{"id":12190,"date":"2012-02-10T16:52:32","date_gmt":"2012-02-10T15:52:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12190"},"modified":"2015-01-18T15:06:58","modified_gmt":"2015-01-18T14:06:58","slug":"der-placeboeffekt-des-relativismus-als-politisches-erfolgsmodell","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12190","title":{"rendered":"Der Placeboeffekt des Relativismus als politisches Erfolgsmodell"},"content":{"rendered":"<p>Die deutsche Politik hat ein bedrohliches Erfolgsrezept. Der Bundesregierung ist es gelungen, von der eigenen bedrohlichen Lage abzulenken, indem man sich mit anderen L&auml;ndern vergleicht, denen es noch schlechter geht. Merkel, die SPD, die Gr&uuml;nen und nahezu die gesamte ver&ouml;ffentlichte Meinung fahren wie in einem Paternoster nach unten und sie feiern sich, dass sie sich noch auf einer der oberen Kabinen befinden. Keiner aus den herrschenden Eliten will die Fahrt nach unten wahrnehmen und es ist niemand erkennbar, der aus dem Paternoster springt und auf den Notalarmknopf dr&uuml;cken k&ouml;nnte, um die Talfahrt zu stoppen. Von <strong>Wolfgang Lieb<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie Zufriedenheit der Deutschen mit Angela Merkel steigt und steigt. Fast zwei Drittel sind mit der Bundeskanzlerin <a href=\"http:\/\/www.tagesschau.de\/multimedia\/bilder\/crbilderstrecke322_mtb-1_pos-8.html#colsStructure\">zufrieden<\/a> und 69 Prozent der Befragten halten sie f&uuml;r eine <a href=\"http:\/\/www.tagesschau.de\/multimedia\/bilder\/crbilderstrecke322_mtb-1_pos-9.html#colsStructure\">gute Kanzlerin<\/a> . Ihr Ansehen kommt auch ihrer Partei zugute, die CDU legt bei der Sonntagsfrage zu, <a href=\"http:\/\/www.tagesschau.de\/multimedia\/bilder\/crbilderstrecke322_mtb-1_pos-1.html#colsStructure\">die SPD und die Gr&uuml;nen schw&auml;cheln<\/a>. <\/p><p>Gleichzeitig sind 69 Prozent der Meinung, dass Merkel mehr die Interessen der Wirtschaft als der <a href=\"http:\/\/www.tagesschau.de\/multimedia\/bilder\/crbilderstrecke322_mtb-1_pos-9.html#colsStructure\">kleinen Leute vertritt<\/a> und dementsprechend meinen 73 Prozent, dass sie vom Wachstum <a href=\"http:\/\/www.tagesschau.de\/multimedia\/bilder\/crbilderstrecke322_mtb-1_pos-13.html#colsStructure\">nicht profitieren<\/a>. <\/p><p>Dieser Eindruck der &uuml;berwiegenden Mehrheit wird von der Wirklichkeit best&auml;tigt, denn in dieser Woche berichtete das Statistische Bundesamt einmal mehr von <a href=\"\/?p=12148#h04\">gesunkenen Reall&ouml;hnen in Deutschland<\/a>, dass jeder Zw&ouml;lfte der inzwischen 820.000 Leiharbeiter zus&auml;tzlich zum Lohn Arbeitslosengeld II beziehen muss, um &uuml;berleben zu k&ouml;nnen. Eurostat berichtet, dass nahezu jeder Sechste (15,6%) Deutsche von Armut und ein noch gr&ouml;&szlig;erer Teil von <a href=\"\/?p=12167#h01\">sozialer Ausgrenzung bedroht ist<\/a>. Und laut &bdquo;Kinderbarometer&ldquo; bef&uuml;rchtet jeder dritte Neu- bis Vierzehnj&auml;hrige sp&auml;ter <a href=\"\/?p=12182#h11\">einmal erwerbslos oder arm zu werden<\/a>. Die &Auml;ngste der Arbeitnehmer werden gen&auml;hrt, wenn sie in dieser Woche &uuml;ber