{"id":121223,"date":"2024-09-14T13:00:17","date_gmt":"2024-09-14T11:00:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=121223"},"modified":"2024-09-16T09:14:09","modified_gmt":"2024-09-16T07:14:09","slug":"warum-ist-es-so-still-um-die-grossen-deutschen-soldatenfriedhoefe-in-russland-eine-spurensuche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=121223","title":{"rendered":"Warum ist es so still um die gro\u00dfen deutschen Soldatenfriedh\u00f6fe in Russland? \u2013 Eine Spurensuche"},"content":{"rendered":"<p>Vor der Stadt Rschew, 250 Kilometer nordwestlich von Moskau, liegen auf einem Friedhof 43.000 deutsche Soldaten begraben. Noch immer werden sterbliche &Uuml;berreste von deutschen und sowjetischen Soldaten gefunden. Allein in diesem Jahr waren es 776 Tote, berichtet Dmitri, der an den Sucharbeiten in der Region Rschew beteiligt ist und der auch ein Museum leitet. Der deutsche Soldatenfriedhof wird &ndash; trotz der politischen Spannungen zwischen Russland und Deutschland &ndash; weiter vom Volksbund Deutsche Kriegsgr&auml;berf&uuml;rsorge gepflegt, wie die Pressestelle des Volksbundes auf Anfrage der NachDenkSeiten best&auml;tigte. Russen und Deutsche arbeiten bei der Exhumierung von sterblichen &Uuml;berresten deutscher Soldaten immer noch zusammen. Aus Rschew berichtet <strong>Ulrich Heyden<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1161\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-121223-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240913-Deutsche-Soldatenfriedhoefe-in-Russland-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240913-Deutsche-Soldatenfriedhoefe-in-Russland-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240913-Deutsche-Soldatenfriedhoefe-in-Russland-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240913-Deutsche-Soldatenfriedhoefe-in-Russland-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=121223-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240913-Deutsche-Soldatenfriedhoefe-in-Russland-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"240913-Deutsche-Soldatenfriedhoefe-in-Russland-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Die Stadt Rschew hat etwas Idyllisches. Wenn der Himmel &uuml;ber der Stadt im Sommer mit luftigen Wolken geschm&uuml;ckt ist und man durch den Ort schlendert, in dem es keine Hektik und keine Menschenmengen gibt wie in Moskau, f&uuml;hlt man sich ruhig und geborgen. Die Wolga schl&auml;ngelt sich sanft durch die Stadt. Die Ufer sind gr&uuml;n und nicht betoniert.<\/p><p>Von Januar 1942 bis M&auml;rz 1943 tobten im Gebiet Rschew mit die grausamsten Schlachten des Zweiten Weltkrieges. Rschew wurde total zerst&ouml;rt. 1941 lebten in der Stadt 56.000 Menschen. Als die Wehrmacht im M&auml;rz 1943 abzog, hatte die Stadt nur noch 360 Einwohner.<\/p><p>An die Grauen von damals erinnern nur noch Denkm&auml;ler. Am hohen Ufer &uuml;ber dem Wolga-Fluss gibt es einen &bdquo;Park der Helden&ldquo;. Dort sieht man in Metallplatten geschnittene Worte. Es sind die Verse aus einem ber&uuml;hmten Gedicht &bdquo;Ich bin gefallen vor Rschew&ldquo; von Aleksander Twardowski. Das Gedicht wurde 1946 ver&ouml;ffentlicht.