{"id":1216,"date":"2006-04-25T16:08:14","date_gmt":"2006-04-25T14:08:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1216"},"modified":"2016-02-11T12:10:28","modified_gmt":"2016-02-11T11:10:28","slug":"christoph-werth-die-wahrnehmung-der-burger-ist-im-realen-leben-eine-vollig-andere-als-die-welche-sie-von-den-etablierten-medien-prasentiert-bekommt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1216","title":{"rendered":"Christoph Werth: Die Wahrnehmung der B\u00fcrger ist im realen Leben eine v\u00f6llig andere, als die, welche sie von den etablierten Medien pr\u00e4sentiert bekommt."},"content":{"rendered":"<p>Der Medienwissenschaftler Christoph Werth &uuml;ber Mainstreamjournalismus, die Tendenz zur Meinungsmache, &uuml;ber das Entstehen einer Oligarchie aus Staat, Wirtschaft, Verb&auml;nden und etablierten Medien und &uuml;ber sich dabei entwickelnden Verflechtungen, die sich von demokratischen Grundprinzipien zunehmend entfernen.<br>\n<!--more--><br>\nChristoph Werth lehrt die F&auml;cher Medienpolitik und Politische Wissenschaft an der Friedrich-Schiller-Universit&auml;t Jena. Er hat den NachDenkSeiten das nachfolgende Interview mit der In Regensburg erscheinenden Zeitschrift &bdquo;Der Leserbrief&ldquo; zur Verf&uuml;gung gestellt.<\/p><p>Kroll: Herr Dr. Werth, in zwei Stunden werden Sie im Evangelischen Bildungswerk einen Vortrag mit dem Titel &bdquo;Journalismus auf dem Scho&szlig; von Politik und Wirtschaft&ldquo; halten. Sind unsere Medien zu einem Scho&szlig;h&uuml;ndchen verkommen?<\/p><p>Werth: Die Demokratie lebt wesentlich von &Ouml;ffentlichkeit. Die Medien haben die zentrale Aufgabe, Transparenz der res publica zu erm&ouml;glichen und eine &ouml;ffentliche Debatte herzustellen. Tun sie das nicht, dann bilden sich geschlossene Systeme, und es bestimmen abgeschottete Staatsapparate, Zentralkomitees oder oligarchische Verflechtungen aus Wirtschaft, Verb&auml;nden und Parteien die Gesellschaft. Wir erleben gerade einen Trend zu oligarchischen Systemen: Im gro&szlig;en Stil sehen Sie das in Italien &ndash; Stichwort Berlusconi. Aber auch im Lokalen ist dies zu beobachten. Wenn &ndash; wie in Regensburg &ndash; der Herausgeber der Tageszeitung gleichzeitig der Pr&auml;sident einer Wirtschaftskammer ist, dann entstehen oligarchische Verflechtungen, die sich von demokratischen Grundprinzipien zunehmend entfernen.<\/p><p>Gewaltenteilung ist eines dieser Grundprinzipien. Offiziell unterscheidet man drei Gewalten. Man spricht aber auch oft von den Medien als der &bdquo;vierten Gewalt&ldquo;, oder wie es Thomas Leif in seinem neuesten Buch tut, von den Lobbyisten als der &bdquo;f&uuml;nften Gewalt&ldquo;.<\/p><p>In Deutschland liegt der Sonderfall vor, dass die Exekutive mit einem Teil der Legislative verbunden ist. Denn im Deutschen Bundestag ist es so, dass die Regierung aus der Mehrheitsfraktion des Parlaments hervorgeht. Die Gewalten sind daher schon st&auml;rker verflochten als etwa in den USA. Hinzu kommt in Deutschland noch eine politische Kultur, die weiterhin vom Obrigkeitsdenken gepr&auml;gt ist. Das f&uuml;hrt zu der Grundhaltung: Der B&uuml;rger darf nichts wissen. Der Datenschutz wird dabei gerne als vorgeschobenes Argument benutzt, um Informations- und Transparenzdefizite zu legitimieren. Andererseits liegen dem Staat alle Informationen &uuml;ber den B&uuml;rger vor: Der deutsche Staat wei&szlig; alles &ndash; der B&uuml;rger nichts. In den USA hat man dagegen eine viel offenere Tradition. Sie haben in den USA die Zivilgesellschaft sozusagen als zus&auml;tzliche Gewalt. Der Freedom of Information Act sorgt schon lange f&uuml;r das, was hier mit dem Informationsfreiheitsgesetz erreicht werden sollte und nun durch die massive Verw&auml;sserung und eine restriktive Anwendungspraxis faktisch nur sehr ungen&uuml;gend erreicht werden kann.