{"id":1210,"date":"2006-04-23T15:43:41","date_gmt":"2006-04-23T13:43:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1210"},"modified":"2016-02-11T12:20:25","modified_gmt":"2016-02-11T11:20:25","slug":"kurt-tucholsky-ein-aktueller-kommentar-zur-politischen-situation-aus-dem-jahre-1931","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1210","title":{"rendered":"Kurt Tucholsky: Ein aktueller Kommentar zur politischen Situation aus dem Jahre 1931"},"content":{"rendered":"<p>DIE HERREN WIRTSCHAFTSF&Uuml;HRER<\/p><p>Von Kurt Tucholsky (geschrieben am 18.8.1931)<br>\n<!--more--><br>\nStets hat die Menschheit ihre Helden gehabt: Priester oder Ritter, Gelehrte oder Staatsm&auml;nner. Bis zum 14. Juli 1931 waren es f&uuml;r Deutschland die Wirtschaftsf&uuml;hrer, also Kaufleute. Die Kaufleute sind Exponenten des Erwerbsinnes; sie haben immer ihre Rolle gespielt, doch wohl noch nie so eine gro&szlig;e wie heute. Weil das, was sie in H&auml;nden halten, das wichtigste geworden ist, werden sie in einer Weise &uuml;bersch&auml;tzt, die l&auml;cherlich w&auml;re, wenn sie nicht so tragische Folgen h&auml;tte. Die deutsche Welt erschauert, sie braucht G&ouml;tzen, und was f&uuml;r welche hat sie sich da ausgesucht &ndash; ! <\/p><p>Man sollte meinen, da&szlig; der gesunde Menschenverstand wenigstens eines sehen k&ouml;nnte: den Mi&szlig;erfolg. Aber damit ist es nichts. Niemand von denen, die diese Wirtschaftsf&uuml;hrer bewundern, behielte auch nur einen Tag lang einen Chauffeur, der ihm die Karre mit Frau und Kind umgeworfen h&auml;tte, auch dann nicht, wenn dem Chauffeur die Schuld nicht nachzuweisen w&auml;re. Er k&uuml;ndigt, denn solchen Chauffeur will er nicht. Aber solche Wirtschaftsf&uuml;hrer, die will er. <\/p><p>Der unbeirrbare Stumpfsinn, mit dem diese Kapitalisten ihre t&ouml;richte Geldpolitik fortsetzen, immer weiter, immer weiter, bis zur Ausblutung ihrer Werke und ihrer Kunden, ist bewundernswert. Alles, was sie seit etwas zwanzig Jahren treiben, ist von zwei fixen und absurden Ideen beherrscht: Druck auf die Arbeiter und Export. <\/p><p>F&uuml;r diese Sorte sind Arbeiter und Angestellte, die sie heute mit einem euphemistischen und kostenlosen Schmeichelwort gern &gt;Mitarbeiter&lt; zu titulieren pflegen, die nat&uuml;rlichen Feinde. Auf sie mit Gebr&uuml;ll! Dr&uuml;cken, dr&uuml;cken: Die L&ouml;hne, die Sozialversicherung, das Selbstbewu&szlig;tsein - dr&uuml;cken, dr&uuml;cken! Und dabei merken diese Dummk&ouml;pfe nicht, was sie da zerst&ouml;ren. Sie zerst&ouml;ren sich den gesamten inneren Absatzmarkt. \n\nSie scheinen ihn nicht zu wollen - daf&uuml;r haben sie dann den Export. Was dieses Wort in den K&ouml;pfen der Kaufleute angerichtet hat, ist gar nicht zu sagen. Ihre fixe Idee hindert sie nicht, ihre Waren auch im Inland weiterhin anzupreisen; ihre Inserate wirken wie Hohn. Wer soll sich denn das noch kaufen, was sie da herstellen? Ihre Angestellten, denen sie zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel geben, wenn sie sie nicht &uuml;berhaupt auf die Stra&szlig;e setzen? Die kommen als Abnehmer kaum noch in Frage. Aber jene protzen noch: da&szlig; sie deutsche Werke seien, und da&szlig; sie deutsche Kaufleute und deutsche Ingenieure besch&auml;ftigen - und wozu das? &bdquo;Um den Weltmarkt zu erobern!