<\/p><blockquote><p>\n<em>Ich bin gefallen vor Rschew<\/em><br>\n<em>in einem namenlosen Sumpf<\/em><br>\n<em>in der f&uuml;nften Kolonne, auf der linken,<\/em><br>\n<em>bei einem harten Angriff<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Im Zweiten Weltkrieg &ndash; in Russland genannt &bdquo;Gro&szlig;er Vaterl&auml;ndischer Krieg&ldquo; &ndash; war Twardowski Kriegskorrespondent. Im Herbst 1942 besuchte er die Front bei Rschew, war aber nicht imstande, f&uuml;r seine Armee-Zeitung den obligatorischen Bericht schreiben. Er schrieb stattdessen Notizen in sein Tagebuch und sp&auml;ter dann das Gedicht.<\/p><p>Warum er keinen Bericht f&uuml;r die Armee-Zeitung schreiben konnte, erkl&auml;rt Twardowski wie folgt: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Der Eindruck von dieser Reise war w&auml;hrend des ganzen Krieges der bedr&uuml;ckendste und bitterste, bis zu physischen Schmerzen im Herz. Die K&auml;mpfe waren schwer, es gab sehr gro&szlig;e Verluste, es gab einen Mangel an Munition. Man brachte sie mit Packpferden.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Twardowski tritt in seinem Gedicht in der Person eines get&ouml;teten Soldaten auf. Er ruft den Kameraden zu:<\/p><blockquote><p>\n<em>Ihr m&uuml;sst, Br&uuml;der,<\/em><br>\n<em>standhalten wie eine Wand,<\/em><br>\n<em>denn verfluchte Tote &ndash;<\/em><br>\n<em>das ist eine schreckliche Strafe.<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>In Sichtweite des deutschen Soldatenfriedhofes gibt es ein russisches Museum zum Thema Exhumierung von Soldaten und Bergung von milit&auml;rischem Ger&auml;t aus dem Zweiten Weltkrieg. Das Kampfgebiet um Rschew hatte &bdquo;die Gr&ouml;&szlig;e des Territoriums von Belgien&ldquo;, erkl&auml;rte mir Dmitri, der Leiter des Museums. Man k&auml;mpfte in S&uuml;mpfen und im Schlamm. Die Verluste waren unbeschreiblich. Auf deutscher Seite gab es Verluste von 700.000 Soldaten, auf sowjetischer Seite wird der Verlust offiziell mit 1,3 Millionen Soldaten beziffert. Zu den Verlusten z&auml;hlen nicht nur Tote, sondern auch Verwundete, Vermisste und Kriegsgefangene.<\/p><p>Wenn man mit dem Auto durch das Gebiet um die Stadt Rschew f&auml;hrt, trifft man gef&uuml;hlt alle zwei Kilometer auf ein Schild, auf dem in wei&szlig;er Schrift auf braunem Grund darauf hingewiesen wird, dass es links oder rechts der Stra&szlig;e einen Soldatenfriedhof oder ein Massengrab mit Soldaten gibt. Allein im Umkreis der Stadt Rschew lagen nach sowjetischen Sch&auml;tzungen 70.000 sowjetische Soldaten in der Erde. 24.000 hat man in dem russischen Soldatenfriedhof vor Rschew beerdigt. Doch sowjetische Soldaten liegen noch in 40 Massengr&auml;bern, die w&auml;hrend und nach dem Krieg f&uuml;r die sowjetischen Soldaten angelegt wurden.<\/p><p><strong>Soldaten in drei Schichten<\/strong><\/p><p>Dmitri erz&auml;hlt, es g&auml;be Stellen, wie im Dorf Tolsty, wo sowjetische Soldaten in drei Schichten liegen. Und das kam so: Im Januar 1942 versuchten die sowjetischen Truppen, Rschew, das von der Wehrmacht besetzt war, zu umzingeln und zu befreien. Aber das gelang nicht, die sowjetischen Soldaten kamen um.<\/p><p>Als der Fr&uuml;hling begann, h&auml;tten die deutschen Besatzer der Dorfbev&ouml;lkerung befohlen, die Leichen der sowjetischen Soldaten in Sch&uuml;tzengr&auml;ben zu beerdigen, denn die Leichen begannen zu verwesen und die deutschen Soldaten hatten gro&szlig;e Angst vor Infektionskrankheiten. &bdquo;Sie zwangen die alten Leute, Kinder und Frauen, die im Dorf geblieben waren, die Leichen zu beerdigen. Es gab Stellen in der Region um Rschew, wo es noch 1956 Leichengeruch gab. <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wenn wir Piloten aus der Erde holen, dann haben auch sie noch einen Geruch. Wenn wir an einem Detail riechen, wissen wir, dass es ein Flugzeug mit Piloten war. Das gibt einen spezifischen Verwesungsgeruch.