<\/p><p>Kroll: Grund genug f&uuml;r die Presse, ihren verfassungsm&auml;&szlig;igen Auftrag, &uuml;ber Zust&auml;nde und Missst&auml;nde des &ouml;ffentlichen Lebens zu berichten, ernst zu nehmen. Tun sich lokale Medien dabei schwerer, und werden daher die lokalen Verfilzungen und Korruptionskartelle weniger stark durchleuchtet?<\/p><p>Werth: Lokale Medien tun sich ungleich schwerer, wenn sie einem geschlossenen Herrschaftsblock gegen&uuml;berstehen. Dieser Block kann sich aus der, oder den dominierenden politischen Parteien bilden. Er kann aber auch aus Parteien, Wirtschaft und Verb&auml;nden bestehen. Wenn es in solchen Konstellationen noch Schneisen gibt, aus denen die unabh&auml;ngigen Medien Informationen bekommen, dann k&ouml;nnen sie diese publik machen und die n&ouml;tige &Ouml;ffentlichkeit herstellen. Ist dieser Herrschaftsblock allerdings geschlossen, dann dringen auch keine Informationen mehr &uuml;ber Zust&auml;nde oder Missst&auml;nde aus Politik, Verwaltung und Wirtschaft an die &Ouml;ffentlichkeit. Transparenz ist dann nicht mehr herzustellen, und man kann nur noch Beobachtungen von au&szlig;en anstellen. Man kommt sozusagen nicht an &bdquo;Innen-Wahrheiten&ldquo; heran, weil diese dem Herrschaftswissen unterworfen sind! Man kann dann nur noch darauf warten, dass es irgendwo &bdquo;knallt&ldquo;, dass Insider bestimmte Dinge endlich &ouml;ffentlich machen wollen, und dass sich gleichsam der Deckel &uuml;ber der brodelnden Korruptionsbr&uuml;he nicht mehr schlie&szlig;en l&auml;sst.<\/p><p>Kroll: Wird die kritische Berichterstattung durch die zunehmende Privatisierung &ouml;ffentlicher Aufgaben noch erschwert?<\/p><p>Werth: Die Wirtschaft an sich funktioniert nicht nach demokratischen, transparenten und &ouml;ffentlichen Regeln. Sie ist hierarchisch strukturiert und intransparent. Die Auslagerung von &ouml;ffentlichen Aufgaben in private Unternehmen entzieht sich der Kontrolle durch demokratisch legitimierte Einrichtungen. Allerdings bringen die neuen Medien &ndash; ich denke hier an die Blogger-Szene oder den Graswurzel-Journalismus &ndash; neue Chancen, um Gegen&ouml;ffentlichkeit herzustellen und dadurch ein Gegengewicht zu erzeugen.<\/p><p>Kroll: Der deutsche Bl&auml;tterwald unterscheidet sich in seiner Berichterstattung und auch in der Kommentierung von wirtschaftspolitischen Fragen nicht grunds&auml;tzlich. Gibt es einen Mainstream-Journalismus auf diesem Sektor?<\/p><p>Werth: Die Arbeitgeber sind da sehr straff und in Bezug auf die Pressearbeit sehr professionell organisiert. Das ist bei der sog. Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) deutlich zu erkennen. In den etablierten Medien gibt es zudem eine Tendenz, in eine bestimmte Richtung zu argumentieren: Die L&ouml;hne m&uuml;ssen runter, die Lohnnebenkosten sind zu hoch, der K&uuml;ndigungsschutz muss gelockert werden, B&uuml;rokratieabbau ist n&ouml;tig. Bei Sabine Christiansens Talk-Sendung wird das schon an der Auswahl der G&auml;ste offensichtlich: Wer sitzt da, und vor allem: wer sitzt da nicht? Walter van Rossum beschreibt diese Tendenz zur Meinungsmache als &bdquo;Argumentation mit der Geschlossenheit eines Zentralkomitees&ldquo;.