{"id":121675,"date":"2024-09-23T09:05:24","date_gmt":"2024-09-23T07:05:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=121675"},"modified":"2026-01-27T11:47:48","modified_gmt":"2026-01-27T10:47:48","slug":"ich-spreche-von-einem-mindestens-europaweiten-krieg-mit-atomwaffen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=121675","title":{"rendered":"\u201eIch spreche von einem mindestens europaweiten Krieg mit Atomwaffen\u201c"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Diplomatie, Waffenstillstand und Verhandlungen sind das Gebot der Stunde &ndash; alles andere ist absolut verantwortungslos&ldquo;, sagt <strong>Reiner Braun<\/strong> im Interview mit den <em>NachDenkSeiten<\/em>. Braun organisiert gerade zusammen mit Mitstreitern die <a href=\"https:\/\/nie-wieder-krieg.org\/\">Gro&szlig;demo f&uuml;r den Frieden am 3. Oktober in Berlin<\/a>. Im Interview warnt er mit drastischen Worten vor der Gefahr eines Krieges mit Russland und spricht &uuml;ber die Friedensbewegung, die &bdquo;neue Strukturen&ldquo; auf lokaler, regionaler, aber auch zentraler Ebene brauche. &bdquo;F&uuml;r mich&ldquo;, so Braun, &bdquo;gibt es auch keine alte und neue Friedensbewegung, sondern nur Engagierte, die alles versuchen, Widerstand zu organisieren. Die bundesweite Demonstration am 3. Oktober ist dabei ein erster wichtiger H&ouml;hepunkt.&ldquo; Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3781\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-121675-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240917-Europaweit-Krieg-mit-Atomwaffen-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240917-Europaweit-Krieg-mit-Atomwaffen-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240917-Europaweit-Krieg-mit-Atomwaffen-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240917-Europaweit-Krieg-mit-Atomwaffen-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=121675-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240917-Europaweit-Krieg-mit-Atomwaffen-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"240917-Europaweit-Krieg-mit-Atomwaffen-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Putin hat gerade davor gewarnt: Bei einer Freigabe von weitreichenden Raketen betrachtet Russland die NATO als Kriegspartei. F&uuml;r den 3. Oktober organisieren Sie gerade eine Gro&szlig;demonstration f&uuml;r den Frieden in Berlin. Wie ernst ist die Lage? <\/strong><\/p><p>&bdquo;Ernst&ldquo; ist schon fast ein verharmlosender Begriff: Krieg, und ich spreche von einem mindestens europaweiten Krieg mit Atomwaffen. Dieser bedroht die Existenz Europas. Das ist nicht &uuml;bertrieben, sondern beschreibt die Eskalationsdynamik, die durch die Freigabe der weitreichenden NATO-Waffen noch einmal versch&auml;rft wird. Denn der Einsatz, die Logistik dieser Waffen und die Infrastruktur f&uuml;r diese Waffen sind nur durch den Einsatz von NATO-Verb&auml;nden m&ouml;glich. Die NATO w&auml;re dann noch eindeutiger Kriegspartei mit allen Konsequenzen auch eines taktisch atomaren Gegenschlages, der ja im Zusammenhang mit der Neuformierung der russischen Atomwaffendoktrin diskutiert wird. Der Atomkrieg steht wirklich vor der T&uuml;r. Es ist brandgef&auml;hrlich und eine sofortige Umkehr ist mehr als dringend geboten. Keine Intensivierung des f&uuml;r die Ukraine sowieso verlorenen Krieges, sondern Diplomatie, Waffenstillstand und Verhandlungen sind das Gebot der Stunde &ndash; alles andere ist absolut verantwortungslos.