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Rschew im Schatten von Stalingrad<\/strong><\/p><p>Die Schlachten um Rschew standen in der Sowjetunion und auch in Russland immer im Schatten der siegreichen Schlachten um Stalingrad und Kursk. Das hatte damit zu tun, dass es in Rschew keinen eindeutigen Sieg gab und die Verluste unbeschreiblich gro&szlig; waren. Die Wehrmacht r&auml;umte ihre Stellungen im M&auml;rz 1943 in einer geordneten Operation. Nach dem Sieg der Roten Armee in Stalingrad hielt die F&uuml;hrung der Wehrmacht einen geordneten R&uuml;ckzug aus dem Gebiet Rschew f&uuml;r zwingend n&ouml;tig.<\/p><p>Erst im Jahr 2018 bekam die &bdquo;Schlacht von Rschew&ldquo; in der russischen Geschichtspolitik einen geb&uuml;hrenden Platz. Die Russische Historische Gesellschaft lie&szlig; vor der Stadt Rschew auf einem H&uuml;gel eine 25 Meter hohe Skulptur eines bronzenen Soldaten aufstellen, der nachdenklich vor sich hin blickt. Das Besondere an der Skulptur ist der Mantel des Soldaten, der sich in Kraniche aufl&ouml;st. Kraniche sind in Russland das Symbol f&uuml;r die Seelen toter Soldaten, die am Himmel entlangziehen.<\/p><p><strong>Der deutsche Friedhof in Rschew<\/strong><\/p><p>Am nordwestlichen Stadtrand von Rschew gibt es einen gro&szlig;en deutschen Soldatenfriedhof. Er wurde 2002 eingeweiht. Dort liegen 43.000 deutsche Soldaten. Direkt daneben befindet sich ein russisch-sowjetischer Friedhof mit 20.000 Toten. Beide Friedh&ouml;fe liegen direkt nebeneinander, nur durch einen Zaun getrennt, in einem &bdquo;Friedenspark&ldquo;, in dem es auch Denkm&auml;ler f&uuml;r die j&uuml;dischen Opfer des deutschen &Uuml;berfalls und Denkm&auml;ler f&uuml;r sowjetische Soldaten aus Kirgisistan und Kasachstan gibt.<\/p><p>Der deutsche Friedhof von Rschew erstreckt sich &uuml;ber eine Fl&auml;che von drei Hektar. Er besteht aus einer gro&szlig;en Rasenfl&auml;che, auf der kleine Kreuze aus Stein und zwei Meter hohe, graue Granitsteine stehen. Auf den Steinen sind &ndash; gut leserlich &ndash; die Namen der gefallenen deutschen Soldaten in alphabetischer Reihenfolge eingraviert. Nach Angaben der offiziellen Stellen in Rschew gibt es gegen den Friedhof keinerlei Vandalismus.<\/p><p><strong>Deutsch-russische Jugendbegegnungen<\/strong><\/p><p>Wie begann der Kontakt zwischen der Stadt Rschew und Deutschland? Anfang 1992 trat der Veteranenverein des ehemaligen Bielefelder Infanterieregiments 18 mit den Kriegsveteranen von Rschew in Kontakt. Der deutsche Kriegsveteran Ernst-Martin Rhein (1917-2016) war der Meinung, &bdquo;dass in Aus&uuml;bung ihrer Pflicht gefallene sowjetische Soldaten in gleicher Weise zu ehren seien, wie es bei Gefallenen der Westalliierten selbstverst&auml;ndlich war&ldquo;.<br>\n(Quelle: <a href=\"https:\/\/de.rbth.com\/deutschland_und_russland\/geschichte_und_kultur\/2017\/05\/02\/gutersloh-und-rschew-freundschaft-uber-historischen-graben_754814\">de.rbth.com<\/a>) <\/p><p>Die deutschen Veteranen starteten dann zusammen mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgr&auml;berf&uuml;rsorge eine Initiative zur Einrichtung eines deutschen Soldatenfriedhofs in Rschew. Dieser Friedhof sollte mit einem russisch-sowjetischen Friedhof in einem &bdquo;Friedenspark&ldquo; verbunden werden. Dieser Park wurde im Jahr 2000 er&ouml;ffnet.