<\/p><p>Durch diese Art von Mainstream-Argumentation entsteht das Problem des doppelten Meinungsklimas. Die Wahrnehmung der B&uuml;rger ist im realen, sozialen Leben eine v&ouml;llig andere, als die, welche sie von den etablierten Medien pr&auml;sentiert bekommen. Dies f&uuml;hrt dann zu einer wachsenden Entfremdung und Distanz und letztlich zu einer Politik- und Demokratieverdrossenheit &ndash; wobei sich die Verdrossenheit auf die Art bezieht, mit der die Demokratie real praktiziert wird, und nicht auf die Demokratie als Staatsform an sich.<\/p><p>Mehrere Faktoren erm&ouml;glichen diese Meinungsbildung zugunsten der Wirtschaft:<br>\nDie Interessenverb&auml;nde transportieren ihre Botschaften teils auf dem Wege der Korruption. Journalisten orientieren sich allzu gern an der Macht. Kurt Tucholsky sagte schon: &bdquo;Ein deutscher Journalist braucht nicht bestochen, er braucht nur eingeladen zu werden.&ldquo; Zudem liegt oft auch noch ein Mangel an politischer oder wirtschaftlicher Bildung bei den Journalisten vor. &Uuml;berdies spielt auch der Zeit- und Kostendruck in den Redaktionen eine Rolle: H&auml;ufig werden deshalb vorgefertigte PR-Beitr&auml;ge, die von wirtschaftlichen Interessensgruppen oft mit gro&szlig;em Aufwand erstellt werden, ungepr&uuml;ft &uuml;bernommen.<\/p><p>Kroll: Sie sprachen gerade von einem &bdquo;doppelten Meinungsklima&ldquo;. Man k&ouml;nnte es auch als &bdquo;Schizophrenie&ldquo; bezeichnen. Welche Auswirkungen werden diese Differenzen zwischen pers&ouml;nlicher Wahrnehmung und medialer Pr&auml;sentation auf die Zivilgesellschaft haben?<\/p><p>Es wird &auml;hnliche Auswirkungen wie im Ostblock vor 1989 haben. Dort gab es die zensierten Medien der Partei, die alles sch&ouml;n gezeichnet haben. Und dann gab es das, was in den Medien nicht vorkam, was die B&uuml;rger aber am eigenen Leibe erlebt haben. Bitterfeld in der ehemaligen DDR beispielsweise. Dar&uuml;ber hatte Monika Maron ihren Roman &bdquo;Flugasche&ldquo; verfasst und daraufhin erhebliche Schwierigkeiten mit der Staatsmacht bekommen, denn offiziell gab es ja kein Umweltschutzproblem in der DDR.<\/p><p>Und das gleiche werden wir jetzt auch erleben: Seit Jahren werden die Reformen gepredigt, wird die &bdquo;Agenda 2010&ldquo; und &bdquo;Hartz IV&ldquo; als L&ouml;sung verkauft. Gleichzeitig verlieren zunehmend Menschen aus der Mittelschicht ihre Besch&auml;ftigung und m&uuml;ssen ihre Wohnungen verlassen, die ihnen dann (nach den Ma&szlig;st&auml;ben von Hartz IV) nicht mehr zugestanden werden. Das f&uuml;hrt zu einem st&auml;rker werdenden Misstrauen gegen&uuml;ber der Oligarchie aus Staat, Wirtschaft, Verb&auml;nden und etablierten Medien. Daraus kann sich ein Protestw&auml;hlertum ergeben&hellip; <\/p><p>Kroll: &hellip;oder auch v&ouml;llige Resignation.<\/p><p>Werth: Es kann sich auch in Protest- oder Unmuts&auml;u&szlig;erungen, in Demonstrationen oder im Schreiben von Leserbriefen &auml;u&szlig;ern. Oder darin, dass Nicht-Regierungs-Organisationen wie attac vermehrt Unterst&uuml;tzung erfahren. Es kann sich im Aufschwung der Linkspartei &auml;u&szlig;ern oder darin, dass die Leute &uuml;berhaupt nicht mehr zur Wahl gehen, weil sie keine reale Wahl-M&ouml;glichkeit sehen und in den &bdquo;Wahlen&ldquo; letztlich eine undemokratische Farce. <\/p><p>Kroll: Welche Rolle spielt das Agenda-Setting in regionalen und &uuml;berregionalen Medien?