{"id":12107,"date":"2012-02-03T09:28:50","date_gmt":"2012-02-03T08:28:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12107"},"modified":"2015-01-18T12:14:54","modified_gmt":"2015-01-18T11:14:54","slug":"die-agonie-der-demokratie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12107","title":{"rendered":"Die Agonie der Demokratie"},"content":{"rendered":"<p>Der Verfassungsschutz besch&auml;ftigt sich mit der Linkspartei und gleichzeitig nutzt das Finanzsystem die von ihm provozierten Refinanzierungsprobleme der Eurostaaten, um der Politik neue und immer engere Leitplanken zu setzen, mit denen die politische Handlungsf&auml;higkeit  der demokratischen Staaten immer weiter eingeschr&auml;nkt wird. L&auml;ngst ist die &ouml;ffentliche Verschuldung zu einem Gesslerhut geworden, der dem Volk und der Politik aufzeigt, wer der wahre Souver&auml;n in diesem Lande ist &ndash; n&auml;mlich das Finanzsystem. In steter Regelm&auml;&szlig;igkeit wird ganz offen eine Unterscheidung zwischen den vermeintlich objektiven  Interessen der Allgemeinheit und dem politischen Willen der Allgemeinheit vorgenommen. Gerade so, als seien die in einer Demokratie angeblich m&uuml;ndige B&uuml;rger unm&uuml;ndige Kinder, die nicht wissen k&ouml;nnen, was das Beste f&uuml;r sie sei. Die Demokratie von heute ist nicht mehr von ihren offenen Feinden &ndash; und schon gar nicht von der Linken -, sondern von denjenigen bedroht, die vorgeben, die Politik in den europ&auml;ischen Staaten wieder auf den Pfad der Tugend, n&auml;mlich des Sparens zur&uuml;ckf&uuml;hren zu wollen. Von Jens Berger<br>\n<!--more--><br>\nSeit wann nimmt die &Ouml;ffentlichkeit es eigentlich ohne weitere Klagen hin, dass die deutsche Politik die Verfassung eines souver&auml;nen, demokratischen Staates au&szlig;er Kraft setzten will, indem sie dem Parlament das Budgetrecht abspricht? W&auml;hrend das Bundesverfassungsgericht den deutschen Politikern hier sehr restriktive Leitplanken gesetzt hat, l&auml;sst man andererseits jeglichen Respekt vor der Verfassung anderer demokratischer Staaten vermissen. Griechenland &ndash; so hat es den Anschein &ndash; gilt f&uuml;r die Eliten dieses Landes als eine Art seniler Gro&szlig;vater, den man davor sch&uuml;tzen muss, auf Nepper, Schlepper und Bauernf&auml;nger hereinzufallen, indem man ihm die Gesch&auml;ftsf&auml;higkeit aberkennen l&auml;sst und sich selbst die Vormundschaft anma&szlig;t. Man erkl&auml;rt die griechische Demokratie inzwischen reflexhaft f&uuml;r unf&auml;hig, die eigenen Interessen erkennen oder gar vertreten zu k&ouml;nnen, erkl&auml;rte sie schlicht f&uuml;r unm&uuml;ndig und ignoriert damit sogar das demokratische &bdquo;K&ouml;nigsrecht&ldquo; eines Parlaments, n&auml;mlich die Haushaltshoheit in einem Ma&szlig;e wie es in der Geschichte bisher nur durch Gewalt- oder Kriegsandrohung oder durch milit&auml;rische Besetzung m&ouml;glich war.  <\/p><p>Unter dem Deckmantel der Stabilisierung des Euros und der Erhaltung der Europ&auml;ischen W&auml;hrungsunion will Deutschland L&auml;ndern wie Griechenland in ein Verh&auml;ltnis zwingen, das wohl am ehesten einem Status entspricht, den  V&ouml;lkerrechtler als &bdquo;Suzer&auml;nit&auml;t&ldquo; bezeichnen &ndash; n&auml;mlich das &Uuml;bertragen verschiedener elementarer Bereiche staatlicher Souver&auml;nit&auml;t an einen m&auml;chtigeren Staat (&bdquo;Suzer&auml;n&ldquo;). So war es etwa zu Zeiten des britischen Empires vollkommen normal, dass britische Beamte im Auftrag der m&auml;chtigen Britischen Ostindien-Kompanie die Fiskalpolitik der indischen F&uuml;rstent&uuml;mer im britischen Machtbereich &bdquo;koordinierten&ldquo;. Nicht gro&szlig;artig unterschiedlich ist da <a href=\"http:\/\/www.dowjones.de\/site\/2012\/01\/kauder-droht-griechenland-mit-zahlungsstopp-magazin.html\">der Vorschlag<\/a> des CDU-Politikers Volker Kauder zu werten, der deutsche Beamte dazu einsetzen will, die fiskalischen Vorgaben, die Griechenland von der deutschen Regierung &uuml;ber die EU diktiert bekommen hat, gegen demokratisch legitimierte Entscheidungen  knallhart vor Ort durchzusetzen. Hinter den Kulissen zieht diesmal nicht die Ostindien-Kompanie, die eine Vereinigung reicher Londoner Kaufleute war, die F&auml;den, sondern ein weitestgehend anonymes Konglomerat der Hochfinanz, das gerne besch&ouml;nigend mit dem Begriff &bdquo;Finanzm&auml;rkte&ldquo; umschrieben wird.