<\/p><p>Zudem wollte man die Vers&ouml;hnung zwischen Russen und Deutschen auf breitere Basis stellen. 1997 gab es die erste Begegnung zwischen deutschen und russischen Jugendlichen in Rschew. Eine Schl&uuml;sselrolle bei dieser Begegnung spielte Irina Kondratjewa, eine Deutschlehrerin aus Rschew. Die Jugendlichen aus beiden L&auml;ndern pflanzten gemeinsam B&auml;ume im &bdquo;Friedenspark&ldquo; und reinigten Kreuze.<\/p><p>Im Rahmen des Jugendaustausches beteiligten sich 400 russische und deutsche Jugendliche an Camps in Russland und Deutschland, in deren Rahmen Pflegearbeiten am Friedenspark in Rschew und dem Sowjetischen Ehrenfriedhof in der Stadt Stukenbrock-Senne (Nordrhein-Westfalen) durchgef&uuml;hrt wurden.<\/p><p>Der H&ouml;hepunkt der deutsch-russischen Verst&auml;ndigung war schlie&szlig;lich die 2009 vereinbarte St&auml;dtepartnerschaft zwischen den St&auml;dten Rschew und G&uuml;tersloh. In der Gr&uuml;ndungsurkunde hei&szlig;t es: &bdquo;Im Bewusstsein der leidvollen Geschichte des russischen und des deutschen Volkes, in dem Willen, eine gemeinsame friedliche Zukunft zu gestalten, und in der Hoffnung, Freundschaft und gegenseitiges Verst&auml;ndnis zu vertiefen, haben die St&auml;dte Rschew und G&uuml;tersloh eine St&auml;dtepartnerschaft beschlossen.&ldquo;<\/p><p><strong>G&uuml;tersloh setzt St&auml;dtepartnerschaft aus<\/strong><\/p><p>Im April 2022 <a href=\"https:\/\/www.guetersloh.de\/de\/rathaus\/presseportal\/news\/meldungen\/archiv\/2022\/staedtepartnerschaft-rshew-ausgesetzt.php\">setzte der B&uuml;rgermeister von G&uuml;tersloh Norbert Morkes die St&auml;dtepartnerschaft mit Rschew aus<\/a>. Der B&uuml;rgermeister erkl&auml;rte, man habe von der Stadt Rschew eine Verurteilung des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine erbeten, aber nicht erhalten. Deshalb ist f&uuml;r sie die Aufk&uuml;ndigung der Partnerschaft unausweichlich. In G&uuml;tersloh gab es Kritik an der Aufk&uuml;ndigung der St&auml;dtepartnerschaft. Sie &auml;u&szlig;erte sich in Leserbriefen an &ouml;rtliche Zeitungen wie die <em>Neue Westf&auml;lische<\/em> und <em>Die Glocke<\/em>.<\/p><p>Um einen Kommentar zur Aufk&uuml;ndigung der St&auml;dtepartnerschaft gebeten, erkl&auml;rte die Gesch&auml;ftsf&uuml;hrerin des Jugendaustauschwerkes im Kreis G&uuml;tersloh Olga B&uuml;nemann, die Fortf&uuml;hrung des Jugendaustausches sei &bdquo;aufgrund der politischen Entscheidungen nicht m&ouml;glich&ldquo;. Es sei &bdquo;politisch gewollt, sich immer mehr abzugrenzen. Ich bedauere das. Wir verurteilen aufs Sch&auml;rfste den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, aber wir scheren nicht alle Russen &uuml;ber einen Kamm.&ldquo;<\/p><p>Nicht alle Menschen in Russland w&uuml;rden &bdquo;dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine zustimmen&ldquo;. Schon Hugo W&ouml;stemeyer, der 1959 das <a href=\"https:\/\/www.droste-haus.de\/de\/wir-ueber-uns\/index.php\">Jugendaustauschwerk in G&uuml;tersloh<\/a> gr&uuml;ndete, habe erkl&auml;rt: &bdquo;Man muss sich kennenlernen, damit keine Feindschaft und keine Vorurteile aufkommen.&ldquo; W&ouml;stemeyer war Soldat im Zweiten Weltkrieg und in der katholischen Jugendarbeit aktiv.