{"id":121192,"date":"2024-09-12T15:27:30","date_gmt":"2024-09-12T13:27:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=121192"},"modified":"2024-09-13T07:52:25","modified_gmt":"2024-09-13T05:52:25","slug":"einstuerzende-altbauten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=121192","title":{"rendered":"Einst\u00fcrzende Altbauten"},"content":{"rendered":"<p>In Dresden f&auml;llt eine Br&uuml;cke ins Wasser. Einfach so und ohne Ank&uuml;ndigung. Von wegen: Jahrzehntelange Verwahrlosung in Hoheit eines entkernten Staates sind das br&ouml;selnde Fundament, auf dem k&uuml;nftig noch allerhand mehr in die Br&uuml;che gehen wird. Die Lehre daraus muss lauten: Verm&ouml;gensteuer jetzt! Ein Kommentar von <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4914\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-121192-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240912-Einstuerzende-Altbauten-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240912-Einstuerzende-Altbauten-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240912-Einstuerzende-Altbauten-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240912-Einstuerzende-Altbauten-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=121192-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240912-Einstuerzende-Altbauten-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"240912-Einstuerzende-Altbauten-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Einfach eingest&uuml;rzt. Die Carolabr&uuml;cke in Dresden. In der Nacht auf Mittwoch, um 3 Uhr, kracht ein Br&uuml;ckenzug auf rund 100 Meter L&auml;nge in die Elbe, urpl&ouml;tzlich, wie aus dem Nichts. Im fernen Vietnam brauchte es dieser Tage einen Taifun von historischer Gewalt und sintflutartige Regenf&auml;lle, um eine Br&uuml;cke &uuml;ber den Roten Fluss n&ouml;rdlich von Hanoi zu bezwingen, mit einer bislang unbekannten Zahl an Toten. Trotzdem wartete man f&ouml;rmlich auf deutsche Expertenkommentare der Sorte &bdquo;Pfusch am Bau&ldquo; und &bdquo;Korruption&ldquo;. Die verbieten sich ab sofort &ndash; ein f&uuml;r alle Mal.<\/p><p>In Dresden herrschte zum Zeitpunkt des Absturzes Allerweltswetter, der Pegel der Elbe normal. Hier waren andere Kr&auml;fte am Werk, keine Sprengs&auml;tze, keine Saboteure, nicht einmal Russen. Der Ingenieur Manfred Curbach vertrat tags darauf diese Version: <a href=\"https:\/\/www.mdr.de\/wissen\/naturwissenschaften-technik\/absturz-der-carolabruecke-welche-probleme-hatte-das-bauwerk-100.html\">&bdquo;Heute Nacht haben wir ein unkontrolliertes Versagen des Bauwerks erlebt.&ldquo;<\/a> Das ist gewiss nicht falsch, aber bestenfalls die halbe Wahrheit. Denn bis zum Einsturz war das Versagen, das politische, nicht das des Spannbetons, noch unter &bdquo;Kontrolle&ldquo;, weil eben noch nicht sichtbar. Jetzt zeigt es sich in aller Offenheit, es schreit f&ouml;rmlich zum Himmel.<\/p><p><strong>Gl&uuml;ck im Ungl&uuml;ck <\/strong><\/p><p>Dabei war das Ungl&uuml;ck sogar ein Gl&uuml;cksfall. Opfer sind keine zu beklagen. Bis jetzt nicht. Da sich von Tschechien kommend gro&szlig;e Wassermassen ank&uuml;ndigen, k&ouml;nnte in Dresden bald <a href=\"https:\/\/www.mdr.de\/nachrichten\/sachsen\/dresden\/dresden-radebeul\/ticker-einsturz-carolabruecke-ursache-abriss-hochwasser-100.html\">Land unter<\/a> herrschen. Die Tr&uuml;mmer im Wasser verstopfen den Abfluss. Der deutsche Investitionsstau ist nichts weniger als lebensgef&auml;hrlich. Man stelle sich vor, die Carolabr&uuml;cke w&auml;re am helllichten Tage in die Knie gegangen, unter der Last einer Stra&szlig;enbahn. Auf dem abgebrochenen Strang verkehrte die Tram, daneben verliefen ein Fu&szlig;g&auml;nger- und ein Radweg. In der Rush Hour h&auml;tten mithin Dutzende Menschen in den Tod st&uuml;rzen oder ertrinken k&ouml;nnen. Tats&auml;chlich querte ein Stra&szlig;enbahnzug nur 18 Minuten vor dem Zusammenbruch die Elbe. Er hat der Br&uuml;cke im denkbar g&uuml;nstigsten Moment den Rest gegeben. &bdquo;Nicht auszudenken, wenn es am Tag passiert&ldquo;, befand Sachsens Ministerpr&auml;sident Michael Kretschmer (CDU).<\/p><p>Man muss sich Katastrophen wie diese, viel schlimmere noch, gar nicht ausdenken. Man kennt sie und man kann sie kommen sehen, auch bei uns in Deutschland. Sie werden passieren, wenn nicht rasch etwas passiert. Vor sechs Jahren rauschte in Genua die vierspurige Ponte Morandi mitten in der Stadt 40 Meter in die Tiefe. 43 Menschen verloren ihr Leben, Hunderte ihr Heim. Die Verantwortlichen wussten schon zehn Jahre davor von der Bauf&auml;lligkeit. Vor Gericht beschied sp&auml;ter ein fr&uuml;herer Manager der zust&auml;ndigen Benetton-Holding: <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/europa\/brueckeneinsturz-genua-italien-100.html\">&bdquo;Vieles haben wir nicht gemacht, was wir h&auml;tten tun sollen. Dumm war das. Aber wir haben es eben nicht gemacht&ldquo;<\/a>.