{"id":122,"date":"2005-11-18T16:34:19","date_gmt":"2005-11-18T15:34:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=122"},"modified":"2016-02-28T10:34:27","modified_gmt":"2016-02-28T09:34:27","slug":"massenproteste-gegen-arbeitsmarktreformen-in-australien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=122","title":{"rendered":"Massenproteste gegen Arbeitsmarktreformen in Australien"},"content":{"rendered":"<p>Am 16.11.05 hatten wir in den NachDenkSeiten unter &Uuml;berschrift &bdquo;Australien, anderes Land, die gleiche &bdquo;Reform&ldquo;-Politik: 100.000 protestieren&ldquo; einen Hinweis auf einen Spiegel-Bericht &uuml;ber die Protestaktionen in Australien. Ein Leser war mit diesem Hinweis &uuml;berhaupt nicht einverstanden. Da er gute Kontakte zu australischen Gewerkschaftern hat, haben wir ihn gebeten, deren Sicht der Dinge f&uuml;r uns einmal aufzuschreiben. Weil &uuml;ber die gewerkschaftlichen Positionen in Australien bei uns wohl kaum irgendwo ausf&uuml;hrlich berichtet werden d&uuml;rfte, wollen wir seinen Beitrag gerne in unserer Rubrik Sachfragen unter den L&auml;nderberichten &uuml;bernehmen.<br>\n<!--more--><br>\nLiebe Leute von den Nachdenkseiten, <\/p><p>vorgestern gab es auf den Nachdenkseiten nur eine kurze und ziemlich schlechte Meldung &uuml;ber die Protestm&auml;rsche am 15. November in Australien gegen die geplanten Arbeitsmarktreformen, die &uuml;berdies die Zahl der Demonstranten von 500.000 auf 100.000 reduzierte und selbst in diesen wenigen Zeilen voller Neusprech ist. Von dem Vorhaben wird eine Signalwirkung auf andere L&auml;nder ausgehen und sollte daher auch auf dieser Seite der Erdkugel zur Kenntnis genommen werden.  <\/p><p>Eine Gewerkschaftskollegin aus Australien hat mir diverse Informationen &uuml;ber die Inhalte des Gesetzesvorhabens zukommen lassen. Da es sich um ein irrsinnig komplexes Gesetzeswerk handelt, m&ouml;chte (und kann) ich nur die wichtigsten Punkte zusammenfassen und ansonsten auf einige detaillierte wissenschaftliche Expertisen verweisen &ndash; die allerdings nur auf Englisch verf&uuml;gbar sind. Jeder, der kann, sollte da einen Blick rein werfen.  <\/p><p>Bei dem bek&auml;mpften Workplace Relations Amendment (&lsquo;Work Choices&rsquo;) Bill 2005 handelt es sich um einen wahrlich umfassenden Angriff auf das bisherigen Systems der industriellen Beziehungen in Australien, das zu einem gro&szlig;en Teil auf allgemeinverbindlichen Mindestnormen f&uuml;r alle Arbeiter in einzelnen Sektoren, den sog. &ldquo;awards&rdquo;, basiert. Tarifvertr&auml;ge satteln normalerweise auf diese Standards auf. Die geplanten Ver&auml;nderungen sind so weitgehend, dass man von dem Versuch sprechen muss, die Gewerkschaften funktionsunf&auml;hig zu machen und die Standards massiv nach untern zu korrigieren. Am Ende w&uuml;rde ein Arbeitsmarkt nach US Vorbild stehen. Es ist zu erwarten, dass das australische Beispiel bei Erfolg Schule machen und &auml;hnliche Begehrlichkeiten in Europa wecken wird. Der globale race-to-the-bottom geht mit erh&ouml;hter Geschwindigkeit weiter.  <\/p><p>Das Gesetz, welches die konservative Regierung Howard durch das Parlament peitscht, hat geradezu einen abenteuerlichen Umfang von 687 Seiten mit weiteren 585 Seiten Erl&auml;uterungen. Wesentliche Intention ist die Erh&ouml;hung der Flexibilit&auml;t des Arbeitsmarktes, die Steigerung der wirtschaftlichen Produktivit&auml;t und Verbesserung der internationalen Wettbewerbsf&auml;higkeit &ndash; im Klartext: Sozialabbau und Abbau von Arbeitnehmerrechten.<\/p><p>  Ein zentrales Element der Work Choices ist die Individualisierung der Arbeitsbeziehungen. Zuk&uuml;nftig k&ouml;nnen in individuellen Arbeitsvertr&auml;gen zwischen Arbeiter und Unternehmer andere Bedingungen als die im Tarifvertrag vorgesehenen vereinbart werden, selbst wenn die Mehrheit der Besch&auml;ftigten kollektive Vertr&auml;ge w&uuml;nscht. Zugangs- und Bet&auml;tigungsrechte der Gewerkschaften und ihre F&auml;higkeit zu kollektiven Verhandlungen und Streiks werden massiv eingeschr&auml;nkt, die Verhandlungsmacht extrem zu Gunsten der Unternehmerseite verschoben. Viele Wissenschaftler sehen in den Regelungen ein Versto&szlig; gegen ILO &ndash; Konventionen.  <\/p><p>Unternehmer k&ouml;nnen k&uuml;nftig Tarifvertr&auml;ge einseitig aufheben und Bedingungen unter den allgemeing&uuml;ltigen Standards (dem sog. &ldquo;award standard&rdquo;) ohne Konsultation der Arbeitnehmer einf&uuml;hren, Schutzbestimmungen gegen ungerechtfertigte Entlassungen werden abgebaut sowie der &ldquo;no disadvantage test&rdquo;, eine australische Form des deutschen G&uuml;nstigkeitsprinzips, abgeschafft. Dies alles wird generell die Standards senken und f&uuml;r all diejenigen, die individuelle Arbeitsvertr&auml;ge unterschreiben zu Verlusten bei Dingen wie Jahresurlaub, &Uuml;berstundenzuschl&auml;gen, Pausenregelungen u.a. f&uuml;hren. Erg&auml;nzt wird das Ganze durch die Schw&auml;chung der Australian Industrial Relations Commission (AIRC), eines unabh&auml;ngiges Schlichtungs-, Kontroll- und Standardfestsetzungsorgans, das eine bedeutende Rolle bei der Festsetzung der arbeitsrechtlichen Mindestnormen (den &ldquo;awards&rdquo;) einnimmt und unter dem neuen Gesetz praktisch ihrer s&auml;mtlichen Befugnisse verlustig gehen w&uuml;rde &ndash; mit besonders drastischen Folgen f&uuml;r die Festsetzung des australischen Mindestlohnes. Dieser soll k&uuml;nftig von einer sog. &ldquo;Fair Pay Commission&rdquo; mit dem Ziel der Sicherung der Wettbewerbsf&auml;higkeit der australischen Wirtschaft festgelegt werden.  <\/p><p>Laut Regierungspropaganda soll Work Choices insbesondere von Vorteil f&uuml;r Familien und berufst&auml;tigen M&uuml;tter sein. Es ist offensichtlich, dass Frauen und Familien die Hauptleidtragenden des Gesetzes sein werden, da die Arbeitsplatzsicherheit extrem verschlechtert und Arbeiter mit geringer Verhandlungsmacht (wie allein erziehende Frauen) in individuelle Arbeitsvertr&auml;ge mit schlechteren Standards gezwungen werden. Denn genau wie im Rest der Welt wurde (und wird weiter) in Australien das soziale Netz zerrissen. Die Auswirkungen auf die Familien werden von australischen Forschern als verheerend eingestuft und es wird ein weiteres Fallen der auch in Australien, nicht zuf&auml;llig, stark gesunkenen Geburtenrate vorausgesagt.  <\/p><p>Dies sind nur die wichtigsten Punkte des Gesetzesvorhabens, viele Details sind haarstr&auml;ubend und von einem autorit&auml;ren und repressiven Geist durchstr&ouml;mt und zielen auf die vollkommene Marginalisierung der Gewerkschaften.  <\/p><p>Es sollte allen klar sein, dass die Durchsetzung der Work Choice Bill in Australien weiteren Druck auf die Standards in Europa aus&uuml;ben wird. Mit &auml;hnlichen &ldquo;Reformen&rdquo; werden wir uns dann demn&auml;chst wahrscheinlich auch hier auseinander zu setzen haben.<\/p><p>  Weitere Information (in Englisch) gibt es auf der <a href=\"http:\/\/www.rightsatwork.com.au\/thefacts\/\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.rightsatwork.com.au\/thefacts\/\">Kampagnenseite<\/a> der australischen Gewerkschaften und eine detaillierte Bewertung der Folgen der Work Choices auf Familien von Barbara Pocock (ebenfalls in Englisch) kann <a href=\"http:\/\/www.barbarapocock.com.au\/documents\/IRVBillPaper.doc\" title=\"Externer Link [.doc-file - 190 KB] zu http:\/\/www.barbarapocock.com.au\/documents\/IRVBillPaper.doc\">herunter geladen [.doc-file &ndash; 190 KB]<\/a> werden.<\/p><p>Auf der Website von <a href=\"http:\/\/www.barbarapocock.com.au\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.barbarapocock.com.au\">Barbara Pocock<\/a> findet sich auch die von 151 Wissenschaftler erarbeite Bewertung der Folgen des Gesetzes (Recherche Evidence About the Effects of the &lsquo;Work Choices&rsquo; Bill):<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 16.11.05 hatten wir in den NachDenkSeiten unter &Uuml;berschrift &bdquo;Australien, anderes Land, die gleiche &bdquo;Reform&ldquo;-Politik: 100.000 protestieren&ldquo; einen Hinweis auf einen Spiegel-Bericht &uuml;ber die Protestaktionen in Australien. Ein Leser war mit diesem Hinweis &uuml;berhaupt nicht einverstanden. 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