<\/p><p>Werth: Das spielt eine zentrale Rolle, denn wir leben ja in einer Mediengesellschaft. Und was nicht in den Medien vorkommt, existiert quasi auch nicht. Die ausgelassenen Themen sind daher auch ein Untersuchungsobjekt von Prof. Horst P&ouml;ttker von der Universit&auml;t Dortmund. Auf <a href=\"http:\/\/www.nachrichtenaufklaerung.de\/\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.nachrichtenaufklaerung.de\/\">www.nachrichtenaufklaerung.de<\/a> werden diejenigen Themen behandelt, die von den etablierten Medien ausgeblendet werden. Die taz hatte f&uuml;r sich die gute Praxis eingef&uuml;hrt, zumindest das zu erw&auml;hnen, wor&uuml;ber sie selbst nicht schreibt.<\/p><p>Viele Sachverhalte werden verschwiegen, kommen also in der &ouml;ffentlichen Debatte gar nicht vor. Bestimmte Themen werden auch gar nicht vermisst, denn der deutsche Zeitungsleser liest sein Blatt oft nur, um in seiner Meinung best&auml;tigt zu werden. Der Journalist Hans Leyendecker hat die Erfahrung gemacht, dass ihn w&uuml;tende Leserbriefe erreicht haben, wenn er der erwarteten Lesermeinung nicht entsprochen hatte. Das deutet darauf hin, dass auch die Leute durchaus selektiv wahrnehmen, dass unangenehme Themen einfach ausgeblendet werden.<\/p><p>Das ist nun auf lokaler wie &uuml;berregionaler Ebene so. Allerdings hat man auf der lokalen Ebene oft nur Einzeitungskreise und nicht die M&ouml;glichkeit, in anderen Publikationen nachzusehen, was jetzt eigentlich fehlt. Wenn Zeitungsmonopolisten die lokale Politik st&auml;ndig sch&ouml;n schreiben, werden die Schattenseiten nicht beleuchtet. Diesem Informationsdefizit w&auml;re nur durch Herstellung von Gegen&ouml;ffentlichkeit zu begegnen.<\/p><p>Kroll: Ist die Neigung zur Verdr&auml;ngung ein typisch deutsches Ph&auml;nomen?<\/p><p>Werth: In Deutschland &uuml;berwiegt der Meinungs- oder Bekenntnisjournalismus. Diese Tradition wollten nach dem zweiten Weltkrieg die Alliierten &ndash; insbesondere die Briten &ndash; korrigieren. Im klassischen englischen Journalismus geh&ouml;rte es zum guten Ton, zwischen Fakten und Meinungen zu trennen: Ein Beitrag bringt zun&auml;chst alle Seiten einer Sache, im Kommentar werden dann Aspekte entweder positiv gew&uuml;rdigt oder negativ kritisiert. Es ist eine deutsche Unsitte, schon in der Faktendarstellung bestimmte Aspekte ausblenden zu wollen und alles meinungsm&auml;&szlig;ig einzuf&auml;rben. <\/p><p>Kroll: Kommen wir noch zum Thema Korruption: Kavaliersdelikt oder kriminelle Handlung? Welche Rolle spielen die Medien hier?<\/p><p>Werth: Die wirtschaftswissenschaftliche Definition lautet: Tausch, bei dem einer der Beteiligten durch Missbrauch einer Vertrauensstellung eine nicht erlaubte Handlung als Leistung erbringt. Ich betrachte Korruption nicht als Kavaliersdelikt, weil sie ein Au&szlig;er-Kraft-Setzen der rechtlichen oder der geordneten politischen Verfahren ist. F&uuml;r den Au&szlig;enstehenden ist die Verflechtung und Verfilzung schwer zu durchschauen. Der deutsche Bundestag hat durch die Vorgabe, Nebent&auml;tigkeiten offenlegen zu m&uuml;ssen, versucht, mehr Transparenz in die Abl&auml;ufe zu bringen. Wenn sich Politiker aber ganz offen als Vertreter von bestimmten Interessen ausgeben, dann ist das aus demokratie-theoretischer Sicht schon sehr bedenklich, weil sie ja eigentlich &ldquo;das Volk&ldquo; vertreten und an Auftr&auml;ge und Weisungen nicht gebunden sein sollen. <\/p><p>Von Politikern praktizierter Lobbyismus ist derzeit aber nicht justiziabel. Die Medien k&ouml;nnen allerdings &uuml;ber solche Verflechtungen aufkl&auml;ren und somit im Sinne der Demokratie konstruktiv t&auml;tig sein. Sie k&ouml;nnen einerseits Korruption aufkl&auml;ren und Korruption bek&auml;mpfen. Sie k&ouml;nnen aber auch Gesch&auml;ftspartner der Korruption sein.