<\/p><p><strong>Kann es sein, dass weite Teile der Gesellschaft &uuml;berhaupt gar nicht begreifen, was passiert? <\/strong><\/p><p>Einer derartigen Bedrohung des Lebens und gar der Zerst&ouml;rung der europ&auml;ischen Zivilisation durch aktives Mitwirken der eigenen Regierung ins Auge zu sehen, bedarf einigen Mutes, sich die T&auml;uschung &uuml;ber die Realit&auml;ten einzugestehen. Zudem braucht es zumindest eine leise Vorstellung, wie das Blatt eventuell noch zu wenden ist, um sich voll dieser furchtbaren Bedrohung stellen zu k&ouml;nnen. Die politischen Eliten unseres Landes scheinen selbst den Kontakt mit der Realit&auml;t verloren zu haben &ndash; sie spielen mit dem Feuer. Wenn man Pistorius zuh&ouml;rt, k&ouml;nnte man meinen, er selbst glaubt das M&auml;rchen von der russischen Bedrohung nordosteurop&auml;ischer NATO-L&auml;nder. Man k&ouml;nnte meinen, der antirussische Reflex bzw. die D&auml;monisierung Putins macht sie fast blind. Pistorius und die Protagonisten eines deutschen milit&auml;risch-industriellen Komplexes (MIK) wollen offensichtlich diese Zuspitzung. Die Gr&uuml;nen sind sicher die politische Avantgarde dieses Kriegskurses.<\/p><p>Die Bev&ouml;lkerung wird ja durch die Medienpropaganda bewusst daran gehindert, politisch zu begreifen, wie gef&auml;hrlich die Lage ist und woher dies r&uuml;hrt. Umso erfreulicher ist doch, dass trotz aller Gehirnw&auml;sche immer noch gro&szlig;e Teile der Bev&ouml;lkerung Frieden f&uuml;r das Wichtigste halten. In einer k&uuml;rzlichen INSA-Umfrage (Emma) wurde deutlich, dass sogar die &uuml;berwiegende Mehrheit gegen diesen Kriegskurs und insbesondere gegen die Stationierung der US-Mittelstreckenwaffen sind. Das ist durchaus ermutigend. Die Erkenntnis der Bedrohung des Friedens w&auml;chst nicht zuletzt durch die Zunahme der Aufkl&auml;rungsarbeit der Friedensbewegung, die sich langsam neuformiert.<\/p><p><strong>Was w&uuml;rden Sie jemandem sagen, der Sie fragt: Warum soll ich an dieser Demonstration teilnehmen? <\/strong><\/p><p>Wenn es ein junger Mensch w&auml;re, w&uuml;rde ich sagen: Wenn du eine Zukunft haben willst, musst du daf&uuml;r eintreten, denn sonst entscheiden andere &uuml;ber deine Zukunft &ndash; unter Umst&auml;nden im Sch&uuml;tzengraben &ndash; und die deiner Kinder und wegen des Klimas, das nur im Frieden gesichert werden kann. Krieg ist nicht nur der allgemein gr&ouml;&szlig;te Killer, er ist auch der gr&ouml;&szlig;te Klimakiller.<\/p><p>Einer &auml;lteren Frau oder einem &auml;lteren Mann w&uuml;rde ich sagen: wegen der Kinder und Enkel. Sollen sie im Frieden aufwachsen, die finanziellen Ressourcen f&uuml;r eine sichere Zukunft vorfinden oder atomar vergl&uuml;hen? Sie erinnern sich sicher auch noch an den letzten Krieg und das &bdquo;Nie wieder!&ldquo;, das das Credo der Nachkriegsjahrzehnte war. Wann war das &bdquo;Nie wieder Krieg!&ldquo; wichtiger und eindeutiger als heute?<\/p><p><strong>Naiv gefragt: Was hei&szlig;t denn &bdquo;zu demonstrieren&ldquo;? Was hei&szlig;t es, in einer Situation wie dieser als B&uuml;rger auf die Stra&szlig;e zu gehen? Was kann so ein Zeichen in Richtung Politik bedeuten und bewirken? <\/strong><\/p><p>Ganz naiv, Demonstrieren hei&szlig;t heute, erst einmal seinen Protest herauszuschreien gegen die, die uns immer tiefer in den militaristischen Sumpf und letztendlich in den Untergang treiben, widerborstig zu sein. Demonstrieren heute hei&szlig;t aber auch, Mut und Courage gegen einen verhetzten und hetzerischen Mainstream zu zeigen, der Proteste pauschal als rechts, als nazi-m&auml;&szlig;ig oder als Querdenken diffamiert. Eine eigene Meinung zu zeigen, braucht heute Mut und Kraft, die findet sich auch in der Solidargemeinschaft der Demonstrierenden, die wiederum auch Kraft verleiht.