{"id":121125,"date":"2024-09-11T13:01:13","date_gmt":"2024-09-11T11:01:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=121125"},"modified":"2024-09-11T14:20:32","modified_gmt":"2024-09-11T12:20:32","slug":"zwischen-99-und-911-eine-erinnerung-an-ahmad-shah-massoud-und-eine-warnung-der-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=121125","title":{"rendered":"Zwischen 9\/9 und 9\/11: Eine Erinnerung an Ahmad Shah Massoud und eine Warnung der Geschichte"},"content":{"rendered":"<p>Die Taliban und die USA, eine verh&auml;ngnisvolle Aff&auml;re, die erst einige Jahre zur&uuml;cklag, als 2001 vor dem Hintergrund der Anschl&auml;ge vom 11. September der sogenannte Krieg gegen den Terror begann. Von <strong>Ramon Schack<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nIn seinem lesenswerten Buch &bdquo;Die Saudi-Connection&ldquo; schreibt der ehemalige CIA-Agent Robert Baer: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Das State Departement verschloss nicht nur die Augen vor der radikal-islamischen Au&szlig;enpolitik, die Saudi-Arabien betrieb &ndash; gelegentlich leistete es dieser Politik sogar noch Vorschub. Es wusste, dass der Plan der Saudis, Erdgas- und Erd&ouml;l-Pipelines von Zentralasien bis nach Pakistan quer durch Afghanistan hindurchzuf&uuml;hren, den Taliban dabei helfen w&uuml;rde, an der Macht zu bleiben &ndash; und auf diese Weise zugleich daf&uuml;r zu sorgen, dass Osama bin Laden ein sicheres Schlupfloch behielt. Trotzdem ermunterte es sogar noch die amerikanische Gesellschaft United Oil of California (UNOCAL), sich daran zu beteiligen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Zwei Tage vor 9\/11 geschah in Afghanistan Folgendes, kaum vermerkt vom Lauf der Welt: Es ist der 9. September 2001. Ein arabisches Fernsehteam hat im nordafghanischen Tachar ein Interview mit Ahmad Shah Massoud verabredet, dem Anf&uuml;hrer der afghanischen Nordallianz. Massoud, seine Begleiter und sein Dolmetscher betreten den Raum. Pl&ouml;tzlich explodieren die Kameras, Massoud wird in Fetzen gerissen. Der Raum f&uuml;llt sich mit Blut, K&ouml;rperteile fliegen umher. Die arabischen Reporter waren Al-Qaida-Agenten, die von Osama bin Laden geschickt worden waren, um dessen gr&ouml;&szlig;ten Widersacher zu beseitigen.<\/p><p><strong>In den internationalen Medien findet die Tat nur wenig Beachtung. Wer wusste damals schon, wer Massoud oder bin Laden waren?<\/strong><\/p><p>Massoud hatte mit seiner Nordallianz den Taliban verzweifelten Widerstand geleistet. Von den Afghanen wurde er als &bdquo;der wahre Vater Afghanistans&ldquo; verehrt, besonders von den Tadschiken. Noch heute ziert sein Portr&auml;t die W&auml;nde vieler Wohnzimmer in Afghanistan und in der weltweiten Diaspora. Massouds Ermordung fand dagegen nur einen geringen Widerhall in den Agenturmeldungen der Welt.<\/p><p><strong>Massouds Warnungen in Europa verhallten<\/strong><\/p><p>Massouds Aufstieg begann mit dem Abzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan. Das <em>Wall Street Journal<\/em> r&uuml;hmte ihn &bdquo;den Afghanen, der den Kalten Krieg&ldquo; gewann. Zeitweise war er Verteidigungsminister der Regierung Burh&#257;nuddin Rabbani. Zu jener Zeit hatte Washington sein geostrategisches Interesse an Afghanistan schon verloren, konzentrierte sich daf&uuml;r auf Pakistan. Islamabad plante, den Politiker Gulbuddin Hekmatyar in Kabul als Marionette der pakistanischen Interessen zu installieren, und begann daf&uuml;r einen blutigen B&uuml;rgerkrieg, welcher in die Machtergreifung der Taliban m&uuml;ndete.<\/p><p>Massoud gelang es, eine Allianz gegen die Taliban zu schmieden. Allerdings zog der beginnende B&uuml;rgerkrieg sich &uuml;ber einen langen Zeitraum hin, Afghanistan versank erneut in Blut und Tr&auml;nen. Die Taliban bauten ihren Herrschaftsbereich sukzessive aus. Schlie&szlig;lich beherrschten sie fast das ganze Land &ndash; bis auf einen schmalen Streifen im Norden. Afghanistan verwandelte sich in einen St&uuml;tzpunkt des dschihadistischen Terrors.<\/p><p>Noch im Fr&uuml;hjahr 2001 warnte Massoud bei einem Besuch im Europaparlament vor Osama bin Laden und dessen Terrorpl&auml;nen. Er fand kaum Geh&ouml;r, die erhoffte internationale Unterst&uuml;tzung blieb aus. Washingtons Hilfe f&uuml;r die Nordallianz blieb lau.