<\/p><p>Franziska Augstein hat erst k&uuml;rzlich gegen das fr&uuml;her von ihrem Vater Rudolf herausgegebene Magazin Der Spiegel schwere Vorw&uuml;rfe erhoben. Unter der &Uuml;berschrift &bdquo;Der Fisch stinkt vom Kopf her&ldquo; hat sie dem jetzigen Herausgeber vorgeworfen, das Magazin sei zu unkritisch und nehme zusehends R&uuml;cksicht auf Unternehmerinteressen. Wenn ein Blatt einseitig dem Neoliberalismus das Wort redet, so ist dies offenkundig kein qualit&auml;tvoller Journalismus mehr. Es gibt zwar grunds&auml;tzlich durch das Prinzip des Au&szlig;enpluralismus in der Presselandschaft ein Anrecht auf Meinungsjournalismus. Wenn aber ein Blatt quasi als Zentralorgan des BDI funktioniert, dann ist das f&uuml;r mich schon Korruption.<\/p><p>Kroll: Die Eigent&uuml;merrechte des Artikel 14 Grundgesetz berechtigen einen Verleger also dazu, eine gewisse Grundhaltung seiner angestellten Redakteure einzufordern. Kann man nicht andererseits aus der Sozialbindung des Eigentums auch eine Verpflichtung zum Dienst an der Allgemeinheit ableiten?<\/p><p>Werth: Die Systematik der Grundrechte Artikel 1 bis 19 im Grundgesetzt l&auml;sst kaum ein Grundrecht v&ouml;llig uneingeschr&auml;nkt. Alle Grundrechte sto&szlig;en an Grenzen, sp&auml;testens dann, wenn die Grundrechte des anderen betroffen sind. Das gilt f&uuml;r die Religionsfreiheit genauso, wie f&uuml;r den Artikel zum Eigentum und zur Sozialbindung des Eigentums. Der klassische Satz von Alphonse Karr lautet:<br>\nDie Freiheit eines jeden hat als logische Grenzen die Freiheit der anderen.<\/p><p>Aus der Sozialbindung des Eigentums und der katholischen Soziallehre leitet sich ja das deutsche Sozialstaatsprinzips ab. Es ist die wesentliche Grundlage des rheinischen Kapitalismus. Die Gemeinwohlorientierung sch&uuml;tzte uns bisher vor einem ungez&auml;hmten R&auml;uberkapitalismus. Es muss immer eine Balance zwischen den Einzelinteressen und den Interessen der Allgemeinheit geben.<\/p><p>Kroll: Ist Kritik an der herrschenden Wirtschaftsvorstellung nicht schon deshalb schwierig, weil immer noch das Dogma gilt: &bdquo;Was der Wirtschaft n&uuml;tzt, n&uuml;tzt auch der Allgemeinheit&ldquo;?<\/p><p>Derjenige, der am nachdr&uuml;cklichsten f&uuml;r Lohnsenkungen und Erh&ouml;hungen der Wochenarbeitszeit pl&auml;diert, ist der M&uuml;nchner &Ouml;konomieprofessor Hans-Werner Sinn. Er bleibt allerdings den Beleg schuldig, wie durch ein sinkendes Lohnniveau die lahmende Binnennachfrage angekurbelt werden kann. Sinn polemisiert auch weiter gegen h&ouml;here L&ouml;hne, obwohl Wirtschaftminister Glos und der nordrhein-westf&auml;lische Ministerpr&auml;sident R&uuml;ttgers erkl&auml;rt haben, man solle im Interesse der Binnennachfrage zu h&ouml;heren Lohnabschl&uuml;ssen kommen.<\/p><p>Die Weltsicht: &bdquo;Wenn es der Wirtschaft gut geht, ist auch alles andere in Ordnung&ldquo; ist ja gerade ein Bestandteil der PR-Arbeit von Wirtschaftsinteressenverb&auml;nden wie der INSM oder der dubiosen Kampagne &bdquo;Du bist Deutschland&ldquo;. Und diese Weltsicht hat sich in der &Ouml;ffentlichkeit so breit gemacht, dass die Leute tats&auml;chlich glauben, dies sei die einzige Wahrheit. Das ist ebenso eingepr&auml;gt wie das sog. &bdquo;TINA-Prinzip&ldquo;, also Margaret Thatchers &bdquo;There is no alternative&ldquo;, mit dem der Neoliberalismus in Gro&szlig;britannien begr&uuml;ndet wurde. Die &Ouml;ffentlichkeit wird durch solche Parolen derart benebelt, dass dadurch auch der Primat der Politik ausgehebelt wird. Entscheidungen werden nicht mehr politisch getroffen, man fragt sich nicht mehr, &bdquo;was wollen wir eigentlich?