<\/p><p>Demonstrieren heute hei&szlig;t, sicher zu wissen, dass wir nicht sofort erfolgreich sein werden. Eine Friedensdemonstration, ja selbst zehn weitere und seien sie noch so gro&szlig;, bringen noch nicht den Weltfrieden. Sie schaffen aber eine andere Atmosph&auml;re in der Gesellschaft, &ouml;ffnen neue Diskussionen, und somit R&auml;ume f&uuml;r alternative Meinungen, k&ouml;nnen sogar im Lauf der Zeit eine &bdquo;Friedenshegemonie&ldquo; in der Gesellschaft kreieren &ndash; etwas, das wir in der Mobilisierung gegen die Mittelstreckenstationierung Anfang der 80er-Jahre haben erreichen k&ouml;nnen. Sie zeigen: Die meisten wollen es anders.<\/p><p>Solche Demonstrationen heute, die die tiefsten Besorgnisse der Bev&ouml;lkerung un&uuml;bersehbar auf die politische Tagesordnung setzen, sind Mutmacher, aber auch Ereignisse, aus denen Strukturen zur Gestaltung einer besseren Zukunft hervorgehen k&ouml;nnen. Sie sind also nicht nur als unmissverst&auml;ndliches Zeichen an die Regierung zu verstehen, dass sie nicht l&auml;nger &uuml;ber die K&ouml;pfe der Bev&ouml;lkerung durchregieren kann, sondern kann den Wunsch zu selbstbewusstem &bdquo;Mitregieren von unten&ldquo; anregen, also wieder politisches Subjekt zu werden.<\/p><p><strong>Sagen Sie uns bitte etwas mehr zu dieser Demonstration. Was ist das Motto der Demo? Wie ist sie aufgezogen? <\/strong><\/p><p>Diese Demonstration &ndash; wenn auch schon l&auml;nger geplant &ndash; ist die Antwort auf die Unterw&uuml;rfigkeit der Bundesregierung gegen&uuml;ber der US-Regierung. Sie ist eine ganz vorrangige Antwort auf die geplante Stationierung von atomar und konventionell nutzbaren Erstschlagswaffen &ndash; und um nichts anderes handelt es sich bei den Mittelstreckenwaffen &ndash; in Deutschland 2026. Die hoffentlich gro&szlig;e Demonstration soll das &bdquo;Nein!&ldquo;, das von einem Gro&szlig;teil der deutschen Bev&ouml;lkerung geteilt wird, zum Ausdruck bringen und k&ouml;nnte gleichzeitig der Beginn einer Kampagne bis 2026 zur Verhinderung der Stationierung dieser Waffen bei uns werden. <\/p><p>Sie ist eine Demonstration gegen die weitere hemmungslose Aufr&uuml;stung. 90 Milliarden nach NATO-Kriterien 2024 reichen dieser Regierung ja noch nicht aus, der R&uuml;stungsetat soll weiter bis auf 2,5 Prozent des BIP (Pistorius) steigen, dazu noch 0,25 Prozent vom BIP, das alle EU-Staaten in Zukunft f&uuml;r die zivile und kriegerische Unterst&uuml;tzung der Ukraine zu verrichten haben. Und das mitten in der herbeigef&uuml;hrten Deindustrialisierung bei einer immer maroderen Infrastruktur, bei fehlenden Milliarden f&uuml;r Bildung und Wissenschaft, Gesundheitsversorgung und zunehmenden &ndash; wenn auch bisher noch nicht exzessiven, teils sogar noch versteckten &ndash; K&uuml;rzungen in den Sozialbereichen. Es geht auch um die Verteidigung einer inzwischen leider nur noch ansatzweisen sozialstaatlichen Republik gegen einen militarisierten R&uuml;stungsstaat.<\/p><p>Ziel der Demonstration ist des Weiteren, unsere eindeutige Position zum Frieden in der Ukraine und in Pal&auml;stina durch Diplomatie zu untermauern und die Politik aufzufordern, endlich Abschied zu nehmen von aktiver Teilnahme an NATO-Kriegen, Waffenlieferungen und der uns&auml;glichen Kriegsrhetorik.<\/p><p><strong>Ist die Demo auch der Versuch, eine neue Friedensbewegung aufzubauen? Die alte Friedensbewegung erscheint ja geradezu wie aufgel&ouml;st.