ein &bdquo;revolution&auml;res Arbeitsmodell&ldquo; des Elektronikkonzerns IBM lesen m&uuml;ssen, wonach diese Firma in Deutschland nicht nur 8.000 Stellen streichen will, sondern eine grundlegende Neuorganisation der Arbeitsstrukturen plant. Es soll nur noch eine kleine Kernbelegschaft geben und die Masse der Mitarbeiter soll sich &uuml;ber eine Internetplattform &bdquo;prostitutieren&ldquo; und von der Firma je nach Bedarf als <a href=\"\/?p=12167#h07\">Leiharbeiter angeworben werden<\/a>.<\/p><p><strong>Das alles sind nur die Meldungen der zur&uuml;ckliegenden Woche.<\/strong><\/p><p>Man fragt sich, wie einerseits der H&ouml;henflug der Zufriedenheit mit der Kanzlerin mit den be&auml;ngstigenden Meldungen und vor allem auch mit der Selbsteinsch&auml;tzung der allermeisten Deutschen, dass sie von den allenthalten verk&uuml;ndeten frohen Botschaften &uuml;ber das Rekordwachstum oder &uuml;ber die (statistisch) sinkenden Arbeitslosenzahlen nichts abbekommen, zusammenpasst. <\/p><p>Albrecht M&uuml;ller hat in der zur&uuml;ckliegenden Woche beschrieben, wie diese voneinander abgehobenen &bdquo;<a href=\"\/?p=12152\">Parallelwelten<\/a>&ldquo; entstehen konnten. Und Jens Berger hat die &bdquo;Legendenbildung&ldquo; dargestellt und herausgearbeitet, dass der zweifelhafte &bdquo;Erfolg&ldquo; der deutschen Politik vor allem, darauf beruht, dass es der Bundesregierung gelungen ist, von der eigenen bedrohlichen Lage abzulenken, indem man sich mit anderen L&auml;ndern vergleicht, denen es <a href=\"\/?p=12162\">noch schlechter geht<\/a>. Es lohnt sich die beiden Beitr&auml;ge noch einmal nachzulesen. <\/p><p>Es scheint gelungen zu sein, dass das weit verbreitete Gef&uuml;hl der sozialen Benachteiligung im Inneren des Landes &ndash; 77% meinen, dass die soziale Marktwirtschaft die Reichen reicher und <a href=\"http:\/\/www.tagesschau.de\/multimedia\/bilder\/crbilderstrecke322_mtb-1_pos-15.html#colsStructure\">die Armen &auml;rmer macht<\/a> &ndash;  darauf umgelenkt werden kann, dass es den anderen L&auml;ndern noch schlechter geht. <\/p><p>Auf diesen Placeboeffekt des Relativismus, also auf die positive Wahrnehmung der (schlechten oder unbefriedigenden) eigenen Situation gegen&uuml;ber der (noch schlechteren) Lage der anderen, sind offenbar auch die SPD-Spitze und sogar der DGB-Vorsitzende hereingefallen. Die Gr&uuml;nen scheinen davon geradezu bet&auml;ubt worden zu sein, so wenig h&ouml;rt man von ihnen. Da gibt sich z.B. der DGB-Chef Sommer in dieser Woche damit zufrieden, dass Frau Merkel gut mit den Gewerkschaften &bdquo;kommuniziert&ldquo; und &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.welt.de\/politik\/deutschland\/article13851966\/Wo-Schroeder-basta-sagte-argumentiert-Merkel.html\">argumentiert<\/a>&ldquo; und er gibt sich damit zufrieden, wenn die CDU &uuml;ber einen Mindestlohn nachdenkt, bei dem es allerdings keine Untergrenze geben soll. Und die SPD gibt die politische Auseinandersetzung mit Merkel gleich ganz auf und sieht den Gegner au&szlig;erhalb des parteipolitischen Spielfeldes nur noch auf den &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.sprengsatz.de\/?p=3811\">Finanzm&auml;rkten<\/a>&ldquo;, gerade