<\/p><p>Eigentlich m&uuml;sste ein Politiker wie Volker Kauder, der schon mit seiner chauvinistischen Aussage &bdquo;in Europa wird wieder deutsch gesprochen&ldquo; unsere Nachbarn gegen Deutschland aufbrachte,  und der nun mit seinem Ruf nach einer Art &bdquo;Generalgouvernement Griechenland&ldquo; nicht nur alles in den Schatten stellt, was man in puncto Taktlosigkeit von Unionspolitikern kennt, sondern auch offen einem befreundeten demokratischen Staat die Souver&auml;nit&auml;t abspricht, doch mit Schimpf und Schande aus dem Reichstagsgeb&auml;ude gejagt werden. Das Ultimatum, dass die deutsche Kanzlerin in Br&uuml;ssel einrichte, um Griechenland zur Aufgabe seiner Budget-Hoheit aufzufordern, erinnert an die dunkelsten Stunden der deutschen Geschichte. Diese Art von Gro&szlig;mannssucht tr&auml;gt dazu bei, dass man sich wieder sch&auml;men muss, ein Deutscher zu sein, wenn man ins benachbarte Ausland reist. <\/p><p>Doch wer hat eigentlich bei uns diese zutiefst antidemokratischen &Auml;u&szlig;erungen kritisiert? Wer hat die Wahrung demokratischer Grunds&auml;tze in Europa &ouml;ffentlich verteidigt? Die deutschen Politiker der aktuellen und fr&uuml;heren Regierungsparteien, die gerne in Sonntagsreden bei feierlichen Anl&auml;ssen ihr Hohelied auf unsere freiheitliche demokratische Grundordnung singen, jedenfalls nicht.  Nein, Demokratie scheint f&uuml;r diese Politiker nur  so lange ein sch&uuml;tzenswertes Gut zu sein, so lange sie ihnen  erlaubt, ihre eigene von Ideologie bestimmte Politik demokratisch zu legitimieren.  Sind jedoch die Interessen der Mehrheit nicht deckungsgleich mit der von solchen Politikern vertretenen Dogmen, geraten die Sonntagsreden schnell in Vergessenheit. Haben die deutschen Leitmedien auch nur in einem einzigen kurzen Moment die von der Bundesregierung geforderte Suspendierung der griechischen Demokratie beklagt? Nein, die honorigen Leitartikler, die sich stets in anma&szlig;ender Hybris  in der Rolle der vierten Gewalt gefallen, haben nicht nur in diesem Fall als Verteidiger demokratischer Grundprinzipien auf ganzer Linie versagt. Wie kann man ihnen da noch die Verteidigung der deutschen Demokratie zutrauen, wenn sie noch nicht einmal imstande sind, mahnend die Stimme zu erheben, wenn vor ihren Augen die Demokratie eines Staates der Europ&auml;ischen Union au&szlig;er Kraft gesetzt werden soll?  <\/p><p>Dabei ist Griechenland nur die sichtbare Spitze eines riesigen demokratiegef&auml;hrdenden Eisbergs, der auch schon den Rumpf des deutschen Politdampfers auf bedrohliche L&auml;nge aufgerissen hat. Auf ganz vielen Feldern &ndash; angefangen von den Hartz-Reformen, &uuml;ber die Rente mit 67, dem Mindestlohn bis hin zum Milit&auml;reinsatz in Afghanistan &ndash; hat sich die Politik von den Bu&#776;rgern und deren Sorgen und Interessen verabschiedet. Sie dient nicht dem Allgemeinwohl, sondern den Partikularinteressen einer sehr einflussreichen finanzkr&auml;ftigen und dementsprechend meinungsm&auml;chtigen Minderheit. Quer durch wichtige Bereiche des gesellschaftlichen Zusammenlebens bestimmen diese Partikularinteressen die politische Agenda. Dies gilt ganz besonders f&uuml;r die o&#776;konomischen Interessen des Finanzsektors. Die Finanzwirtschaft hat die Politik der letzten Jahre zun&auml;chst mit ihrem Druck auf die Deregulierung der Finanzm&auml;rkte