{"id":121681,"date":"2024-09-23T11:30:19","date_gmt":"2024-09-23T09:30:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=121681"},"modified":"2024-09-23T13:58:05","modified_gmt":"2024-09-23T11:58:05","slug":"journalismus-macht-schule","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=121681","title":{"rendered":"Journalismus macht Schule"},"content":{"rendered":"<p>Erfahrungen bei Medienkompetenz-Workshops an Schulen in Berlin und Brandenburg. Unser Gastautor war im Auftrag der Medienanstalt Berlin-Brandenburg an Schulen unterwegs und bietet den NachDenkSeiten-Lesern einen Blick hinter die Kulissen. Von <strong>Dirk Engelhardt<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<a href=\"https:\/\/journalismus-macht-schule.org\">&bdquo;Journalismus macht Schule&ldquo;<\/a> &ndash; so nennt sich ein Programm des Vereins zur F&ouml;rderung von Informations- und Nachrichtenkompetenz. Gef&ouml;rdert wird dieses edle Vorhaben von der Zeit-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius und der Bundesbeauftragten f&uuml;r Kultur und Medien. So weit, so gut. Dieser Verein sucht willige Journalisten, die in Workshops an Schulen in Berlin und Brandenburg den Sch&uuml;lern etwas aus ihrem Beruf erz&auml;hlen und auch zeigen, wie man recherchiert und was so dran ist an den vielgeschm&auml;hten Fake News. Auf der Web-Seite des Vereins ist ein Button &bdquo;F&uuml;r Journalist:innen&ldquo;, und wenn man dort klickt, kann man sich als Journalist gleich anmelden, wenn man mit Schulklassen &uuml;ber seine Arbeit sprechen m&ouml;chte. <\/p><p>Auch ein Video-Webinar h&auml;lt die Webseite bereit, dort erl&auml;utern die NDR-Reporter Carolin Fromm und Christian Deker, wie man bei Schulbesuchen vorgeht, was den Journalisten erwartet und wie man sich vorbereitet. Weitere Erkl&auml;rvideos zeigen, wie man Sch&uuml;lerInnen ermuntert, Forderungen zu artikulieren, oder ob die Corona-Pandemie &bdquo;im Griff&ldquo; ist, ob &bdquo;wir&ldquo; &uuml;berreagiert haben oder ob Leute recht hatten, die das Virus f&uuml;r nicht gef&auml;hrlicher als die normale saisonale Grippe hielten. Aktuelle Medienthemen, schulklassengerecht aufgearbeitet. <\/p><p>Da ich als freier Journalist im Moment viel Freizeit hatte, meldete ich mich an und bekam bald den ersten Auftrag: An einer Schule in Neuruppin sollte ich 90 Minuten mit den Sch&uuml;lern Online-Recherche &uuml;ben. In der 7. Klasse waren 18 Jungs und 2 M&auml;dchen, was sich bald als Problem herauskristallisieren sollte. Die ersten f&uuml;nf Minuten waren alle noch recht aufmerksam, doch dann fingen die Jungs an, Radau zu machen, und vernachl&auml;ssigten die Aufgaben, die ich ihnen stellte. Nur die beiden M&auml;dchen arbeiteten still und flei&szlig;ig, doch gegen die &Uuml;bermacht der Jungs kamen sie nicht an. Selbst die beiden Klassenlehrer, die in der Stunde mit dabei waren, konnten die Rasselbande nicht zur Ruhe bringen. Irgendwann klopfte es an der T&uuml;r, die Lehrerin, die einen Stock tiefer unterrichtete, sagte, dass sie wegen des L&auml;rms kaum noch Unterricht machen k&ouml;nne. Der erste Workshop endete mit einer leichten Frustration des Journalisten.<\/p><p>Workshop Nummer zwei war dann an einer Berufsschule in Berlin-Zehlendorf. Hier waren die Sch&uuml;ler wesentlich &auml;lter, manche schon Mitte zwanzig, und einer hatte sogar schon mal als Journalist gearbeitet. Es ging recht l&auml;ssig zu, die T&uuml;r des Klassenraums blieb die ganze Zeit offen, weil 20 oder 30 Minuten nach Workshopbeginn immer noch Sch&uuml;ler hereintr&ouml;pfelten und sich schweigend irgendwo hinsetzten. Hier war das Thema journalistische Stilformen, und wie man sie erkennt. Dazu hatte der Lehrer keine Kosten und M&uuml;hen gescheut und am Kiosk seines Kiezes fast die ganze Tagesration an Zeitungen aufgekauft, von der <em>BZ<\/em> bis zur <em>FAZ<\/em>. Bei den Aufw&auml;rmfragen wollte ich wissen, aus welchen Medien sich die Sch&uuml;ler informieren, die meisten gaben an, sich &bdquo;aus dem Handy&ldquo; zu informieren, manche guckten <em>Tagesschau<\/em>. Eine gedruckte Zeitung hatte noch niemand richtig gelesen, und auch die journalistischen Stilformen waren unbekannt. Es gab also viel zu tun.