so, als ob die Sozialdemokraten in diesem Kampf Merkel schon (als (Junior-)Partner in einer Gro&szlig;en Koalition an ihrer Seite sehen. <\/p><p>Betrachtet man die Europapolitik der Kanzlerin, so muss man zur &Uuml;berzeugung gelangen, dass die Politik des Relativismus geradezu Methode ist. Da werden z.B. von den Griechen Lohnk&uuml;rzungen &ndash; nicht nur im &ouml;ffentlichen Dienst sondern auch in der Privatwirtschaft &ndash; um 20, ja sogar bis zu 30 Prozent und die Senkung des Mindestlohns auf 590 Euro sowie noch weitere Senkungen der Renten und des Arbeitslosengeldes abverlangt. Da wird sehenden Auges etwa mit der Forderung nach dem Abbau von <a href=\"http:\/\/www.wirtschaftundgesellschaft.de\/?p=2032\">150.000 Stellen im &ouml;ffentlichen Dienst<\/a> geradezu darauf hingewirkt, dass die Arbeitslosenquote noch weit &uuml;ber die derzeitigen 20 Prozent ansteigt und dass noch mehr als fast jeder zweite Jugendliche (48%) ohne Arbeit bleibt. Dagegen nehmen sich die deutschen Statistiken nat&uuml;rlich relativ gl&auml;nzend aus. <\/p><p>Dieser Relativismus macht sogar blind, vor der sich gleichfalls verschlechternden eigenen Lage. Gegen&uuml;ber den &uuml;berall in Europa drastisch steigenden Arbeitslosenzahlen, wird dann der Anstieg der Massenarbeitslosigkeit im Januar auf (statistisch) wieder &uuml;ber drei Millionen Arbeitslose als Erfolg gefeiert. Da ist man stolz, dass die deutschen Ausfuhren die Billionen-Euro Grenze &uuml;berschritten haben und ignoriert, dass sich damit die Eurozonen-L&auml;nder (mit einem Anteil von fast 40% am Export) nur noch weiter verschulden. Man nimmt nicht wahr, dass bei unseren Nachbarn wie zwischen kommunizierenden R&ouml;hren die Exportquoten fast &uuml;berall sinken. Wie der Einbruch der Ausfuhren in die <a href=\"\/?p=12167#h05\">Eurozone im Dezember zeigt<\/a> und wie der <a href=\"\/?p=12182#h05\">R&uuml;ckgang der Erzeugung im produzierenden Gewerbe belegt<\/a> merkt man noch nicht einmal, dass man sich mit der europaweit oktroyierten br&uuml;ningschen Austerit&auml;tspolitik den hohen Ast abs&auml;gt, auf dem man derzeit noch sitzt. Man &uuml;berspielt all diese Alarmzeichen, indem man mit dem Finger auf die anderen zeigt, die noch weiter abgerutscht sind. <\/p><p>Dieses Denken in Relationen verhindert den Blick darauf, dass man sich mit allen anderen auf absch&uuml;ssiger Bahn befindet. Man wacht vielleicht erst auf, wenn man auf dem Boden des Abgrundes aufprallt. Das Grund&uuml;bel des philosophischen wie des politischen Relativismus ist, dass er keinerlei Vorstellungen mehr entwickelt, wie es wieder besser werden k&ouml;nnte, wie eine Politik aussehen k&ouml;nnte, die eine Wende zum Besseren herbeif&uuml;hren kann. &Uuml;ber eine politische Alternative oder &uuml;ber ein alternatives Konzept wird gar nicht mehr nachgedacht. Die Phantasie etwas Neues zu denken, die Hoffnung auf eine Ver&auml;nderung wird erstickt. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die deutsche Politik hat ein bedrohliches Erfolgsrezept. 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