{"id":121947,"date":"2024-09-25T11:08:54","date_gmt":"2024-09-25T09:08:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=121947"},"modified":"2024-09-25T11:39:17","modified_gmt":"2024-09-25T09:39:17","slug":"einen-weltkrieg-mit-atomwaffen-unter-allen-umstaenden-verhindern-exlusiv-interview-mit-dmitri-trenin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=121947","title":{"rendered":"\u201eEinen Weltkrieg mit Atomwaffen unter allen Umst\u00e4nden verhindern!\u201c \u2013 Exlusiv-Interview mit Dmitri Trenin"},"content":{"rendered":"<p>Russland kann sich nirgendwohin zur&uuml;ckziehen, weil der Westen einen existenziellen Kampf gegen das Land f&uuml;hrt. Diesen Kampf will Moskau intelligenter f&uuml;hren als zu Zeiten der Sowjetunion. In einem Interview erl&auml;utert der renommierte russische Politikwissenschaftler und ehemalige Leiter des Carnegie-Instituts Moscow <strong>Dmitri Trenin<\/strong> die ma&szlig;geblichen russischen Ansichten &uuml;ber die Fortsetzung des Krieges und die m&ouml;glichen Auswirkungen der US-Pr&auml;sidentschaftswahlen. Das Interview mit Dmitri Trenin hat <strong>P&eacute;li &Eacute;va<\/strong> gef&uuml;hrt und &uuml;bersetzt.<br>\n<!--more--><br>\nDie anstehende Stationierung der US-amerikanischen Raketen in Deutschland provoziert Russland auf eine bisher nie gesehene Weise. Deutschland ist nicht gewillt, sich f&uuml;r ein neues Abkommen zur Verringerung der russischen Bedrohung einzusetzen. Das kann zu Reaktionen f&uuml;hren, die keiner haben will. Auf die m&ouml;glichen Folgen macht der Politologe Dmitri Trenin aufmerksam, er geh&ouml;rt zu Russlands f&uuml;hrenden Au&szlig;enpolitik-Experten.<\/p><p><strong>&Eacute;va P&eacute;li: Wie sch&auml;tzen Sie die aktuelle Situation in der Ukraine ein, etwa zweieinhalb Jahre nach dem Einmarsch der russischen Truppen?<\/strong><\/p><p><strong>Dmitri Trenin: <\/strong>Es ist ein Zerm&uuml;rbungskrieg im Gange. Russische Truppen &bdquo;zermalmen&ldquo; die ukrainische Armee und r&uuml;cken langsam, aber stetig im Donbass vor; russische Luft- und Raumfahrtkr&auml;fte &bdquo;schalten&ldquo; die milit&auml;risch-industriellen Einrichtungen und Energieanlagen der Ukraine aus. Die ukrainischen Streitkr&auml;fte leisten hartn&auml;ckigen Widerstand und schlagen an verwundbaren Stellen der russischen Position zu &ndash; zum Beispiel in der Region Kursk. Ukrainische Drohnen besch&auml;digen russische Energieanlagen und Infrastrukturelemente. Die Ukrainer greifen auch zivile Einrichtungen an und organisieren Sabotageakte, um die russische Moral zu untergraben. Trotz der enormen und umfassenden Unterst&uuml;tzung des Westens f&uuml;r Kiew ist Russland nach wie vor im Vorteil und hat auf dem Kriegsschauplatz weitgehend die Initiative inne. Es handelt sich nicht um eine &bdquo;Pattsituation&ldquo;: Die Intensit&auml;t der Milit&auml;raktivit&auml;ten ist hoch, und die Bestrebungen des Westens, eine Niederlage der Ukraine zu verhindern, f&uuml;hrt logischerweise zu einer weiteren Eskalation der Feindseligkeiten. Generell ist klar, dass die Ukraine ohne eine immer umfangreichere Unterst&uuml;tzung durch den Westen verliert, aber die immer st&auml;rkere Einmischung des Westens in den Krieg birgt die Gefahr eines direkten milit&auml;rischen Zusammensto&szlig;es zwischen dem Westen und Russland, das hei&szlig;t eines Weltkrieges mit dem fast unvermeidlichen Einsatz von Atomwaffen.<\/p><p><strong>Sie sind also der Meinung, dass die atomare Abschreckung nicht h&auml;lt?