<\/strong><\/p><p>Kritik an der Friedensbewegung ist sicher berechtigt und Fehler haben wir alle gemacht. Trotzdem sollten wir die Kirche im Dorf lassen. Immer noch sind Friedensbewegte im ganzen Land aktiv und engagiert, stemmen sich gegen den militarisierten R&uuml;stungsstaat, bei den Osterm&auml;rschen, am 1. September, aber auch bei den Aktionen der Grundrechtebewegung. Wer hat denn die Proteste gegen die neuen Milit&auml;rbasen in Wiesbaden und Mainz-Kastel organisiert, wer protestiert in Ramstein oder in B&uuml;chel?<\/p><p><strong>Ich muss an dieser Stelle etwas in der Wunde stochern. Mein Eindruck: Sch&ouml;nreden hilft hier nicht weiter. Nat&uuml;rlich gibt an vielen Stellen im Land B&uuml;rger, die friedensbewegt sind und f&uuml;r den Frieden auf die Stra&szlig;e gehen. Aber das sind doch meistens nur Zahlen im zwei- oder dreistelligen Bereich. Eine Friedensbewegung, die mit Hunderttausenden auf den Stra&szlig;en ist, ist nicht zu sehen. Gleichzeitig ist aber durchaus zu beobachten, dass sehr wohl viele B&uuml;rger sich im Netz kritisch gegen die Kriegstreiberei &auml;u&szlig;ern. Warum gelingt es nicht, diese Leute zu mobilisieren? <\/strong><\/p><p>Wer auf diese zentrale Herausforderung eine Antwort wei&szlig; und diese auch noch wissenschaftlich untermauern kann, der sollte umgehend den Friedensnobelpreis bekommen. Deswegen auch nur Splitter oder Elemente einer Antwort von mir, zur weiteren Diskussion gerne auch auf den <em>NachDenkSeiten<\/em>. <\/p><p>Zentral ist sicher der neoliberale Individualismus und sein Konkurrenzdenken, das Solidarit&auml;t und solidarisches Handeln mindestens reduziert. Vor allem der gewollte Begriffsverlust des gesellschaftlichen Denkens und Seins kommt hier negativ zum Tragen. Spaltungsversuche von au&szlig;en und teilweise auch aus den eigenen Reihen ermutigen nicht, sich zu engagieren. Dazu kommt sicher auch eine gewisse &bdquo;Innenwendung&ldquo; der Friedensbewegung, die oft Kontakte zu den Menschen verloren hat und oft fern vom t&auml;glichen Denken der Menschen agiert. Die Komplexit&auml;t friedenspolitischer Erkenntnisse (alles ist so schwer zu durchschauen) kommt sicher ebenso hinzu wie die ungeheure Propaganda des politischen Gegners, die zusammengenommen verunsichern, ob sich ein Engagement lohnt. &bdquo;Divide et impera&ldquo; funktioniert gerade in Zeiten von Cancel Culture wunderbar: Feindbilder halten Menschen ab, sich zu engagieren. <\/p><p>Hinzu kommt noch die versch&auml;rfte soziale Lage vieler Menschen. Die Zeit f&uuml;r Engagement ist geringer, der Kampf ums t&auml;gliche &Uuml;berleben ist f&uuml;r viele absolut dominant geworden. Fehlende Partner besonders in Gro&szlig;organisationen wie Gewerkschaften, Kirchen oder auch Umweltverb&auml;nden, die vor allem in den F&uuml;hrungsetagen den Schulterschluss mit den Kriegspositionen &uuml;bernommen haben, bilden einen gr&ouml;&szlig;eren Problemkreis. Wer aus diesen Organisationen die Friedensbewegung &bdquo;unterst&uuml;tzt&ldquo;, dem weht oft ein harter Wind ins Gesicht. Es fehlen auch die Erfahrungen, die von Gro&szlig;eltern und Eltern &uuml;ber die Brutalit&auml;t des Krieges vermittelt wurden, Kriege werden oft als Videospiel gesehen und auch erlebt. Die &bdquo;unter 40-J&auml;hrigen&ldquo;, also die ohne Erfahrung der Blockkonfrontation, haben weniger Instrumente der Zuordnung. Hat die Friedensbewegung verstanden, diese andere Bewusstseinslage aufzugreifen und in einen gr&ouml;&szlig;eren &bdquo;Aufstand f&uuml;r den Frieden&ldquo; zu integrieren? Leider nein, da auch innerhalb der Friedensbewegung