Beispiel f&uuml;r einen solchen Prozess ist immer noch der deutsche Leistungsbilanz&uuml;berschuss, der durch Lohndumping in der W&auml;hrungsunion m&ouml;glich wurde und den Nachbarl&auml;ndern gewaltigen Schaden zugef&uuml;gt hat, weil sie gegen&uuml;ber Deutschland auf Dauer Marktanteile, Arbeitspl&auml;tze und Einkommen f&uuml;r Arbeitgeber und Arbeitnehmer verloren haben. Hinzu kommt, worauf ich Hunderte Male hingewiesen habe, dass sich Deutschland nur wegen des &Uuml;berschusses erlauben konnte, seine staatlichen Finanzen in den 2010er-Jahren zu sanieren. Das m&ouml;ge man einmal mit der &bdquo;Theorie der Marktwirtschaft&ldquo; erkl&auml;ren.<\/p><p>Mit dem Hinweis auf einen g&uuml;nstigen statischen Tausch kann man auch ganzen Entwicklungsl&auml;ndern den Garaus machen. Wie ich in <a href=\"https:\/\/www.relevante-oekonomik.com\/2024\/09\/02\/ein-gespraech-mit-markus-karsten-zum-heutigen-erscheinen-meines-grundlagenbuches\/\">meinem Gespr&auml;ch mit Markus Karsten<\/a> erz&auml;hlt habe, hat man das Land Tahiti dazu gebracht, billige amerikanische Baumwolle einzuf&uuml;hren, obwohl man eine eigene funktionierende Baumwollwirtschaft hatte. Als die heimische Baumwollproduktion durch billige Importe zum Erliegen kam, hatte die Neoklassik nichts als sinnfreie Spr&uuml;che zu liefern (und tut das heute noch jeden Tag durch den Internationalen W&auml;hrungsfonds rund um die Welt). Der Markt werde schon daf&uuml;r sorgen, dass man eine andere Nische findet (via komparative Vorteile!), und wenn es tats&auml;chlich Arbeitslosigkeit gibt, m&uuml;ssen die L&ouml;hne nur flexibel genug sein, dann w&auml;re auch das kein Problem. <\/p><p>Nein, es gibt keine zwei verschiedenen Ans&auml;tze der &Ouml;konomik, wo der eine auf der Ebene der Mikro&ouml;konomie bleibt und der andere die Makro&ouml;konomie abdeckt. Man muss die Neoklassik vollst&auml;ndig zur Seite legen, wenn man eine konsistente Theorie liefern und vern&uuml;nftige wirtschaftspolitische Ratschl&auml;ge geben will. Albrecht M&uuml;ller sollte sich die M&uuml;he machen, mein Buch zu lesen.<\/p><p><em><strong>Anmerkung Albrecht M&uuml;ller<\/strong>: Selbstverst&auml;ndlich ver&ouml;ffentlichen wir die Kritik von Heiner Flassbeck an meinen kritischen Anmerkungen zu seinem Buch. Mein einziger Kommentar: Was hat seine Kritik mit meinem kritischen Text &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=120839\">Ein interessantes Buch. Aber der Titel stimmt nicht<\/a>&rdquo; zu tun?<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Albrecht M&uuml;ller hat <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=120839\">auf den Nachdenkseiten kritisiert<\/a>, ich h&auml;tte in meinem Buch eine Richtung der &Ouml;konomik &uuml;bersehen, die er &bdquo;Theorie der Marktwirtschaft&ldquo; nennt oder welfare economics, die vor allem mit dem Namen Vilfredo Pareto verbunden ist. 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