<\/strong><\/p><p>Eine Eskalation bis zur nuklearen Ebene ist sehr real. Zu glauben, dass es m&ouml;glich ist, einer nuklearen Supermacht eine strategische Niederlage beizubringen, ist Wahnsinn. Die alte Strategie der nuklearen Abschreckung hat sich in einem Umfeld, in dem der Feind (die USA) seine Angst verdr&auml;ngt hat und von seiner eigenen Nachgiebigkeit &uuml;berzeugt ist, als fehlerhaft erwiesen. Fr&uuml;her war es kaum vorstellbar, dass man Atomkraftwerke beschie&szlig;en kann, wie es die Ukraine st&auml;ndig tut, ohne dass der Westen dies nicht nur verurteilt, sondern auch vor den Gefahren solcher Aktionen warnt. Ich habe auch zunehmend den Eindruck, dass die USA die Option eines begrenzten Atomkrieges in Europa als grunds&auml;tzlich akzeptabel ansehen &ndash; vorausgesetzt, dass dieser Krieg die USA nicht selbst betrifft.<\/p><p><strong>Wie wird aus Ihrer Sicht dieser Krieg enden? Welche Chancen gibt es auf Verhandlungen heute? Ex-Bundeswehrgeneral Harald Kujat sagte neulich in einem Interview, eine L&ouml;sung k&ouml;nne darin bestehen, dass die Kriegsparteien ohne Vorbedingungen an den Verhandlungstisch zur&uuml;ckkehren und an den Ergebnissen der Verhandlungen in Istanbul im Fr&uuml;hjahr 2022 ankn&uuml;pfen. Was halten Sie davon?<\/strong><\/p><p>Es gibt verschiedene Szenarien:<\/p><ol>\n<li>Der Krieg in der Ukraine kann zu einem Weltkrieg werden, mit dem Einsatz von Atomwaffen und einer weltweiten Zerst&ouml;rung. Dieses Szenario muss unter allen Umst&auml;nden verhindert werden.<\/li>\n<li>Der Krieg k&ouml;nnte in dem Moment enden, in dem eine Seite (sagen wir Russland) einen Atomschlag (oder eine Reihe solcher Schl&auml;ge) gegen ein NATO-Land (L&auml;nder) als Reaktion auf die direkte Beteiligung dieser L&auml;nder am Krieg gegen Russland startet. Meiner Meinung nach bewegen wir uns jetzt auf dieses Szenario zu.<\/li>\n<li>Wenn der Selbsterhaltungstrieb in den westlichen L&auml;ndern unter F&uuml;hrung der USA &uuml;berwiegt und ihre Unterst&uuml;tzung f&uuml;r die Ukraine begrenzt wird, wird der Krieg mit einem Sieg Russlands enden. Der Sieg Russlands wird die Verwirklichung der Ziele der Spezial-Milit&auml;roperation bedeuten: Beseitigung des Bandera-Regimes in Kiew &ndash; Entnazifizierung; Entmilitarisierung und Neutralisierung der Ukraine unter zuverl&auml;ssiger Kontrolle der Russischen F&ouml;deration; territoriale Ver&auml;nderungen, in deren Folge der Donbass, Noworossija und wahrscheinlich einige andere Regionen Teil Russlands werden. (Anm. Red.: Mit Noworossija werden in Russland die von den russischen Streitkr&auml;ften besetzten ukrainische Gebiete genannt, ein halbmondf&ouml;rmiger Bogen zwischen den Hafenst&auml;dten Odessa und Mariupol sowie die nord&ouml;stlich davon gelegenen Gebiete Donezk und Luhansk)<\/li>\n<\/ol><p>Eine Beendigung des Krieges nach dem koreanischen Vorbild von 1953 ist prinzipiell m&ouml;glich, w&uuml;rde aber nur eine Atempause bedeuten mit der Aussicht auf eine Wiederaufnahme des Krieges in noch entschiedenerer Form. Soweit ich wei&szlig;, ist die russische F&uuml;hrung entschlossen, die ukrainische Frage zu l&ouml;sen und nicht einzufrieren.<\/p><p>Was Istanbul betrifft: Damals war eine Einigung zwischen Moskau und Kiew eine reale M&ouml;glichkeit, aber diese wurde von den USA durch das Vereinigte K&ouml;nigreich torpediert. Die Istanbuler Einigung ist bez&uuml;glich der Grunds&auml;tze der strikten Entmilitarisierung der Ukraine und ihres Nichtbeitritts zur NATO immer noch relevant. Doch seitdem wurden vier Regionen in die Russische F&ouml;deration aufgenommen. Dies ist nicht mehr Gegenstand von Verhandlungen.