\" So schlau wie die deutschen Kaufleute sind ihre Kollegen jenseits der Grenzen noch alle Tage. Es setzt also &uuml;berall jener bl&ouml;dsinnige Kampf ein, der darin besteht, einen Gegner niederzukn&uuml;ppeln, der bei vern&uuml;nftigem Wirtschaftssystem ein Bundesgenosse sein k&ouml;nnte. Die Engl&auml;nder preisen rein englische Waren an, die Amerikaner rein amerikanische, und das Wirtschaftsinteresse tritt als Patriotismus verkleidet auf. Eine sch&auml;bige Verkleidung, ein j&auml;mmerlicher Maskenball. Schuld - ? Vielleicht geh&ouml;rt eine gro&szlig;e geistige &Uuml;berlegenheit dazu, aus diesem traurigen Trott des Gesch&auml;ftes herauszukommen und auch einmal ein bi&szlig;chen weiterzublicken als grade bis zum n&auml;chsten Ultimo. Aber das k&ouml;nnen sie nicht. Sie machen weiter, wie sie es bisher getrieben haben. Also so: Niederkn&uuml;pplung des Inlandskunden; Spekulation auf einen Export, der heute nicht mehr so durchzuf&uuml;hren ist wie sich die Herren das tr&auml;umen; &Uuml;berlastung der gesamten Industrie durch ein gradezu formidables Schreibwerk, das hinter dem Leerlauf der Staatsb&uuml;rokratie um nichts zur&uuml;cksteht. Was da an Pressechefs, Syndicis, Abteilungsleitern, B&uuml;rofritzen herumsitz und Papierbogen vollschreibt, ohne auch nur das leiseste zu produzieren, das belastet uns alle. Aufgeblasen der Verwaltungsapparat - man sehe sich etwas das Verwaltungsgeb&auml;ude der IG-Farben in Frankfurt am Main an: Das Ding sieht aus wie eine Zwingburg des Kapitalismus, weit ins Land dr&auml;uend. Fr&uuml;her haben die Ritter die Pfeffers&auml;cke ausgepl&uuml;ndert; heute hat sich das gewandelt. \n\nWie immer in ungesunden Zeiten ist der Kredit in einer gradezu sinnlosen Weise &uuml;berspannt. Das Wort &gt;Wucher&lt; ist ganz unmodern geworden, weil der Begriff niemand mehr schreckt, er erscheint normal. Nun haben aber Kartelle und kurzfristige Bankkredite die Unternehmungslust und die sogenannte &gt;freie Wirtschaft&lt; v&ouml;llig get&ouml;tet - es gibt sie gar nicht mehr. Fast jeder Unternehmer und besonders der kleinere ist nichts als der Verwalter von Bankschulden; geht&rsquo;s gut, dann tr&auml;gt er den ungeheuren Zins ab, und geht&rsquo;s schief, dann legen die Banken ihre schwere Hand auf ihn, und es ist wie in Monte Carlo: die Bank verliert nicht. Und wenn sie wirklich einmal verliert, springt der Steuerzahler ein: also in der Hauptsache wieder Arbeiter und Angestellte. \n\n&gt;Das Werk&lt; , dieser G&ouml;tze, hat sich selbst&auml;ndig gemacht, und st&ouml;hnend verrichten die Sklaven ihr Werk, nicht mehr Sklaven eines Herrn, sondern Sklaven ihrer selbst. Auch der Unternehmer ist l&auml;ngst zu einem Angestellten geworden, nur kalkuliert er f&uuml;r sich ein derartiges Gehalt heraus, da&szlig; er wenig riskiert. Die fortgeschrittenen Kommunisten tun recht daran, den Unternehmer nicht mehr damit zu bek&auml;mpfen, da&szlig; sie ihm Sekt und Austern vorwerfen, dergleichen verliert von einer gewissen Verm&ouml;gensgrenze ab seine Bedeutung. Aber da&szlig; diese Kerle die Verteilung von Ware und Verdienst ungesund aufbauen, da&szlig; sie ihre Bilanzen vernebeln und den Angeh&ouml;rigen der wirtschaftlich herrschenden Klassen so viel Geld zuschieben, da&szlig; den anderen nicht mehr viel bleibt: das und nur das ist Landesverrat. Ohnm&auml;chtig sieht der Staat dem zu. Was kann er machen? Nun, er kann zum Beispiel eine Verordnung erlassen, wonach das zu verkaufende Brot sein Gewicht auf der Kruste eingepr&auml;gt erhalten mu&szlig;, und das ist ein gro&szlig;er Fortschritt. Seine Gesetze ber&uuml;hren die Wirtschaft gar nicht, weil sie ihm ebenb&uuml;rtig an Macht, weil sie ihm &uuml;berlegen ist. Sie pariert jeden Schlag mit den gleichen Mitteln: mit denen einer ausgekochten Formaljurisprudenz, mit einer dem Staat &uuml;berlegenen B&uuml;rokratie, mit Geduld. Schiebt ihm aber alle Lasten zu, ohne ihm etwa das Erbrecht zu konzedieren. Er hat zu sorgen. Wovon? Das ist seine Sache. Also unsre Sache. F&uuml;r wen wir gelitten? F&uuml;r wen wird gehungert? F&uuml;r wen auf B&auml;nken gepennt, w&auml;hrend die Banken verdienen? F&uuml;r diese da. Es ist nicht so, da&szlig; sie sich m&auml;sten, das ist ein Wort f&uuml;r Volksversammlungen. Sie m&auml;sten den G&ouml;tzen, sie sind selber nicht sehr gl&uuml;cklich dabei, sie f&uuml;hren ein Leben voller Angst, es ist ein Kapitalismus des schlechten Gewissens. Sie schwindeln sich vom