&ldquo;, &bdquo;in welcher Gesellschaft wollen wir leben?&ldquo;, &ldquo;&bdquo;welche soziale Ordnung wollen wir?&ldquo; &ndash; man fragt nur noch &bdquo;was ist das Interesse der Wirtschaft?&ldquo;.<\/p><p>Nehmen Sie das Buch &bdquo;Mattscheibe&ldquo; von J&uuml;rgen Bertram, der nach Jahren als Auslandskorrespondent wieder nach Deutschland kam und sich wundern musste, was in der Zwischenzeit mit den &ouml;ffentlich-rechtlichen Sendern passiert war. Er stellte neben anderem fest, dass zu den Nachrichtensendungen immer ausf&uuml;hrliche B&ouml;rsenberichte ausgestrahlt werden. Das zeigt, welchen Stellenwert die Wirtschaft hat, wie stark wirtschaftliche Interessen die &ouml;ffentliche Diskussion bestimmen. Wenn nun alles auf &bdquo;die&ldquo; Wirtschaft zugespitzt ist, dann verengt sich nat&uuml;rlich das Beurteilungsspektrum. Und das f&uuml;hrt wiederum dazu, dass sich die Bev&ouml;lkerung mit ihren Anliegen nicht ernstgenommen und nicht verstanden f&uuml;hlt.<\/p><p>Der Wahlkampf f&uuml;r die letzten Bundestagswahlen 2002 und 2005 hat das auch ganz deutlich gemacht. Im Nachhinein waren sich die Analytiker einig, dass man zu stark auf Wirtschaftsthemen und zu wenig auf die eigentlichen Themen der Bev&ouml;lkerung gesetzt hatte.<\/p><p>Kroll: Zeitungsmacher haben ja nicht nur die Verantwortung zu umfassender Aufkl&auml;rung. Die Presse- und Meinungsfreiheit hat ihre Grenzen vor allem da, wo Pers&ouml;nlichkeitsrechte ber&uuml;hrt sind. Wie beurteilen Sie den Karikaturenstreit?<\/p><p>Werth: Verleger, Herausgeber und Redakteure sind zu verantwortungsvollem Umgang mit Nachrichten und journalistischen Stoffen verpflichtet. Im Englischen gibt es den Ausdruck des gatekeepers, und das hei&szlig;t, es wird darauf geachtet, welche Inhalte wie ver&ouml;ffentlicht werden. Bei der ganzen Diskussion ist zu bedenken, dass in der europ&auml;ischen Entwicklung die Meinungsfreiheit im wesentlichen den Herrschaftsanspr&uuml;chen der Kirche abgetrotzt wurde. Eine freiheitliche Gesellschaft muss es erm&ouml;glichen, dass Religion ausge&uuml;bt werden kann, aber auch, dass sich &uuml;ber Religion kritisch ge&auml;u&szlig;ert werden kann. Sowohl in Saudi-Arabien, als auch in Islamischen L&auml;ndern des Nahen Ostens gibt es haufenweise b&ouml;sartige Karikaturen &uuml;ber Juden oder Christen. Es ist auch nicht nachvollziehbar, warum ein allm&auml;chtiger Gott &bdquo;Allah&ldquo; &ndash; vor Zeichnungen aus D&auml;nemark gesch&uuml;tzt werden muss. Insofern finde ich die Hysterie gegen die Karikaturen nicht berechtigt und politisch instrumentalisiert und gesteuert. Man kann allerdings kritisch gegen diese Reaktionen argumentieren, ohne dass man damit den amerikanischen Herrschaftsanspruch und den Irak-Krieg guthei&szlig;t.