<\/p><p><strong>Der Westen eskaliert weiter und will den Einsatz von Waffen erlauben, die Russland in der Tiefe erreichen. Wie wird und wie kann Russland darauf antworten? Wo ist die tats&auml;chliche &bdquo;rote Linie&ldquo;?<\/strong><\/p><p>Ich hoffe, dass die USA erkennen, dass eine Eskalation ein russisches Roulette ist. Ein Schuss f&auml;llt auf jeden Fall, es ist blo&szlig; nicht bekannt, wie oft der Abzug bet&auml;tigt wird. Zu den &bdquo;roten Linien&ldquo;: Der Westen und die Ukraine haben gemeinsam mehrere Linien &uuml;berschritten, die viele fr&uuml;her als rot bezeichnet haben. Technisch gesehen hat Russland bereits mehrere Gr&uuml;nde gehabt, Atomwaffen einzusetzen, selbst nach den bestehenden &ndash; und aus meiner Sicht nach veralteten &ndash; Dokumenten. Ein Drohnenangriff auf eine Raketenfr&uuml;hwarnanlage oder ein Schlag auf einen strategischen Flugplatz geh&ouml;ren beispielsweise zu diesen Gr&uuml;nden. Putin ist sich offensichtlich seiner gigantischen Verantwortung nicht nur f&uuml;r Russland, sondern f&uuml;r die gesamte Menschheit bewusst und zeigt deshalb eine beispiellose und unfassbare Geduld. Russlands Gegner irren, wenn sie diese Geduld mit Schw&auml;che verwechseln. Die &bdquo;nukleare Kugel&ldquo; ist bereits in die Kanone geladen, sodass mit jeder Eskalationsrunde ein russischer Vergeltungsschlag wahrscheinlicher wird. Ich w&uuml;rde jedem raten, sich an Putins Worte aus einem Interview mit US-amerikanischen Journalisten zu erinnern: &bdquo;Wozu brauchen wir die Welt, wenn wir Russland in ihr nicht haben.&ldquo; Aber wo die letzte und wirkliche &bdquo;rote Linie&ldquo; liegt, wei&szlig; nur Putin. Gott bewahre uns davor, diese Linie zu erreichen, geschweige denn sie zu &uuml;berschreiten.<\/p><p><strong>Beobachtern zufolge reagiert die russische F&uuml;hrung relativ gelassen auf den ukrainischen Einfall in die Region Kursk. Andere sagen, sie reagiere zu wenig. Wie sch&auml;tzen Sie dies ein?<\/strong><\/p><p>Russland hat selbstverst&auml;ndlich keine ukrainischen Truppen in die Region Kursk &bdquo;gelockt&ldquo;. H&ouml;chstwahrscheinlich war Russland der Meinung, dass ein Angriff in diesem Gebiet sinnlos und daher unm&ouml;glich sei. Der Feind handelte jedoch erstens entgegen der Logik der Milit&auml;rstrategie und zweitens aus Verzweiflung. Selenskyj setzte, wie jetzt klar ist, auf den medialen Erfolg, auf die Untergrabung des russischen Vertrauens in Putin und auf die Verlegung der russischen Streitkr&auml;fte aus dem Donbass in die Region Kursk, um die russische Offensive im Donbass zu stoppen. Von diesen drei Zielen wurde lediglich das erste erreicht, aber seine Wirkung ist nur von kurzer Dauer. Die russische F&uuml;hrung hat ausreichend Reserven in die Region Kursk entsandt, um die ukrainische Invasion zu stoppen, aber nicht gen&uuml;gend, um den Feind schnell aus dem russischen Gebiet zu vertreiben. Infolgedessen erleidet die Ukraine schwere Verluste, ohne ein strategisch oder politisch bedeutsames Ziel zu erreichen, w&auml;hrend die russischen Streitkr&auml;fte im Donbass vorr&uuml;cken. Es w&auml;re nat&uuml;rlich gut, die ukrainischen Truppen schnell &uuml;ber die Grenze zu werfen und eine Pufferzone (Cordon sanitaire) auf der anderen Seite der Grenze zu bilden, aber Moskau verf&uuml;gt noch nicht &uuml;ber solche Kr&auml;fte: Putin will keine Mobilmachung ausrufen. Der Krieg bleibt, wie die Politik, zu deren Verl&auml;ngerung er geh&ouml;rt, die Kunst des M&ouml;glichen.