{"id":121581,"date":"2024-09-20T13:30:30","date_gmt":"2024-09-20T11:30:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=121581"},"modified":"2024-09-23T16:21:50","modified_gmt":"2024-09-23T14:21:50","slug":"raissa-gorbatschowa-die-welt-ahnt-nicht-was-sie-dieser-frau-verdankt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=121581","title":{"rendered":"Raissa Gorbatschowa: Die Welt ahnt nicht, was sie dieser Frau verdankt!"},"content":{"rendered":"<p>Vor 25 Jahren, am 20. September 1999, starb Raissa Gorbatschowa in M&uuml;nster. Die Bedeutung der Philosophieprofessorin f&uuml;r die Ideen von Perestroika und Glasnost sowie f&uuml;r die Entwicklung des &bdquo;Neuen Denkens&ldquo; wird immer noch untersch&auml;tzt. Von <strong>Leo Ensel<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6226\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-121581-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240923-Raissa-Gorbatschowa-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240923-Raissa-Gorbatschowa-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240923-Raissa-Gorbatschowa-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240923-Raissa-Gorbatschowa-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=121581-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240923-Raissa-Gorbatschowa-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"240923-Raissa-Gorbatschowa-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Der neue jugendliche Held, der Mitte der Achtzigerjahre pl&ouml;tzlich auf der politischen B&uuml;hne der anderen Seite der Welt aufgetaucht war und alle in Staunen versetzte, war nicht allein. Ihm stand eine Frau zur Seite, die &uuml;berall die Aufmerksamkeit auf sich zog: klug, gebildet, attraktiv. Eine Frau, die, auch wenn sie sich bei &ouml;ffentlichen Auftritten eher dezent im Hintergrund hielt, gro&szlig;es Selbstbewusstsein ausstrahlte. Ebenso sicher wie ihr Auftreten war, wie nicht zuletzt ihre Kleidung verriet, ihr Geschmack. Solch eine sowjetische First Lady hatte die Welt noch nicht gesehen. &ndash; Falsch: Sie war die erste und einzige sowjetische First Lady &uuml;berhaupt!<\/p><p><strong>Liebe an der Macht<\/strong><\/p><p>Und die beiden strahlten etwas aus, was man nicht nur in Politikerkreisen &auml;u&szlig;erst selten antrifft: Es war un&uuml;bersehbar, dass eine tiefe Liebe sie verband! Man sah die Hochachtung, die der neue Generalsekret&auml;r seiner Frau entgegenbrachte. Und man glaubte die Unterst&uuml;tzung, die Energie f&ouml;rmlich zu sp&uuml;ren, die er durch sie erhielt. Ein Chef der feindlichen Supermacht, die eben noch vom amerikanischen Pr&auml;sidenten als &bdquo;Reich des B&ouml;sen&ldquo; bezeichnet worden war, der liebevoll seinen Arm um seine Gattin legt; Raissa, die ihren Kopf vertrauensvoll an dessen Schultern schmiegt. Im Hintergrund Tochter Irina mit Ehemann. Und vorne kuschelt sich Enkelin Xenia zu F&uuml;&szlig;en ihrer Gro&szlig;eltern.<\/p><p>Langsam gew&ouml;hnte die westliche Welt sich an die sensationelle Neuigkeit, dass auch russische Frauen elegant aussehen k&ouml;nnen. Raissa Gorbatschowa bewegte sich mit einer Selbstverst&auml;ndlichkeit und einem Selbstbewusstsein unter den Prominenten der westlichen Welt, als h&auml;tte sie niemals woanders gelebt. Aber es war nicht Glamour, der ihre Attraktivit&auml;t ausmachte. Klugheit und Bildung verbanden sich mit der Eleganz dieser Frau und brachten ihr &uuml;berall Respekt ein. Legend&auml;r, wie die Philosophieprofessorin einmal w&auml;hrend eines Museumsbesuches in Washington Nancy Reagan korrigierte, nein: belehrte! Nicht wenige im Westen konnten sich damals ein gewisses schadenfrohes Grinsen nicht verkneifen.