vor sich her getrieben hat und nunmehr &ndash; durch die dadurch ausgel&ouml;ste Krise &ndash; geradezu zu ihrem Bittsteller gemacht hat. Die gesamte europ&auml;ische Politik buhlt nur noch um das &bdquo;Vertrauen der M&auml;rkte&ldquo;. Und die Medien plappern das von morgens bis abends auf allen Kan&auml;len nach. Durch die Finanzkrise und die durch sie ausgelo&#776;ste Eurokrise findet Politik nur noch als Reaktion auf die M&auml;rkte statt. Nicht mehr das Volk, der eigentliche Souvera&#776;n, sondern die Finanzma&#776;rkte bestimmen die Maximen der Politik. Das Ergebnis ist dann die &bdquo;marktkonforme Demokratie&ldquo;, die Angela Merkel als Leitbild ausgegeben hat. Mit einer lebendigen Demokratie hat dies jedoch nichts zu tun, es handelt sich vielmehr um eine demokratische Fassade hinter der ganz andere Kr&auml;fte die F&auml;den ziehen,  wie das der britische Politologe Colin Crouch als <a href=\"\/?p=8292\">Postdemokratie beschrieben hat<\/a>. <\/p><p>Wenn in Griechenland und Italien demokratisch gew&auml;hlte Regierungen durch sogenannte Expertenr&auml;te ersetzt werden, ist das nach klassischer Definition keine Demokratie mehr, sondern eine Technokratie. U&#776;bersetzt aus dem Altgriechischen bedeutet dieser Begriff denn auch &raquo;Expertenherrschaft&laquo;. Diese Entwicklung ist bedrohlich. Geradezu erschreckend ist jedoch, wie  widerstandslos diese Aush&ouml;hlung der Demokratie hingenommen wird. <\/p><p>Wer es nicht besser wissen kann und sich duckt, mag ein Opfer sein. Wer es besser wissen ko&#776;nnte, aber lieber freiwillig mit dem Strom schwimmt, ist schon kein Opfer mehr. Und wer es besser wei&szlig; und dennoch den Mund ha&#776;lt,  ist kein aufrechter Demokrat und feige ist er obendrein. Schon einmal ist in Deutschland die Demokratie gescheitert und in einer Katastrophe gelandet, weil es zu wenig aufrechte Demokraten gab oder zu wenig Kr&auml;fte, die sich mutig f&uuml;r die Demokratie aktiv einsetzten. <\/p><p>Weder die Griechen noch wir sind unm&uuml;ndige Kinder oder senile Greise, denen man einen Vormund vor die Nase setzen kann. Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus und nicht vom Finanzsystem. Deutsche Kanzler und Minister schw&ouml;ren in ihrem Amtseid, dass sie ihre Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren und Schaden von ihm wenden werden &ndash; vom Nutzen f&uuml;r die deutschen Banken ist  in diesem Eid nicht die Rede. Es ist an der Zeit, dass wir die Politik einmal daran erinnern, wer der Souver&auml;n ist. Mehr und mehr kommt man sich hierzulande vor wie eine Laborratte, der zur Durchf&uuml;hrung eines ideologischen Laborversuchs gezielt Schmerzimpulse zugef&uuml;gt werden, um herauszufinden, wo die Schmerztoleranzschwelle liegt, von der an sich die Ratte sich zur Wehr setzt. Unsere Schmerztoleranz scheint sehr hoch zu sein, wir befinden uns geradezu in einer dauerhaften Duldungsstarre. Nur wenn wir daraus aufwachen, werden wir wieder umgekehrt, der derzeitigen Politik ihre Grenzen aufzeigen k&ouml;nnen. Je l&auml;nger wir uns alles gefallen lassen, desto hinf&auml;lliger wird unsere Demokratie. Ihre Totengr&auml;ber sind die Eliten, aber wir schauen ihnen tatenlos zu.   Muss denn immer erst eine Katastrophe eingetreten sein, bis die Deutschen von einem ideologischen Regime befreit werden k&ouml;nnen?<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/e32c07e6d4614184befee3c27b866c53\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Verfassungsschutz besch&auml;ftigt sich mit der Linkspartei und gleichzeitig nutzt das Finanzsystem die von ihm provozierten Refinanzierungsprobleme der Eurostaaten, um der Politik neue und immer engere Leitplanken zu setzen, mit denen die politische Handlungsf&auml;higkeit der demokratischen Staaten immer weiter eingeschr&auml;nkt wird. 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