<\/p><p>Frau B&uuml;nemann, eine Russlanddeutsche, die 1991 mit ihren Eltern aus Kirgisien nach Deutschland kam und in G&uuml;tersloh zur Schule ging, erkl&auml;rte mir, dass man auf &bdquo;privater Ebene&ldquo; die Kontakte zu Deutschlehrern und Deutschlehrerinnen in Rschew fortf&uuml;hre. &bdquo;Uns geht es nicht um Politik, sondern um Vers&ouml;hnung und Verst&auml;ndigung.&ldquo;<\/p><p>Die Gesch&auml;ftsf&uuml;hrerin hofft auf einen Neustart der Beziehungen zwischen Rschew und G&uuml;tersloh, aber das werde &bdquo;lange dauern.&ldquo; Jetzt sei es n&ouml;tig, wenigstens auf privater Ebene die Beziehungen aufrechtzuerhalten. &bdquo;Ein Neustart ist schwieriger, wenn alle Beziehungen zusammengebrochen sind.&ldquo;<\/p><p>&bdquo;<strong>Die Deutschen verstehen nicht, mit wem sie sich eingelassen haben&ldquo;<\/strong><\/p><p>Vor dem deutschen Soldatenfriedhof in Rschew kam ich mit zwei Russen ins Gespr&auml;ch, Tatjana und Wladimir Lobanowa. Tatjana sagt, dass es ihr leidtut, &bdquo;dass es jetzt so eine angespannte Situation zwischen Deutschland und Russland gibt&ldquo;. Ob es eine Entfremdung zwischen Russen und Deutschen gibt, fragte ich Tatjana. Sie antwortete: &bdquo;Wir sehen die Deutschen nicht. Wir wissen nicht, wie sie sich uns gegen&uuml;ber verhalten.&ldquo;<\/p><p>Zu den Frauen gesellte sich Wladimir, der Bruder von Tatjana. Der 70 Jahre alte Wladimir, der von Beruf Ingenieur ist, sagte: &bdquo;Mein Vater hat den Deutschen, gegen die er k&auml;mpfte, vergeben. Ich habe den Deutschen nicht vergeben.&ldquo;<\/p><p>Warum er den Deutschen nicht vergibt? &bdquo;Weil viele Deutschen vergessen haben, was sie hier angerichtet haben. Ich erinnere mich sehr gut an die Armut, die nach dem &bdquo;Gro&szlig;en Vaterl&auml;ndischen Krieg&ldquo; geherrscht hat. Wenn das so weitergeht, wird man das Ged&auml;chtnis auffrischen m&uuml;ssen. Wenn das auf politischem Wege nicht m&ouml;glich ist, dann wird es politische Ersch&uuml;tterungen geben.&ldquo; Ich fragte, ob er den Einsatz milit&auml;rischer Mittel meine. &bdquo;Ja, milit&auml;rische Mittel. Etwas anderes hat keinen Sinn.&ldquo;<\/p><p>Und warum hat ihr Vater den Deutschen vergeben? &bdquo;Mein Vater war im hessischen Ort Haiger in deutscher Kriegsgefangenschaft. Dort hat er gesehen, wie die Amerikaner die Deutschen behandelt haben. Sie haben Haigar mit einem <a href=\"https:\/\/www.mittelhessen.de\/lokales\/lahn-dill-kreis\/haiger\/sieben-schreckenstage-in-haiger-bomben-toeten-57-menschen-1554610\">Bombenteppich eingedeckt<\/a>. Ich habe das Gef&uuml;hl, dass die Deutschen das vergessen haben. Sie haben ein kurzes Ged&auml;chtnis. Mein Vater selbst hat damals Deutsche aus brennenden H&auml;usern gezogen.&ldquo;<\/p><p><strong>Gr&uuml;n &ndash; die Farbe der Hoffnung<\/strong><\/p><p>Museumsleiter Dmitri erz&auml;hlte, dass man in diesem Jahr 776 sterbliche &Uuml;berreste von Soldaten aus der Erde geborgen habe. Russen und Vertreter des Volksbundes Deutsche Kriegsgr&auml;berf&uuml;rsorge arbeiteten bei der Exhumierung zusammen. Es gibt also trotz Sanktionen und dem Abbruch der politischen Beziehungen eine Sph&auml;re, wo die Zusammenarbeit noch funktioniert, denke ich mir &ndash; und das, obwohl ukrainische Soldaten mit deutschen Waffen gegen Russland k&auml;mpfen.<\/p><p>Dmitri f&uuml;hrte mich dann in einen Saal, in dem seit Jahren eine Ausstellung des Volksbundes &uuml;ber seine Arbeit in Russland l&auml;uft. Dort sieht man Fotos von Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier w&auml;hrend Gedenkveranstaltungen f&uuml;r die Opfer des Zweiten Weltkrieges. Der Saal ist in frischem hellen Gr&uuml;n gestrichen. Gr&uuml;n ist ja die Farbe der Hoffnung, und in diesem Saal weht noch ein kleiner Hauch davon.