<\/p><p>Wir wussten, dass sie es im eigenen Lande nicht leicht hatte. Viele Menschen in der Sowjetunion waren nicht etwa stolz, solch eine kultivierte Pers&ouml;nlichkeit als First Lady an der Spitze zu haben, sie neideten ihr vielmehr ihre Sch&ouml;nheit, ihre Bildung, ihr selbstbewusstes Auftreten. Wir aber in Deutschland dr&uuml;ckten diesem Ehepaar, das nichts Geringeres war als unsere personifizierte Hoffnung auf eine bessere Welt, auf eine Welt ohne die brandgef&auml;hrliche Ost-West-Konfrontation, auf eine Welt, endlich befreit von der Atomkriegsgefahr und den erdr&uuml;ckenden Lasten des Wettr&uuml;stens &ndash; wir dr&uuml;ckten diesem in Liebe verbundenen Paar alle unsere Daumen!<\/p><p><strong>Bilder<\/strong><\/p><p>Bilder, die sich in unser westdeutsches Ged&auml;chtnis eingegraben haben: Der triumphale Empfang, den die enthusiastisch &bdquo;Gorbi! Gorbi!&ldquo; rufende Bonner Bev&ouml;lkerung den beiden im Juli 1989 bereitete. Raissa auf dem Balkon des Bonner Rathauses, wie sie den kleinen, vielleicht vier Jahre alten Sebastian entdeckte, der schick gekleidet &ndash; und, wie es schien, ohne Eltern &ndash; mit einem Blumenstrau&szlig; vor der Treppe stand; wie sie in Angst, der Kleine k&ouml;nnte von der Menge erdr&uuml;ckt werden, die Stufen hinuntereilte, ihn auf den Arm nahm, mit ihm zur&uuml;ck nach oben ging und ihn ihrem Mann hin&uuml;berreichte. Alle lachten, alle winkten, allen stand die Erleichterung ins Gesicht geschrieben: Das also waren unsere &bdquo;Feinde&ldquo;, deretwegen wir noch kurz zuvor beinahe einen Atomkrieg riskiert h&auml;tten!<\/p><p>Die Strickjackenszene im kaukasischen Archys ein Jahr sp&auml;ter. Die Mauer war gefallen, Gorbatschow machte den Weg f&uuml;r die deutsche Vereinigung frei. Er lie&szlig; dem vereinten Land sogar die Freiheit, das Milit&auml;rb&uuml;ndnis selbst zu w&auml;hlen. Mehr Entgegenkommen von sowjetischer Seite war unm&ouml;glich! Genscher, Gorbatschow und Kohl auf Baumst&uuml;mpfen am Fluss. Und zwischen ihnen Raissa in einem langen blauschwarzen Cardigan. So zauberleicht ging der Kalte Krieg zu Ende.<\/p><p>Dann der 21. August 1991. Die R&uuml;ckkehr aus Foros auf der Krim unmittelbar nach dem gescheiterten Putsch. Der sichtlich mitgenommene sowjetische Pr&auml;sident, in Moskau nun fast Neuland betretend, empfangen von seinen Verr&auml;tern. Ein paar Meter hinter ihm auf der Gangway seine Ehefrau, die ihren Arm sch&uuml;tzend um Enkelin Xenia legte. Man sah ihr an, dass sie gezeichnet war. Sp&auml;ter hie&szlig; es, sie habe zahlreiche private Dokumente vernichtet &ndash; aus Angst, der KGB k&ouml;nne ein weiteres Mal zuschlagen.<\/p><p><strong>Leuk&auml;mie<\/strong><\/p><p>Das erste Mal, dass ich Michail Gorbatschow pers&ouml;nlich sah, war im Herbst 1997 in Bremen. Er hielt die Er&ouml;ffnungsansprache zu einem Festival des russischen Films &ndash; ohne seine Frau. Ihr ginge es gesundheitlich nicht gut, war die offizielle Erkl&auml;rung.<\/p><p>Schlie&szlig;lich die schockierende Nachricht im Juli 1999. Die 67-j&auml;hrige Raissa Maximowna in Deutschland &ndash; im Universit&auml;tsklinikum M&uuml;nster! Diagnose: akute myeloische Leuk&auml;mie. Eine Welle von Mitgef&uuml;hl durchwogte unser Land. Und wie man h&ouml;rte, erhielt sie nun auch zahlreiche Genesungsw&uuml;nsche aus Russland &ndash; dem Land, wo sie lange Zeit sehr distanziert betrachtet, gar angefeindet worden war. Mein gro&szlig;er Blumenstrau&szlig;, den ich ihr in hilfloser Verehrung und Verzweiflung in die Klinik schickte, konnte sie auch nicht retten.