vielfach nicht verstanden wird, was eigentlich die Anforderungen dieser neuen Phase knallharter geopolitischer Ausrichtung bedeuten. <\/p><p>Es ist keinesfalls so, dass die Friedensbewegung strukturell schwach w&auml;re. Wir h&auml;tten aber l&auml;ngst angesichts der fundamentalen Umbr&uuml;che in Gespr&auml;che um eine neue Strukturbildung von unten bzw. zur Bildung von ernsthafterer Gegenmacht eintreten m&uuml;ssen. Unentschlossenheit, &uuml;berfl&uuml;ssige innere Kontroversen und eine &Uuml;beralterung erg&auml;nzen sicher die Faktoren. Dieses sind einige Gedanken in gebotener K&uuml;rze von mir, zur Diskussion. Mich jedenfalls besch&auml;ftigt die gestellte Frage Tag und Nacht.<\/p><p><strong>Und wie sind jetzt die Konsequenzen aus all dem? <\/strong><\/p><p>Sie sind eindeutig: Ja, wir brauchen mehr Aktive, mehr und gr&ouml;&szlig;ere Aktionen, mehr Zusammenarbeit ganz unterschiedlicher gesellschaftlicher Kr&auml;fte, gr&ouml;&szlig;ere gesellschaftliche Breite &ndash; all das ist notwendig und muss auch gegen Sektentum in den eigenen Reihen und derzeitig noch vorherrschende Stillhaltepolitik traditioneller Partner wie Gewerkschaften, Kirchen oder Umweltbewegungen errungen werden. Es braucht aber neben der Breite auch die Diskussion &uuml;ber neue Strukturen der Friedensbewegung, lokale, regionale und zentrale, um die aufkeimenden Widerst&auml;nde in gemeinsame Initiativen flie&szlig;en zu lassen. Die bisherigen Strukturen &ndash; teilweise aus den 80er- und 2000er-Jahren &ndash; m&uuml;ssen kritisch &uuml;berpr&uuml;ft und unter den neuen Rahmenbedingungen vielf&auml;ltiger neuer Friedensinitiativen auch neu justiert werden. F&uuml;r mich gibt es auch keine alte und neue Friedensbewegung, sondern nur Engagierte, die alles versuchen, Widerstand zu organisieren. Die bundesweite Demonstration am 3. Oktober ist dabei ein erster wichtiger H&ouml;hepunkt.<\/p><p><strong>Die alte Friedensbewegung ist in Erinnerung als eine Gruppe von friedensbewegten B&uuml;rgern, die sehr klug, analytisch, aber auch bisweilen scharf im Ton Missst&auml;nde gezeigt haben. Heute scheint geradezu Angst davor zu herrschen, Kriegstreiber als Kriegstreiber zu bezeichnen. Wo ist der Mut geblieben, im besten demokratischen Sinne klar und deutlich den Mund f&uuml;r den Frieden aufzumachen? <\/strong><\/p><p>Ich muss nicht wiederholen, dass Mut und Courage unsere Aktionen bestimmen. Ich will auch keine pers&ouml;nlichen Beispiele auff&uuml;hren, wie wir attackiert und angegriffen wurden. Putinversteher und Schwurbler waren ja noch h&ouml;fliche Attacken. Wenn es um Krieg geht, zumal dieser von Regierung und Medien als alternativlos hingestellt wird, ist die Auseinandersetzung gegeneinander in der Gesellschaft zugespitzter. Deswegen freue ich mich, dass immer noch so viele am Friedensstrang ziehen, Kriegstreiber als Kriegstreiber bezeichnen und wissen, dass es immer noch Imperialismus gibt, auch wenn er sich im gr&uuml;nen verlogenen Menschenrechtskleidchen tarnt. Vergessen werden sollte auch nicht der negative Einfluss einer geradezu kriegstreibenden Medienlandschaft (positive Ausnahmen eingeschlossen). <\/p><p>Es ist auch nicht zu verschweigen, dass einige aus traditionellen friedens- und antifaschistischen Organisationen die Fahne nach dem herrschenden Wind gedreht haben und friedenspolitische Grundpositionen zugunsten libert&auml;rer Mainstreampositionen aufgegeben haben. Antifaschismus ist eben mehr als gemeinsam mit dem politischen kriegerischen Mainstream bei jeder Gelegenheit &bdquo;Nazis raus&ldquo; zu schreien. Mut ist nicht unser Problem, vielleicht eher analytische Defizite angesichts der rasanten Ver&auml;nderungen in der Welt, vielleicht auch angesichts fehlender analytischer Kategorien und Verwerfungen, was heute eigentlich noch links und Frieden ist. Es ist doch nicht einfacher geworden, Widerstand zu leisten, daf&uuml;r aber ist der, wer sich heute daf&uuml;r entscheidet, Widerstand zu leisten, entscheidend f&uuml;r Frieden und gesellschaftliche Ver&auml;nderungen.