{"id":121568,"date":"2024-09-21T12:00:14","date_gmt":"2024-09-21T10:00:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=121568"},"modified":"2024-09-20T18:25:55","modified_gmt":"2024-09-20T16:25:55","slug":"der-eurasienkomplex-warum-und-wie-dem-westen-die-zukunft-entgleitet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=121568","title":{"rendered":"Der Eurasienkomplex: Warum und wie dem Westen die Zukunft entgleitet"},"content":{"rendered":"<p>Es ist das gro&szlig;e Verdienst von J&uuml;rgen Kuczynski (Historiker, Wirtschaftswissenschaftler, gest. 1997), ausf&uuml;hrlich &uuml;ber die Geschichte des <em>Alltags<\/em> des deutschen Volkes gearbeitet zu haben. An diese f&uuml;nfb&auml;ndige Studie f&uuml;hlte ich mich bei dem gerade erschienenen Buch &bdquo;Der Eurasienkomplex&ldquo; erinnert. Hier fassen zwei &bdquo;alte Eurasien-Hasen&ldquo; ihre Erfahrungen, Erlebnisse und ihre Erkenntnisse zusammen. Thomas Fasbender hat von 1992 bis 2015 in Moskau gelebt und u.a. eine Biografie &uuml;ber Putin geschrieben. Uwe Leuschner ist seit mehr als einem Vierteljahrhundert gesch&auml;ftlich in diesem geopolitischen Raum engagiert, vorrangig im Logistik-Sektor. Eine Buchrezension von <strong>Bettina Schmidt<\/strong>.<br>\n<!--more--><\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wir beschreiben unsere Sicht auf Ver&auml;nderungen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und der weiteren Entwicklung in ganz Eurasien, von Deutschland bis nach Fernost.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Ausgangspunkt der Betrachtungen ist die jeweilige Situation in Ost- und Westdeutschland mit der Sentenz, dass durch die Wiedervereinigung strukturell die &bdquo;neue BRD die alte BRD sei, nur fl&auml;chenm&auml;&szlig;ig erweitert&ldquo;. Der Terminus &sbquo;Eurasienkomplex&lsquo; wird von den Autoren durchaus im psychologischen Sinn verstanden, n&auml;mlich als &bdquo;Angst vor der Infragestellung des eurozentristischen Weltbildes&ldquo;. Wurden Anfang der 90er-Jahre durch Digitalisierung und Globalisierung die M&auml;rkte in Russland, China und anderswo in Asien noch als Wachstumsschub f&uuml;r westeurop&auml;ische Unternehmen angesehen (g&uuml;nstige Rohstoffe, niedrige Lohnkosten etc.), so mutierten sie im 21. Jahrhundert zu einem Bedrohungsszenarium. Den Grund f&uuml;r diese diametral entgegengesetzte Wahrnehmung sehen die Autoren in Vers&auml;umnissen: &bdquo;H&auml;tte sich Deutschland nach 1990 als mitteleurop&auml;ische Br&uuml;cke zum sich neu aufstellenden Osten verstanden (und nicht als Werkzeug westlicher Geostrategie), w&auml;ren die genannten (ostdeutschen \/ B.S.) Kompetenzen, Netzwerke und Kontakte von unsch&auml;tzbarem Wert gewesen.&ldquo; Gemeint ist hier die w&auml;hrend der Wiedervereinigung vorhandene gro&szlig;e Wirkmacht ostdeutscher Sozialisation. Geschildert werden dann die Konsequenzen der von der westdeutschen &Uuml;bernahme f&uuml;r wertlos erkl&auml;rten &bdquo;interkulturellen Kompetenz der ostdeutschen Eliten&ldquo;.<\/p><p>Auch die durch die Politik der DDR funktionierende Br&uuml;cke zum globalen S&uuml;den (ausl&auml;ndische Studenten und Arbeiter) wurde durch die Wiedervereinigung ersatzlos aufgegeben. Der Einwand, der an diesem Punkt meistens kommt, ist &ouml;konomischer Art. Er wird von den Autoren auch aufgegriffen: Die DDR sei ja auch pleite gewesen. Stimmt und stimmt so nicht, meinen Fasbender und Leuschner. Es stimme nur, wenn man &ndash; wie geschehen &ndash; die W&auml;hrungsunion zum Wechselkurs von 1:1 durchgezogen hat. Dieses Vorgehen implizierte ein riesiges Problem f&uuml;r die ostdeutsche Wirtschaft, da sie nach g&auml;nzlich anderen systemischen