<\/p><p>Als ich zehn Arbeitsfragen diktierte, schrieb nur die H&auml;lfte der Klasse mit. Ich nahm das zur Kenntnis, um mich im Nachhinein vom Klassenlehrer belehren zu lassen, dass ich richtig gehandelt h&auml;tte. &bdquo;Denn die sch&auml;men sich dann, wenn man nachfragt, und sie sagen, dass sie nicht schreiben k&ouml;nnen oder nicht so schnell schreiben k&ouml;nnen&ldquo;, war die Antwort. Doch insgesamt war das Feedback auf den Workshop sehr gut. Besonders aufmerksam war die Klasse im Frage-und-Antwort-Teil, wo die Sch&uuml;ler den Journalisten fragen konnten, was sie schon immer von einem Journalisten wissen wollten. Mit gef&auml;hrlichen Situationen bei Recherchen und dunklen Machenschaften von Wirtschaftsbossen konnte ich allerdings nicht aufwarten, als Journalist arbeite ich heute fast nur mit Telefon und Internet, was auf die Sch&uuml;ler etwas ern&uuml;chternd wirkte. <\/p><p>Workshop Nummer drei war dann an einem Gymnasium, 7. Klasse, in Pankow. Hier waren die M&auml;dchen eindeutig in der &Uuml;berzahl, aber alle Sch&uuml;ler waren hochaufmerksam und wirklich interessiert. Das Thema war Fake News, und ich w&auml;hlte dazu ein Bezugsfeld, das alle Sch&uuml;ler an der eigenen Haut erfahren hatten: Die Corona-Beschr&auml;nkungen. Am Anfang der Stunde erfuhr ich, dass in der Klasse, nachdem die Schule wieder ge&ouml;ffnet war, praktisch gar nicht &uuml;ber die wissenschaftliche Basis der Corona-Beschr&auml;nkungen und der Schulschlie&szlig;ung gesprochen wurde. Ich betrat also Neuland. Ich hatte zwei Artikel kopiert: einen, den ich f&uuml;r die <em>Berliner Zeitung<\/em> geschrieben hatte und in dem ich einen Corona-Kritiker interviewt hatte, ein weiterer aus dem <em>Nord-Kurier<\/em> behandelte die RKI-Files und was aus ihnen abzuleiten sei.<\/p><p>In Gruppen sollten die Sch&uuml;ler erst einmal positive und negative Seiten der Corona-Beschr&auml;nkungen auflisten; die Maskenpflicht im Unterricht wurde am h&auml;ufigsten als grob st&ouml;rend genannt. Dann kamen die RKI-Files zur Sprache, die allerdings in der Klasse kaum bekannt waren. Das komplexe Thema war f&uuml;r einen 90-Minuten-Workshop zu umfangreich, ich hoffte auf eine Fortsetzung mit dieser Klasse.<\/p><p>Einige Wochen nach dem Workshop erhielt ich von der Medienanstalt Berlin-Brandenburg einen Brief, in dem mir mitgeteilt wurde, dass das Feedback des Workshops verheerend war. Ich h&auml;tte Zeitungsartikel verteilt, ohne dazu zu sagen, dass sie &bdquo;tendenzi&ouml;s&ldquo; w&auml;ren, was immer das hei&szlig;t, au&szlig;erdem h&auml;tte ich beim Thema Corona geframt und suggestive Fragen gestellt. &bdquo;Insgesamt entsteht der Eindruck, dass Sie die Veranstaltung genutzt haben, um den Sch&uuml;ler:innen &ndash; anstelle von Einblicken in journalistisches Arbeiten und Quellenpr&uuml;fen &ndash; Ihre pers&ouml;nliche Meinung zur Corona-Politik darzulegen&ldquo;, stand in der Mail der MABB.<\/p><p>F&uuml;r weitere Eins&auml;tze als Journalist bei Workshops im Programm &bdquo;Journalismus macht Schule&ldquo; bin ich in Berlin und Brandenburg gesperrt. Dabei hatte ich schon einen weiteren Workshop vorbereitet &ndash; &bdquo;Fake News bei der FAZ &ndash; warum es gut ist, bei allen Medien kritisch zu sein&ldquo; war der Titel. <\/p><p><small>Titelbild: Screenshot &ndash; <a href=\"https:\/\/journalismus-macht-schule.org\/journalistinnenbesuche\/\">&bdquo;Journalismus macht Schule&ldquo;<\/a><\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=110117\">Die Massenmedien als Konsensfabrik f&uuml;r die Gesellschaft<\/a> <\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=101250\">Vortrag von Florian Warweg bei Attac Dortmund: &bdquo;Medien: Vierte Gewalt oder Meinungsmacher?&ldquo;<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=117938\">Die Rolle der NGOs &bdquo;im Kampf gegen Desinformation&ldquo; &ndash; Ein Insiderbericht<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=116908\">Wie aus &bdquo;Zensur&ldquo; der &bdquo;Kampf gegen Desinformation&ldquo; wurde: Eine deutsche Geschichte in sechs Schritten<\/a>\n<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erfahrungen bei Medienkompetenz-Workshops an Schulen in Berlin und Brandenburg. 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