{"id":121344,"date":"2024-09-16T10:06:13","date_gmt":"2024-09-16T08:06:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=121344"},"modified":"2024-09-16T10:29:56","modified_gmt":"2024-09-16T08:29:56","slug":"wenn-der-keller-zum-lachen-nicht-tief-genug-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=121344","title":{"rendered":"Wenn der Keller zum Lachen nicht tief genug ist"},"content":{"rendered":"<p>Ein ganz normaler Bundesligaspieltag in Deutschland. RB Leipzig spielt gegen Union Berlin, die Berliner Fans schweigen aus Protest gegen den Leipziger Klub die ersten 15 Spielminuten und am Ende geht das Spiel mit einem unspektakul&auml;ren torlosen Unentschieden aus. So weit, so normal, so langweilig. Doch abseits des Platzes passiert etwas, das die Gem&uuml;ter (zumindest Einiger) hochkochen l&auml;sst. Ein Kommentar von <strong>Lutz Hausstein<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDas Spiel war, gerade f&uuml;r Fu&szlig;ball&auml;stheten, nur m&auml;&szlig;ig spannend. Nichts, was l&auml;ngerfristig im Ged&auml;chtnis haften bleiben sollte. Doch ein Ereignis jenseits des Spielfeldes bestimmte die &uuml;bliche Diskussion nach dem Spiel haupts&auml;chlich. Denn zur Mitte der 1. Halbzeit heizte die Social-Media-Abteilung der Unioner den daheimgebliebenen Fans mit dem folgenden Post auf <em>X<\/em> ein:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Halbe Stunde rum. Defensiv stabiler als jede s&auml;chsische Br&uuml;cke. Weiter so, Jungs!&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Nicht einmal zwei Stunden sp&auml;ter entschuldigte sich Union Berlin f&uuml;r den Kommentar und <a href=\"https:\/\/www.rheinpfalz.de\/sport\/1-fussball-bundesliga_artikel,-witz-zu-dresdner-br%C3%BCcken-union-berlin-vergreift-sich-im-ton-_arid,5692071.html\">erkl&auml;rte<\/a>, dass man &bdquo;im Eifer des Gefechts ein bisschen dr&uuml;ber&ldquo; gewesen sei.<\/p><p>Ob f&uuml;r diesen Sinneswandel nun Druck von einer anderen Seite (eher nicht mal von RB Leipzig) oder die eigene Reflexion des zuvor Geschriebenen verantwortlich war, l&auml;sst sich so nat&uuml;rlich von au&szlig;en nicht beurteilen. Eines zeigt dieser R&uuml;ckzieher aber &uuml;berdeutlich: Scherze, auch mal h&auml;rterer Natur, aber auch kleinere Provokationen sind in diesen Zeiten der permanenten &Uuml;berwachung auf Zul&auml;ssigkeit von &Auml;u&szlig;erungen kaum mehr m&ouml;glich. Entweder &uuml;bt man bei seinen &ouml;ffentlichen Anmerkungen &bdquo;freiwillige&ldquo; (Selbst-)Zensur oder man setzt sich dem harten Gegenwind eines &ouml;ffentlichen Shitstorms aus, der zwangsl&auml;ufig mit einer Selbstgei&szlig;elung zu enden hat.<\/p><p>Mein Gott! Nun bin ich selbst in Dresden geboren, habe zwei Jahrzehnte im nahen Umfeld von Dresden gelebt und bin noch heute in Sachsen ans&auml;ssig. Ich bin also selbst &bdquo;Betroffener&ldquo; dieses Kommentars und kann mir also eine nicht in Abrede zu stellende eigene Meinung aus erster Hand dazu erlauben.<\/p><p>Diese auf alle gesellschaftlichen Gebiete &uuml;bergreifende political correctness erstickt jegliche abweichende Meinung, jeglichen Scherz, jegliche kleine Provokation, die oftmals erst die W&uuml;rze in unserer Kommunikation sind, und wird damit selbst zum Merkmal einer Intoleranz. Selbstverst&auml;ndlich ist der Einsturz der Carolabr&uuml;cke in Dresden aus vielerlei Gr&uuml;nden in bitteres Erlebnis f&uuml;r die Dresdner und ein Armutszeugnis f&uuml;r die Verlotterung der Infrastruktur dieses Landes. Es bietet sich ausreichend Gelegenheit, dies in einem <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=121192\">ernsthaften politischen Kommentar<\/a> zu analysieren. Doch aus welchem Grund sollte man dies nicht auch mal in einem ironischen Kommentar auf die Schippe nehmen d&uuml;rfen?<\/p><p>Es kommt mir immer mehr so vor, als w&uuml;rden nicht nur politische Meinungsbildner zum Lachen in den Keller gehen, sondern gleich alle Personen in diesem Land, die &uuml;ber eine &ouml;ffentliche &Auml;u&szlig;erung mehr als zwei Empf&auml;nger erreichen. Ach, was sage ich: nicht nur in den Keller, sondern dort noch in den selbstgegrabenen Brunnen, in den sie sich mit dem Sch&ouml;pfeimer hinablassen und an dessen tiefstem Punkt sie im besten Fall eine verzerrte Grimasse sich zu schneiden trauen.