Prinzipien funktionierte. Die Resultate sind hinl&auml;nglich bekannt und werden von den Autoren beispielhaft durchdekliniert. Vom Ostler Leuschner und auch vom Westler Fasbender werden zuerst die Entwicklungen im jeweils eigenen Land bis 1990 dargelegt, erg&auml;nzt durch Erfahrungen, die sie im jeweils anderen Teil gemacht haben. <\/p><p>Was beide hervorragend k&ouml;nnen, ist die unpr&auml;tenti&ouml;se Schilderung ihrer Erlebnisse, wobei keine der Systemseiten dabei nur positiv oder negativ dargestellt wird. Die Konsequenz ihrer individuellen Sichtweisen ist dann aber von allgemeiner und grundlegender Art: &bdquo;Wir hatten die Chance, nach 1990 auf eine nachhaltige europ&auml;ische Friedensordnung hinzuarbeiten. Stattdessen haben wir, nicht nur im eigenen Land, auch in Europa den Westen Richtung Osten ausgewalzt.&ldquo; Die Quittung erhalten wir, so die Autoren, durch Krieg und zunehmende Nichtbeachtung europ&auml;ischer Werte im eurasischen Raum. Die St&auml;rke des Buches besteht in den eingeflochtenen pers&ouml;nlichen Berichten. Dadurch werden abstrahierte Aussagen greif- und nachvollziehbar. Erg&auml;nzt werden die individuellen Erlebnisse durch mehrere Interviews, die kaleidoskopartig das Dargelegte zu einem pr&auml;gnanten Bild erg&auml;nzen. Es ist sehr erhellend, wenn die &ndash; gegen&uuml;ber dem westlichen Ma&szlig;stab &ndash; andersartige Sozialisation ostdeutscher Menschen auch f&uuml;r die asiatische Mentalit&auml;t dargelegt wird.<\/p><p>Zugespitzt formuliert: Die Ostdeutschen bemerke man in Deutschland eigentlich nur &ndash; so die Autoren -, wenn sie st&ouml;ren oder Probleme verursachen, hingegen gehe man in Asien seit Hunderten von Jahren mit jeweils anders sozialisierten Gruppen und Ethnien um. Das Jahrhundert-Projekt der Neuen Seidenstra&szlig;e (als eines der genannten Beispiele) w&auml;re ohne eine gewisse soziale Toleranz nicht denkbar. &bdquo;Erfolg ist etwas, das man am besten gemeinsam erlebt&ldquo;, und daf&uuml;r bedarf es eines Dialogs auf Augenh&ouml;he sowie eines Primats der Wirtschaft, welches derzeit allerdings durch das Primat der Politik abgel&ouml;st worden sei. Diese Grundthese wird jeweils f&uuml;r Russland, aber auch f&uuml;r China und Staaten wie Kasachstan u.a. ausgebreitet. &bdquo;Die europ&auml;ische Aufkl&auml;rung [ist] das eine &ndash; die in Fernost verbreitete Weltsicht, die seit einigen Tausend Jahren vorherrschende konfuzianische Sozialethik (&hellip;) das andere.&ldquo; Dass die Akzeptanz der Unterschiede die &bdquo;einzig vern&uuml;nftige Alternative&ldquo; sei, um &bdquo;real verbliebene Handlungsspielr&auml;ume optimal&ldquo; nutzen zu k&ouml;nnen, wird an diversen selbst erlebten und selbst gef&uuml;hrten Unternehmen verdeutlicht. Beispielhaft beschreibt ein Kapitel den Weg eines in China produzierten Laptops bis hin zum Auslieferungslager in Duisburg.<\/p><p>Nicht nur wird dargelegt, was alles wie miteinander ins R&auml;derwerk passen muss, damit so ein Transport zeitnah sein Ziel erreicht, sondern auch, wie anf&auml;llig insbesondere die Logistik f&uuml;r politische St&ouml;rfaktoren (Sanktionen) ist. Pl&ouml;tzlich sind bestimmte Wege einfach gesperrt, Unternehmen nicht mehr handlungsf&auml;hig, gemeinsame Projekte dem Tod geweiht. Die Vorgaben der Politik f&uuml;hren dann zu den derzeit erlebten Resultaten wie der Abkehr des Nicht-Westens vom westlichen Europa: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Politische Rivalit&auml;ten und historische Konflikte geh&ouml;ren zum kollektiven Miteinander; sie werden immer pr&auml;sent sein. Der beste Weg, sie einzud&auml;mmen und zu kontrollieren, sind gemeinsame Interessen in Gestalt gegenseitiger Abh&auml;ngigkeiten. Der gro&szlig;e Fehler des Westens im 21. Jahrhundert liegt darin, diese Erkenntnis &uuml;ber den Haufen zu werfen (&hellip;) [Und] es gibt noch einen viel gr&ouml;&szlig;eren Fehler: Der Westen will den Nicht-Westen nach seinem Bild gestalten.