<\/p><p><strong>Sergej Karaganow sagte vor Kurzem in einem Interview: &bdquo;Das Hauptziel der (Nuklear-)Doktrin sollte sein, dass alle gegenw&auml;rtigen und zuk&uuml;nftigen Gegner sicher sein sollten, dass Russland bereit ist, Atomwaffen einzusetzen im Falle eines &Uuml;bergriffs auf unser Territorium und unsere B&uuml;rger.&ldquo; Und: &bdquo;Atomwaffen zu besitzen und nicht in der Lage zu sein, den Gegner davon zu &uuml;berzeugen, sie zu benutzen, ist Selbstmord.&ldquo; Wie sch&auml;tzen Sie die aktuellen &Auml;u&szlig;erungen Ihres Kollegen ein?<\/strong><\/p><p>Ich stimme den Thesen von Sergej Karaganow zu, die Sie zitiert haben. Ich denke, dass eine Korrektur des russischen Konzepts und Systems der strategischen Abschreckung l&auml;ngst &uuml;berf&auml;llig ist. Der Kernpunkt der Korrektur k&ouml;nnte darin bestehen, die Schwelle f&uuml;r den Einsatz von Atomwaffen zu senken. Die nukleare Abschreckung muss im vollen Sinne des Wortes zur nuklearen Abschreckung werden. Wenn dies nicht geschieht und den Worten keine Taten folgen, wird die Wahrscheinlichkeit eines ausgewachsenen Atomkriegs dramatisch zunehmen. Die Politik der USA und der NATO-Staaten, die den Konflikt immer weiter eskalieren lassen, f&uuml;hrt die Welt auf ein solches Szenario zu. Europa wird als Vasall der USA betrachtet, der bereit ist, seine eigenen nationalen Interessen im Namen der &bdquo;gemeinsamen Interessen des Westens&ldquo;, die in den USA definiert werden, aufzugeben. Deutschland ist hier das offensichtlichste und krasseste Beispiel. Was geopolitische Selbstmorde angeht, so hat die Sowjetunion so etwas schon einmal begangen. Ich denke, Russland wird einen solchen Fehler nicht ein zweites Mal begehen.<\/p><p><strong>Was spricht daf&uuml;r, dass die Rechnung der Abschreckung aufgeht und die &Auml;nderung der russischen Nuklear-Doktrin den Westen davon abh&auml;lt, weiter zu eskalieren? Niemand h&auml;tte vor Februar 2022 gedacht, dass der Westen, allen voran Europa, in der &bdquo;Unterst&uuml;tzung&ldquo; der Ukraine so weit geht und daf&uuml;r bereit ist, zumindest seine eigene Wirtschaft zu ruinieren.<\/strong><\/p><p>Bislang hat der Westen bewiesen, dass er vor nichts zur&uuml;ckschreckt, auch nicht vor dem Einsatz von Atomwaffen. Leider hat sich der politische Westen durch die tr&auml;ge Reaktion Moskaus auf viele Provokationen &ndash; wie die Unterbrechung der Nord-Stream-Pipeline, die Weitergabe von Geheimdienstinformationen &uuml;ber russische Truppen und Einrichtungen an Kiew, den Beschuss strategischer Ziele auf russischem Territorium auf Gehei&szlig; des Westens, den Einmarsch in die Region Kursk auf Gehei&szlig; Gro&szlig;britanniens und der Vereinigten Staaten unter anderem &ndash; an die Vorstellung gew&ouml;hnt, dass er ohne Angst vor Vergeltung Krieg gegen Russland f&uuml;hren kann.<\/p><p>Russland verfolgt die Diskussionen im Westen sehr genau &ndash; meiner Meinung nach sogar zu genau. Aber es wird ber&uuml;cksichtigt, was die Situation wirklich beeinflussen kann. Das sind in erster Linie die Ansichten und Bestrebungen der US-amerikanischen politischen, milit&auml;rischen und geheimdienstlichen Elite.