<\/p><p>Ein bisschen mehr Toleranz, ein bisschen mehr Gelassenheit t&auml;te uns allen gut. Die Toleranz, auch andere Meinungen als das zu sehen, was sie sind: andere Meinungen. Und mehr Gelassenheit, um gutgemeinte Sticheleien und Provokationen (keine b&ouml;sartigen!) als ebensolche zu verstehen.<\/p><p>Was haben die Ostdeutschen anfangs der Neunziger-Jahre nicht alles an Ossi-Witzen zu h&ouml;ren bekommen! Manche waren wirklich witzig, andere eher pseudowitzig. Aber oftmals liegt der Witz ja auch im Auge des Betrachters. Dann hat man etwas gequ&auml;lt mitgelacht, einen Augenblick sp&auml;ter war das aber schon wieder vergessen. Erst zu dem Zeitpunkt, als diese Witze &uuml;berhandnahmen und die Witze immer weniger witzig wurden, kippte das Ganze. Aber bis dahin war es ein gewisser Weg.<\/p><p>Oder was gab es fr&uuml;her f&uuml;r Unmengen an Blondinenwitzen! Von diesen waren nur &uuml;berschaubar viele witzig, irgendwann triftete es mehr und mehr in Blondinen-Bashing ab. Aber trotzdem gab es gute, weil witzige Blondinenwitze. Es gab so manche Blondine, die mit einem verschmitzten L&auml;cheln den neuesten Blondinenwitz erz&auml;hlte. Und all diese sollten nun der schlechten Witze wegen der political correctness zum Opfer fallen?<\/p><p>Denkt man an Otto Waalkes, dann fallen einem auch sofort seine Ostfriesenwitze ein. Doch die Ostfriesenwitze haben eine <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/spassgeschichte-warum-hat-der-ostfriese-100.html\">viel l&auml;ngere Geschichte<\/a>. Nicht jeder dieser Witze ist wirklich witzig gewesen, viele aber doch. Und vergleicht man sie mit den Blondinenwitzen, dann f&auml;llt auf, dass so mancher dieser Witze durch die jeweils andere Bev&ouml;lkerungsgruppe seine Wiederauferstehung feierte. Es ging dabei also weniger um die Herabw&uuml;rdigung des einen Personenkreises, sondern vielmehr um den Witz als solchen.<\/p><p>Ich kann mich nur wiederholen. Wir sollten wieder mehr Toleranz und Gelassenheit &uuml;ben, nicht jeden Scherz, jede Stichelei und Provokation verdammen und der political correctness opfern. Nicht jeder Witz ist auch wirklich witzig. Manche gehen auch ungewollt daneben. Aber nicht jeder misslungene Witz ist einen Aufreger wert. Viel entscheidender sind Ma&szlig; und Mitte. Andernfalls verkn&ouml;chert die Gesellschaft immer mehr. Zumindest die &ouml;ffentliche. Denn im privaten Umfeld, abseits der &ouml;ffentlichen Meinungskundgebungen, sind solcherart Witze und Provokationen noch absolut gang und g&auml;be. Da lachen auch Sachsen &uuml;ber Sticheleien &uuml;ber eingest&uuml;rzte s&auml;chsische Br&uuml;cken.<\/p><p><small>Titelbild: TetianaKtv\/shutterstock.com<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein ganz normaler Bundesligaspieltag in Deutschland. RB Leipzig spielt gegen Union Berlin, die Berliner Fans schweigen aus Protest gegen den Leipziger Klub die ersten 15 Spielminuten und am Ende geht das Spiel mit einem unspektakul&auml;ren torlosen Unentschieden aus. So weit, so normal, so langweilig. Doch abseits des Platzes passiert etwas, das die Gem&uuml;ter (zumindest Einiger)<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=121344\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":121345,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[165,161],"tags":[834,2247,2507,1363],"class_list":["post-121344","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-innen-und-gesellschaftspolitik","category-wertedebatte","tag-fussball","tag-political-correctness","tag-streitkultur","tag-verkehrskatastrophe"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/Shutterstock_2499298645.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/121344","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=121344"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/121344\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":121351,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/121344\/revisions\/121351"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/121345"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=121344"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=121344"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=121344"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}