<\/p><p><strong>Nochmal zu Deutschland. Es hei&szlig;t mittlerweile, Deutschland m&uuml;sse &bdquo;kriegst&uuml;chtig&ldquo; werden, es geht um eine Wiedereinf&uuml;hrung der Wehrpflicht und die Stationierung von Langstreckenraketen. Sollte es zu einem Krieg mit Russland kommen: Was w&uuml;rde das f&uuml;r Deutschland bedeuten? <\/strong><\/p><p>Ein Krieg in Europa ist weder f&uuml;hrbar noch gewinnbar, sondern die Katastrophe des Untergangs dieses alten Kontinents. Das gilt f&uuml;r einen atomaren Konflikt, aber auch f&uuml;r einen umfassenden konventionellen Krieg angesichts der Atomkraftwerke, der chemischen Industrie, die bei den Zerst&ouml;rungen t&ouml;dliche Vergiftungen freisetzen w&uuml;rden. Europa ist rein zivilisatorisch kriegsunf&auml;hig bzw. kriegsuntauglich! Wir sind um des &Uuml;berlebens willens auf Frieden angewiesen. Frieden hei&szlig;t in Europa zuallererst Frieden mit dem gr&ouml;&szlig;ten Land der Erde, mit Russland. F&uuml;r Deutschland ist das eine Bringschuld, d&uuml;rfen wir doch nie den faschistischen &Uuml;berfall auf die Sowjetunion mit den 27 Millionen toten Sowjetb&uuml;rgerinnen und -b&uuml;rgern vergessen. Deswegen ist eine neue europ&auml;ische Friedensarchitektur mit Russland unabdingbar. <\/p><p>Notwendig ist aber auch, dass sich dieses Deutschland in einer neuen multipolaren Welt neu definiert, endlich Abschied nimmt von neokolonialistischer Ausbeutung des globalen S&uuml;dens, globale Gerechtigkeit f&uuml;r alle L&auml;nder und deren Recht auf Entwicklung anerkennt. Dieses geht nur durch kooperative Beziehungen mit China und generell mit dem Globalen S&uuml;den. Das ist nur m&ouml;glich mit einem endg&uuml;ltigen Abschied von einer Unterordnung unter die USA. Kooperation mit allen, Solidarit&auml;t mit den Entwicklungen vieler L&auml;nder und umfassende Abr&uuml;stung seien nur als Stichworte in einer neuen Welt auf der Basis der UN-Charta und den aus heutiger Sicht vision&auml;ren Gedanken der Charta von Paris vom November 1990 genannt &ndash; eine Vision noch, aber vielleicht gar nicht mehr lange. Wenn, ja wenn wir jetzt den Kriegstreibern in die Arme fallen &ndash; auch und gerade am 3. Oktober in Berlin<\/p><p><em><strong>Anmerkung Redaktion: Alle Details zu der Gro&szlig;demo in Berlin finden sich auf einer eigenen Webseite unter <a href=\"https:\/\/nie-wieder-krieg.org\/\">&bdquo;Nie wieder Krieg&ldquo;<\/a>. <\/strong><\/em><\/p><p><small>Titelbild: Von Ferran Cornell&agrave; &ndash; Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0 <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=141438379\">commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=141438379<\/a><\/small><br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/74461884e97a457e9a697a2376a34ccb\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Diplomatie, Waffenstillstand und Verhandlungen sind das Gebot der Stunde &ndash; alles andere ist absolut verantwortungslos&ldquo;, sagt <strong>Reiner Braun<\/strong> im Interview mit den <em>NachDenkSeiten<\/em>. 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