<\/p><p>Die Beerdigung auf dem Novodevitschij-Friedhof in Moskau. Es war herzzerrei&szlig;end, es am Bildschirm miterleben zu m&uuml;ssen: Der gro&szlig;e Held, der die kommunistische Diktatur besiegt, die gef&auml;hrlichste Waffenkategorie verschrottet, 80 Prozent aller Atomsprengk&ouml;pfe weltweit vernichtet, der Welt die akute Atomkriegsangst genommen, seinem Land Freiheit und Demokratie verschafft, die Mauer zum Einsturz gebracht und den V&ouml;lkern Osteuropas die Unabh&auml;ngigkeit geschenkt hatte, der Vision&auml;r des &bdquo;Gemeinsamen Europ&auml;ischen Hauses&ldquo; &ndash; dieser Ausnahmepolitiker und -mensch, seiner &uuml;ber alles geliebten Frau beraubt! Wie er sie, bis ins Innerste ersch&uuml;ttert, ein letztes Mal umarmte und k&uuml;sste, bevor der Sarg verschlossen wurde. Er wirkte wie amputiert. Und dieser Mann erwies sich auch im tiefsten Leid als au&szlig;ergew&ouml;hnlich stark: stark genug, sich vor den Augen der ganzen Welt seiner Tr&auml;nen nicht zu sch&auml;men.<\/p><p>Jedes Mal, wenn ich seitdem in Moskau war, besuchte ich das Grab mit der sch&ouml;nen Skulptur einer jungen Frau auf dem Prominentenfriedhof des Neujungfrauenklosters.<\/p><p>&bdquo;<strong>Sie wissen hoffentlich, was mein Mann riskiert!&ldquo;<\/strong><\/p><p>Mit Michail Sergejewitsch und Raissa Maximowna hatten sich ein Mann und eine Frau gefunden, die nicht nur in Liebe, sondern auch in einem intensiven geistigen Austausch miteinander engstens verbunden waren. Was werden die beiden die vielen Jahre &uuml;ber auf ihren zahllosen langen Spazierg&auml;ngen bei Wind und Wetter, wo sie sich vor den Abh&ouml;rwanzen des KGB sicher f&uuml;hlten, besprochen haben? Welche Ratschl&auml;ge wird Raissa Maximowna ihrem Mann in den st&uuml;rmischen Zeiten von Perestroika und Glasnost gegeben haben? Und wie viel von Gorbatschows epochalem Neuen Denken wird wohl von der Philosophieprofessorin Raissa angeregt worden sein? Vermutlich viel mehr, als die Welt ahnt!<\/p><p>Lassen wir dem langj&auml;hrigen deutschen Au&szlig;enminister Hans-Dietrich Genscher, der nochmals von der ber&uuml;hmten Kaukasus-Szene berichtet, das letzte Wort: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Auf dem Weg zu dem Ort mit den Baumst&uuml;mpfen legte sich pl&ouml;tzlich eine Hand in meine Hand. Das war die Hand von Frau Gorbatschowa, die sich mir von hinten angen&auml;hert hatte, mich etwas zur&uuml;ckzog, um mit mir zu sprechen. Sie sagte zu mir: &sbquo;Herr Genscher, Sie wissen hoffentlich, was mein Mann <em>riskiert<\/em>! Es wird ganz wichtig sein, dass Deutschland alle seine Verpflichtungen, die Sie &uuml;bernehmen, auch <em>einh&auml;lt<\/em>!&lsquo; Und ich antwortete: &sbquo;Wir wissen das sehr wohl.&lsquo; &ndash; Das war die Sorge einer Frau, die mit gro&szlig;em politischen Verst&auml;ndnis auch die Risiken dieser Entwicklung f&uuml;r Gorbatschow richtig einsch&auml;tzte und die nun auf einer ganz pers&ouml;nlichen Grundlage helfen und uns bewusst machen wollte, was das bedeutete.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Die Deutschen m&ouml;gen selbst einsch&auml;tzen, ob ihr gl&uuml;cklich wiedervereintes Land Wort gehalten hat!<\/p><p><em>Dieser Artikel ist zuerst <a href=\"https:\/\/globalbridge.ch\/raissa-gorbatschowa-die-welt-ahnt-nicht-was-sie-dieser-frau-verdankt\/\">bei GlobalBridge erschienen<\/a>.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/Category:Raisa_Gorbachyova?uselang=de#\/media\/File:RIAN_archive_23852_Gorbachev_listens_to_interpreter_(cropped).jpg\/2\">RIA Novosti archive, image #23852 \/ Yuryi Abramochkin \/ CC-BY-SA 3.0<\/a><\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 25 Jahren, am 20. 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