<\/p><p>Russland braucht, wie man sagt, &bdquo;viel Zeit zum Anspannen&ldquo;, aber wenn es die Pferde angeschirrt hat, kann es schnell loslaufen. Ich habe das Gef&uuml;hl, dass wir auf eine direkte Konfrontation zusteuern. Wenn sie eintritt, wird sie nuklear sein. Wenn Russland ohne den Einsatz von Atomwaffen gewinnt, wie Putin erwartet, wird es aus dem Krieg trotz der Opfer und Verluste, die es erlitten hat, in einer anderen Qualit&auml;t hervorgehen, die deutlich &uuml;ber der Russischen F&ouml;deration von 2021 liegt.<\/p><p><strong>Welchen Einfluss haben solche &Auml;u&szlig;erungen wie von Karaganow, der als Berater der russischen Regierung gilt, auf die russische Regierung? Worin sehen Sie die Bedeutung der &Auml;nderung der Doktrin? Milit&auml;rexperten sagen doch, dass Russland viele der modernen konventionellen Waffen noch gar nicht eingesetzt hat.<\/strong><\/p><p>Sie haben recht: Russland f&uuml;hrt den Krieg immer noch sehr zur&uuml;ckhaltend. Viele offensichtliche Ziele in der Ukraine werden nicht angegriffen. Trotz der &uuml;berw&auml;ltigenden demografischen &Uuml;berlegenheit Russlands gegen&uuml;ber der Ukraine ist die russische Armee auf dem Kriegsschauplatz der ukrainischen Armee zahlenm&auml;&szlig;ig unterlegen. Putin ist bestrebt, Russlands friedliche Ordnung so weit wie m&ouml;glich zu erhalten. Seine Priorit&auml;t ist die Entwicklung des Landes, nicht der Krieg. Deshalb gibt es vor dem Einsatz von Atomwaffen viele Eskalationsstufen, die Russland durchlaufen muss, um den Krieg mit dem kollektiven Westen zu gewinnen. Aber in jedem Fall: Die Lektion der Ukraine lehrt uns, dass die passive nukleare Abschreckung durch eine aktive nukleare Abschreckung des Feindes ersetzt werden muss.<\/p><p><strong>Wie wird in Russland die Politik Ungarns bewertet, die sich f&uuml;r eine Friedensl&ouml;sung ausspricht?<\/strong><\/p><p>Es gibt so ein neues Wort im russischen Jugendjargon. Es hei&szlig;t &bdquo;Respekt&ldquo;. Ungarn wird daf&uuml;r respektiert, dass dieses kleine Land den Mut und die Kraft gefunden hat, seine nationalen Interessen gegen den Druck der Globalisten aus Washington und Br&uuml;ssel zu verteidigen. Ministerpr&auml;sident Viktor Orb&aacute;n ist ein Symbol sowohl f&uuml;r Widerstandsf&auml;higkeit als auch f&uuml;r politische Fragw&uuml;rdigkeit. Niemand h&auml;lt ihn f&uuml;r einen prorussischen Politiker, aber jeder respektiert ihn als F&ouml;rderer und Verteidiger der Interessen und Werte seines Landes.<\/p><p><strong>Welchen der international ge&auml;u&szlig;erten Vorschl&auml;ge f&uuml;r einen Frieden durch Verhandlungen halten Sie f&uuml;r realistisch?<\/strong><\/p><p>Ernsthaft: Die Vorschl&auml;ge von Pr&auml;sident Putin, die er am 14. Juni im Au&szlig;enministerium vortrug.<\/p><p><strong>Was wird in Russland von den US-Wahlen und von einem m&ouml;glichen Wahlsieg Donald Trumps erwartet?<\/strong><\/p><p>Russland hat hier keine Pr&auml;ferenzen. Anders als 2016 hofft niemand, dass Donald Trump, wenn er Pr&auml;sident wird, die Beziehungen zu Russland normalisieren wird. Wenn Kamala Harris gewinnt, wird die US-Politik in etwa so sein wie jetzt, das hei&szlig;t mehr oder weniger berechenbar f&uuml;r Moskau. Wenn Trump Pr&auml;sident wird, wird es &Uuml;berraschungen geben, nicht unbedingt angenehme. Nach Ansicht Moskaus wird die US-Politik vom &bdquo;Tiefen Staat&ldquo; gemacht, nicht vom Pr&auml;sidenten. Unter den Demokraten wird sie sehr schlecht und gef&auml;hrlich bleiben; unter Trump werden wir mit unerwarteten Ersch&uuml;tterungen rechnen m&uuml;ssen. Generell orientiert sich die Russische F&ouml;deration immer weniger an der US-Politik: Die USA stellen f&uuml;r Russland nur eine Bedrohung dar, es gibt dort keine Partner und es wird auch in absehbarer &ndash; und nicht absehbarer &ndash; Zukunft keine geben.