<\/p><p>Es gibt in der &ouml;ffentlichen Debatte auch einen grundlegenden Irrtum: Es geht hier nicht um einen &bdquo;Kampf der Kulturen&ldquo;, sondern um verschiedene Vorstellungen von Zivilisation. Samuel Huntingtons Titel &ldquo;The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order&rdquo; wird da zu verk&uuml;rzt verwendet. Die europ&auml;ische Zivilisation gr&uuml;ndet auf Meinungs- und Religionsfreiheit und auf einer &Uuml;bereinkunft, dass Konflikte nicht im Affekt gel&ouml;st werden und dass man sich nicht gegenseitig ermordet. Das bedeutet, man respektiert die verschiedenen Meinungen und tr&auml;gt Konflikte argumentativ aus. F&uuml;r die europ&auml;ische Entwicklung war die Pressefreiheit eine wesentliche zivilisatorische Errungenschaft, ein Gut, das wir auf jeden Fall verteidigen m&uuml;ssen. <\/p><p>Zur Person:<br>\nDr. phil. Christoph H. Werth, M.A., Historiker und Publizist, lehrt seit dem Jahr 2000 Medienpolitik und Politische Wissenschaft an der Friedrich-Schiller-Universit&auml;t Jena. Er war Mitarbeiter am Institut f&uuml;r Politische Wissenschaft der Universit&auml;t Bonn, B&uuml;roleiter eines Parlamentarischen Staatssekret&auml;rs mit besonderer Zust&auml;ndigkeit f&uuml;r Medienpolitik (1990 &ndash; 1996), wissenschaftlicher Mitarbeiter der Enquete-Kommission &bdquo;Zukunft der Medien&ldquo; &bdquo;Deutschlands Weg in die Informationsgesellschaft&ldquo; des Deutschen Bundestages (1996 &ndash; 1998), Dozent f&uuml;r Politische Wissenschaft an der Universit&auml;t Bonn (1996 &ndash; 2000) und Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer des &bdquo;Forums Informations-Gesellschaft&ldquo; der Bundesregierung (1998 &ndash; 2000). <\/p><p>Seine Dissertation &bdquo;Sozialismus und Nation&ldquo; &ndash; ein Werk von 400 Seiten &ndash; liegt bereits in 2. Auflage vor (Weimar 2001) und hat inzwischen den Rang eines Standardwerkes zur politischen Ideengeschichte. Weitere Ver&ouml;ffentlichungen: Konrad Adenauer, Strategie und Weltsicht (Frankfurt a.M. 1991); Medienethik &ndash; die Frage der Verantwortung (Hrsg., Bonn 1999), zudem zahlreiche Artikel und Aufs&auml;tze, Vortr&auml;ge und Interviews zur Europapolitik, Medienpolitik, Medienethik, Informationsgesellschaft, Zeitgeschichte, Demokratietheorie und Zivilgesellschaft. Dr. Christoph Werth ist Mitglied des Netzwerks Medienethik, der Deutschen Gesellschaft f&uuml;r Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK) und der Deutschen Gesellschaft f&uuml;r Ausw&auml;rtige Politik (DGAP).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Medienwissenschaftler Christoph Werth &uuml;ber Mainstreamjournalismus, die Tendenz zur Meinungsmache, &uuml;ber das Entstehen einer Oligarchie aus Staat, Wirtschaft, Verb&auml;nden und etablierten Medien und &uuml;ber sich dabei entwickelnden Verflechtungen, die sich von demokratischen Grundprinzipien zunehmend entfernen.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[35,126,41,11],"tags":[1779,312,244],"class_list":["post-1216","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aufbau-gegenoeffentlichkeit","category-erosion-der-demokratie","category-medienanalyse","category-strategien-der-meinungsmache","tag-pr-journalismus","tag-reformpolitik","tag-vierte-gewalt"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1216","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1216"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1216\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":31120,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1216\/revisions\/31120"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1216"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1216"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1216"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}