<\/p><p>Als ich w&auml;hrend meines Aufenthaltes in Rschew das neue gro&szlig;e Denkmal des nachdenklichen Soldaten aus Bronze besuchte, sah ich viele Besucher vor der hohen Statue. Meist waren es ganze Familien, die rote Nelken niederlegten. Fast jede russische Familie hat im Zweiten Weltkrieg Angeh&ouml;rige verloren.<\/p><p>Mit schmerzhaften Gef&uuml;hlen verlie&szlig; ich Rschew. Die Aussicht, dass sich das Grauen von damals wiederholen kann, spornte mich an, diesen Bericht zu schreiben.<\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<p>Im Zweiten Weltkrieg fielen auf dem Gebiet der Sowjetunion 2,2 Millionen deutsche Soldaten. 1,4 Millionen fielen auf dem Gebiet von Russland. Bis 2019 wurde 440.000 deutsche Soldaten auf russischem Territorium <a href=\"https:\/\/germania-online.diplo.de\/ru-dz-ru\/politik\/aussenpolitik\/-\/2270372\">exhumiert und auf Friedh&ouml;fe umgebettet<\/a>.<\/p>\n<p>Seit 1992 wurden in Russland 22 gro&szlig;e Sammelfriedh&ouml;fe f&uuml;r die<strong> <\/strong>sterblichen &Uuml;berreste von deutschen Soldaten angelegt. Die gr&ouml;&szlig;ten befinden sich in der N&auml;he der St&auml;dte St. Petersburg (58.000 Soldaten), Wolgograd (64.000) und Kursk (54.000) und Rschew (43.000).<\/p>\n<p>Siehe auch: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55517\">Oktober 1941: Letzter Erfolg der Wehrmacht vor Moskau (nachdenkseiten.de)<\/a>\n<\/p><\/div><p><small>Titelbild: &copy; Ulrich Heyden<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/776ed1d214e5488c96d4a0ead1fcc778\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor der Stadt Rschew, 250 Kilometer nordwestlich von Moskau, liegen auf einem Friedhof 43.000 deutsche Soldaten begraben. Noch immer werden sterbliche &Uuml;berreste von deutschen und sowjetischen Soldaten gefunden. Allein in diesem Jahr waren es 776 Tote, berichtet Dmitri, der an den Sucharbeiten in der Region Rschew beteiligt ist und der auch ein Museum leitet. Der<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=121223\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":121224,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,107,20,171],"tags":[2387,2104,2394,2395,259,3097,827,990,966],"class_list":["post-121223","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-audio-podcast","category-landerberichte","category-militaereinsaetzekriege","tag-denkmal","tag-kriegsopfer","tag-kriegstrauma","tag-kriegsveteranen","tag-russland","tag-staedtepartnerschaften","tag-stigmatisierung","tag-wehrmacht","tag-weltkrieg"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/Deutscher-Soldatenfriedhof-von-Rschew-Foto-Ul-rich-Heyden-2024-.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/121223","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=121223"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/121223\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":121341,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/121223\/revisions\/121341"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/121224"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=121223"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=121223"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=121223"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}