<\/p><p><strong>Zu den profundesten Kritikern der westlichen Politik geh&ouml;rt Ex-NATO-General Harald Kujat. In einem aktuellen Gespr&auml;ch sagte er zu einem m&ouml;glichen Verhandlungsfrieden und dessen Folgen auf die europ&auml;ische Sicherheit im Falle eines Sieges von Trump: Damit &bdquo;k&ouml;nne eine Friedens- und Sicherheitsordnung f&uuml;r Europa entwickelt werden, mit Russland und der Ukraine darin &hellip;&ldquo; Wie sehen Sie die Chancen daf&uuml;r?<\/strong><\/p><p>Ich will nicht skeptisch klingen, aber ich sehe die Chancen daf&uuml;r als minimal an. Diejenigen, die die USA wirklich regieren, werden jeden Schritt von Trump zum Abbau der Spannungen mit Russland blockieren und sabotieren. Die M&ouml;glichkeiten sind enorm, das wissen wir noch aus Trumps vergangener Pr&auml;sidentschaft. Wenn Trump die Interessen dieser Kr&auml;fte ernsthaft bedroht &ndash; f&uuml;r die Russland ein ewiger Feind ist, der vernichtet werden muss &ndash;, wird er ermordet, so wie John F. Kennedy (und zwar aus demselben Grund). Trump selbst k&ouml;nnte jedoch seine Haltung gegen&uuml;ber Russland radikal &auml;ndern, wenn seine Vorschl&auml;ge an Moskau (die inakzeptabel sind, soweit ich das beurteilen kann) vom Kreml abgelehnt werden.<\/p><p><strong>Welche Sicherheitsarchitektur in Europa gemeinsam mit Russland ist nach dem Krieg m&ouml;glich? Der britische Politologe Anatol Lieven sagte k&uuml;rzlich im Gespr&auml;ch: &bdquo;Dar&uuml;ber k&ouml;nnen wir in 100 Jahren sprechen.&ldquo; Was ist Ihre Antwort?<\/strong><\/p><p>Im Prinzip stimme ich hier mit meinem Freund Anatol Lieven &uuml;berein. Hundert oder f&uuml;nfzig oder (um optimistisch zu sein) &bdquo;nur&ldquo; drei&szlig;ig sind nicht grundlegend wichtig. Dieser Konflikt zwischen dem Westen und Russland ist viel tiefer und sch&auml;rfer als der Kalte Krieg. Wer gewinnt, wird am Leben bleiben, wer verliert, zerf&auml;llt. Deshalb k&uuml;mmere ich mich nicht sehr um die Architektur. Es gibt noch keinen Boden, auf dem ein Geb&auml;ude errichtet werden k&ouml;nnte.<\/p><p><strong>Der Westen r&uuml;stet auf und begr&uuml;ndet das trotz aller Fakten mit einem m&ouml;glichen russischen Angriff auf die NATO. Wie sch&auml;tzen Sie das ein? Und was halten Sie von der These Emmanuel Todds, dass der Westen sich eher selbst zerst&ouml;rt, als dass Russland ihn angreift?<\/strong><\/p><p>Die westlichen Strategen wissen, dass Russland nicht die Absicht hat, Europa anzugreifen, aber das Schreckgespenst eines aggressiven Russlands &bdquo;vor den Toren Europas&ldquo; ist sehr wichtig f&uuml;r den Aufbau einer neuen Realit&auml;t im Westen, &auml;hnlich wie die Fantasien beziehungsweise Prophezeiungen von George Orwell. Alle dachten, er beschreibe Stalins Sowjetunion, aber er blickte hundert Jahre in die Zukunft des Westens.<\/p><p><strong>Todd schreibt au&szlig;erdem in seinem aktuellen Buch &uuml;ber den &bdquo;Niedergang des Westens&ldquo;, dass Russland in die Ukraine nicht wegen des Donbass einmarschiert sei, sondern weil &bdquo;er nicht wollte, dass Russland wie 1941 &uuml;berrascht wird, weil es zu lange auf den unvermeidlichen Angriff gewartet hatte&ldquo;. Das soll Putin in seiner Rede am 24. Februar 2022 mit Blick auf die zunehmende Einbindung der Ukraine in die NATO gesagt haben. Was halten Sie davon?