Heute in das Morgen hinein, &uuml;ber viele Kinderleichen, &uuml;ber ausgemergelte Arbeitslose - aber das Werk, das Werk ist gerettet. Selbst die &gt;Frankfurter Zeitung&lt; , die sich in einer gradezu r&uuml;hrenden Weise bem&uuml;ht, diesen st&ouml;rrischen Eseln des Kapitalismus gut zuzureden, wobei jene wild hinten ausschlagen, gibt zu, da&szlig; &gt;nach den Erhebungen, die das Institut f&uuml;r Konjunkturforschung und eine deutsche Gro&szlig;bank unabh&auml;ngig voneinander durchgef&uuml;hrt haben, noch entbehrliche L&auml;ger im Werte von mehreren Milliarden vorhanden sind&gt; &ndash; man male sich das angesichts dieser Not aus! Aber die L&auml;ger bleiben. Und das Werk ist gerettet. Wo steht geschrieben, da&szlig; es gerettet werden mu&szlig;? Warum ist die Menschheit nicht st&auml;rker als dieser Popanz? Weil sie den Respekt in den Knochen hat. Weill sie gl&auml;ubig ist. Weil man sie es so gelehrt hat. Und nun glaubt sie. Noch ist die andre Seite st&auml;rker als man glaubt. Zu warnen sind all jene, die die Arbeiter sinnlos in die Maschinengewehre und in die weitge&ouml;ffneten Arme der Richter hineintreiben. Drei Jahre Zuchthaus &ndash; zwei Jahre Gef&auml;ngnis &ndash; vier Jahre Zuchthaus&hellip; das prasselt nur so. Noch sind jene st&auml;rker. Die Arbeiterparteien sollten ihre Kr&auml;fte nicht in einem zun&auml;chst aussichtslosen Kleinkrieg verpulvern, solche Opfer haben einen ideologischen Wert, ihr praktischer ist noch recht klein. Dr&uuml;ben ist viel Macht. Also mu&szlig; gek&auml;mpft werden. Aber so wenig ein geschulter Proletarier individuelle Attentate auf Bankdirektoren guthei&szlig;en kann, so wenig sind Verzweiflungsausbr&uuml;che kleinerer oder gr&ouml;&szlig;erer Gruppen allein geeignet, ein System zu st&uuml;rzen, das jede, aber auch jede Berechtigung verloren hat, Ru&szlig;land zu kritisieren. Wer so versagt, hat zu schweigen. Doch schweigen sie nicht. Sie haben Dreistigkeit, unter diesen Verh&auml;ltnissen noch &gt;Vertrauen&lt; zu fordern, dieselben M&auml;nner, die das Ungl&uuml;ck verschuldet haben. Und keiner tritt ab, nur die Gruppierung &auml;ndert sich ein wenig. Das verdient die sch&auml;rfste Bek&auml;mpfung. \n\nKampf, ja. Doch untersch&auml;tze man den Gegner nicht, sondern man werte ihn als das, was er, immer noch, ist: ein &uuml;bernotierter Wert, der die Hausse erstrebt und die Baisse in sich f&uuml;hlt. Sein Niedergang wird kommen. Das kann, wie die gescheiten und weitblickenden unter den Kaufleuten wissen, auch anders vor sich gehen als auf dem Wege einer Revolution. \n\nBleiben die Wirtschaftsf&uuml;hrer bei dieser ihrer Wirtschaft, dann ist ihnen die verdiente Revolution sicher. \n\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.sozialistische-klassiker.org\/Tucholsky\/Tuch12.html\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.sozialistische-klassiker.org\/Tucholsky\/Tuch12.html\">www.sozialistische-klassiker.org<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>DIE HERREN WIRTSCHAFTSF&Uuml;HRER<\/p>\n<p>Von Kurt Tucholsky (geschrieben am 18.8.1931)<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[131,161],"tags":[290,380,319],"class_list":["post-1210","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-oekonomie","category-wertedebatte","tag-binnennachfrage","tag-export","tag-lohnentwicklung"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1210","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1210"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1210\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":31127,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1210\/revisions\/31127"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1210"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1210"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1210"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}