<\/p><p><strong>Washingtons Vorbehalte gegen Massoud<\/strong><\/p><p>Im US-Au&szlig;enministerium dominierten starke Vorbehalte gegen&uuml;ber Massoud schon wegen seiner Verbindungen zum Iran und zu Russland. Dabei stand er kurz davor, zur wichtigsten F&uuml;hrungspers&ouml;nlichkeit Afghanistans aufzusteigen. Seine einst engen Beziehungen zur Muslim-Bruderschaft geh&ouml;rten der Vergangenheit an, er hatte sich zu einem afghanischen Patrioten gewandelt. Seine Nordallianz spiegelte die Vielzahl der von den Taliban verfolgten Gruppen und Ethnien wider. Massoud war dabei, jenseits des Taliban-Terrors und der fragilen Planspiele westlicher Strategen eine Vision f&uuml;r eine friedliche Zukunft Afghanistans zu entwickeln.<\/p><p>Im September 2001 war eine Rede Massouds vor der UN-Vollversammlung in New York geplant. Dazu sollte es nicht mehr kommen. In seinem Buch &bdquo;Sturz ins Chaos&ldquo; beschreibt der pakistanische Journalist Ahmed Rashid eine Begegnung mit Massoud am Vorabend von dessen Ermordung: &bdquo;Er war &uuml;ber Pakistan zutiefst ver&auml;rgert. Er fragte mich wiederholt, warum Pakistans Pr&auml;sident und Armeechef Pervez Musharraf eine selbstm&ouml;rderische Politik der Unterst&uuml;tzung von Terroristen betreibe. Und noch &auml;rgerlicher war er &uuml;ber die Vereinigten Staaten und die internationale Gemeinschaft, die Pakistans Hilfe f&uuml;r die Taliban nicht stoppten. Er berichtete mir, wie CIA-Agenten ihn in seiner Festung im Pandschir-Tal besucht und nach Hilfe bei der Ergreifung bin Ladens gefragt hatten. Aber er hatte &uuml;ber sie gelacht, als sie ihm sagten, dass sie ihm keine Waffen liefern oder sonstige Hilfe leisten k&ouml;nnten.&ldquo;<\/p><p>Sicherlich handelte es sich bei Massoud um keinen Demokraten westlichen Typus, was auch immer man sich heute darunter vorstellen mag. Nein, er war ein Krieger aus dem rauen Hochland Afghanistans. Der amerikanische Journalist Sebastian Junger fand vielleicht die richtigen Worte, als er &uuml;ber Massoud schrieb: &bdquo;Viele Leute, die ihn kannten, hatten das Gef&uuml;hl, dass er die beste Hoffnung f&uuml;r jenen Teil der Welt darstellte.&ldquo; Der Verlauf der Weltgeschichte h&auml;tte sich wohl etwas anders vollzogen, w&auml;re Massoud noch am Leben oder h&auml;tte man im Westen seine Warnungen ernst genommen.<\/p><p>Nach der Flucht der Amerikaner und ihrer Alliierten aus Afghanistan vor rund drei Jahren steht der sogenannte &bdquo;War on Terror&ldquo; f&uuml;r das Scheitern eines der gro&szlig;en strategischen Entw&uuml;rfe des Westens. Unsere Freiheit wird heute nicht mehr am Hindukusch verteidigt, wie damals propagandistisch von der Bundesregierung postuliert &ndash; daf&uuml;r aber wohl in den Weiten des Indopazifiks oder gar in der Ukraine. Auch diese strategischen Entw&uuml;rfe des Westens, eher sollte man von Abenteuern schreiben, werden scheitern. Die Folgen sind unabsehbar.<\/p><p>In seiner Rede in der Bundestagsdebatte zum Zwischenbericht der Enquete-Kommission Afghanistan sagte der BSW-Bundestagsabgeordnete Andrej Hunko: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Es ging bei der Beteiligung an diesem Einsatz nie um Afghanistan, auch das wurde bei der Enquete deutlich. Es ging ausschlie&szlig;lich um falsch verstandene B&uuml;ndnissolidarit&auml;t mit den USA nach den Anschl&auml;gen am 11. September.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Diese falsch verstandene B&uuml;ndnissolidarit&auml;t ist auch heute die Triebfeder f&uuml;r zuk&uuml;nftiges Unheil, ob in der Ukraine oder andernorts.<\/p><p><small>Titelbild: Der ber&uuml;hmte Mudschaheddin-K&auml;mpfer Ahmad Shah Massoud spricht mit Journalisten in seinem Hauptquartier n&ouml;rdlich von Kabul, Afghanistan, Oktober 1996 &ndash; Quelle: Shutterstock \/ Northfoto <\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema: <\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54751\">Afghanistan &ndash; 9\/11 &ndash; Amnesie oder Der endlose Krieg<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=84520\">Der Krieg fiel nicht vom Himmel! (II) &ndash; Putins Rede im Bundestag nach 9\/11<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75810\">9\/11 und Corona: Die Virus-Politik ist der neue &bdquo;Krieg gegen den Terror&ldquo;<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75029\">Mathias Br&ouml;ckers &uuml;ber 9\/11 und die Medien: Das hatte mit Journalismus nichts mehr zu tun<\/a>\n<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Taliban und die USA, eine verh&auml;ngnisvolle Aff&auml;re, die erst einige Jahre zur&uuml;cklag, als 2001 vor dem Hintergrund der Anschl&auml;ge vom 11. September der sogenannte Krieg gegen den Terror begann. 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