<\/strong><\/p><p>Meiner Meinung nach stand Putin im Jahr 2022 vor der Wahl: Entweder nachgeben und damit den USA erlauben, in der Ukraine zu schalten und walten, wie sie wollen, und zunehmenden Druck auf ein Russland aus&uuml;ben, das nur dasteht und blinzelt, oder das ukrainische Problem mit Gewalt l&ouml;sen. Mit anderen Worten: Er konnte sich f&uuml;r Schande und Krieg entscheiden &ndash; oder sich in den Kampf begeben. Putin hatte acht Jahre lang gehofft, dass er gemeinsam mit Europa (Deutschland und Frankreich) das Donbass-Problem und damit die ukrainische Frage l&ouml;sen k&ouml;nnte. Dann stellte sich heraus, dass die damalige Kanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Pr&auml;sident Fran&ccedil;ois Hollande nur Zeit gewinnen wollten. Im Jahr 2022 beschloss Russlands Pr&auml;sident, das Problem nicht seinen Erben zu &uuml;berlassen, sondern zu versuchen, es selbst zu l&ouml;sen. Er k&auml;mpft immer noch, zusammen mit Russland.<\/p><p><strong>Neben dem milit&auml;rischen Stellvertreterkrieg auf ukrainischem Boden f&uuml;hrt der US-gef&uuml;hrte Westen einen Wirtschaftskrieg gegen Ihr Land. Welche Folgen hat er insbesondere f&uuml;r Russland in seiner Stellung im weltwirtschaftlichen Gef&uuml;ge? Wie lange wird dieser anhalten, und k&ouml;nnte er beendet werden, wenn der milit&auml;rische Krieg aufh&ouml;rt?<\/strong><\/p><p>Der Sanktionsdruck auf die Russische F&ouml;deration ist sehr ernst, aber er war eine bittere Medizin f&uuml;r die russische Wirtschaft. Sie hat sich zun&auml;chst einmal auf den Beinen gehalten und konnte sich an die neuen Bedingungen anpassen. Jetzt steht man vor schwierigeren Aufgaben: technologische Souver&auml;nit&auml;t zu erlangen, die Arbeitsproduktivit&auml;t zu steigern, zu lernen, wieder das zu produzieren, was die Sowjetunion zu produzieren in der Lage war, das postsowjetische Russland aber verlernt hat zu tun. Gleichzeitig ist Russland bestrebt, gemeinsam mit den L&auml;ndern, die sich den Sanktionen nicht angeschlossen haben (wir nennen sie die Weltmehrheit), Elemente einer neuen Weltordnung zu schaffen. Dabei geht es zum Beispiel um Finanzen, Logistik, Standards, faire Regeln. Russland wird nicht in die Welt zur&uuml;ckkehren, aus der es ab 2014 und vor allem 2022 vertrieben wurde, unabh&auml;ngig davon, wann und wie der Krieg in der Ukraine endet. Aber diese fr&uuml;here globale Weltordnung selbst wird sich radikal ver&auml;ndern und wahrscheinlich vollst&auml;ndig ersetzt werden.<\/p><p><em><strong>Dmitri Trenin<\/strong> ist wissenschaftlicher Direktor am Institut f&uuml;r Milit&auml;rwirtschaft und Strategie der Nationalen Forschungsuniversit&auml;t Higher School of Economics in Moskau und ein f&uuml;hrender Forscher am IMEMO, dem Institut f&uuml;r Weltwirtschaft und Internationale Beziehungen der Russischen Akademie der Wissenschaften.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Shutterstock<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=113348\">&bdquo;Der Westen bek&auml;mpft Russland, als ob es keine Atomwaffen h&auml;tte&ldquo; &ndash; Interview mit Dmitri Trenin<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=116499\">Stimmen aus Russland: Eurasiens &bdquo;ferner Westen&ldquo; muss sich entscheiden<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=121517\">Keine Freigabe f&uuml;r Kiew zum Einsatz von Langstreckenraketen: Kommt der Westen endlich zur Vernunft?<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=121160\">Exklusiv-Beitrag von Botschafter a. 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