<\/p><p><strong>Kaputtland <\/strong><\/p><p>Das passt! In Deutschland wird seit Jahrzehnten nichts gemacht, wo l&auml;ngst h&auml;tte Hand angelegt werden m&uuml;ssen: an Stra&szlig;en, Br&uuml;cken, Kinderg&auml;rten, Schulen, Hochschulen, Rath&auml;usern, Bahnh&ouml;fen, Schienen. &Uuml;berall br&ouml;ckelt der Putz, stinken die Klos, gammelt es vor sich hin. Mithin ist so viel kaputt, dass gar nichts mehr geht, wie bei der Deutschen Bahn. Oder N&ouml;tiges wurde gleich ganz plattgemacht &ndash; Jugendclubs, Schwimmb&auml;der, Sozialstationen, Krankenh&auml;user &ndash;, um Platz zu schaffen f&uuml;r Luxuswohnungen, Badeparadiese und Konsumtempel. Dabei gehen Verwahrlosung und Raubbau ganz ohne &bdquo;dolce vita&ldquo; ab, ohne faule und korrupte Beamte. Einfach deshalb, weil man mittels Spardiktaten, Schwarzer Null und Schuldenbremse so viele Staatsbedienstete entsorgt hat, dass der Laden von allein vor die Wand f&auml;hrt.<\/p><p>F&uuml;rs Wegsehen braucht es auch keine Geldgeschenke. Der Apparat ist bis zur Betriebsblindheit runtergerockt. Zum Beispiel reicht bei zehntausenden Br&uuml;cken im Land eine Handvoll Pr&uuml;fer nicht aus, um zu wissen, welche sich dem Zahn der Zeit wann werden beugen m&uuml;ssen. Immerhin hatte man im Fall der Carolabr&uuml;cke im Blick, dass Gefahr im Verzug ist &ndash; aber handelte zu sp&auml;t. Ab 2019 wurden in f&uuml;nf Jahren zwei der drei Z&uuml;ge in Schuss gebracht und erst im vergangenen M&auml;rz f&uuml;r den Verkehr freigegeben. Die Ert&uuml;chtigung der dritten Fahrbahn sparte man sich auf, f&uuml;r die Zukunft. Wegen knapper Kassen wurde der Vollzug immer wieder verschoben, trotz bekannter <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/panorama\/welt\/keine-verletzten-teile-von-dresdner-carolabruecke-eingestuerzt_id_260301232.html\">&bdquo;ma&szlig;gebender Sch&auml;den&ldquo;<\/a>. Nun ist die gesamte Br&uuml;cke einsturzgef&auml;hrdet, kann mitunter nicht mehr instandgesetzt, muss vielleicht abgerissen und in G&auml;nze neu errichtet werden. Das wird teuer. Erst recht, wenn man die Gesamtdimension dessen betrachtet, was seit einer halben Ewigkeit an Arbeit liegengelassen wurde in diesem Land.<\/p><p><strong>Profiteure zur Kasse <\/strong><\/p><p>Was die Sache noch perverser macht: Wenn die Regierenden in Bund und L&auml;ndern bei steigendem &ouml;ffentlichen Druck demn&auml;chst tats&auml;chlich zum gro&szlig;en &bdquo;Wiederaufbau&ldquo; blasen, werden dieselben Akteure profitieren, die durch den Ausverkauf des Staates erst so reich geworden sind &ndash; Gro&szlig;industrielle, Banker, Baul&ouml;wen, Immobilienhaie. Diverse Steuerreformen zugunsten von Reichen und Unternehmen, Privatisierungen und eine rabiate Politik gegen die Interessen der Bev&ouml;lkerungsmehrheit haben in einst&uuml;rzenden Altbauten ihre nat&uuml;rliche Entsprechung. Sie wieder herzurichten, verspricht <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=80315\">Milliardenauftr&auml;ge in gigantischem Stil<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=95466\">Zinsen<\/a>, die den Staat noch f&uuml;r Jahrzehnte zum &bdquo;Knausern&ldquo; n&ouml;tigen werden. Daf&uuml;r gibt es dann wenigstens schicke Autobahnen &ndash; gegen Nutzungsgeb&uuml;hr.<\/p><p>Aber so weit muss es nicht kommen. Die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger d&uuml;rfen nicht l&auml;nger hinnehmen, dass ihr Gemeinwesen, ihre &ouml;ffentliche Infrastruktur und ihre Systeme der Daseinsvorsorge geschliffen und gepl&uuml;ndert werden. Der Staat muss im Gegenteil endlich wieder gest&auml;rkt werden und sich das Geld daf&uuml;r von denen holen, die es im &Uuml;berfluss haben. Die Einf&uuml;hrung einer Verm&ouml;gensteuer und drastisch h&ouml;here Abgaben f&uuml;r Konzerne sind schon sehr viel l&auml;nger angezeigt. Mit dem Dresdner Br&uuml;ckensturz wird die Forderung dringlicher denn je. Schon beim n&auml;chsten Mal k&ouml;nnte es Tote geben.<\/p><p><small>Titelbild: Screenshot MDR<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/30d405b461434aa086be32a3b0924483\" alt=\"\" height=\"1\" width=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Dresden f&auml;llt eine Br&uuml;cke ins Wasser. Einfach so und ohne Ank&uuml;ndigung. Von wegen: Jahrzehntelange Verwahrlosung in Hoheit eines entkernten Staates sind das br&ouml;selnde Fundament, auf dem k&uuml;nftig noch allerhand mehr in die Br&uuml;che gehen wird. Die Lehre daraus muss lauten: Verm&ouml;gensteuer jetzt! 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