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Aber: &bdquo;Die Welt braucht uns weniger als wir sie (&hellip;) wir sollten dort nicht predigen, sondern zuh&ouml;ren; nicht missionieren, sondern lernen&ldquo;. Dieser Ansatz ist der derzeitigen westeurop&auml;ischen Politik allerdings sehr fremd. Die Autoren schlussfolgern: Da &bdquo;Europa als Gro&szlig;macht keine Rolle mehr spielt, wird der Kontinent entweder zur Friedensdrehscheibe oder zum Schlachtfeld&ldquo;.<\/p><p>Die St&auml;rke des Buches von Fasbender und Leuschner besteht darin, anhand zahlreicher Beispiele darzulegen, wie man zum Nutzen aller Beteiligten wirtschaftlich zusammen agieren sollte. Dabei zeigen sie die Hindernisse, die derzeit die &ouml;stliche und westliche Dialogbereitschaft erschweren, ohne ideologische Parteinahme f&uuml;r die eine oder f&uuml;r die andere Seite auf. Das Buch ist sehr kenntnisreich und &uuml;berdies leicht lesbar geschrieben. Letzteres liegt auch in der Anlage des Buches begr&uuml;ndet, die h&auml;ufig zwischen den Sichtweisen der beiden Autoren wechselt, selbst Erlebtes auff&uuml;hrt und durch Interviews erg&auml;nzt. Was aus diesen Erfahrungen gefolgert wird, ist nicht nur interessant, sondern hoch bedeutsam &ndash; wirken doch die jeweiligen, in einer Gesellschaft verankerten Wertvorstellungen und Sozialisierungen hinein in unseren real erlebten Alltag, hier und jetzt. Und damit schlie&szlig;t sich der Kreis wieder zu J&uuml;rgen Kuczynskis &bdquo;Geschichte des Alltags&ldquo;.<\/p><p>Thomas Fasbender, Uwe Leuschner: <a href=\"https:\/\/www.eulenspiegel.com\/verlage\/edition-ost\/titel\/der-eurasienkomplex.html\">Der Eurasien-Komplex: Warum und wie dem Westen die Zukunft entgleitet<\/a>. Verlag Das Neue Berlin (Eulenspiegel-Verlagsgruppe), edition Ost, Berlin 2024, 256 Seiten, 12,5&nbsp;x&nbsp;21&nbsp;cm, broschiert, 20,- Euro, ISBN 978-3-360-02818-1<\/p><p><small>Titelbild: Buchcover<\/small> <\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=116499\">Stimmen aus Russland: Eurasiens &bdquo;ferner Westen&ldquo; muss sich entscheiden<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=117799\">Vortrag von Vizeadmiral a. D. 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Thomas Fasbender hat von<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=121568\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":121569,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,181,208],"tags":[379,1543,1251,575,259,1019],"class_list":["post-121568","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-europapolitik","category-rezensionen","tag-china","tag-deutsche-einheit","tag-eurasische-union","tag-ostdeutschland","tag-russland","tag-wirtschaftssanktionen"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/eurasienkomplex_rollup.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/121568","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=121568"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/121568\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":121622,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/121568\/revisions\/121622"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/121569"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=121568"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=121568"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=121568"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}